Kurienreform in der Sommerpause

Während in den Vatikanbehörden langsam in die Sommerpause beginnt, fallen an der Spitze in diesen Tagen wichtige Entscheidungen. Ab heute trifft sich der Kardinalsrat K8 mit Papst Franziskus, um über die Kurienreform zu beraten. Es könnte die entscheidende Sitzung sein, an deren Ende klar ist, wie die römische Zentrale künftig aussehen soll. Papst Franziskus selbst hat schon mehrfach betont: schlanker, effizienter und transparenter soll die Arbeit werden. Dazu müsse der Dienstcharakter der Kurie wieder deutlicher zum Ausdruck kommen. Der Pontifex aus Argentinien möchte keine Nebenregenten in Form von Dikasterienchefs.

Entscheidende Sitzung zur Kurienreform?

Es ist das fünfte Treffen der acht Kardinäle aus der ganzen Welt, plus Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Vier Tage lang beraten sie hinter verschlossenen Türen. Doch dieses Mal könnten die entscheidenden Weichen für die Kurienreform gestellt werden. Auf der Tagesordnung steht die Einzelanalyse einzelner Päpstlicher Räte; ein Teil der Räte sowie die Kongregationen wurden bereits bei den letzten Sitzungen durchleuchtet. Am Ende wird dann Zeit bleiben, für die Gesamtschau. Das bedeutet: Reduzierung der „Ministerien“ durch Zusammenlegung. Schon lange wird über die Fusion der Päpstlichen Räte spekuliert, die im Bereich Soziales agieren: der Sozialrat Justitia et Pax, der Entwicklungshilfe- und Caritasrat Cor Unum sowie der Migrantenrat. Ebenso könnten die Räte für Laien und Familie zusammengelegt werden. Ob darin noch der erst unter Benedikt XVI. geschaffene Rat für die Neuevangelisierung aufgeht, ist ungewiss. Er könnte auch in die Kongregation für die Evangelisierung der Völker, kurz Missionskongregation, oder die Bildungskongregation übergehen.

Es fällt auf, dass eine Reihe von Kurienchefs auch nach weit über einem Jahr Pontifikat noch immer nicht bestätigt sind. Dazu gehören die Leiter der Päpstlichen Räte für die Familie, Migranten, Neuevangelisierung, Gesundheitswesen, Cor Unum, Gesetzestexte und Medien. Der Medienbereich dürfte dieses Mal auch wieder auf der Tagesordnung der K8 stehen. Hier wurden eigens externe Berater von McKinsey beauftragt, das Reformpotential auszuloten und Vorschläge auszuarbeiten. Radio Vatikan in über 30 Sprachen, die Vatikanzeitung L’Osservatore Romano, das Fernsehproduktionszentrum CTV, das Presseamt und der Päpstliche Medienrat arbeiten mehr nebeneinander als miteinander. Zwar versuchte vor allem Vatikansprecher Federico Lombardi in den vergangenen Jahren eine engere Verzahnung zu erreichen, doch die internen Widerstände sind groß. Es bräuchte einen Kardinal Pell der Medien. Also einen Mann mit Durchsetzungskraft und der vollen Rückendeckung des Papstes, wie es bei Pell als neuem Finanzminister im Wirtschaftsbereich der Fall ist.

Was wird aus Gottesdienstkongregation?

Von den Kongregationschefs ist einzig der Leiter der Gottesdienstkongregation, Kardinal Antonio Canizares Llovera nicht bestätigt. Der eher konservative 68-Jährige wird seit Beginn des Pontifikats immer wieder als Kandidat für die Nachfolge des Erzbischofs von Madrid gehandelt. Amtsinhaber Kardinal Ruoco Varela, ein enger Vertrauter von Benedikt XVI., feiert am 24. August seinen 78. Geburtstag.  Das ist durchaus ein Alter, in dem Kardinäle schon einmal in Rente gehen. Eine Verlängerung über das für Bischöfe übliche 75-Jahr-Pensionsalter ist bei Kardinälen üblich. Doch zwischen 78 und 80 Jahren sind viele schon in den verdienten Ruhestand gegangen. Einige Beobachter nehmen die bisherige Nichtbestätigung von Canizares Llovera zum Anlass, um über die Zusammenlegung der Gottesdienstkongregation mit der Heiligsprechungskongregation zu spekulieren. Damit würde das wieder in einer Ritenkongregation vereint, was Paul VI. 1969 getrennt hatte.

Offen ist dann noch, was mit den drei vatikanischen Gerichten passiert: Rota Romana, Apostolische Signatur und Apostolische Pönitentiarie. Auch hier soll es Bestrebungen gegeben haben, Gerichte zu vereinen, was aber auf starke Vorbehalte bei Kirchenjuristen stieß. Und die Spekulationen über einen Moderator Curiae bleiben bestehen. Im Pontifikat von Benedikt XVI. sowie im Vorkonklave wurde mangelnde Kooperation und Absprache innerhalb der römischen Kurie beklagt. Eigentlich müsste diese Aufgabe der Kardinalstaatssekretär wahrnehmen. Doch es gibt Tendenzen, den Staatssekretär stärker auf die (außen)politischen Aufgaben zu konzentrieren, nachdem man ihm bereits die meisten Kompetenzen in Finanzfragen genommen und dem neuen Finanzminister übertragen hat. Daneben soll dann der neue Posten für die Koordination der Kurie geschaffen werden. Hinter dem Konzept steckt die Idee, die alte Machtfülle des Kardinalstaatssekretärs auf drei Personen zu verteilen, die jeweils direkt dem Papst verantwortlich sind und diesem zuarbeiten. Doch gegen die „Entmachtung“ des Kardinalstaatssekretärs regt sich auch innerhalb der K8 Widerstand.

Entscheidungen noch während Sommerpause?

Wenn Franziskus nach diesem K8-Treffen ähnlich schnell Entscheidungen fällt, wie in der Vergangenheit, könnten erste Ergebnisse noch vor Ende der Sommerpause veröffentlicht werden. Als es beim vorletzten Treffen der K8 Mitte Februar um die Finanzen ging, wurde bereits wenige Tage nach der Sitzung die Schaffung des neuen Finanzministeriums bekannt gegeben. Franziskus hat auf jeden Fall in den nächsten Wochen Zeit, sich über die neue Architektur der Kurie Gedanken zu machen. Im Juli sind die Termine reduziert. Es gibt keine Generalaudienzen und auch nur in Ausnahmefällen Treffen mit Politikern oder Bischöfen. So kann Franziskus, der zuletzt aufgrund seines vollen Terminkalenders bisweilen etwas müde wirkte und auch den einen oder anderen Termin absagen musste, sich auch etwas entspannen. Am Samstag steht noch eine inneritalienische Reise in die Region Molise an; dann wird es aber ruhiger.

Es dürfte übrigens auch dieses Mal wieder der ein oder andere Gast beim K8-Treffen vorbeischauen. Jedes Mal hatte bisher der Cheforganisator der Synode, Kardinal Lorenzo Baldisseri, über den Fortgang der Vorbereitungen gesprochen. Wobei es hier auch um Änderungen der Geschäftsordnung geht. Papst Franziskus kann sich wohl gut vorstellen, dass die Kurienkardinäle künftig bei der Synode kein Stimmrecht mehr haben; teilnehmen ja, mitreden auch, aber eben nicht abstimmen. Das ist umstritten. Gast im Kardinalsrat könnte auch Kardinal Santos Abril y Castelló sein. Er ist Chef der Kardinalskommission zur Aufsicht der Vatikanbank IOR. Der Fortbestand des IOR ist zwar durch päpstliche Entscheidung gesichert. Doch noch ist nicht so ganz klar, welche Aufgaben das IOR künftig haben wird und welche von der vatikanischen Zentralbank wahrgenommen werden, die in der APSA angesiedelt ist, der vatikanischen Güterverwaltung. Bei dem K8-Treffen wird wohl auch ein umfassender Business-Plan diskutiert, der eine grundsätzliche Umstrukturierung und Neuordnung der vatikanischen Finanzarchitektur vorsieht.

P.S. Nun ist es offiziell: Annette Schavan ist die neue deutsche Botschafterin beim Heiligen Stuhl. Der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Kardinal Reinhard Marx, hat ihr heute zur neuen Aufgabe gratuliert. Ihr Antrittsbesuch beim Papst dürfte allerdings wohl erst nach der vatikanischen Sommerpause stattfinden. In „Christ und Welt“, der Beilage der Wochenzeitung Die Zeit, hatte sich Frau Schavan ja bereits vergangene Woche zu ihrer neuen Aufgabe geäußert.

P.P.S. In italienischen Medien wird über eine Ablösung des deutschen Chefs der Vatikanbank IOR, Ernst von Freyberg spekuliert. Als Gründe werden zum einen private Motive angegeben: Von Freyberg wolle zu seiner Familie nach Deutschland zurückkehren. Andere sprechen von internen Differenezn u.a. mit dem Vatikanbankprälaten und Papstvertrauten Battista Ricca. Der Vatikan erklärte heute dazu, dass sich das IOR in einer Phase des geordneten Übergangs befinde. Die Arbeit von Herrn von Freyberg werde weiter hoch geschätzt und bewertet. Weitere Klärungen seien „möglicher Weise, ja sogar wahrscheinlich,“ für die nächste Woche zu erwarten, nachdem der Wirtschaftsrat am Samstag getagt habe. Das ist das neu geschaffene vatikanische Finanzaufsichtsgremium unter Leitung von Kardinal Reinhard Marx. Wie bereits oben geschrieben, berät der Kardinalsrat und dann auch der Wirtschaftsrat in diesen Tagen eine neue vatikanische Finanzarchitektur. Der Rückzug von Freybergs, so er denn kommen wird, dürfte im Zusammenhang mit der Implementierung dieser neuen Struktur stehen, an deren Ausarbeitung der Deutsche mitgewirkt hatte. Nach Informationen verschiedener Beobachter könnte in der nächsten Woche der Jahresbericht des IOR für 2013 veröffentlicht werden. Dies könnte dann die Gelegenheit sein, auch mögliche strukturelle und personelle Veränderungen bekannt zu geben.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.