Papst in Slowakei: Von der Verschlossenheit zur Integration

Es war sicherlich einer der Höhepunkt der 34. Auslandsreise von Papst Franziskus: die Begegnung mit Roma in einem sozialen Brennpunktviertel von Košice, im Osten der Slowakei. „Keiner halte euch oder jemand anders von der Kirche fern!“ rief er den Anwesenden zu. Integration sei „ein organischer, langsamer und vitaler Prozess, der mit dem gegenseitigen Kennenlernen beginnt, mit Geduld fortschreitet und die Zukunft im Auge behält“. Am Morgen hatte Franziskus bei einem Gottesdienst zum Fest Kreuzerhöhung, das am 14. September gefeiert wird, davor gewarnt, das Kreuz als politisches Symbol zu missbrauchen. „Denn das Kreuz ist nicht als Fahne gedacht, die es zu hissen gilt, sondern als reine Quelle für eine neue Lebensweise“, erklärte er vor mehreren zehntausend Gläubigen. Am Abend versuchte sich der Papst bei einem Treffen mit Jugendlichen als Ratgeber zu Liebe und Partnerschaft.

Papst Franziskus bei der Ankunft im Viertel der Roma, Lunik IX. (Quelle: Erbacher)

Papst: von den Vorurteilen zum Dialog

„Ihr seid im Herzen der Kirche“, sagte Papst Paul VI. beim Besuch der Wohnwagen- und Zeltstadt Pomezia am Stadtrand von Rom 1965. 50 Jahre später hatte Papst Franziskus die Sinti und Roma im Oktober 2015 zu einer Wallfahrt nach Rom eingeladen und diese Aussage bekräftigt. Heute Nachmittag knüpfte er dort wieder an und stellte fest: „Niemand darf sich in der Kirche fehl am Platz oder beiseitegeschoben fühlen.“ Christus fordere dazu auf, nicht zu richten, erklärte Franziskus.  Das konkrete Miteinander könne viele Stereotypen einstürzen lassen. Deshalb forderte er dazu auf, „von den Vorurteilen zum Dialog überzugehen, von der Verschlossenheit zur Integration“. Die Gettoisierung von Menschen bringe keine Lösung. „Wenn man die Eingeschlossenheit schürt, bricht früher oder später Wut aus“, zeigte er sich überzeugt. Der Weg für ein friedvolles Zusammenleben sei die Integration. Der Besuch sollte den Roma Mut machen, die Worte des Papstes waren aber in erster Linie an die gerichtet, die nicht anwesend waren, die die Roma und andere Minderheiten ausgrenzen.

Deutlich, aber auch typisch für Franziskus fiel die Botschaft zum Fest Kreuzerhöhung aus beim Gottesdienst am Morgen in Prešov, dem Sitz der Griechisch-katholischen Metropolie der Slowakei. Ein Christentum ohne Kreuz sei weltlich und werde unfruchtbar. „Wie oft streben wir nach einem Christentum der Sieger, nach einem triumphalen Christentum, das Bedeutung und Wichtigkeit besitzt, dem Ruhm und Ehre zuteil wird.“ Er warnte davor, das Kreuz auf einen Andachtsgegenstand zu reduzieren, „geschweige denn auf ein politisches Symbol oder ein Zeichen von religiöser und sozialer Bedeutung“. Es müsse vielmehr „Quelle einer neuen Lebensweise“ sein.

Nicht Reden oder Symbole aufstellen, sondern handeln

Wie schon in Ungarn, als Franziskus sagte, dass die Anbetung der Eucharistie nicht ausreiche, sondern daraus konkrete Taten folgen müssten, erdete er jetzt in der Slowakei das Kreuz. Wer es nur vor sich herträgt, um politische Ziele damit zu propagieren, ist auf dem Holzweg. „Der Zeuge, der das Kreuz im Herzen und nicht nur um den Hals trägt, sieht niemanden als Feind an, sondern alle als Brüder und Schwestern, für die Jesus sein Leben gegeben hat. […]  Der Zeuge des Kreuzes bedient sich nicht der Mittel der Täuschung und der weltlichen Macht: Er will nicht sich selbst und die Seinen durchsetzen, sondern sein Leben für andere hingeben. Er sucht nicht seinen eigenen Vorteil, um sich dann als fromm darzustellen: Das wäre eine Religion der Falschheit, nicht das Zeugnis des gekreuzigten Gottes.“ Einmal mehr betonte Franziskus, der Glaube breite sich nicht durch Strukturen, sondern durch das Zeugnis aus.

Zum Abschluss des Tages traf sich das Kirchenoberhaupt mit Jugendlichen und jungen Erwachsenen in einem Sportstadion in Kosice. Themen waren Liebe und Partnerschaft, die Beichte und der Umgang mit Schicksalsschlägen. Ein junges Paar fragte den Papst, wie sie ihre Altersgenossen vom Wert der Keuschheit vor der Ehe überzeugen könnten. Auf das Thema Keuschheit ging Franziskus in seiner Antwort nicht ein. Aus seiner Sicht braucht ein Leben, das großartig wird „Liebe und Heldenmut“. Er warnte davor, sich von Äußerlichkeiten und den „Manipulatoren des Glücks“ täuschen zu lassen. „Wenn ihr also von der Liebe träumt, glaubt nicht an Spezialeffekte, sondern daran, dass jeder von euch ganz speziell, etwas Besonderes ist.“ Er ermutigte die jungen Menschen, echt zu sein. „Träumt und habt keine Angst, eine Familie zu gründen, Kinder zu bekommen und zu erziehen, und im Leben alles mit einem anderen Menschen zu teilen, ohne dass ihr euch für eure Schwächen schämen müsstet, denn es gibt diesen anderen Menschen, der deine Unvollkommenheiten annimmt und liebt, der dich liebt, so wie du bist.“

Ein Christ ist kein Pessismist!

Franziskus warb auch bei den Jugendlichen für eine Haltung der Nächstenliebe. Auch wenn aktuell eher das Prinzip gelte, „Jeder muss an sich selbst denken“, sollten sie darauf Vertrauen, dass eine Veränderung möglich sei. „Jammern und Pessimismus ist nicht christlich“, so Franziskus. Er warb dafür, die Beichte neu zu entdecken als „Sakrament der Freude“. Die Jugendlichen sollten dabei den Akzent nicht auf die Sünden legen, die man bekennt, sondern auf die Freude, dass Gott sie immer vergebe und damit ein Neuanfang möglich sei. „Gott freut sich darüber, uns zu vergeben“, begründet der Papst seinen Gedanken. Diese Freude sollten die jungen Menschen an ihre Freunde weitergeben. „Keine Predigt, sondern Freude. Nicht Worte, sondern ein Lächeln, geschwisterliche Nähe.“

Da war wieder der Gedanke, der die ganze Reise durchzieht: Nicht reden, sondern tun. Es wirkt, als wolle Franziskus die Zuhörenden aus einer Art Lethargie reißen oder aus der Passivität eines Glaubens, der sich in Worten, Gremiensitzungen und Äußerlichkeiten erschöpft.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

2 Kommentare

  • Novalis
    15.09.2021, 13:57 Uhr.

    Sehr gut, dass Franziskus die Diskriminierung der Roma und Sinti kritisiert!

  • Wanda
    16.09.2021, 1:04 Uhr.

    Grundsätzlich richtig, Franziskus: nicht reden sondern tun ! Gilt das auch für die Bewältigung des Missbrauchproblems ? Da glänzt die Kirche bisher allerdings nur durch Aussitzen. Von wegen etwas tun. Die anderen Baustellen der Amtskirche sehen ähnlich aus…

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