Der Papst als Seelsorger in der Coronakrise

Es war ein besonderer Moment, als Papst Franziskus am Freitagabend vor dem leeren Petersplatz stand und den Segen „Urbi et orbi – der Stadt und dem Erdkreis“ spendete. Historisch, denn so etwas hatte es noch nie gegeben. Die aktuelle Krise zwingt auch den Papst zu außergewöhnlichen Gesten und Aktionen. Franziskus ist gleichsam im Vatikan gefangen. Über die Medien versucht er Kontakt zu halten zu den Gläubigen in der ganzen Welt. Worte und Gesten – das sind die einzigen Möglichkeiten, die er in diesen Tagen hat. Selbst die Kar- und Ostertage wird er alleine im Petersdom feiern – ohne Gläubige oder besser – „nur“ mit den über die Medien verbundenen Gläubigen und einigen wenigen Mitwirkenden vor Ort. Franziskus nutzt die Situation, um Trost zu spenden, Mut zu machen und auch zum Mahnen.

Bei strömendem Regen fand am Freitagabend die ungewöhnliche Gebetsfeier auf dem Petersplatz statt. (Quelle: dpa)

Verwundbarkeit der Welt wird deutlich

Die Verwundbarkeit der Welt, das zeige die Pandemie, so Papst Franziskus am Freitag beim Urbi et orbi auf dem menschenleeren Petersplatz. „In unserer Welt, die du noch mehr liebst als wir, sind wir mit voller Geschwindigkeit weitergerast und hatten dabei das Gefühl, stark zu sein und alles zu vermögen“, erklärte Franziskus. In seiner Gewinnsucht habe sich der Mensch ganz von den materiellen Dingen in Anspruch nehmen lassen und von der Eile betäuben lassen. „Wir haben vor deinen Mahnrufen nicht angehalten, wir haben uns von Kriegen und weltweiter Ungerechtigkeit nicht aufrütteln lassen, wir haben nicht auf den Schrei der Armen und unseres schwer kranken Planeten gehört. Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden.“

Franziskus möchte damit nicht den Unheilpropheten das Wort reden, die in der Corona-Pandemie eine Strafe Gottes sehen. Solche Deutungen sind dem Papst völlig fremd. Doch er sieht die aktuelle Krise als eine Mahnung, den eingeschlagenen Weg zu überdenken. „Uns wurde klar, dass wir alle im selben Boot sitzen, alle schwach und orientierungslos sind, aber zugleich wichtig und notwendig, denn alle sind wir dazu aufgerufen, gemeinsam zu rudern, alle müssen wir uns gegenseitig beistehen“, ist Franziskus überzeugt.

Papst fordert weltweiten Waffenstillstand

Deshalb mahnt er in diesen Tagen in seinen Morgenpredigten zur Solidarität mit denen, die unter der aktuellen Krise leiden. Er erinnert an die Armen und Ausgegrenzten rund um den Globus und fordert mehr weltweites Miteinander. Er dankt denen, die im Gesundheitsdienst oder im Bereich der Versorgung, im Ordnungsdienst oder der Betreuung von Menschen in diesen Tagen unermüdlich ihren Dienst verrichten. Und er fordert die Unternehmer auf, in der Coronakrise auf Entlassungen zu verzichten. An diesem Sonntag schloss er sich dem Aufruf von UN-Generalsekretär António Guterres an, aufgrund der Coronakrise weltweit sofort alle Kampfhandlungen einzustellen.

Für Franziskus ist die aktuelle Krise wie für alle Religionsgemeinschaften eine große Herausforderung. Der Gemeinschaftsgedanke gehört konstitutiv dazu. Eine Situation, in der sich die Gläubigen nicht mehr treffen dürfen, konnte man sich bisher – außer in der Situation der Verfolgung – nicht vorstellen. Nun sind neue Formen der Vergemeinschaftung gefordert. Die Medien spielen dabei eine große Rolle. Was mittlerweile viele Pfarrer in ihren Gemeinden nutzen, macht auch der Papst. Seine Morgenmessen in Santa Marta werden seit drei Wochen live im Internet gezeigt. Viele kirchliche Medien, aber auch der italienische Fernsehsender RAI übernehmen die vom Vatikan produzierte Übertragung. Auch für den Angelus am Sonntag und die Generalaudienz am Mittwoch nutzt Franziskus die hauseigenen Medien, um seine Botschaft zu den Adressaten zu bekommen.

Versöhnt sterben

Höhepunkt war nun am Freitag der außerordentliche Urbi et orbi. Traditionell ist dieser Segen mit einem Ablass verbunden. Dabei hatte Franziskus am Freitag vor allem die vielen Sterbenden und Toten im Blick, die wegen der Corona-Pandemie alleine und ohne geistlichen Beistand gestorben sind und sterben. Er verband daher mit dem Segen eine Generalabsolution. Schon vor einigen Tagen hatte der Vatikan Priestern die Erlaubnis gegeben, Sterbenden in Krankenhäusern die Generalabsolution zu erteilen. Franziskus möchte, dass die Betroffenen versöhnt sterben können. Diesen Zuspruch kann ihnen im Normalfall ein Seelsorger etwa bei der Feier der Krankensalbung geben. Doch an vielen Stellen ist das aktuell nicht möglich. Für die Menschen, denen das wichtig ist, hat Franziskus nun Ausnahmen geschaffen und mit der Feier auf dem Petersplatz am Freitag auch ein sichtbares Zeichen gesetzt. Der Papst wirkt einmal mehr als Seelsorger.

Autorenbild

Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

25 Kommentare

  • Wanda
    29.03.2020, 20:16 Uhr.

    Ein absolut nicht allmächtiger Arzt, der einem CoVid-19 Patienten seine Hilfe versagt obwohl sie zumutbar wäre, muss vor Gericht und mit einer wahrscheinlich empfindlichen Strafe und sogar Berufsverbot rechnen. Ein angeblich allmächtiger und allgegenwärtiger Gott, der untätig zuschaut wie ein CoVid-19 Kranker stirbt (zumal er selbst den CoVid-14 erschaffen hat), muss weder Anklage noch Strafe fürchten. Mir scheint, die irdische Gerechtigkeit des ach so schwachen Menschen ist der göttlichen ethisch weit überlegen und doch wohl vorzuziehen…

    • Carla Maltese
      30.03.2020, 20:43 Uhr.

      Vielleicht finden wir irgendwann die Antwort auf die uralte Frage: „Warum lässt Gott das zu?“
      So wie z.B. die theoretische Physik noch bei weitem nicht ausgeschöpft ist, sind die Theologen am Ende aller Forschung angekommen.
      Im Moment haben wir keine ausschöpfende Erklärung.

      Nur eine Sache:
      Wenn wir tatsächlich alle unverwundbar wären, wenn uns nichts passieren könnte, wenn wir alle einen Panzer um uns hätten und die perfekte Virenabwehr und alles, was wäre dann?
      Es wäre nicht die Menschheit wie sie heute ist. Wir hätten keinen Bedarf danach, Fürsorglichkeit, Mitgefühl und alles zu entwickeln. Und würden es somit auch nicht tun.
      Wenn wir alle unverwundbar wären, das wäre, glaube ich, eine sehr kalte Welt. Wir bräuchten einander nicht. Wir würden ab und zu Kinder machen, uns aber nicht um sie kümmern, wenn sie eine Garantie hätten, erwachsen zu werden.

    • Carla Maltese
      30.03.2020, 21:23 Uhr.

      Und was für einen technischen Fortschritt würde es geben, wenn wir alle unverwundbar wären und jeder eine Garantie hätte, bei bester Gesundheit 150 Jahre alt zu werden?
      Hmnaja…
      Bedarf an Ackerbau, Städten, Kanalisation, usw. hätten wir nicht.
      Und da wir keine sonderlich sozialen Wesen wären, wäre die Kommunikationstechnik eher mager.
      Filme und Musik z.B.: Was würde davon noch übrig bleiben, wenn wir kein Leid kennen würden?

  • Novalis
    29.03.2020, 23:59 Uhr.

    Ich bin froh, dass da einer ist, dem das Leben wichtiger ist als die Lehre. Wo ist denn grad Ratzinger? Sonst hat er doch zuletzt im Monatstakt sein Schweigegelübde gebrochen. Für das Leid der Menschen ist er sich offenbar zu schade.

    • Carla Maltese
      30.03.2020, 20:46 Uhr.

      Der ist über 90 und lebt in seiner eigenen Welt.

      Als er noch aktiv war, hat er viel schlechtes getan. Aber wir sollten uns jetzt wo er über 90 ist darauf besinnen, daß das deutsche Strafrecht immer fragt, ob ein Täter zum Tatzeitpunkt schuldfähig war. Wenn das deutsche Strafgesetzbuch heutzutage so gerecht ist, sollten wir Christen das erst recht sein.

      • Novalis
        31.03.2020, 16:05 Uhr.

        Heute gab es eine Meldung aus Mater ecclesiae. Man sei in einem Lockdown-Kloster und Ratzinger wohlauf. Wie schön. Aber kein Wort zum Leid der Menschen von ihm. Er hat nichts von Christus begriffen.

        • Jürgen Erbacher
          Jürgen Erbacher
          01.04.2020, 19:18 Uhr.

          Die internationalen Meldungen über das aktuelle Leben im Kloster „Mater ecclesiae“ beinhalteten durchaus den Hinweis, dass Benedikt XVI. auch für die Betroffenen der Coronakrise betet. Zudem sollte ein ehemaliger Papst, der versprochen hat, vor der Welt verborgen zu leben, sich auch daran halten. Dann ist nicht das Schweigen zu begründen, sondern das Brechen dieser eigenen Maßgabe.

          • Novalis
            01.04.2020, 23:03 Uhr.

            Nur: das hat er doch auch bisher nicht getan. Ein Grußwort hier, eine Sabotage da gegen seinen Nachfolger – aber aus dem Munde eines angeblich so großen Theologen kein Wort des Trostes zu einer der größten Katastrophen mindestenx der letzten 100 Jahre. Genauso hat er schon die 68er-Bewegung und die Nazis verglichen. Die häßliche gottlose Fratze haben für ihn dabei die 68er. Ratzinger hat da in meinen Augen eine mindestens neurotisch verzerrte Wahrnehmung der Wirklichkeit.

          • Carla Maltese
            03.04.2020, 9:17 Uhr.

            Die Frage ist: Wie klar und bei Verstand ist er denn noch?
            Also bricht er wirklich selbst das Schweigen oder plappert er nur nach, wenn ihm sehr konservative Besucher eintrichtern: „Die bösen bösen 68er sind für alle Unmoral Verantwortlich!“
            Die Frage sollten mehrere unabhängige, also nicht vatikaninterne, Beobachter klären.

            Herr Erbacher, Sie können doch sicher perfekt und völlig fehlerfrei Italienisch wie ein Muttersprachler.
            Hat das Italienische eigentlich auch so abartig viele Zeiten wie das Spanische? Oder hat sich nur das Spanische ein Verbsystem ausgedacht bei dem man die Krise kriegt?

  • Erasmus
    30.03.2020, 3:09 Uhr.

    Die Andacht am Freitagabend empfand ich als eine Sternstunde des Katholizismus. Es war erkenn- und spürbar, dass schon bei der Vorbereitung im Vorfeld viel Engagement darauf verwendet wurde, dass die liturgische Feier dem bitterernsten Anlass gerecht werden konnte – z.B. Pestkreuz aus dem 14. Jahrhundert und die von Franziskus häufig in der Basilika Santa Maria Maggiore aufgesuchte Marien-Ikone „Salus Populi Romani“. Der Papst fand die richtigen Worte und Gesten und berührte durch seine Art und Weise der Trostspendung kontinentübergreifend die Herzen der Menschen, mit Sicherheit nicht nur der KatholikInnen.

    Ein krasses Gegenbeispiel zu seelsorglichem Beistand bietet Kardinal Müller mit seinem Textbeitrag „Gottvertrauen in Zeiten der Krise“ auf kath.net. Da sterben in Italien Corona-bedingt über 10.000 Menschen und die trauernden Hinterblieben werden von dem ehemaligen Glaubenspräfekten mit Katechismusformeln abgespeist: „Wir haben auf Erden keine bleibende Heimat. Nach unserem Tod müssen wir uns vor Gottes Richterstuhl für unsere Taten und den ganzen Lebensgang verantworten“. Aber es kommt noch schlimmer: „Auch wenn wir alles Menschenmögliche tun, … kommen wir doch an die Grenzen unserer Möglichkeiten. Wir wissen nicht wann, aber wir wissen, dass einmal die Stunde des Abschiedes von dieser Welt schlägt.“ Daran anschließend spendet der Kardinal keinen Trost, sondern drangsaliert die krisengeschüttelten Gläubigen mit einem empathiefreien Appell zur Besinnung: „Liebe ich Gott mit ganzem Herzen und ganzer Seele und den Nächsten wie mich selbst? Setze ich im Leben und Sterben meine Hoffnung auf Jesus Christus allein“?

    • Novalis
      30.03.2020, 23:19 Uhr.

      Sternstunde halte ich für den falschen Begriff. Der bleibt mir im Halse stecken. Sorry.

      • Erasmus
        31.03.2020, 18:53 Uhr.

        Ich habe den Begriff „Sternstunde“ rein intuitiv gebraucht. Was ich damit meine, ist, dass ich Papst Franziskus als eine Persönlichkeit erlebt habe, die in der Lage war, auf eine ubiquitäre Katastrophe angemessen zu reagieren und seine Anteilnahme und sein Mitgefühl gegenüber allen, weltweit von Corona betroffenen Menschen glaubhaft zu übermitteln. Insbesondere brachte er für mich die immerwährende Liebe Gottes zum Ausdruck- gerade und trotz einer einschneidenden Krisensituation.

        Die pontifikale Andacht war sicher keine Weltstunde im Zweig’schen Sinne, aber sie war doch wie das Leuchten eines Sterns, der „die Nacht der Vergänglichkeit (überglänzt).“ (Stefan Zweig)

        • Novalis
          01.04.2020, 23:04 Uhr.

          Das habe ich schon verstanden, aber „Sternstunde“ ist halt in meinen Augen der falsche Begriff dafür.

      • Loriot
        01.04.2020, 17:52 Uhr.

        Wieso bleibt Ihnen dieses Wort im Halse stecken? Sie missbrauchen doch die vielen Leidenden, wie im übrigen sämtliche Ereignisse bis zurück zum 30jährigen Krieg, auch für Seitenhiebe gegen Ratzinger.

        Dieser Segen von Papst Franziskus war eine Sternstunde. Denn er hat vielen Tausenden das Leben, und vielleicht auch das Sterben, erleichtert.

        • Novalis
          01.04.2020, 23:05 Uhr.

          Ich missbrauche gar nichts. Mir wäre lieber, diese Andacht wäre nicht notwendig gewesen. Eine Sternstunde ist in meinen Augen nicht mit Leid und Tod verbunden.

        • Wanda
          02.04.2020, 16:52 Uhr.

          Loriot 01.04. 17:52
          – Tausenden das Leben erleichtert und vielleicht auch das Sterben ? Trotz ihres Namens ein dürftiger Aprilscherz. Loriots Humor war in seiner sanften Ironie doch etwas subtiler…

          • Loriot
            05.04.2020, 22:12 Uhr.

            Das war kein Scherz! Wie kommen Sie darauf? Über soviel Leid macht man keine Scherze. Segnen bedeutet auch Trost spenden. Und das können die verängstigten Lebenden und die einsam Sterbenden gut gebrauchen.

            Nur weil 1. April war, ist nicht alles ein Witz was man schreibt. Auch am 1. April kann man ernsthaft sein. Und an einem solch bitteren Tag umso mehr.

            Bitte ein wenig Vorsicht walten lassen mit Unterstellungen.

  • Carla Maltese
    30.03.2020, 13:55 Uhr.

    Ich muss gestehen (und es ist mir auch peinlich), daß ich zu denjenigen gehört habe, die die anrollende Pandemie bis vor ca. 2 Wochen nicht wirklich ernst genommen haben.

    Ein Teil der Erklärung meiner Fahrlässigkeit mag mein eigener Gesundheitszustand sein: Es reicht noch nicht, daß ich Asthma habe. Ich nehme prinzipiell jede Erkältung mit die im Angebot ist. Ich lag bestimmt in 15 der vergangenen 20 Jahre mit Bronchitis im Bett, letztes Jahr mit Lungenentzündung. (Vielleicht wäre es möglich, Herr Erbacher, daß Sie das mal nicht streichen sondern mich genauso ernst wie Silvia nehmen) Wenn ich mir wegen jeder herumgehenden Atemwegsinfektion Sorgen mache, kann ich mir gleich den Strick nehmen, dann habe ich kein Leben mehr. (Mein Chef hat das mit der Risikogruppe ernster genommen als ich selbst und mich als erste in der ganzen Firma in Home Office geschickt)
    Andere Gründe für meine Fahrlässigkeit möchte ich hier nicht ausführlich schreiben.
    Nur: Es haben durchaus auch Mediziner geschlafen. Und ich werde hier ganz sicher nicht so öffentlich sagen, wer genau wenn alles vorbei ist ein sehr unangenehmes Gespräch haben wird.

    Franziskus‘ Sondersegen habe ich nicht verfolgen können, auch wenn ich dieses eine Mal vielleicht über meinen altkatholischen Schatten gesprungen wäre, ich hatte eine Telefonkonferenz (es würde wenig Sinn machen, wenn Ingenieure ohne Grenzen jetzt alle WASH-Projekte streicht). Aber meine Mutter hat es gesehen und ist noch immer sehr beeindruckt. Die optische Wirkung muss unglaublich gewesen sein: Er allein auf dem völlig leeren Petersplatz…

    Ich glaube durchaus, daß auch Franziskus, wie den meisten von uns, die Kontakt- und Ausgangssperre, die ganzen Umstände, sehr schwer fallen.
    Leider müssen wir alle noch ein paar Wochen durch.

    „Wir haben unerschrocken weitergemacht in der Meinung, dass wir in einer kranken Welt immer gesund bleiben würden.“
    Das sind treffende Worte in der aktuellen Situation.

    Tatsächlich handelt es sich bei dieser Seuche wahrscheinlich um eine Zoonose, also um einen vom Tier auf den Menschen übertragenen Erreger. Wie übrigens bei den weitaus meisten in den letzten Jahrzehnten neu aufgetauchten Infektionskrankheiten, auch Z.B. AIDS oder Ebola.
    Also um einen Virus der sich „verlaufen“ hat.
    Auch Viren sind nicht bewusst böse in dem Sinne. Ein Virus hat nichts davon, den Wirt zu töten. Aber wie alles in der Natur versuchen auch Viren, um jeden Preis ihre Art zu erhalten.
    Wenn wir Viren und Bakterien die Wirte rauben in denen sie daheim sind und an die sie angepasst sind, nehmen sie eben uns.
    Die aktuelle Pandemie ist also zwar keine „Strafe Gottes“, wie manche [zensiert] daherfaseln, aber ein Denkzettel von der Natur an uns.

    Zum ersten Mal seit 5 Tagen meldet die John Hopkins University gestern weltweit weniger Neuinfizierte als am Tag davor.
    Corona ist besiegbar. Aber nur durch Vernunft und Disziplin, und wenn jeder zunächst den eigenen Egoismus besiegt.
    Angela Merkel, immerhin gelernte Physikerin, hat auch bereits eine konkrete Zahl genannt, wann man mit der Aufhebung der ganzen Sperren und Verbote beginnen kann.

    Wünschenswert ist, daß diese Vernunft und Disziplin anschließend auch beim Thema Natur- und Klimaschutz einkehrt. Und wir auch dort genauso auf seriöse Wissenschaftler hören wie jetzt auf die Virologen.
    Und nicht auf Youtube-Schwurbelvideos von Leuten die noch nicht einmal elementare Thermodynamik verstanden haben. Oder mit wichtig klingenden Brocken wie „die Atmosphäre ist ein chaotisches System“ um sich schmeißen, aber nicht verstanden haben, was das eigentlich bedeutet.

    Wünschenswert ist auch, daß wir uns hinterher alle genauso mit den selben Anstrengungen für Fluchtursachenbekämpfung einsetzen, also gegen Waffenhandel, Krieg und Ausbeutung.
    Sowie gegen Armut und Obdachlosigkeit auch im eigenen Land.

    Die Krankenschwestern und -pfleger, Helden dieser Tage, wollen übrigens keinen scheinheiligen Beifall für ihren Dienst. Keinen Dank der nur aus Worten besteht.
    Sie wollen genauso ernst genommen werden wie ein Metall- oder Chemiearbeiter.

    Krankenpflege wird seit Jahren zusammengespart. Auch dort wurden Stellen bis zum Gehtnichtmehr gestrichen.Und wenn eine Krankenschwester ihren mit hoher Verantwortung verbundenen Dienst nicht für einen Apfel und ein Ei machen möchte sondern anständig bezahlt werden möchte, tja… dann fliegt sie raus und die Billigkraft aus Osteuropa oder Asien wird geholt.
    Was auch den dortigen Gesundheitssystemen schadet. Und man kann bei jeder internationalen Hilfsorganisation nachfragen: Mangelhaftes Gesundheitswesen ist ein riesiges Entwicklungshindernis, gerade in den Bereichen Bildung, Frauenrechte und politische Mündigkeit.

    Natürlich halte ich auch meinen eigenen Beruf für sehr wichtig. Ohne Verfahrensingenieure gibt es nichts was unser modernes Leben ausmacht, übrigens auch keine Medikamente und kein Verbandszeug.
    Und natürlich sind die Sicherheitsventile die ich gerade rechne wichtig. Sie verhindern Krankenhauseinlieferungen, falls mal eine Reaktion durchgeht oder ein Regelventil nicht das tut was es soll.

    Das heißt aber noch lange nicht, daß Pflegekräfte unwichtig wären oder weniger Respekt verdienen würden.

    Machen wir uns nichts vor: Die Politik unterscheidet sehr genau zwischen „männlichen“ und „weiblichen“ Jobs, also zwischen als „Männerjob“ und als „Frauenjob“ wahrgenommener Arbeit. „Männerjob“ bekommt Rettungspakete, Lohnerhöhung und darf Forderungen stellen, „Frauenjob“ bekommt wenn es hochkommt einmal netten Applaus, das wars.

    Überhaupt: Jetzt registrieren wir mal, von wievielen miserabel behandelten und nicht wertgeschätzten Arbeitskräften wir abhängen. Erntehelfern z.B…..

    Entsetzlich ist der blanke Egoismus, mit dem eine Minderheit Desinfektionsmittel stiehlt, von denen die sie wirklich brauchen, und die Armen, Alten und Berufstätigen im Supermarkt nichts mehr übrig lassen kann.
    Es ist längst nicht nur Lokuspapier: 2 Tage bevor ich ins Home Office versetzt wurde, habe ich vergeblich Kartoffeln gesucht und hatte dann die Woche über zu tun mit einem kg winzigkleinen Salatkartöffelchen. Eigentlich sollte es Dibbelabbes geben, aber ich möchte den sehen der die Dinger roh geschält bekommt.

    Und hiermit, Herr Erbacher, möchte ich unseren Streit für diese Zeit Ruhen lassen.
    Halten Sie die Ohren steif!
    Ein ehrlich gemeintes Lob an Sie und Ihre Kollegen, die in der aktuellen Situation sehr tapfer sind.
    (Es geht nicht an Ihre Exkollegin, denn die ist ja nicht mehr da, tut also gerade nichts mehr.)

  • Carla Maltese
    30.03.2020, 14:13 Uhr.

    PS: Stand heute sind 1040 Einsatzkräfte des THW im Einsatz, mit verschiedenen Aufgaben wie Logistikunterstützung, Aufbau von mobilen Teststationen und Dekonschleusen usw.
    Mein Ortsverband noch nicht, mal sehen was noch kommen wird.

  • Student
    31.03.2020, 22:37 Uhr.

    Was Papst Franziskus hier tut ist wirklich wunderbar! Ein bißchen mehr davon hätte ich mir in den letzten sieben Jahren schon gewünscht.
    Wie er jetzt handelt ist großartig! Hoffentlich bleibt er gesund.

    Ich finde es unmöglich, wie hier über Papst emeritus Benedikt XVI. und Kardinal Gerhard Ludwig Müller gesprochen wird. Viele Aussagen die hier von einigen Foristen über diese beiden Personen gemacht werden, sind weit unter der „Gürtellinie“. Diese beiden Kirchenmänner als gefühlskalt hinzustellen und derart abzuurteilen ist nicht richtig und wie ich meine auch nicht christlich. Ich will es noch einmal schreiben. Man muss kein Freund von Papst em. Benedikt XVI. oder Kardinal Müller sein. Aber man muss ihnen wie auch jedem anderen Menschen wohlwollend entgegentreten. Man kann durchaus Meinungen und Ansichten kritisieren. Aber persönliche Angriffe sollte es wirklich nicht geben. Genau dagegen wendet sich ja auch immer Papst Franziskus und das ist auch dringend notwendig.

    • Novalis
      01.04.2020, 23:09 Uhr.

      Es ist kein persönlicher Angriff, sondern eine schlichte Tatsache, dass der ehemalige Papst seinen Nachfolger sieben Jahre lang sabotiert hat, wo es nur geht, sich an sein Versprechen nicht hielt, unsäglich dumme Sachen zur Schuld der 68er am Kindesmissbrauch in der Kirche von sich gab, aber jetzt, in der existenziellen Krise KEIN WORT sagt.
      Im Übrigen haben den Müller hier in Regensburg von den einfachen Leuten bis hin zu seinen Domkapitularen so gut wie alle als gefühlskalt erlebt. Auch das ist kein Angriff, sondern dieses Erleben ist erst einmal eine Tatsache.

    • Carla Maltese
      03.04.2020, 10:16 Uhr.

      Im fall des Expapstes halte ich Angriffe derzeit tatsächlich für falsch, weil erstmal sein Zustand geklärt werden müsste. Inwiefern ist er für seine Aussagen in letzter Zeit tatsächlich noch verantwortlich, inwiefern wird er beeinflusst?

      Ratzimnger hat als Papst und Glaubenspräfekt aber schon unendlich viele Menschen tief verletzt. Und zu fordern, daß man unbedingt lieb und nett und freundlich zu einem Expapst sein soll, wo dieser in seiner aktiven Zeit äußerst verletzend sein konnte und diverse Male sehr kaltherzig rüberkommen konnte, einfach weil Einfühlungsvermögen kein Talent von ihm ist, ist wiederum sehr brutal denjenigen gegenüber die von ihm verletzt wurden.

      Auch der Müller hat sich in eine alles andere als gute Richtung entwickelt und ja, das muss man sagen dürfen.

      Kadavergehorsam hat noch nie etwas Gutes gebracht, auch keiner kirchlichen Obrigkeit gegenüber!

    • Novalis
      03.04.2020, 11:47 Uhr.

      Im Übrigen ist der Wahrheit und damit durchaus auch Gott gedient, wenn man die Wahrheit sagt. So hat Ratzinger das P. Murphy, der 400 gehörlose Buben missbraucht hat, im Amt gelassen, nachweislich bei der Wiedereinführung der Alten Messe gelogen und die Wirklichkeit verdreht. P. Mertes SJ nennt Kardinal Müller m.E. nicht zu Unrecht einen Vertuscher.
      @Student: Betreiben Vertuscher und Leute mit Macht, die Missbrauchstäter im Amt lassen nicht eher das Werk des Teufels als das Werk Gottes?

  • Carla Maltese
    03.04.2020, 9:51 Uhr.

    …gestern etwas interessantes gelesen.
    Etwa alle 4 Monate taucht eine neue Infektionskrankheit beim Menschen auf und 3/4 davon sind Zoonosen.

    Doch, man kann Corona schon ohne Übertreibung einen Denkzettel der Natur nennen.
    Es gibt genau eine Sache die uns vor immer wieder auftauchenden Zoonosen schützt, und das ist eine gesunde Biodiversität.

    Wenn man die Ereignisse zurückverfolgt, auch in eine Zeit als ich selbst die Geschichte leider noch nicht ernst nahm, dann stößt man tatsächlich auf eine Spur des Versagens verantwortungsloser männlicher Machthaber.
    -Zuallererst Xi Jinping, der die Sache geheim halten wollte bis es längst zu spät war.
    -Einem Lokalpolitiker in Bergamo war aufgefallen, daß es einen Seuchenherd rund um ein Krankenhaus gab. Er schlug Alarm bis nach Rom, aber in Rom wollte niemand reagieren.
    -Oder die Art des Krisenmanagements von Sebastian Kurz: Wir verteilen mal eben Infizierte aus Tirol über halb Europa! D.h. alle Touristen und Saisonarbeiter aus Ischgl rausschmeißen, sie sollen so schnell wie möglich das Land verlassen, aber ohne irgedjemandem Bescheid zu sagen was los ist, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, daß sie sich angesteckt haben und eine gefährliche Seuche in ihr soziales Umfeld einschleppen könnten.
    -USA: Da erübrigt sich jeder Kommentar…
    -Brasilien ebenfalls.

    Sebastian Kurz wurde auch noch von der BLÖD in den Himmel gelobt, als „starker Mann“ und „toller Krisenmanager“: „So einen brauchen wir!!“

  • Student
    05.04.2020, 20:42 Uhr.

    Sehr geehrte(r) Novalis!

    Ich möchte Ihre Frage gerne beantworten.
    Vom Missbrauch bin ich erschüttert. Ich hoffe, Sie können mir das glauben.
    Und ich gebe Ihnen recht. Vertuschung von Missbrauch kann nicht toleriert werden.
    Zu Kardinal Müller kann ich nur sagen, dass ich ihn nicht als gefühlskalt wahrgenommen habe. Einmal bin ich ihm begegnet und das war keine schlechte Begegnung. Das war bei einem Pontifikalamt in Nidda.
    Ich glaube nicht, dass ihn das Leid der jetzigen Zeit nicht interessiert oder kalt lässt.
    Aber ich kann nachvollziehen, dass Ihnen sein Aufsatz zur aktuellen Krise nicht gefallen hat oder dass sie ihn als nicht tröstlich empfunden haben.
    Allerdings glaube ich auch, dass es vielleicht andere gibt, denen der Aufsatz geholfen hat von dem @ Carla Maltese geschrieben hat.
    Und das muss man auch anerkennen.

    Seit 2012 verfolge ich täglich die kirchlichen Nachrichten.
    Was soll ein Theologie-Student auch anderes machen… 😀
    Scherz beiseite.
    Ich habe Benedikt XVI. als sehr feinsinnigen Theologen kennengelernt.
    Von Sabotage des aktuellen Papstes sehe ich nichts.
    Man kann mir jetzt Blindheit vorwerfen, aber ich meine, dass er das nicht böse meint und das aus Liebe zur Kirche tut.
    Ich denke auch nicht, dass der emeritierte Papst irgendwie instrumentalisiert wird.
    Ich war tatsächlich auch etwas erstaunt als ich von seinem ersten Aufsatz
    nach seiner Emeritierung gehört habe, aber ich habe darin nichts verwerfliches gesehen. Man sollte sein Schweigeversprechen nicht so deuten, dass er jetzt ein Redeverbot hat.
    Und man kann ihm wirklich nicht vorwerfen, er hätte nichts gegen den Missbrauch unternommen. Bestimmt hätte er wesentlich mehr tun können, aber vielleicht hat er getan was er konnte. Das wissen wohl nur der Herrgott, er und einige Mitarbeiter.

Kommentare geschlossen

Dieser Beitrag kann nicht länger kommentiert werden.