Amazonassynode öffnet Türen

Nach einer Woche hartem Ringen ist am Wochenende die Amazonassynode im Vatikan zu Ende gegangen. Das Abschlussdokument öffnet viele Türen für ein „aggiornamento“ der katholischen Kirche im Amazonasgebiet. Sollte der Papst den Empfehlungen folgen, hat dies weitreichende Konsequenzen für die katholische Kirche in anderen Teilen der Welt. Die Synodenväter schlagen dem Papst vor, Viri probati zuzulassen und wünschen sich eine neue Debatte über das Frauendiakonat. Ganz im Sinne des Papstes fordern sie eine prophetische Kirche an der Seite der Armen, Indigenen und der ausgebeuteten Natur. Franziskus warnte beim Abschlussgottesdienst vor einer „Religion des Ich“. Diese vergesse „über ihre heuchlerischen Riten und ‚Gebete‘ den wahren Gottesdienst, der niemals die Nächstenliebe außer Acht lässt“. Damit kritisierte er diejenigen, die wie der Pharisäer „stolz darauf [sind], bestimmte Gebote bestmöglich zu erfüllen. Aber er vergisst das wichtigste: Gott und den Nächsten zu lieben“.

Synode als Paradigmenwechsel

Am Anfang der letzten Woche stand die Synode auf der Kippe. Der erste Entwurf für das Abschlussdokument, das den Synodenvätern präsentiert wurde, war für die meisten enttäuschend. Viele fanden die Diskussionen der vorausgegangenen beiden Wochen in dem Papier nicht wieder. Von Wut war die Rede. Bis Mittwochabend erarbeiteten sie über 830 Änderungsmodi. Am Ende scheint es dann noch einmal gut gegangen zu sein. Alle 120 Abschnitte des Dokuments erhielten mehr als zweidrittel Ja-Stimmen.

In gewissem Sinne sieht die Synode einen Paradigmenwechsel. Während früher die Kirche oft an der Seite der Kolonisatoren stand, die die Menschen und das Land ausbeuteten, habe die Kirche heute die historische Chance, „auf Distanz zu gehen zu den neuen kolonisatorischen Mächten, die Völker des Amazonas zu hören und in transparenter Art ihre prophetische Aktivität auszuüben“. Die sozio-ökologische Krise biete die Möglichkeit, Christus in seinem befreienden und humanisierenden Potential erfahrbar zu machen. Der Schrei der Erde, der Armen und der Indigenen fordere zu einer echten ganzheitlichen Umkehr auf zu einem einfachen und maßvollen Leben.

Ökologische Schuld der reichen Länder

Alles Handeln der Kirche ist an dem Auftrag orientiert, eine missionarische Kirche zu sein. Dabei muss sie die Vielfalt der Kulturen und Ethnien berücksichtigen. Das bedeutet eine stärkere Inkulturation sowie einen stärkeren Austausch zwischen den Kulturen. Die Basisgemeinden werden als „Geschenk Gottes“ für die lokalen Kirchen im Amazonas bezeichnet. Neben der Option für die Armen wird die besondere Option für die Indigenen und die Jugend betont. Themen wie Migration, Verstädterung, Menschenhandel werden als besondere Herausforderungen für die Seelsorge benannt.

Fragen der Bildung, der Gesundheitsversorgung sind für die Synodenväter ebenso wichtige Aspekte einer missionarischen Kirche, der es um eine ganzheitliche Entwicklung des Menschen geht. Für sie ist zudem klar, dass die Kirche an der Seite der Menschen Ungerechtigkeit, Ausbeutung von Mensch und Natur sowie Verletzung der Menschenrechte anprangern muss. Das Papier ist ein klares Bekenntnis zu einer prophetischen Kirche aus der Mitte des Evangeliums heraus. Dabei geht es auch darum, auf internationaler Ebene auf die Missstände im Amazonasgebiet hinzuweisen und die Weltgemeinschaft an ihre Verantwortung für die Verhältnisse dort sowie eine radikale Umkehr zu erinnern. Es ist von der „ökologischen Sünde“ die Rede als einer Aktion gegen Gott, den Nächsten, die Gemeinschaft und die Natur sowie von der „ökologischen Schuld“ der reicheren Länder gegenüber der Amazonasregion.

Frauendiakonat und Viri probati

Mit Blick auf die Kirche selbst wird eine Reform hin zu einer synodalen Kirche gefordert, die das „pluriforme Gesicht“ der Kirche zum Ausdruck bringt. Das Stichwort Dezentralisierung fällt, ohne es näher auszuführen. Außerdem sollen die Räume der Partizipation der Laien erweitert werden, sowohl wenn es um Beratung als auch wenn es um Entscheidungen geht. Verschiedene Vorschläge gibt es, Laien Verantwortung für die lokale Gemeinschaft zu übertragen bis hin zu einem eigens benannten „Leitungsamt für Frauen“. Der Frauendiakonat wird eigens erwähnt. Allerdings bleibt der Abschnitt vage. Papst Franziskus kündigte nach der Abstimmung an, dass er die Kommission zu dieser Frage wieder einsetzen und neu besetzen will, damit weitergearbeitet wird.

Der Abschnitt mit den meisten Gegenstimmen war jener, in dem es um die Viri probati ging. 128 Ja-Stimmen, 41 Nein-Stimmen erhielt dieser Abschnitt; der über das Frauendiakonat war der mit den zweit meisten Nein-Stimmen (30) zu 137 Ja-Stimmen. Interessant ist, dass im Abschnitt über die Viri probati der Begriff selbst nicht fällt. Die Synodenväter schlagen vor, dass im Kontext der Konzilskonstitution Lumen Gentium 26 von den „kompetenten Autoritäten“ Kriterien aufgestellt werden, um Priester zu weihen, die Ständige Diakone sind und „auch eine Familie haben können, die rechtmäßig konstituiert und dauerhaft ist“. Es wird eigens erwähnt, dass einige Synodenväter bei dieser Frage eine universale Befassung mit dem Thema ausgesprochen haben. Doch der Verweis darauf, dass es um Ständige Diakone geht, die zu Priestern geweiht werden, scheint den Abschnitt mehrheitsfähig gemacht zu haben. Somit bleibt es nach dieser Idee beim dreigliedrigen Ordo und durch die Vorschaltung des Diakonats ist bereits eine Spur gelegt, was die Ausbildung anbelangt. Was den Verweis auf LG26 anbetrifft, erschließt sich nicht sofort, warum auf diesen Abschnitt der Konzilskonstitution verwiesen wird, der die Letztverantwortung des Bischofs für den Heilsdienst in der Diözese festschreibt. Soll angedeutet werden, dass die Entscheidung für die Weihe entsprechender Männer auf den Bischof verlagert werden soll? Solche Forderungen gab es durchaus in der Synode.

Was macht der Papst damit?

Nun liegt es also beim Papst, aus den Vorschlägen ein nachsynodales Schreiben zu verfassen. Er kündigte an, das möglichst noch dieses Jahr veröffentlichen zu wollen. Die Synode hat keine Türen zugeschlagen, eher welche geöffnet. Die Teilnehmer aus dem Amazonas kehren nicht mit leeren Händen nach Hause. Allerdings wird der Versuch der Einflussnahme auf den Papst wohl jetzt erst richtig losgehen. Denn er muss nun entscheiden, wie es bei den Viri probati weitergeht und bei den Ämtern für Frauen. Davon wird dann auch entscheidend abhängen, welchen Spielraum der Synodale Weg in Deutschland hat.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

20 Kommentare

  • prospero
    28.10.2019, 13:26 Uhr.

    Mit Blick auf die Kirche selbst wird eine Reform hin zu einer synodalen Kirche gefordert, die das „pluriforme Gesicht“ der Kirche zum Ausdruck bringt. Das Stichwort Dezentralisierung fällt, ohne es näher auszuführen.

    Mit diesen oder ähnlichen Ideen ist man allerdings schon bei Vaticanum II kläglich gescheitert: Selbst wenn deren Wiederbelebung diesmal von päpstlicher Seite mitgetragen werden sollte, wird von den „üblichen Verdächtigen“ zweifellos alles unternommen werden, um solche Pläne scheitern zu lassen. Die Müllers, Brandmüllers, Burkes und ihre Spießgesellen (vor fünfeinhalb Jahrzehnten hießen die Protagonisten Ottaviani, Siri und Co.)werden nicht untätig bleiben.

  • Wanda
    28.10.2019, 15:45 Uhr.

    … der Abschnitt Frauendiakonat bleibt allerdings vage…
    Würde gern wissen, wieviel einfache Gläubige (und Ungläubige) auf der Welt mit dem Rückfall in lateinischen Begriffe, hier: viri probati, überhaupt etwas anfangen können ?
    Und wenn man schon mit grossem Trara und unwahrscheinlichem Aufwand*) das Thema kontrovers und mit Heckenschützen diskutiert, warum bringt man dann nicht gleich das brennende Thema „mulieres probatae“ auf´s Tapet ? Alles was mit Frau und weiblich zu tun hat, scheut man traditionsgemäss wie der Teufel das Weihwasser (im privaten Bereich sieht’s natürlich oft ganz anders aus).
    *) die Reisekosten wären eine beträchtliche Spende für die Amazonas-Indigenen…

  • Carla Maltese
    28.10.2019, 22:47 Uhr.

    Auch andere Pressestimmen, z.B. die Süddeutsche, äußern sich sehr zufrieden mit der Synode. Die Süddeutsche schreibt: „Frauen als Diakoninnen, verheiratete Priester: Im Abschlussdokument der Amazonas-Synode stehen Dinge, die man in einem offiziellen Dokument der Kirche noch nie geschrieben gesehen hat.“

    Allerdings mahnt die hiesige Tageszeitung, daß hinter viri probati und Frauendiakonat ebenso wichtige Kernthemen der Synode wie Umweltzerstörung und Anholzung des Regenwaldes etwas in den Hintergrund geraten sein könnten.

    Ich persönlich bin am meisten beeindruck davon daß die Unterzeichner des neuen Katakombenpaktes sich ausdrücklich für eine synodale Kirche aussprechen.

    „Franziskus warnte beim Abschlussgottesdienst vor einer „Religion des Ich“. Diese vergesse „über ihre heuchlerischen Riten und ‚Gebete‘ den wahren Gottesdienst, der niemals die Nächstenliebe außer Acht lässt“.“
    Das ist auch etwas das ich mir Anfang 2013 noch nicht im entferntesten vorstellen konnte: Daß ich mal aus ganzem Herzen einen päpstlichen Anschiss gutheißen würde. RECHT hat Franziskus!!
    Wir können uns wohl alle denken wer da gemeint ist.

    Frage, Herr Erbacher: Wer hat eigentlich den ersten Entwurf des Abschlussdokumentes verbrochen?? Wer ist dafür verantwortlich, daß die Synode auf der Kippe stand? Undwas STAND denn nun drin, wenn es offensichtlich so wenig mit der Synode zu tun hatte?

    Jedenfalls freue ich mich ehrlich sehr über den glücklichen Ausgang der Synode.
    Und das in vielerlei Hinsicht. Nicht nur hat sich die Tür in Sachen Frauendiakonat ein Stück geöffnet und die Ttsache daß Frauen fähig sind, Gemeinden zu leiten, wurde endlich anerkannt, sondern es gab auch endlich mal echte Wertschätzung den Indigenos und ihren Werten gegenüber. Das Thema Umweltzerstörung und Ausbeutung der Natur, früher von den meisten Kirchen und auch vom Vatikan großräumig ignoriert, sogar belächelt, steht auch ganz oben auf der Agenda.

    Mich wundert es ein bischen, daß das Thema viri probati mehr Gegenstimmen hat als das Frauendiakonat. Ich hätte umgekehrt gewettet.
    Das Thema ist auch das einzige wo ich mir etwas Sorgen mache: Wie wird das bei den Priestern ankommen, die erstmal noch weiter zölibatär leben sollen und drunter leiden? Vielleicht kann Herr Erbacher da etwas herausfinden?

    „Was macht der Papst damit?“
    Angesichts der Tatsache daß wir alle gesehen haben was er bei der Familien- und bei der Jugendsynode gemacht hat, nämlich sich genau an das gehalten was die Synode jeweils empfohlen hat, ohne selbst etwas hinzuzufügen oder etwas zu streichen, mache ich mir da nicht die geringsten Sorgen.

    Und noch eine Frage, Herr Erbacher, Angesichts der Wahl in Argentinien: Ist Franziskus noch immer wahlberechtigt? Und wählt er auch (per Briefwahl)?

    • Wanda
      01.11.2019, 16:23 Uhr.

      Carla Maltese 28.10 22:47
      – Da Sie schon die Süddeutsche zitieren, nicht vergessen, was da unter Finanzen des Vatikan zu lesen ist. Zitat – „Es gibt etwas zu beichten: Luxuswohnungen in London und Geld, das nie bei den Bedürftigen ankam. Peinlich verspekulierte Papiere zeigen, dass er (der Vatikan) quasi pleite ist – Gott, Geld und Gier“…
      Dieser Artikel passt sehr gut zur heuchlerischen Schuldzuweisung an die reichen Länder. Angesichts „unlauterer“ Spekulationen mit Spendengeldern und sonstigen Finanzgebahrens des Vatikan ein Hohn. Von treuhänderischem Umgang mit den Spenden und Einkünften keine Spur. Aber wie das so ist: wo kein Kläger, da kein Richter und von einem Mea culpa sind die Monsignores in den langen Gewändern weit entfernt…

      • Carla Maltese
        02.11.2019, 14:44 Uhr.

        Och jo! 🙄
        Das Problem ist: Um darauf irgendwie emotional zu reagieren müsste ich mich für den Laden wenigstens ansatzweise noch interessieren. Aber mir ist der Vatikan inzwischen so dermaßen egal daß ich nicht mehr zu Reaktionen auf irgendwelche Finanzskandale fähig bin. Irgendwas hat irgendein Prälat wieder gemauschelt? *Homer-Simpson-Tonfall* Lang-weilig!!

        Gut, ich war sauer als Herr Erbacher geschrieben hat daß die die Synode ruinieren wollten und wollte deswegen wissen ob wenigstens greifbare Namen dahinterstecken. Und zu Gänswein und dem Katechismus habe ich auch eine entschiedene Meinung.
        Aber ansonsten bin ich einfach nurnoch emotional komplett ausgeklinkt was den Vatikan angeht. Ich kann mich nicht einmal mehr aufregen, ich schaffe es einfach nicht mehr.

        Hätte der Vatikan für meinen Glauben jemals irgendwie eine wesentliche Bedeutung gehabt, wäre ich jetzt noch viel atheistischer als Sie. Aber schon in meiner Jugend hat mich Wojtywas ausgeuferter Personenkult angewidert. Der Papst hat mir damals absolut nichts gesagt.

        Es gibt genau zwei Personen im Vatikan die mich wirklich interessieren, für die ich wirklich etwas empfinde:
        Die eine ist Franziskus. Meine Meinung über ihn hat sich im Lauf seiner Amtszeit nicht wesentlich geändert, ich bin noch immer so beeindruckt von ihm wie damals am Gründonnerstag 2013, und daß er sich bei der Familien- und der Jugendsynode der Synode gebeugt hat statt diese zu einer lächerlichen Farce zu machen indem er selbst irgendwelche Anordnungen z.B. zum Thema wiederverheiratete Geschiedene raushaut, bestätigt meine Meinung von damals daß er nichts geringeres als sein eigenes Amt ändern will.
        Die andere, das muss eine Kollegin vonHerrn Erbacher sein, die schreibt auf katholisch.de ab und zu Standpunkte und mir hat sowohl ihr Stil immer sehr gefallen wie auch die Tatsache daß sie früher auf die Kommentare zu ihrem Standpunkt reagiert hat. Macht sie jetzt leider nicht mehr. Aber ich lese noch die „Römischen Notizen“ die sie jetzt ab und zu schreibt, aber nicht weil mich der Vatikan interessieren würde, sondern weil ich die Art sehr mag wie sie schreibt. Und das obwohl mich der ganze Kunstkram den sie liebt definitiv nicht interessiert, ich würde nie meine Wahlheimat nach irgendwelcher barocker Architektur auswählen. Es ist einfach die Art wie sie schreibt, die sie mir sehr sympathisch macht.
        Und im übrigen bin ich in Sachen Vatikan einfach nurnoch zu Desinteresse fähig. Ich reibe mich nicht einmal mehr an ihm, ich empfinde rein garnichts mehr zum Vatikan. Kirche ist für mich etwas vollkommen anderes.

        Ansonsten, was katholisch.de angeht, da reagiert von allen Standpunktschreibern nur noch Frau Metternich auf die Kommentare, sonst keiner mehr. Die ist eher konservativ, aber ich mag sie allein schon deswegen weil sie auf die Kommentare reagiert.

      • Carla Maltese
        02.11.2019, 14:46 Uhr.

        Und im übrigen gibt es noch genug kirchliche Hilfswerke beider großer Konfessionen die sauber, transparent und ordentlich arbeiten.
        (Die altkatholische Kirche hat noch kein eigenes, aber was nicht ist kann ja noch werden, ich rechne schon damit daß wir noch größer werden)

    • Jürgen Erbacher
      Jürgen Erbacher
      02.11.2019, 7:01 Uhr.

      Franziskus ist als argentinischer Staatsbürger wahlberechtigt. Ob er gewählt hat, entzieht sich meiner Kenntnis. Das gilt auch für den ersten Entwurf des Schlussdokuments der Synode. Es gab ein Redaktionsteam unter Leitung des Generalrelators, Kardinal Claudio Hummes. Es gab aber auch großen Einfluss des Synodensekretariats unter Leitung von Kardinal Lorenzo Baldisseri.

  • neuhamsterdam
    29.10.2019, 2:28 Uhr.

    »„auf Distanz zu gehen zu den neuen kolonisatorischen Mächten, die Völker des Amazonas zu hören und in transparenter Art ihre prophetische Aktivität auszuüben“«
    Ich aber sage euch, ich sehe ein Transparent, da wo daraufsteht: SACHZWANG.

    • Wanda
      01.11.2019, 17:09 Uhr.

      neuhamsterdam 29.10. 02:28
      – gehe konform: Realitätssinn für die Sachzwänge ist gefragt.
      Stattdessen schwulstige „prophetische Aktivität“…
      Sind wir bei Zukunftsdeutung und Kaffeesatzleserei ? Da können wir auch gleich auf die Profis wie den bayerischen Mühlhiasl oder Nostradamus*) zurückgreifen.
      *) sagte Karl IX. von Frankreich eine Lebensdauer von 90 Jahren voraus, tat seiner Glaubenswürdigkeit aber keinen Abbruch, als dieser mit bereits 24 Jahren starb. Viele glauben auch heute noch dem nebulösen Blödsinn des Michel de Notre Dame.

      • neuhamsterdam
        04.11.2019, 22:17 Uhr.

        »habe die Kirche heute die historische Chance, „auf Distanz zu gehen zu den neuen kolonisatorischen Mächten, die Völker des Amazonas zu hören und in transparenter Art ihre prophetische Aktivität auszuüben“.«
        Was ist denn mit dem oft formulierten „prophetisch“ gemeint? Im Neuen Testament steht der Ausspruch Jesu: „Jerusalem, Jerusalem, du tötest deine Propheten!“ Aber der Umweltschutzgedanke, der im Rom formuliert wird, ist weder beschreibend noch warnend oder gar direkt drohend, eher eine als allgemeingültig angesehene Prognose. Bedroht wird doch auch keiner von den Teilnehmern, vielleicht wird dem einen oder anderen ein Haar gekrümmt, nämlich dann, wenn die Begeisterung der Kirchenleute für den Umweltschutz von der Welt gelobt wird.
        Hm… und wenn – wie in diesen Tagen wieder geschehen – ein Aktivist bei seiner Tätigkeit umgebracht wird, wird das dann als prophetisches Geschehen biblifiziert. Aha. Und dieses Prophetische der Indigenen kann die Kirche nun im Gegensatz zu früher möglicherweise transparent (nochmal eine Abschwächung: in transparenter Art) ausüben. Wobei selbstverständlich erwartet wird, ausüben zu dürfen.
        Man ist untröstlich. Und man ist untröstlich, diese vielen Handlungsmöglichkeiten formulieren zu müssen. Genug der Schrecknisse. Ein indianisches Sprichwort sagt: Wenn du ausreichend lange am Ufer des Flusses verharrst, wirst du die Leiche deines Feindes vorbeitreiben sehen.

  • Wanda
    29.10.2019, 17:55 Uhr.

    Wie definiert man denn reiche Nationen, wie arme Nationen ? Ist Brasilien mit dem grössten Anteil des Amazonasgebietes oder „der“ Brasilianer reich ? Ist China eine reiche Nation, wenn man den chinesischen Durchschnittsbürger zum Maszstab nimmt ?
    Als Beispiele: Mexiko, Brasilien, Argentinien, Venezuela sind unermesslich reich, gemessen an den natürlichen Gegebenheiten DEU. Davon kann unsere Industrienation nur träumen.
    Was also sollen diese nebulösen kollektiven Vorwürfe ? Anstelle Ross und Reiter zu nennen mag sich der Vatikan mit den Politikern dieser Länder wie schon immer lieber nicht anlegen.
    Fakten des JRC*, die den C°2-Gesamtausstoss darstellen:
    – Europa 3500 MT, davon DEU 800 MT
    – Japan 1300 MT
    – Indien 2500 MT
    – Russland 1800 MT
    – China 10900 MT
    – USA 5100 MT
    Merkwürdig, dass Lateinamerika fehlt, darf aber aus täglicher Anschauung behaupten, nirgendwo auf der Welt gibt es z.B. so viele Pick-ups und SUV als Luftverschmutzer wie dort und ein Umweltbewusstsein bei den Normalbürgern existiert quasi nicht.
    – Gestatte mir die Frage, der die Amtskirche ganz bewusst und feige ausweicht: wer, wenn nicht die lateinamerikanischen Regierungen erlauben oder verbieten die entsprechende Ausbeutung, wer also trägt die Verantwortung ? Deren immer wieder vermutete und oft nachgewiesene Verbindung zum mächtigen Militär und kriminellen Organisationen lassen wir einmal beiseite.
    Einzig die wenigen von der Amtskirche lange geächteten aktiven Priester vor Ort nannten unter Gefahr für Leib und Leben die politisch Verantwortlichen des eigenen Volkes mit oft tragischen Konsequenzen und wurden dafür vom Vatikan noch gerügt.
    *) JRC = Joint Research Center

    • Wanda
      01.11.2019, 17:16 Uhr.

      P.S. handelt sich um eine Generaldirektion der Europäischen Kommission.

    • Carla Maltese
      02.11.2019, 14:03 Uhr.

      Wobei man China näher untersuchen sollte:
      China ist eine Diktatur und Wirtschaftswachstum gehört zur Staatsdoktrin seit Mao, aber nach Tiananmen nochmal forciert, bis hin zur nahtlosen Umwandlung der kommunistischen Wirtschaft in eine brutalokapitalistische. Also das was Marx und Engels in England kennengelernt haben. Die Tatsache daß die chinesische Regierung eine Totalüberwachung aller Bürger aufbauen will zeigt aber, daß es in China auch schon lange gärt (ähnliches sieht man in Russland, da will ja nicht ohne Grund Putin gerade das ganze Land vom Internet abhängen. Haha, dabei hat Russland begabte Hacker…). Unter der Hand ist nicht jeder glücklich und zufrieden mit dem Regime. Und man sollte die Wikipedia als Quelle vorsichtig anfassen, aber wenn die von zahlreichen Prostesten in China spricht und Quellenangaben dazu nennt, scheint da etwas dran zu sein. Und es gibt chinesische Umweltgruppen. Die sind zwar macht- und hilflos, aber es gibt sie. Also daß das Land unglaublich dreckig ist, fällt den Chinesen schon auf. Die Umweltprobleme könnten ein treibender Anlass sein für die nächste chinesische Revolution.
      Übrigens hat auch die Solarindustrie in China einen Riesensprung gemacht, während sie bei uns abgebaut wurde.

      Und was die Kirchen angeht:
      Mir doch egal was der Vatikan macht oder nicht macht! Genau wie bei der Abschaffung der Sklaverei damals kommt es auf die einzelnen Christen an, auf die Basis der Kirchen! So wie viele entschiedene Christen im 19. Jahrhundert die Sklaverei abgelehnt haben, müssen sie sich heute für Umwelt- und Klimaschutz einsetzen, das muss zum allgemeinen christlichen Glaubensgut werden!
      Meine Güte, wenn wir alle nur dumm rumhocken sollen bis uns der Vatikan irgendwas sagt oder bis der Vatikan irgendwas macht… („*pieps* Herr Papst, darf ich aus Klo gehen?“)

      • Wanda
        04.11.2019, 17:00 Uhr.

        Carla Maltese 02.10. 14:03
        1. …“Anlass für Chinas nächste Revolution“…
        Klären Sie mich auf: ausser der von Mao (und dessen Korrekturen), gab es da noch irgendwelche ? Abgesehen vom arrogant kolonialen Zwischenspiel der Europäer (gemessen an der vieltausendjährigen Geschichte Chinas) gab es lediglich den Wechsel zwischen den Dynastien, die meistens einige hundert Jahre herrschten, degenerierten und dann abgelöst wurden. Von Volksrevolutionen, die diesen Namen verdienen, ist mir os dahin nichts bekannt.
        – Die nie verschwundene Auffassung der Chinesen, dass die Harmonie des Kosmos, Ordnung und Wohlfahrt nur durch die Ausübung und Anerkennung einer starken Zentralgewalt (Kaiser oder Partei) garantiert wird, sanktioniert alles staatliche Handeln und ist in den verschiedenen nach wie vor populären Denkschulen (z.B. Konfuzianismus, Daoismus, Legismus etc.) als Teil einer Art synkretischen Volksreligion verankert und inzwischen auch politisch wieder anerkannt. Sie wird traditionell allenfalls noch von der auch unter dem Kommunismus nie aufgegebenen Ahnenverehrung übertroffen, die sich auch in oa. Denkschulen wiederfindet.
        2. …“und in China gärt es schon lange“
        Es gärt in Hongkong, aber nicht in CHINA. Und was die turk-stämmigen, muslimischen nicht-chinesischen Uiguren angeht, werden diese als regionales Problem betrachtet und von den Bevölkerungsmehrheit Chinas sowieso und schon immer als Fremdkörper betrachtet…

  • Novalis
    29.10.2019, 23:17 Uhr.

    „Damit kritisierte er diejenigen, die wie der Pharisäer ’stolz darauf [sind], bestimmte Gebote bestmöglich zu erfüllen. Aber er vergisst das wichtigste: Gott und den Nächsten zu lieben'“. So möchte ich die kath.net-Christen nennen. Geflüchtete, die nichts als das nackte Leben haben, für die Bedrohung des christlichen Abendlandes halten, meinen, dass die Cappa Magna von Kardinal Burke und die Besserwisserei von Kardinal Müller der Inbegriff des Christlichen sind und im Forum die anderen der Denunziation ausliefern.

  • Novalis
    29.10.2019, 23:19 Uhr.

    „Das Papier ist ein klares Bekenntnis zu einer prophetischen Kirche aus der Mitte des Evangeliums heraus. Dabei geht es auch darum, auf internationaler Ebene auf die Missstände im Amazonasgebiet hinzuweisen und die Weltgemeinschaft an ihre Verantwortung für die Verhältnisse dort sowie eine radikale Umkehr zu erinnern.“
    Genauso muss es sein. Wer hier wieder von der unstatthaften Politisierung des Christentums tönt, sollte sich lieber Fragen, ob es nicht auch eine Politisierung der christlichen Botschaft war, wenn z.B. ein Kardinal Siri Nazikriegsverbrechern zur Flucht vor der gerechten Strafe nach Südamerika verholfen hat.

  • Carla Maltese
    01.11.2019, 13:35 Uhr.

    Als kleinen Nachtrag zur Synode hätte ich da noch:

    1.) Das lässt sich natürlich realistisch nicht machen, aber mein Traum wäre daß die die die Holzfiguren in den Tiber geworfen haben, der Burke und alle die ihnen applaudieren ein ganzes Jahr mindestens keinen Mais, keine Kartoffeln, kein Tomatenmark, keinen Paprika, kein Truthahnfleisch usw usf bekämen. Also alle Dinge die wir ursprünglich von den Indigenos haben. Mal sehen wie gut es sich lebt von dem Getreidebrei und dem Weißkraut mit denen Europa früher halb verhungert ist.

    2.) Ich habe vage im Gedächtnis daß Franziskus bei einer großen Bischofskonferenz im Wallfahrtsort Aparecida („Erscheinung“) dabei gewesen sein soll. Herr Erbacher, könnten Sie rausfinden was genau dort seine Rolle war und ob sie wesentlich für die Konferenz war?

    3.) Die Kommission zum Frauendiakonat wird nur dann wirklich den Durchbruch bringen wenn sie sich traut, die biologischen Irrtümer der alten Griechen und der Kirchenväter zur „Minderwertigkeit der Frau“ zu widerrufen. Dann wird man sehen daß das seine Ursache in einem damaligen Zeitgeist hat, nicht im Evangelium.

    4.) Ich hoffe daß Franziskus sich bei der nächsten Synode, worum auch immer es da gehen wird, endlich traut, kompetenten Frauen ein Stimmrecht zu geben.

    5.) Und was jetzt „Götzenfiguren“ angeht: Die Indigenos sind erwachsene mündige Personen und können selbst erklären was die von ihnen geschaffenen Holzfiguren darstellen! Wenn sie erklären daß es keine „Götzenfiguren“ sind, dann sind sie keine, basta! Dann hat auch weder ein Burke noch sonst jemand irgendein Recht, irgendetwas da reinzufantasieren!

    • Jürgen Erbacher
      Jürgen Erbacher
      02.11.2019, 6:59 Uhr.

      ad 2. Kardinal Bergoglio leitete das Redaktionsteam für das Schlussdokument von Aparecida und hatte damit entscheidenden Einfluss auf dessen Inhalt.

  • Wanda
    01.11.2019, 16:34 Uhr.

    Carla Maltese
    – Zu Ihrem Punkt 1.)
    Könnte mir gut vorstellen, dass die „Diät“ der Herren Burke und Co. weder von Maís, Pavo, Jitomate noch von Weisskraut und Getreidebrei dominiert wird. Da dürfte es sich schon eher um etwas Gehobeneres handeln und Wein ist den Herren bei ihren geistlichen Amtshandlungen ja sowieso vorgeschrieben…

    • Carla Maltese
      02.11.2019, 13:32 Uhr.

      Für ihn als US-Amerikaner käme natürlich auch Mac&Cheese infrage, das sind kurze Röhrennudeln mit Käsesoße. Ab und zu lecker, aber wenn man sich davon ein ganzes Jahr ernähren muss??

      Doch, das wäre mir irgendwie sympathisch: Alle die nicht wenigstens ein Mindestmaß an Respekt zeigen können bekommen keine Nahrungsmittel mehr die ursprünglich von den Indigenos kommen.
      Ups, da sterben ja einige europäische „Nationalgerichte“ aus… Von der spanischen Tortilla über die halbe italienische Küche und unsere Bratkartoffeln und Kartoffelklöße (ich habe die meiner Großmutter väterlicherseits geliebt!) bis zur griechischen Moussaka.

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