Papst für mutige und intelligente Familienpastoral

Rund 150 Kardinäle haben am Donnerstag am ersten Teil des Konsistoriums im Vatikan teilgenommen. Im Mittelpunkt der Beratungen steht das Thema „Ehe und Familie“. Papst Franziskus will mit den Kardinälen zudem über die Kurienreform sprechen sowie über die bevorstehende Sondersynode zum Thema „Ehe und Familie“. An dem Konsistorium nehmen auch schon die Bischöfe teil, die am Samstag im Rahmen eines feierlichen Gottesdienstes ins Kardinalskollegium aufgenommen werden, darunter der Deutsche Gerhard Ludwig Müller. Die zehn (inkl. Müller) deutschen Kardinäle waren am Donnerstag komplett vertreten. Kardinal Walter Kasper unterstrich in seinem Einführungsreferat: „Die Familie ist die Zukunft; auch für die Kirche ist sie der Weg der Zukunft.“

Franziskus warnt vor Kasuistik

Kurz und prägnant war die Ansprache von Papst Franziskus zu Beginn des zweitägigen Kardinalstreffens im Vatikan. In fünf Minuten gab er die Richtung vor für die Beratungen der nächsten knapp zwei Jahre über das Thema Ehe und Familie. Er unterstrich die zentrale Bedeutung der Familie für die Gesellschaft. Mit Blick auf die Familie sprach er von Mann und Frau. Die Familie sei heute gering geschätzt und schlecht behandelt. Es sei an der Zeit zu erkennen, wie schön und gut es sei, eine Familie zu gründen. Er wünscht sich eine intelligente und mutige Familienpastoral, die „voll Liebe“ agiert. Gerade wenn Ehepaare in Schwierigkeiten sind. Es gehe darum, die Theologie der Familie zu vertiefen und auch die Pastoral, die in der aktuellen Situation angebracht sei. Franziskus warnte dabei, in der Diskussion in eine Kasuistik zu verfallen, „denn diese würde unweigerlich dazu führen, das Niveau unserer Arbeit zu senken“.

Kardinal Kasper hält Einführungsvortrag

Kardinal Walter Kasper hatte dann die Aufgabe, in das Thema einzuführen. Laut Vatikansprecher Federico Lombardi wird Kaspers Vortrag nicht veröffentlicht, da er speziell für das Kardinalskollegium erstellt worden sei. Beim Briefing der Journalisten versuchte Lombardi eine kurze Zusammenfassung des zweistündigen Vortrags zu geben. Dieser habe die positiven Dimensionen von Ehe und Familie aufgezeigt und sei auf aktuelle Probleme eingegangen etwa den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Das Thema gleichgeschlechtliche Partnerschaften habe Kasper nicht angesprochen. Er sei bei seinen Aussagen von Ehe und Familie immer von der Verbindung von Mann und Frau ausgegangen.

Zur Struktur des Vortrags sagte Lombardi: Ausgehend von der Familie in der Schöpfungsordnung mit Bezügen etwa zum altestamentlichen Buch Genesis habe sich Kasper mit der Familie in der Heilsgeschichte beschäftigt und etwa das Familienbild im Neuen Testament (vgl. Epheserbrief) ausgearbeitet. Ausführlich habe Kasper über die Familie als Hauskirche gesprochen, die es wieder neu zu entdecken und zu unterstützen gelte. Kasper sei dann auch auf die Probleme der Familie heute eingegangen wie etwa den Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen. Hier gehe es darum, ein Gleichgewicht zu finden zwischen der Treue zu den Worten Jesu [von der Unauflöslichkeit der Ehe] und einem barmherzigen und pastoralen Umgang mit der konkreten Situation der Menschen. Der Kardinal habe auch über die „Struktur der Sünde im Leben der Familie“ gesprochen. Als Beispiele nannte er die Entfremdung von Mann und Frau, von Körper und Geist, von Mensch und Natur, Streit und Spannungen in den Familien, Leiden und Schwierigkeiten von Frauen und Mütter.

Ad fontes: Lösungssuche in den Quellen, weniger in der Tradition

In diesem Kontext erinnerte Kasper an die Ansprache von Papst Franziskus an die Richter der Rota Romana vom 24. Januar 2014. Darin hatte der Pontifex unterstrichen, dass Gesetz und Pastoral keine Gegensätze seien. Auch die Frage der Gültigkeit oder Nichtigkeit von Ehen müsse laut Kasper in den Blick genommen werden. Zuletzt gab er auch zu bedenken, welche Rolle das Sakrament der Versöhnung, sprich die Beichte, spielen könnte bei der Lösungssuche und verwies dabei auf altkirchliche Bußpraktiken.

Die aktuelle Herausforderung, so Kasper, sei es nicht, die Lehre der Kirche zu wiederholen. Die sei bekannt. Es gehe vielmehr darum, die Wurzeln der Lehre genauer in den Blick zu nehmen und zu schauen, wie sich die Lehre zu Ehe und Familie entwickelt hat, um daraus eventuell Spielräume oder Entwicklungschancen für die heutige Situation abzuleiten.

Kasper scheint es also darum zu gehen, die Quellen mit dem heute in Verbindung zu bringen. Es ist schade, dass der Vortrag nicht veröffentlicht wird – zumindest zum aktuellen Zeitpunkt. Denn nach dem, was Pressesprecher Lombardi zusammenfasste, könnte der Vortrag auch Anstoß für eine breitere Diskussion sein etwa in der Theologie – auch wenn Kasper anmerkte, dass er das Thema nicht erschöpfend behandeln könne und er seinen Vortrag als einen Anstoß zur Diskussion empfindet in dem Prozess, der mit dem heutigen Konsistorium beginnt, mit der Sondersynode im Herbst fortgesetzt wird und vielleicht mit der ordentlichen Synode im Herbst 2015 zu einem Ende kommt. Er wolle keinesfalls die Ergebnisse der Synode vorwegnehmen, so Kasper laut Lombardi.

Lombardi wies darauf hin, dass Kasper an vielen Stellen den emeritierten Papst Benedikt XVI. sowie den Theologen Jospeh Ratzinger zitierte. Das dürfte vor allem jene unter den Kardinälen beruhigen, die in der Suche von Papst Franziskus nach „mutigen und intelligenten“ Schritten in der Familienpastoral einen Bruch mit der Tradition befürchten.

Papst kommt zu Fuß

Interessant war zu sehen, wie Franziskus als Papst bei diesem Konsistorium agiert. Trotz leichten Regens lief er die rund 500 Meter vom Gästehaus Santa Marta zum Tagungsort zu Fuß. Er kam etwa eine halbe Stunde vor Veranstaltungsbeginn, stellte sich an den Eingang der Synodenaula und begrüßte jeden Kardinal einzeln per Handschlag. Manche Begegnung wirkte etwas kühl wie die mit dem Chef der italienischen Bischofskonferenz Angelo Bagnasco, andere hingegen sehr herzlich wie die mit seinem Nachfolger als Erzbischof von Buenos Aires Mario Aurelio Polli. Mit Kardinal Reinhard Marx hielt er einen kurzen Plausch. Früher kam der Papst meist als Letzter, wenn schon fast alle Kardinäle auf ihren Plätzen saßen. Franziskus machte das anders.

Spannend werden jetzt die Diskussionen nach dem Vortrag von Kardinal Kasper. Dazu dann morgen mehr.

P.S. Aus Deutschland sind alle Kardinäle angereist: aus München Kardinal Friedrich Wetter und Kardinal Reinhard Marx, Kardinal Rainer Maria Woelki aus Berlin und Kardinal Joachim Meisner aus Köln. Auch die römischen deutschen Kardinäle waren am Vormittag anwesend: Kardinal Walter Kasper, Kardinal Paul Josef Cordes, Kardinal Karl Josef Becker sowie Kardinal Walter Brandmüller.

P.P.S. Der älteste der neuen Kardinäle, Erzbischof Loris Francesco Capovilla, wir am Samstag nicht am feierlichen Gottesdienst zur Kardinalserhebung teilnehmen. Aufgrund seines  Gesundheitszustands bat der 98-Jährige Papst Franziskus, nicht anreisen zu müssen. Stattdessen wird er das Kardinalsbirett und den Kardinalsring in den nächsten Tagen durch einen päpstlichen Gesandten überreicht bekommen.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.