Homo-Lobby und Korruption

Papst Franziskus spricht Klartext. Das konnte man in den ersten drei Monaten immer wieder erleben. Er geißelt das Finanzsystem, wettert gegen zuviel Bürokratie und Karrierismus in der katholischen Kirche. Immer wieder weicht er vom Redemanuskript ab, was nicht selten die Prälaten in der Kurie ins Schwitzen bringt. Berüchtigt sind bereits seine Predigten bei der Morgenmesse im Vatikanischen Gästehaus Santa Marta. Ob er dabei gerne mal eine „Babysitter-Kirche“ kritisiert oder erklärt, Petrus habe auch kein Konto gehabt. Mit großer Spannung erwarten die Journalisten täglich die wenigen Zeilen, die von seiner Morgenansprache veröffentlicht werden.

Indiskretionen bereiten dem Papst Sorgen. (dpa)

Schon seit Wochen kursieren im Internet immer wieder auch Details aus Privatgesprächen von Papst Franziskus – etwa mit Bischöfen bei deren Ad-Limina-Besuchen. Da soll er über eine mögliche Kurienreform erzählt haben, dass er künftig die Vatikanverwaltung von einem Dreiergremium führen lassen will; andere berichten von Aussagen über den päpstlichen Zeremonienmeister Guido Marini. Italienische Blogger zitierten einen italienischen Bischof, gegenüber dem der Papst gesagt haben soll, er wolle Marini nicht austauschen. Schließlich lerne er, der Papst, viel von Marini und hoffe, dass dieser wiederum viel von ihm lerne. Den Wahrheitsgehalt solcher Indiskretionen aus Privataudienzen des Papstes kann man nur schwer nachprüfen. Der Vatikan äußert sich grundsätzlich nicht zu solchen Dingen.

Das gilt auch für die Nachrichten, die heute wie eine Bombe eingeschlagen sind. Franziskus soll bei einem Treffen mit dem Vorstand des Verbands lateinamerikanischer Ordensleute über eine Homolobby und Korruption im Vatikan gesprochen haben. Eine chilenische Internetseite zitiert aus einem Gedächtnisprotokoll eines Teilnehmers der Audienz. Demnach habe Franziskus gesagt: „Es ist die Rede von einer Gay-Lobby, und es ist wahr, sie ist da … Wir müssen sehen, was wir tun können.“ Weiter habe er gesagt: „In der Kurie gibt es heilige Menschen, wirklich; aber auch ein Netzwerk der Korruption.“ Der Vorstand des Ordensverbands teilte heute umgehend mit, dass die wiedergegebenen Äußerungen nicht im wörtlichen Sinn dem Papst zugeschrieben werden könnten, sondern nur im Allgemeinen.

Das ändert nichts an der Tatsache, dass der Papst in dem wiedergegebenen Sinn darüber gesprochen haben dürfte. Damit ist auch zunächst nichts Neues gesagt. Denn dass es im Vatikan Korruption gibt, ist seit langem bekannt. Auch über homosexuelle Netzwerke wird seit Jahren spekuliert. Neue Nahrung bekamen diese Spekulationen im Zusammenhang mit der Vatileaks-Affäre im vergangenen Jahr. Im Dezember hatten drei Kardinäle, die Papst Benedikt XVI. mit internen Ermittlungen beauftragt hatte, dem Pontifex einen mehrere Hundert Seiten umfassenden Bericht übergeben. Darin soll es auch um Homonetzwerke gegangen sein. Der Bericht wurde nie veröffentlicht. Benedikt XVI. verfügte, dass nur sein Nachfolger diesen Bericht einsehen dürfe, nicht aber die Kardinäle im Vorkonklave.

Die neuen Spekulationen heute zeigen einmal mehr, dass der Vatikan gut daran täte, auch bezüglich des Vatileaks-Skandals endlich mehr Transparenz walten zu lassen. Allein mit dem Prozess gegen Papst-Butler Paolo Gabriele vom Herbst vergangenen Jahres, lässt sich die Geschichte nicht aus der Welt schaffen. Franziskus wurde von vielen Kardinälen auch gewählt, damit er aufräumt und alte Seilschaften zerschlägt – ob nun Homo- oder Hetero-Lobby oder in welchen Konstellationen auch immer.

Doch da tut sich Franziskus mitunter schwer und er kennt seine Grenzen. Das geht auch aus den jetzt veröffentlichten angeblichen Aussagen des Papstes bei dem Treffen am 6. Juni hervor. Die Reform der Kurie könne nicht er machen; denn Verwaltungssachen seien nicht sein Ding. Deshalb habe er das 8er-Gremium der Kardinäle eingesetzt mit erfahrenen Verwaltungsleuten wie den Kardinälen Rodriguez Maradiaga, Errázuriz Ossa und Marx.

Wenn das Gespräch mit den Ordensoberen so stattgefunden hat, wie es in dem nachträglich angefertigten internen Protokoll berichtet wird, zeigt das, dass Franziskus offen spricht mit seinen Gesprächspartnern. Es zeigt aber auch die Gefahren dieser Offenheit. Umgekehrt würde der Inhalt nicht zu solch reißerischen Überschriften führen, wenn der Vatikan offen auch mit seinen internen Problemen umgehen würde.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.