Der Papst zwischen Moschee, Kirchengipfel und Bad in der Menge
Es war ein Wechselbad der Gefühle für Papst Leo XIV. am dritten Tag seiner ersten Auslandsreise. Am Morgen beim Besuch der Blauen Moschee in Istanbul wirkte er steif und nervös. Beim Gottesdienst mit rund 4.000 Gläubigen am späten Nachmittag war er wieder gelöst, lächelte und genoss den Zuspruch der Menge. Dazwischen baute er in der Ökumene Druck auf. Bei einem Treffen mit hochrangigen Kirchenvertretern schlug er für 2033 einen großen Kirchengipfel in Jerusalem vor. 2000 Jahre nach dem Tod Jesu will er große Fortschritte auf dem Weg zur Einheit verwirklicht sehen. Ob er dazu auch den gemeinsame Ostertermin zählt? Sich dafür mit Nachdruck zu engagieren ist ein Thema der gemeinsamen Erklärung, die er am Nachmittag mit dem Ökumenischen Patriarchen Bartholomäus I. unterzeichnete.
Besuch ohne Gebet
Es war ein Tag voller Termine. Und der schwierigste war gleich der erste. Wie seine beiden Vorgänger besuchte Leo XIV. am Morgen die Sultan-Ahmed-Moschee. Doch anders als Franziskus und Benedikt XVI. verharrte er nicht still im Gebet. Als der Muezzin, der ihn durch die Moschee führte, erklärte, es gebe jetzt die Möglichkeit Fragen zu stellen oder für einen Moment zu beten, wirkte der Papst beinahe überrascht, ging aber nicht darauf ein. Später erkläret der Vatikan, Leo XIV. habe den Besuch in der Moschee „in Stille, in Andacht und Zuhören“ verbracht, „mit tiefem Respekt vor dem Ort und dem Glauben derer, die sich dort zum Gebet versammeln“.
Selbst der Vatikan war überrascht von der Situation, verbreitete das Presseamt noch nach dem Ereignis einen Text, in dem von einem Moment des Gebets die Rede war, so wie vorher auch angekündigt. Wir es zu der Situation kommen konnte, wird Leo XIV. sicher bei der Pressekonferenz auf dem Rückflug erklären können. Zum Eklat dürfte die Reaktion nicht taugen. Bei Benedikt XVI. wurde bei seinem Besuch 2006 wenige Wochen nach der Regensburger Rede das stille Gebet als Geste des Respekts gegenüber dem Islam gedeutet. Der Besuch der Moschee war kurzfristig ins Programm genommen worden. Franziskus‘ Gebetsmoment, der rund zwei Minuten dauerte, wurde ebenfalls positiv gedeutet.
Druck in der Ökumene
Beim Treffen mit Vertreterinnen und Vertretern von rund 20 christlichen Kirchen und Gemeinschaften wirkte das Kirchenoberhaupt dann schon wieder etwas gelöster. Zwei Stunden dauerte die Begegnung hinter verschlossenen Türen. Es gab viele Reden, auch eine von Leo XIV., die aber alle nicht veröffentlicht wurden. Der Vatikan verbreitete einige zentrale Gedanken aus der Ansprache des Pontifex. Darin auch die Idee des Kirchentreffens in Jerusalem. Er habe zu einer gemeinsamen geistlichen Reise in Richtung des „Jubiläums der Erlösung“ 2033 eingeladen. Es solle eine Perspektive „einer Rückkehr nach Jerusalem sein, in den Abendmahlssaal, den Ort des Letzten Abendmahls Jesu mit seinen Jüngern und den Ort von Pfingsten“.
Am Nachmittag nahm der Papst an einem Gebet in der griechisch-orthodoxen Georgs-Kathedrale in Istanbul teil, die das morgige Andreasfest einleitete. Dabei erklärte er, dass er die guten Beziehungen seiner Vorgänger zum Ökumenischen Patriarchen fortsetzen möchte. In der anschließenden Gemeinsamen Erklärung der beiden Kirchenoberen verpflichten sich die beiden zum Einsatz für die Ökumene. Ausgehend von den Feierlichkeiten zum 1.700-Jahr-Gedenken des Konzils von Nizäa stellen sie fest: „Neben der Anerkennung der Hindernisse, die die Wiederherstellung der vollen Gemeinschaft aller Christen verhindern – Hindernisse, die wir auf dem Weg des theologischen Dialogs zu überwinden versuchen –, müssen wir ebenfalls anerkennen, dass uns der Glaube verbindet, der im Glaubensbekenntnis von Nizäa zum Ausdruck kommt.“
Dreifacher Brückenbau
Beim Gottesdienst am Abend war das leitenden Motiv einmal mehr das Brückenbauen. Die Brücke ist auch Teil des Logos des Papstbesuchs in der Türkei. Leo XIV. ermutigte zum dreifachen Brückenbau: innerhalb der Gemeinschaft der Katholikinnen und Katholiken, in der Türkei gibt es vier katholische Riten, in den ökumenischen Beziehungen und schließlich im Dialog der Religionen. „Wir leben in einer Welt, in der Religion viel zu oft benutzt wird, um Kriege und Gräueltaten zu rechtfertigen“, beklagte der Papst. „Deshalb wollen wir gemeinsam weitergehen, das zur Geltung bringen, was uns verbindet, die Mauern der Vorurteile und des Misstrauens einreißen, gegenseitiges Kennenlernen fördern, um allen eine starke Botschaft der Hoffnung zu geben und sie einzuladen, ‚Friedensstifter‘ zu sein“, ermutigte Leo.
Der Papst ist noch nicht ganz in seinem Amt angekommen. Das wurde am Morgen beim Besuch in der Moschee deutlich. Es war mutig, eine solch heikle Reise als erste Auslandsreise zu machen. Franziskus und Benedikt XVI. hatten es mit den Weltjugendtagen in Rio de Janeiro und Köln einfacher. Leo muss lernen. Die Welt ist live dabei. Morgen geht es in den Libanon. Dort warten neue Herausforderungen auf den Pontifex.
P.S. Weitere Informationen zur Papstreise im Video bei ZDFheute.de über diesen Link.


3 Kommentare
Das nenne ich eine prima Idee. Warum nicht nach gut 2000 Jahren (ob das Todesjahr Jesu nun wirklich 33 war oder nicht…) sich gemeinsam zu treffen.
Leo wird sich genau das Fiasko von vor 19 Jahren in Regensburg gemerkt haben. Mir ist ein nervöser, menschlich greifbarer Papst tausendmal lieber als ein professoraler Trampel.
Schade, dass Sie hier ein Beispiel für die „sprungbereite Feindseligkeit“ geben müssen von der Benedikt XVI. gesprochen hat. Die Regensburger Rede war ein akademischer Vortrag, keine Predigt, keine Rede vor einem Parlament, kein Beitrag bei einer interreligiösen Konferenz. Als Vorlesung sollte sie also auch betrachtet werden. Es mag gute Gründe für oder auch gegen die Angebrachtheit der Verwendung eines Zitats eines Kaisers aus dem 14. und 15. Jahrhundert geben. Ja, die Verwendung dieses Zitats hat natürlich polemisches Potenzial. Gerade im universitären Kontext muss allerdings der Diskurs auch über solche (historischen) Aussagen möglich sein. Vor allem möchte ich darauf verweisen, dass sich Benedikt XVI. diese Aussage eben nicht zu eigen gemacht hat.
Sie haben leider eine von Ihnen inhaltlich nicht untermauerte Behauptung aufgestellt. Joseph Ratzinger/Benedikt XVI. als „professorale[n] Trampel“ zu bezeichnen halte ich für völlig an der Person des früheren Papstes vorbei interpretiert. Müssten Sie dann nicht auch Leo XIV. wegen seiner Lobrede auf Kardinal Rafael Merry del Val als „Trampel“ bezeichnen? Meiner Ansicht nach war Benedikt XVI. ein äußerst vorsichtiger, fast schon zaghafter Papst. Man muss ihn natürlich nicht mögen, man muss seine Werke nicht lesen, aber ihn (nach seinem Tod auch noch) zu beschimpfen halte ich für falsch. Gilt ‚De mortuis nihil nisi bene‘ nicht mehr? Und wenn man über einen Verstorbenen nichts Gutes zu sagen hat, dann sollte man vielleicht lieber schweigen.
Papst Benedikt XVI. besuchte während seines Pontifikats meines Wissens zwei Moscheen, in Istanbul und in Amman. Diese Gesten wurden gerade in der islamischen Welt viel beachtet. Ja, vielleicht waren diese Besuche auch der Versuch einer Wiedergutmachung. Es hätte sie wohl nicht gegeben, wenn Benedikt XVI. wie von Ihnen behauptet wirklich ein „Trampel“ gewesen wäre.
Der Präsident des Libanon, Joseph Khalil Aoun, hat heute in seiner Rede zur Begrüßung von Papst Leo XIV. übrigens auch den Besuch von Benedikt XVI. im Libanon (2012) erwähnt und diesen besonders gewürdigt.
„Leo muss lernen“.
Da sollte er sich unter anderem auch bewusst sein, wie man sich als Vertreter einer „Schwesterkirche“verhalten sollte. Es ist mittlerweile der fünfte Besuch eines Papstes am Sitz des Ökumenischen Patriarchats – ein fester „Programmpunkt“ war dabei immer die Göttliche Liturgie, an der Leos Vorgänger in angemessener Weise teilnahmen. Heute war das alles ein bisschen anders, da sich der Besuch aus Rom die Freiheit nahm, erst mitten im Gottesdienst (frei nach der Devise „Hoppla, jetzt komm ich“) in Erscheinung zu treten.
Ich weiß, man könnte jetzt beispielsweise Termingründe vorgeben- ich frage mich nur, wie es allen seinen Vorgängern gelang, soviel Respekt aufzubringen, um die Anwesenheit bei der Liturgie nicht nur als eine Pflichtübung abzuwickeln. Dies um so mehr, als gerade das Patriarchat von Konstantinopel im Vergleich zu den anderen orthodoxen Teilkirchen die engsten Verbindungen zu Papst und Vatikan unterhält. Beschämend !
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