Selbermachen für die Zukunft

HausderEigenarbeit_2.jpgGeradezu sinnlich streicht ein Mann mit einem Hobel in der Hand über das Holzbrett und aus dem Nachbarraum dringen die schrillen Geräusche einer Metallsäge herüber.

Wir haben das "Haus für Eigenarbeit" in München Haidhausen gerade erst betreten und schon sind wir von der geschäftigen Atmosphäre der Menschen in den Werkstätten eingenommen. Handwerkliche Vorkenntnisse sind - so erfahren wir von der Leiterin der Einrichtung Elisabeth Redler - keine Bedingung, um die Werkstätten nutzen zu können. Das HEi, wie das Haus seit über zwei Jahrzehnten liebevoll genannt wird, steht jedem Bürger der Stadt offen. Möglich ist das alles durch die Initiative der "Anstiftung" und ihren Gründer Mittelsten Scheid, durch Gelder der Stadt München und einen selbst erwirtschafteten Anteil von fünfundvierzig Prozent. Denn kostenlos nutzen kann man die öffentliche Einrichtung nicht. Der Beitrag von höchstens acht Euro pro Stunde schreckt die Interessenten jedoch nicht ab. Im Gegenteil, Frau Redler spricht davon, dass der finanzielle Eigenanteil in das Konzept von selbstverantwortlichem Handeln und die Entfaltung der eigenen Produktivität passt. Mit anderen Worten, auf diese Weise schätzen die Besucher das Angebot umso mehr. Denn hier stehen ihnen Geräte und Maschinen zur Verfügung, wie sie sonst nur professionelle Handwerker besitzen. Doch das ist nicht alles. Manche kommen auch nur hierher, um sich mit anderen auszutauschen, eine Art Dorfgemeinschaft zu finden - mitten in München. Dazu lernen, eigene handwerkliche Fähigkeiten entwickeln und dadurch autonomer werden, das ist den Menschen im HEi besonders wichtig. Dass die Resonanz zur Zeit besonders gut ist, führt Frau Redler auch auf die wirtschaftliche Krise zurück: "Ich glaube, dass die Menschen sich besinnen auf das Echte, das Dauerhafte. Denn sowohl die Dinge, die sie hier herstellen, kann ihnen keiner mehr nehmen als auch die Kompetenz, die sie hier erwerben."

HausderEigenarbeit_1.jpg 

Die Aufwertung von Eigenarbeit neben der Erwerbsarbeit und dem Konsum, darin sieht Frau Redler ein wichtiges Motiv für die Zukunftsfähigkeit unserer Gesellschaft. Müssen wir in Zukunft also alle mehr anpacken ?


// // Kommentare (6) // Versenden

6 Kommentare

Für mich ist es weiterhin wichtig, sich und seine Familie nicht aufzugeben. Ich kann es einfach nicht mehr hören, dass ich nur arbeiten gehen will, weil ich gebraucht werden möchte. Das kann und habe ich jeden Tag. Für mich ist es viel wichtiger, dass die noch vorhandene Arbeit fair und existenssicher bezahlt wird. Also bitte keine falsche Bescheidenheit, jeder der arbeiten geht, muss davon leben können, aber auch jeder der keine Arbeit hat, aus welchen gründen auch immer, muß leben können! Ich setzte mich Tag für Tag dafür ein und wir, meine Aktionsgruppe und ich, geben nicht auf. Gehen erhobenen Hauptes in unsere neue politische Aufgabe, der Stadtverordnetenversammlung und setzen uns dafür ein, dass in unserer Stadt endlich umgedacht wird und jeder Mensch achtungsvoll anerkannt wird und nicht aus falschem Mitleid wahrgenommen wird. Ich sehe meine soz. Aufgabe darin, den Menschen ein Rückrat zu geben, dass sie erhobenen Hauptes und auch redegewandt durchs Leben gehen. 1-€-Jobs sind unser Verderben und vernichten Arbeitsplätze, die wir dringend brauchen. Verschließen wir nicht weiter die Augen vor soviel Unrecht und fangen wir endlich an, menschenwürdig und selbstbestimmt zu leben, miteinander und nicht gegeneinander. Arbeit soll nicht Allmosen bzw. Gnade gesehen werden! JEDE Arbeit ist wichtig und gleichberechtigt.

Bereits 1992 habe ich in München eine ähnliche - allerdings rein privatwirtschaftlich arbeitende - Einrichtung die "kurs.werkstatt" gegründet, hier liegt der Schwerpunkt im Möbelbau. Unter dem Motto " individuelle Möbel - selber bauen" kommen am Abend und an Wochenenden Menschen aus allen möglichen Berufen, Altersstufen und beiderlei Geschlechts in die Werkstatt. Der Anteil an jüngeren Holzwerkerinnen und Holzwerkern nimmt erfreulicherweise zu. Ein signifikant großer Anteil sind Akademiker und EDV-ler die das Bedürfnis entwickelt haben sich manuell-handwerklich zu betätigen und damit einen Gegenpol zu ihren eher rein kognitiven beruflichen Aktivitäten suchen.
Roland Heilmann
Weitere Infos: www.kurswerkstatt.biz


In der Messestadt Riem gibt es seit kurzem den Verein Messewerkstadt e.V. der nach dem Vorbild des HEi auch eine Offene Werkstatt betreiben will. Derzeit fehlen uns noch die eigenen Räume, was den Werkstattcharakter noch etwas erschwert, aber unser Konzept und unsere Angebote an sich, werden von den Bewohnern (viele Familien mit kleinen Kindern, auch aus angrenzenden Stadtvierteln) schon sehr gut angenommen und die Begeisterung für den kreativen Umgang mit Dingen und die Möglichkeit aus sich heraus etwas zu schaffen, springt zusehends auf alle über. Die Nachfrage nach kreativer, sinnstiftender, integrativer auch handwerklicher Beschäftigung und Auseinandersetzung mit anderen Ideen und Vorstellungen ist groß. Wir wollen unser Stadtviertel mitgestalten, es mit Leben füllen, Generationen und Kulturen zusammenführen und zwar über kreatives und handwerkliches Arbeiten.
Weiter Infos: www.messewerkstadt.de

Gerade dieses Wochenende fand ein Netzwerktreffen zum Thema "Offene Werkstätten" initiiert von der Stiftungsgemeinschaft Anstiftung - Ertomis, in München statt, zu dem Offene Werkstätten aus ganz Deutschland angereist sind. Es wurden Erfahrungen ausgetauscht und am Ende beschlossen sich enger zu vernetzen, um in Zukunft auch als wichtiges Element in der Stadtentwicklung, Bildung und Wirtschaft wahrgenommen zu werden. Dieses Treffen war für uns eine sehr große Bereicherung, zu sehen wie Eigenarbeit, Mitgestaltung öffentlichen Raumes in anderen Städten passiert und funktioniert. Danke!
Birgit Kahler
Infos zu offenen Werkstätten: www.anstiftung-ertomis.de/opencms/opencms/offene_werkstaetten/

Wir möchten hiermit auch noch mal auf die Wichtigkeit dieses Themas hinweisen und betonen, dass der Idealzustand wäre wenn jedes Stadteil ähnliche Einrichtungen wie das "HEI" hätten. Wir haben vor drei Jahren einen Verein gegründet der sich auch für diesen Bereich einsetzt.

MachWerk e.V. - Verein zur Förderung und Ermöglichung gestalterischer und künstlerischer Aktivität
Der gemeinnützige Verein wurde mit dem Ziel gegründet, Eigentätigkeit im gestalterischen und künstlerischen Bereich zu unterstützen. Material, Räume und Beratung werden an zentralem Ort angeboten, um einen Treffpunkt für Menschen jeden Alters und Hintergrundes zu schaffen.
Das MachWerk ist Raum und Möglichkeit sich aktiv mit verschiedenen Materialien, Formen und Gestaltungstechniken
auseinanderzusetzen, zu Experimentieren
und einen individuellen gestalterischen Ausdruck zu finden.
Weitere Infos: www.machwerk-muenchen.de oder kommen sie gern vorbei.

Wir waren auch bei dem Netzwerktreffen dabei und hoffen, dass wir durch unsere Vernetzung und unsere gemeinsamen Pläne bald ein gößeres Interesse bei der Öffentlichkeit erregen.
www.machwerk-muenchen.de

Ich möchte keinen Kommentar abgeben, sondern kurz ein Projekt "Offene Werkstätten" vorstellen - die "Frauenhandwerkstatt e.V." im Hamburger Stadtteil Dulsberg.
Zwei Werkstätten (Tischlerei, Keramik) sind miteinander verbunden, mit guter technischer Ausstattung, auf einer Gesamtfläche von 240 qm.
Frauen aus allen sozialen Schichten und Altersklassen können sich hier handwerklich betätigen.
Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, da es professionelle Anleitung gibt, so dass besonders im männerdominierten Tischlerhandwerk versteckte Talente zu Tage gefördert und neue Perspektiven eröffnet werden. Beide Gewerke können verknüpft werden.
Die Frauenhandwerkstatt e.V. ist auch ein Ort der Begegnung und des Austauschs.

Das ZDF ist für den Inhalt externer Webseiten nicht verantwortlich

Über dieses Blog

April 2009: Sechs ZDF-Reporter reisen quer durch Deutschland - auf der Suche nach Zukunftsmachern. Wir suchen und finden Menschen, die nicht nur jammern, sondern zupacken. Die kreative Ideen für eine bessere Zukunft haben. Die Reise ist zu Ende, die Erlebnisse unserer Deutschlandtour können Sie aber jederzeit hier nachlesen.

Zukunft machen — diesmal im Südwesten

Zukunft machen

Neueste Kommentare

Katrin Marcks-Scheftel zu: Selbermachen für die Zukunft: Ich möchte keinen Kommentar abgeben, sondern kurz
Katharina Müller zu: Selbermachen für die Zukunft: Wir waren auch bei dem Netzwerktreffen dabei und h
Katharina Müller zu: Selbermachen für die Zukunft: Wir möchten hiermit auch noch mal auf die Wichtigk
Messewerkstadt e.V. zu: Selbermachen für die Zukunft: In der Messestadt Riem gibt es seit kurzem den Ver
Roland Heilmann zu: Selbermachen für die Zukunft: Bereits 1992 habe ich in München eine ähnliche - a

Schlagwörter