Seit ich diesen Film gemacht habe…

Natürlich kenne ich Handy-Flatrates und habe von All-inclusive-Urlauben gehört. Seit ich diesen Film gemacht habe, weiß ich auch, was ein Flatratebordell ist – ein Puff, in dem Freier einen pauschalen Eintrittspreis bezahlen und Sex haben können, sooft sie wollen oder können.

Oft sind diese Flatratebordelle vollgestopft mit jungen Frauen aus Rumänien, die alle angeblich von allein auf die Idee gekommen sind, aus einem kleinen rumänischen Dorf aufzubrechen, um in irgendeinem Klub oder anonymen Apartmenthaus zwischen Flensburg und Garmisch- Partenkirchen zu landen. Jedenfalls sagen sie das immer stereotyp, wenn die Polizei nachfragt. Schwer zu glauben, sagen die Polizisten resigniert und sind sicher, dass die Händler, die die Mädchen gebracht, sie auch gebrieft haben, auf Fragen so zu antworten. Einige Polizisten haben Töchter im Alter der jungen Mädchen. Man merkt ihnen an, dass die Gespräche mit diesen halben Kindern sie nicht gleichgültig lassen.

Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es im Grundgesetz Artikel 1, doch ist es mit Würde vereinbar, wenn ein Freier für einen Pauschalbetrag jedes Mädchen im Puff haben kann? Und die kriegt pro Freier gerade mal zehn Euro? Das Ganze ist kein moralisches Problem: Prostitution ist nicht mehr sittenwidrig, lebt von Angebot und Nachfrage. Doch was ist mit den Frauen, die gezwungen werden, anzuschaffen? Machen sich Freier über so etwas überhaupt Gedanken? Sie sitzen in Bademänteln und Schlappen im Bordell herum; gehen mit Cristina oder Laura aufs Zimmer – Biedermänner, die später den Hut tief ins Gesicht gezogen, den Jackenkragen hochgeschlagen, den Puff verlassen. Ob sie sich Gedanken gemacht haben, woher die Frauen kommen? Haben sie mal nachgefragt, ob sie vielleicht gezwungen werden, anzuschaffen? Die Freier sind bass erstaunt. “Auf so eine Frage wäre ich nie gekommen”, sagen die meisten – bestenfalls. “Das ist mir total egal”, höre ich auch oft und merke, wie in mir Wut hochkriecht.

Die jungen Frauen aus Rumänien haben zu Hause oft Kinder, eine Familie, die von den Überweisungen aus Deutschland abhängt. Schon zwei-, dreihundert Euro sind in Rumänien viel Geld. Und lässt der Zuhälter dem Mädchen wenigstens ein bisschen Geld, hält sie still, packt nicht aus – keine Handhabe für die Polizei. Erst wenn die Menschenhändler zu gierig und zu brutal werden, haben die Polizisten eine Chance, zuzugreifen.

Zur Mittagszeit ist am meisten los im Puff: Sex statt Eintopf in der Kantine und keine Erklärungsnot gegenüber Mutti zu Hause.
Und am Wochenende, wenn Vati zu Hause ist? Bordellbetreiber erzählen beglückt, dass dann ganze Männergruppen aus Schweden, Norwegen, England, Frankreich oder Italien Wochenendtrips in den Puff unternehmen, weil Deutschland ja so wunderbare liberale Gesetze hat, Prostitution erlaubt ist. Deutschland – nicht mehr das Land der Dichter und Denker, sondern ein Riesenpuff? Natürlich hatten die lila Latzhosenfrauen der rot-grünen Koalition, die sich dafür stark gemacht haben, Prostitution als Beruf wie jeden anderen anzuerkennen, nicht die Absicht, Zuhälter und Menschenhändler zu stärken, aber de facto haben sie genau das getan.

Sie hatten die selbstbewusste Hure im Blick, die einen Arbeitsvertrag hat und eine Krankenversicherung, und ihren Lohn einklagt. Doch inzwischen kommen neunzig Prozent der Prostituierten aus Osteuropa – manche von ihnen sind sogar Analphabeten. Es klingt zwar gut, wenn Politikerinnen nach Flyern und Aufklärung rufen, aber nach drei Drehwochen in Bordellen finde ich das lächerlich und naiv.

Was ich vor den Dreharbeiten auch nicht wusste: Es gibt keinen “Bockschein” mehr, das bedeutet: Frauen werden nicht mehr regelmäßig untersucht, Freier schon gar nicht. Dass aber manche Frauen aus schierer Not, weil der Zuhälter sie unter Druck setzt, bereit sind, für ein bisschen Aufgeld ohne Kondom arbeiten, ist heller Wahnsinn. In jeder Kinowerbung werden wir zur Verhütung ermahnt. Den Slogan „Gib Aids keine Chance“ kennen unsere Kinder alle. Doch hier kommen verheiratete oder in fester Partnerschaft lebende Männer in den Puff und haben ungeschützten Sex. Was für ein Risiko! Und der Mann vom Gesundheitsamt? “Wir setzen auf Aufklärung und Selbstbestimmung”, sagt er und blickt mich milde lächelnd an. Und als ich ihm erzähle, wie es in den meisten Puffs aussieht, dass Frauen 150 Euro Miete pro Tag zahlen müssen, manche für eine halbe Stunde Sex nur 20 bis 30 Euro bekommen und dann aus schierer Verzweiflung auch ohne Kondom arbeiten, damit wenigstens ein bisschen Geld reinkommt, wird er nachdenklich und fragt, ob er am nächsten Tag zum Dreh mitkommen dürfe. Seine Vorstellung von Aufklärung bekommt sichtlich einen Dämpfer, als er hört, wie viele junge Frauen „blasen, ficken,, Französisch natur 30 Euro“ sagen können, zu mehr aber die Deutschkenntnisse nicht reichen.

Ich habe geschluckt , als ich sie später in Rumänien sah: dünne schmale Mädchen, die jüngste dreizehn Jahre alt, die sich in einem Mädchenhaus zusammendrängen, zurückgekehrt vom Straßenstrich, aus Flatratebordellen, Laufhäusern in Deutschland - verstört, unmenschlich behandelt, wenn sie nicht den Gewinn einbrachten, den sich ihre Ausbeuter erhofften.

Wir regeln in Deutschland alles und jedes: Wärmedämmung, Gurkenkrümmung, Krötenwanderwege. Doch dass mitten in einem angeblich zivilisierten Land junge Frauen und Mädchen wie eine Werkmaschine auf zwei Beinen ihrem Händler Geld einbringen müssen, weil er sie sonst bedroht, schlägt, ihrer Familie etwas antut, empört mich.
Selbstbestimmter Sex – gut und schön, aber wann gehen Politiker energisch gegen Menschenhandel mitten in Europa vor?

- Rita Knobel-Ulrich

3 Kommentare

  • paul
    06.05.2012, 12:22 Uhr.

    Was tut ver.di dagegen? Wieso organisieren die Arbeiter(innen) sich nicht und Streiken für höhere Löhne?

  • Bernhard
    27.05.2012, 23:08 Uhr.

    „… aber wann gehen Politiker energisch gegen Menschenhandel mitten in Europa vor?“

    Denke —
    ”Menschenrechte” werden eher weltpolitisch eingesetzt;

    Welcher Politiker usw. schaut schon gerne unter den eigenen Teppich ?

  • Frank Ehrhardt
    10.08.2012, 11:05 Uhr.

    Leider habe ich beim ZDF heute.de nirgens auch nur eine Spur gefunden, um einen Redakteur von “heute” zu kontaktieren. “Mit dem Zweiten sieht man besser”?????
    Deshelb hier mein Eintrag, vielleicht findet er ja den Weg zu einem verantwortlichen Redakteur.
    Während der Überflutungen letztes Jahr in Bangkok wurden im deutschen Fernsehen in den Nachrichtenformaten häufige und ausführliche Berichte gezeigt. Möglicherweise, weil der Begriff “Thailand” bei vielen deutschen Zuschauern z.T. merkwürdige Assoziationen hervorruft. Trotzdem haben diese Berichte eine Welle der Hilfsbereitschaft ausgelöst.
    Die Kathastrophe in den Philippinen hat eine weit dramatischere Dimension für die Betroffenen und trotzdem findet sie in den deutschen Fernsehlandschaften bis auf gelegentliche Kurzmeldungen nicht statt. Warum? Glauben die Redakteure, daß eine humanitäre Katastrophe in den Slums von Manila für den deutschen Zuschauer nicht interessant genug ist?

Kommentare geschlossen

Dieser Beitrag kann nicht länger kommentiert werden.