“Devise: Anpacken, aber nicht zu weit gehen”
Der Entwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes durch die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz wirkt auf den ersten Blick wie ein Schnellschuss auf eine Hähnchenfleischstichprobe des BUND. Der hatte unlängst antibiotika-resistente Keime in jeder zweiten Probe gefunden und dadurch deutschlandweit einen Aufschrei ausgelöst und nach eigenen Angaben 23.000 Teilnehmer zur Großdemo am vergangenen Samstag mobilisiert. Thema war auch der Gesetzentwurf: “Unzureichend, übereilt, undurchdacht”, so der Tenor vieler Demonstranten.
Und wenn man den Entwurf liest, kommt man tatsächlich zu dem Eindruck, dass da einiges noch nicht so ganz durchdacht ist. Da sollen zwar endlich die Daten über den Antibiotika-Einsatz in der Tiermast besser erfasst werden, aber der eigentliche Unsinn, der überhaupt erst zum hohen Einsatz von Antibiotika führt, wird in diesem Gesetzentwurf nicht angepackt. Die Bedingungen für die Nutztierhaltung nämlich.
Nach einer Studie des Verbraucherschutzministeriums Nordrhein-Westfalens bekommen 96 Prozent der Masthähnchen mindesten einmal in ihrem 35 Tage dauernden Leben Antibiotika. “EinTierarzt darf Antibiotika ja nur im Krankheitsfall verschreiben und das muss auch so sein”, redet sich die Ministerin raus und verweist auf das Tierschutzrecht. Dass aufmerksame und geschäftstüchtige Tierärzte bei 39.000 Tieren in einem Stall vermutlich immer ein krankes Huhn finden, spielt in ihren Überlegungen offenbar keine Rolle.
Die Folgen dieser ministerialen Grundeinstellung lassen sich nicht länger verbergen. Der Antibiotika-Einsatz in der Tiermast wird zum Problem für den Menschen. Ist ein Huhn krank, werden alle behandelt. Über das Trinkwasser. Ein einzelnes Tier zu behandeln, ist nicht möglich und auch gar nicht nötig. Das bleibt auch in Zukunft so. Das wird auch die Laboruntersuchung, die die Landwirtschaftsministerin in Zukunft hin und wieder von den Tierärzten einfordern lassen will, nicht ändern. Denn erst bei einem Wechsel eines Wirkstoffes oder bei einer wiederholten Anwendung wird diese aufwändige und für den Tierhalter kostenintensive Analyse zur Pflicht. Das Gesetz greift also immer erst beim zweiten Einsatz von Antibiotika.
Was auf den ersten Blick wie Flüchtigkeitsfehler bei einer Spontan-Reaktion aussieht, ist in Wirklichkeit seit August in Arbeit und detailliert geplant. Es ist ein Spagat zwischen zwei Ressorts, die einfach nicht in ein und dasselbe Ministerium passen: Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Damals, als die Staatssekretäre den Auftrag zur Ausarbeitung des Gesetzentwurfes bekamen, wurden alle EU-Regierungen von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit gewarnt. Vor ESBL-bildenden Keimen aus der Geflügelmast. ESBL zerstört eine ganze Reihe von Antibiotika und die Keime, die diesen Stoff produzieren, breiten sich immer weiter aus. Das ist genauso bekannt wie beunruhigend. Und es passt vor allem nicht ins Bild der erfolgreichen deutschen Agrarindustrie, die gerade zur weltweiten Nummer eins der Fleischexporteure emporgestiegen ist.
In Bayern, dem Hauptwirkungsland der Bundesministerin, pflegt man traditionell einen sehr engen Schulterschluss zwischen Landwirtschaft und Politik. Für eine Verbraucherschutzministerin kann das schwierig werden, denn von der erwartet man ja, dass sie bei der Lebensmittelproduktion etwas genauer hinschaut. Daher musste der Gesetzentwurf vor allem zwei Voraussetzungen erfüllen.
1. Er soll Tatkraft demonstrieren. “Seht her ich habe das Problem erkannt und packe es an”, soll er nach außen zeigen. Das macht die Verbraucherschutzministerin beliebt beim Volk und sichert Wählerstimmen.
2. Er darf nicht zu weit gehen. “Macht Euch keine Sorgen, es bleibt alles wie gehabt”, das müssen die Wirtschaftsverbände erkennen, damit sie die Landwirtschaftsministerin und deren Partei auch in Zukunft unterstützen.
Und vielleicht wäre der Plan auch aufgegangen, wenn das Ministerium die Keime und den mit ihnen verbundenen Schrecken, den sie beim Volk auslösen, nicht unterschätzt hätte. Ilse Aigner wird sich in den kommenden Debatten um ihren Gesetzentwurf schon bald entscheiden müssen: Ist sie Landwirtschafts- oder Verbraucherschutzministerin? Als ich sie für das ZDFzoom auf der Grünen Woche in Berlin befragt habe, da war sie noch Landwirtschaftsministerin.
- Torsten Mehltretter
13 Kommentare | 25. Januar 2012 | 12:28 Uhr



Seit einigen Jahren ist eine alternative Methode inzwischen weltweit verbreitet, welche dafür sorgt, daß der Antibiotikaeinsatz auf das unbedingt notwendige beschränkt werden kann (bis zu 90% weniger). Stark vereinfacht erklärt werden gesunde (probiotische) Bakterien in der Tiermast zur Stallreinigung und ein ebensolcher “Stabilisator” zur permanenten Anwendung gebracht. Diese absolut umweltfreundliche Methode erhöht die Gesundheit der Tiere und senkt die Ausfallquote erheblich. Resistenzen können nicht entstehen. Es herrscht eine “gesunde” Umgebung.
Ähnliche Vorgehensweisen reduzieren die MRSA-Belastung in Krankenhäusern und Altenheimen! Universitätsstudien aus Belgien und Italien bestätigen die sensationelle Wirkung.
Weltweit ist dieses Verfahren erfolgreich im Einsatz über Neuseeland, Argentinien, USA, Tschechien, Kanada, Italien Belgien, Holland usw. usw.
Nur in Deutschland stehen die Verantwortlichen trotz des Wissens sehr reserviert zu dem Thema.
Warum? Ignoranz? Desinteresse? Bequemlichkeit? ( das haben wir noch nie so gemacht)
Traditionelle Verhaltensweisen? (das haben wir schon immer so gemacht) Formalismen?
Wer weiß!
Trotzdem hat sich in Deutschland seit in paar Wochen ein Schweinezüchter (er wird den Antibiotikaeinsatz drastisch senken) entschlossen einen Versuch zu starten. Das Ergebnis wird so sein, wie in allen anderen Ländern auch . . . .
In der Schweinehaltung ist der Antibiotikaverbrauch nicht das Problem, Da man selektiv mit einer Spritze behandeln kann und dies auch tut! Die hohen Medikamentenverbräuche stammen alle aus der Geflügelhaltung. Ich bitte hier ganz deutlich zu unterscheiden!
Das MRSA zwei verschiedene Stämme hat wissen sie ja sicherlich und zwar den aus der Tierhaltung, der für den Menschen nicht gefährlich ist und den beim Menschen vorkommenden, der sehr gefährlich ist und nichts mit Tierhaltung zu tun hat!
Zu ihrem Thema möchte ich nochmals sagen das es mich schon wundert, das wenn in den Niederlanden diese Probiotika eingesetzt werden, trotzdem solche Probleme mit Krankheitserregern auftreten.
Ilse Aigner muss weg und Fleisch sollte man in einer Welt wie unserer nicht mehr essen. Es wird sich sowieso nichts ändern. Es geht immer nur ums Geld und das wird auch nie aufhören.
Fleisch muss weg – und wahrscheinlich mit ihr alle tierischen Produkte!? Am besten auch gleich den Biolandbau, der aus Gründen der Nachhaltigkeit die Tierhaltung als Düngerlieferant vorschreibt.
Ach, und ohne Tierdung gibt’s natürlich auch keine Pflanzenerträge (im Biolandbau)und dieser Sektor wird noch weniger konkurrenzfähig.
Die Einsätze von Antibiotika kann man nicht bestreiten. Jedoch ist mir in den Bericht aufgefallen das nur die konventionellen Betriebe untersucht wurden. Meine Frage lautet demnach: Wie sieht es bei Biohähnchen aus, die ja nicht aus der Massentierhaltung stammen sollen. Wie sieht es generell mit dem Tierwohl in Biobetrieben aus? Stellen sie bitte richtig das es auch große Tierbestände in der Biolandwirtschaft gibt! Lassen sie Untersuchungen bitte von unabhängigen Instituten durchführen. Mir fehlt ganz klar die Unabhängige und Unbefangene Berichterstattung und der Bericht schien absichtlich in eine Richtung zu führen und zwar in Richtung Biologische Tierhaltung. Dazu wurden aber keine Untersuchungen angestellt und das halte ich für unsachliche, einseitige Berichterstattung und Lobbyarbeit für den Biosektor! Bitte vergessen sie nicht das der EHEC Erreger auch auf Biosprossen nachgewiesen wurde! Ich würde mich sehr über eine präzisere und unabhängige Berichterstattung zum Wohle des Verbrauchers freuen!
Diese Untersuchungen gibt es doch:
http://www.ksta.de/servlet/OriginalContentServer?pagename=ksta/page&atype=ksArtikel&aid=1109243487286
Und natürlich werden auch in Biobetrieben MRSA-Erreger gefunden: http://www.animal-health-online.de/gross/2012/01/13/mrsa-auch-in-okologisch-bewirtschafteten-schweinestanden-auch-landwirte-und-hofhunde-besiedelt/19647/ und selbst in Freilandhaltung bei Iberischen Schweinen: http://www.animal-health-online.de/gross/2012/03/09/wissenschaftler-freilandhaltung-schutzt-schweine-nicht-vor-mrsa/20471/
siehe auch: http://www.animal-health-online.de/gross/2012/01/27/wissenschaftler-antibiotika-ohne-einfluss-auf-mrsa-haufigkeit-kontamination-bei-der-zerlegung-wahrscheinlich/19950/
Ich fand die Sendung nicht neutral. Wenn die Klinikleiterin in Bremen auf die Landwirtschaft verwaist beim Thema MRSA dann will sie doch vor allem Schaden von ihrem Haus abwenden. Der BUND veröffentlicht eine “Studie” nach der anderen, von denen aber keine repräsentativ und wissenschaftlich fundiert ist. Warum wurden keine Sockenproben auf Freiflächen um Biobetriebe, Alterheime oder Krankenhäuser oder um Kirchen gemacht um festzustellen ob man dort auch MRSA-Keime in der Umwelt findet? Auf Herrn Remmel seine Untersuchungen zu verwaisen ist zwar ok, weil die Datenbasis groß ist, allerdings verfolgt auch er spezielle Lobbyinteressen und interpretiert die Daten in seinem Sinn! Für manches was Herr Remmel als Skandal bezeichnet gibt es vernünftige Gründe für anderes nicht und Herr Remmel hat Recht. Differenzierte Analysen und keine reißerischen Angriffe sind notwendig um dem MRSA-Keimen entgegen zu treten. Das Problem erhöhter Medikamentengaben in der Tierhaltung wird man nach meiner Meinung nur über die Wirtschaftlichkeit in den Griff bekommen: Eine Zusatzsteuer auf Antibiotika für Haus- und Nutztiere wäre nach meiner Auffassung sinnvoll. Die Mittel müssen so teuer sein, dass sie nur im Notfall eingesetzt werden und keinen wirtschaftlicher Nutzen über den kurativen Effekt daraus hervorgeht. Mit den Einnahmen sollte dann die neutrale MRSA-Forschung unterstützt werden.
Sollte der Blog hier davon ablenken, dass der Beitrag von Herrn Mehltretter bei ZDF-Zoom ein Lehrstück für eine moderne Brunnenvergiftung ist? Die Pest ist da – nun präsentieren wir dem Volk dem passenden Verursacher, machen Quote und Bekanntheit wenn wir der eh schon verleumdeten modernen Landwirtschaft dem von uns mitgeschürten Volkszorn Preis geben? Bei den wilden Spekulationen, die sich Herr Mehltretter in dem Beitrag zusammengesucht hat, ist diese schon eher seriös.
In einer Presseerklärung kündigt der Sender an „”ZDFzoom” untersucht Zusammenhang zwischen Massentierhaltung und Todesfällen, siehe http://www.presseportal.de/pm/7840/2186062/toedliche-keime-in-krankenhaeusern-zdfzoom-untersucht-zusammenhang-zwischen-massentierhaltung-und
Da werden die toten Kinder in Bremen in einen gefühlvollen Zusammenhang mit den Hähnchen gebracht, Baby gezeigt, Vater sagt: die Hähnchen waren’s. Die Mit-Verursacher der Todesfälle dürfen die Schuld von sich weisen auf andere hin. Die halbe Sendezeit wird darüber spekuliert, ob die Keime aus dem Tierbereich stammen können (vgl. http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1550328/ZDFzoom-Gefaehrliche-Keime?setTime=2#/beitrag/video/1550328/ZDFzoom-Gefaehrliche-Keime ). Der Geschäftsführer des Geflügelverbandes wird inmitten der Masthähnchen in einem Stall einem inquisitorischen Interview unterzogen nach dem Motto: „Gestehehen Sie!“. Einen Tag später erscheint auf SPIEGEL online ein Artikel von eben diesen Herrn Mehltretter mit dem Resumee: „Die Herkunft des Bremer Erregers ist bis heute nicht geklärt.“, siehe: http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,811423,00.html .
Es ist ja schön, wenn Journalisten ihre Beiträge mehrmals verkaufen können, die reißerische, gefühlvolle, faktenmissachtende beim ZDF und die etwas seriösere bei SPIEGL online, aber sie sollten zumindest im Tenor übereinstimmen. Wie ist doch in einem anderen Spiegelbetrag zu lesen: „Klebsiellen wie auch andere Darmkeime treten selten, aber regelmäßig bei Frühchen als Ursache von Infektionen auf.“ Siehe http://www.spiegel.de/wissenschaft/medizin/0,1518,818504,00.html . Dass der Mensch die Keime übertragen hat ist inzwischen auch sehr wahrscheinlich (SPIEGEL Heft 10-2012 Seite 119). Der Keim ist schon 3 Jahre in Bremen und vorher im Genom nur aus Pußland bekannt, nie in deutschen Ställen aufgetaucht. Na ja, hauptsache die Mission, Tierhaltung frech verleumden, irgendwas bleibt immer hängen, ist erfüllt?
Dass Keime keine Moral kennen, ist nun sogar schon dem STERN aufgefallen, unterstanden sich doch Keime, auch auf Biotieren zu sein. Das ist ungefähr so erstaunlich wie die Erkenntniss, dass der Keime Protestanten und Katholiken befällt, aber warum kommt das dann in die Presse, welches Vorurteil wird hier widerlegt? Darmkeime nehmen jeden Arsch, in dem sie sich einnisten können, von Deutschen, Russen, Katholiken, Hunden oder Hühnern. Also, wer ist denn nun schuld? Indien ist der Ausgangspunkt vieler ESBL-bildender Keime. Die Mehrheit der Bevölkerung trägt sie dort in sich. 7 von 8 Schweden kamen bei einer Reise nach Indien mit ihnen im Darm zurück. Im antarktischen Badewasser der Pinguine wurden ESBL gefunden, in der Nähe der Forschungsstationen. Reisen etwa die Hühner mit Flugzeugen um die Welt und verbreiten Keime oder tut das Mesch, wie seit Schweine- Hühner und Vogelgrippe eigentlch bekannt sein müßte. Wo ist die antarktische oder hinterindische Massentierhaltung? Keime fühlen sich in unhygienischen, armen Verhältnissen wohl, wo zusätzlich Mensch und Vieh eng zusammleben, das ist Fakt und kein Zoom.
Dass die Keime aus Vögeln und Menschen genetisch verwandt sind, wer sagt denn, dass die aus unseren Ställen kommen und nicht von sinnsuchenden Indienreisenden mal angeschleppt wurden? Herr Mehltretter hat bei ZDT-Zoom nur das gebracht, was in seine These paßte und da inzwischen viele antitierhalterisch eingestellt sind, dürfen viele ihre Vorurteilsbeistein zu geben, bis zu den hausfraulichen Absurditäten von Verbraucherschützerinnen. Man fühlt sich gut und besser in den Vorteil, gegenüber den anderen, wie das halt das Wärmende an dieser Art Gemeinschaften ist, immer gewesen ist, die Sünde salviert. Noch ein kleiner Tipp: Das meiste Hähnchenfleisch wird gar nicht angefaßt und tranchiert, ca. ¾ kommt schon portioniert auf den Tisch und sollte möglichst nicht mehr durch verkeimte Handy-Hände angefaßt werden. Und die Hausfrauen, die das Gelügelgeschnetzelte noch selber schneiden, die kennen sich in der Küche aus. Eine Infektion ist über die Kette sehr unwahrscheinhlich, wie auch über Rohkost. Übrigens zeigten Untersuchungen schon mal mehr resistene Keime im Stuhl von Rohkostessern als in dem von Fleischessern! Mal wieder was für den STERN?
Und dann wieder ein Verweis auf den Panik-Zuspieler aus NRW mit seinen im Glaubenseifer gefälschten Zahlen. Aber wenn es für den Neu-Glauben ist, darf Öffentlichkeit und Parlament dreist belogen werden. Dass man in NRW 2/3 der antibiotikafrei aufgezogenen Hühnchen übersieht, ist kein Fehler, das ist Absicht. Die ganze Studie ist parteilich, ist eine Schande für die Wissenschaft. Wenn solche „Wissenschaft“ hier karriereausschlaggebend ist, kein Wunder dass viele mit echtem Wissenseifer in die USA abwandern. In den USA, wo „Wachstumsdoping“ üblich ist, nicht nur wegen des Profites, sondern auch weil man damit ernsthaftere Infektionen verhindert, die erst den Reistenzmechanismus in Schwung bringen. Aber das in Deutschland zu sagen, ist schon so mutig wie vor der Inquisition die jungfräuliche Empfängnis zu bezweifeln. Deutschland sind Ideologen wichtiger als Nobelpreisträger.
Grüße : Georg Keckl
Ja, der Brunnen ist vergiftet und der Täter ist bekannt. Die Studien aus den Niederlanden belegen eindeutig einen Zusammenhang von ESBL-Erkrankungen bei Menschen und dem Antibiotikaeinsatz in der Tiermast. Der über Jahre praktizierte gedankenlose Einsatz von Antibiotika sowohl in der Veterinär- als auch in der Humanmedizin hat bereits jetzt schwere Folgen für Tiere, Menschen und die Umwelt. Klar, das Thema ist nicht angenehm. Schon gar nicht für Landwirte, die dem ständigen Preisdruck durch Discounter ausgeliefert sind und mit Fleisch inzwischen eine Massenware auf einen Markt bringen, auf dem die Verbraucher sinkende Preise für bessere Qualität verlangen und bekommen. Der Druck ist hoch und die Nebenwirkungen von Antibiotika waren lange Zeit gar nicht bekannt. Doch diese Zeit ist längst vorbei. So dachte ich jedenfalls. Doch Ihre Kritik Herr Keckl, spiegelt offenbar die Haltung vieler Geflügelmäster wieder. Was interessieren uns wissenschaftliche Studien, wenn die Umsetzung der Ergebnisse schlecht für unseren Ertrag sind. Ein Antibiotikaeinsatz in über 90% der Hähnchenmastställe ist nicht mehr hinnehmbar. Die Folgen des Antibiotikaeinsatzes sind längst bekannt und inzwischen auch leicht messbar.
Hier die Links einer aktuellen Studie aus dem Januar:
http://www.reset-verbund.de/publikationen.htm
http://www.reset-verbund.de/documents/PM_RESET_material_2012-01-25.pdf
Wir müssen aufklären, um zu verändern, aber alle werden wir nie erreichen.
Herzliche Grüße
Torsten Mehltretter
Wäre der Schuldige nicht leicht gefunden, wenn man sich neue genomische Analysen zu Nutze macht? (Frequent emergence and limited geographic dispersal of methicillin-resistant Staphylococcus aureus).
Die Ergebnisse dieser Untersuchungen, an der 9 Länder mitgewirkt haben sind beeindruckend:
Die Ergebnisse haben erhebliche Bedeutung:
Die vielfach angenommene, weltweite Verbreitung einzelner, sogenannter pandemischer MRSA-Klone trifft nicht zu.
Die bisherige Typisierung reicht zur Aufklärung von Infektketten nicht aus. Eine zuverlässige Identifikation ist nur auf der Basis von SNP’s möglich.
Infektionen, lokale Ausbrüche und regionale Epidemien hinterlassen Spuren in den Genomen der Erreger, die man künftig anhand von epdimiologischen Modellen und populationsgenomischer Analysen rückverfolgen kann. Das wiederum erlaubt Vorhersagen über den Erfolg möglicher Gegenmaßnahmen.
Schon heute muss zwischen tier- und humanassoziierten MRSA-Stämmen unterschieden werden. Durch die neue Methodik sind noch differenziertere Aussagen zur Herkunft einer MRSA-Infektion möglich.
Heute ist man noch nicht einmal bereit, den Bakterienstamm einer MRSA-Infektion zu ermitteln. Es ist leichter die Landwirtschaft in Sippenhaft zu nehmen.
Wenn das Verändern im Vordergrund steht, ist wohl die Aufklärung sehr weit interpretierbar? Die Nebenwirkungen mancher Kritik, manchen Wunsches nach Veränderung, nach Verbesserung, richten lokal, regional, global mehr Schaden an, als die leichtgläubigen Kritiker sich vorstellen können, sich wünschen würden. Nebenwirkungsfrei ist wenig. Der Sozialismus ist in der Theorie auch großartig, in der Praxis eher schwer zu machen. Das eine Ideal durch das andere zu ersetzen, schützt nicht vor neuen Nebenwirkungen, nur weil man die noch nicht kennt. Aber darum sollten die, die Nebenwirkungen eher kennen, sich auch zu Wort melden, auch wenn es länger wird und unzeitgemäß uneinfach ist.
Die Sendezeit großteils damit zu füllen, ob die Bremer Frühchen an Keimen aus Geflügelställen gestorben sein könnten und dabei genau zu wissen, dass Klebsiellen wie aus Bremen noch nie in Ställen nachgewiesen wurden, ist schon eine sehr weite Interpretation des Aufklärungsauftrages. Das ist der vordergründige Kernpunkt meiner Kritik. Dass die wahrscheinlichste Ursache für die Ansteckung der Frühchen eine Mensch – zu – Mensch Übertragung ist, war schon im Untersuchungsbericht Anfange Dez. 2011 zu lesen: http://www.radiobremen.de/politik/dossiers/krankenhauskeime/rkibericht100.html ).
Morgen wird veröffentlicht, ob das Personal der Bremer Frühchenstation den Keim, dessen Genom bisher nur in Bremen und in Russland auftauchte, übertragen hat. Wenn dem so sein sollte, sind die Kinder an Klinik-Schlamperei gestorben, denn der Überträger hätte schon länger gefunden werden können. Im Untersuchungsbericht war übrigens auch die Rede davon, dass ein Mitarbeiter den Keim auf den Händen hatte.
Es geht bei meiner Kritik an der Sendung um mehr, erst mal um die Abgrenzung Information und üble Nachrede, das ist schon wichtig. Auch die „Sockenprobe“ um einen Stall in Metel, Region Hannover, die in der Sendung gezeigt wurde, hat hier keinerlei Aufklärung gebracht, nur weitere Spekulationen und unbegründbare Verdächtigungen. Der Hähnchenmastbetrieb in Metel steht in einer Konfrontation mit einer Bürgerinitiative. Im einem RTL-Interview sponn ein Mitglied dieser BI schon den Faden weiter: einem Dorfbewohner sei mal ein Bein abgenommen worden, wer weiß ob das auch nicht was mit Hähnchen zu tun haben könnte? – siehe http://www.rtlregional.de/player.php?id=18444&tag=Gesundheit&seite=0 . So werden Konflikte durch Gerüchte und Verleumdungen aufgeladen und dann brennen die Ställe. Ställe, die man nicht vor dem Wohnzimmerfenster, sei es nun Dorf oder nicht, haben möchte. Das kleine Feuer hat das ZDF unter der Holztreppe gemacht und das große kam von allein? Für solche Folgen von leichtgewichtigen Behauptungen muß man schon härtere Fakten haben als wohlfeile BUND-Vermutungen. RTL kam durch Ihre Sendung in das Dorf und hat die Bösartigkeit, ist ja fast wie Hexengerüchte, gesendet. Wer möchte so was sehen, wenn er einen Stall hat, ehrlich arbeitet, ist das gerechtfertigt, darf man sich da wehren? Ich tue das mal für die Familie. Aufklärung propagieren, aber die Untersuchungsberichte aus dieser Sockenprobe will weder das ZDF noch der BUND dem Landwirt geben, wie paßt das denn zusammen (siehe Bericht des Landvolk Niedersachsen http://landvolk.net/Agrarpolitik/Land-und-Forst/2012/02/1208/Berichterstattung.php )?
Nur weil die E-Coli-ESBL bei Tieren auch den Namenszusatz „ESBL“ tragen wie die Klebsiella Pneunominae CTX M 15-ESBL auf der Bremer Frühchenstation, sind es doch zwei gänzlich verschiedene Bakterien. Dass beide, mit und ohne ESBL-Eigenschaft, natürlich im Gedärm vorkommen, auch bei Frühchen auftreten können, ist nicht neu, stand sogar schon im SPIEGEL.
Das CTX M 15-ESBL wurde zuerst in Indien beschrieben. Von dort aus hat es sich verbreitet, darüber gibt es schon Landkarten, wo es denn zu welcher Zeit gefunden wurde. Man darf nun bei Indien, Pakistan, etc. – ohne hier Vorwürfe machen zu wollen – vermuten, dass Armut und die freie Verkäuflichkeit von Antibiotika, samt deren „Kopien“, was mit der Entstehung und raschen Verbreitung zu tun haben. Jeder Mensch hat ein Recht auf Medizin und nicht überall gibt es deutsche Krankenkassen und eine so strikte Trennung der Nutzvieharten und von Vieh und Mensch wie im reichen Deutschland. Wenn ich mal aus einer Schweizer Medizinzeitschrift zitieren darf (SchweizMedForum2010, Seite 916 „Neue gramnegative resistente Bakterien – Alarmismus oder echte Bedrohung?“ von Manuel Battegay, Andreas Widmer Klinik für Infektiologie & Spitalhygiene, Universitätsspital Basel): „Ein Beispiel einer neuen gramnegativen Resistenz sind CTXM15 ESBL, die in den 1990er Jahren in Indien erstmals beschrieben wurden. Hier sprang das entsprechende Gen vom natürlichen Wirt, Kluyvera spp., auf Plasmide, die sich in der Folge weltweit verbreiteten und eine der Hauptursachen für erworbene Resistenzen der Enterobacteriaceae gegenüber DrittgenerationsCephalosporinen darstellen.“ Wenn ich jetzt bösartig und verblendet wäre, könnte ich nun den Bio-Prinzen Löwenstein aus Stern-TV zitieren: „Es kommt darauf an, wo es herkommt“ – wir waren es nicht. Welcher Indienreisende hat’s mitgebracht? Aber Schuldzuweisungen an den Nachbarn haben schon die Ausbreitung der Syphilis begleitet und das Unkraut „Franzosenkraut“ verdankt auch so einer dümmlichen, lebensfremden Logik ihren Namen.
Horrorgeschichte über „Killerkeime“, die nun aber diesmal extrem bedrohlich sein sollen, findet man so alle 2 Jahre in den Medien. Wie war das noch bei der Hühnergrippe, der Schweinegrippe, der Vogelgrippe, bei BSE, Dioxin, etc.? Ob Virus, Bakterium, Pestizid, Umweltgift, Unwetter, Pilz, alles Recht, was sich als Panik-Strickmuster, insbesondere gegen die konventionelle Tierhaltung, benutzen läßt, der erhofften Veränderung willen?
Die Studien aus den Niederlanden belegen eben nicht, dass ESBL-Erkrankungen bei Menschen und auf den Antibiotikaeinsatz in der Tiermast zurückzuführen sind, sondern nur, dass die Keime identisch sind. Diese ESBL wurde nicht in Ställen konstruiert, sondern hineingetragen, von Menschen hineingetragen. Die Menschen stecken sich, wie in Bremen, gegenseitig an, und die Haustiere und alle Tiere in ihrer Umgebung dazu. Dass die Menschen sich dann wieder über Fleisch oder Rohkost anstecken, ist in einer normalen Küche eben sehr unwahrscheinlich. Die Mehrzahl der Indienurlauber dürfte mit ESBL im Darm aus Fernost in die Heimat zurückkommen, übrigens nicht weil sie gekochtes Fleisch gegessen haben, sondern weil sie Rohkost gegessen haben. Wie leicht sich Keime über Rohkost verbreiten, hat die EHEC-Epidemie im Mai-Juni 2011 gezeigt, obwohl man hier auch gleich wieder auf die Tiere und das Fleisch zeigte. Aber nein, ganz, ganz große Überraschung, es war Bio-Rohkost, es waren echte Bio-Tote, keine hypothetischen. Das kommt davon, wenn man Vorteile schürt und Gefahren verzerrt. Dass man daraus nichts gelernt hat zeigen die Tipps, doch Gemüse zuerst zu schneiden und dann Fleisch, als ob auf Gemüse keine Keime sein könnten. Man sollte sich auch, bevor man Essen zubereitet, die Hände waschen, zwischendurch auch nicht zum meist klobakterienverseuchten Handy greifen, um hier mal weiter aufzuklären.
Die Nebenwirkungen der Antibiotika sind seit deren Entdeckung bekannt. Alexander Flemming warnte 1945 in seiner Dankrede zum Nobelpreis schon davor, dass Antibiotika unwirksam werden, sich Resistenzen finden, wenn sie in zu geringer Dosierung angewendet werden („It is not difficult to make microbes resistant to penicillin in the laboratory by exposing them to concentrations not sufficient to kill them, and the same thing has occasionally happened in the body.“, siehe: http://www.nobelprize.org/nobel_prizes/medicine/laureates/1945/fleming-lecture.pdf ). Später erkannte man, dass nicht nur eine Unterdosierung Resistenzen fördert, sondern dass das eine Nebenwirkung jeder Anwendung ist. Ein Antibiotikum, das ewig wirkt, wird es nie geben. Antibiotika wurden nicht erfunden, sie wurden zufällig gefunden. Es gibt sie schon seit „Ewigkeiten“, ebenso lange gibt es Resistenzen dazu. Wird ein Antibiotikum isoliert, kann man davon ausgehen, dass irgendwo, und sei es in 30000 Jahre alten Sedimenten, auch eine Resistenz verkommt (siehe http://www.dradio.de/dkultur/sendungen/mahlzeit/1693391/ ). Die Gegner der konventionellen Landwirtschaft versuchen folgende Desinformation zu etablieren: Die Antibiotika wurden erfunden und die konv. Landwirtschaft ist schuld, wenn die Medikamente nicht mehr wirken weil sie sich in den Ställen entwickeln. Völlig irre, aber mit System. Mit dem Einsatz jedes Antibiotikums nimmt man die Gefahr in Kauf, dass nun gerade bei dem Patienten das Resistenzgen da ist und sich nun der Erreger überproportional vermehrt, statt stirbt. Wir leben in einer „bacterial world“, jede Zeit hat ihre Bakterien. Erfolgreiche Keime gehören irgendwann zur Umwelt, bis evtl. ein noch erfolgreicheres Gegenmittel gefunden oder erfunden ist. Nur weil der Mensch in letzter Zeit Krankheiten erfolgreicher bekämpfen kann, gibt es eine Garantie auf den Status Quo. Der Natur ist der Mensch egal. Der Naturbegriff der heutigen Menschen ist vom Mitleid mit der Natur geprägt, kennt die Natur nicht mehr als böse, bedrohlich, als krankbringend. Der heutige Mensch denkt, er hat die Natur besiegt – bis er stirbt, denkt er das wohl. Resistenzen entstanden überwiegend bei Menschen und werden von ihm verbreitet, auch zu den Tieren. Nur Menschen werden sehr, sehr lange und intensiv und immer wieder mit Medikamenten behandelt. Bei Tieren ist das (in der Regel) zu kostspielig, da haben die Keime nicht so lange Zeit, sich anzupassen. Warum wirken denn viele Antibiotika noch bei Tieren, bei Menschen nicht mehr? In Entwicklungsländern werden Tiere kaum mit Medikamenten behandelt, dort gibt es mehr Krankheiten, entstehen mehr neue Krankheiten und neue Resistenzen, von da kommen viele Krankheiten, ganz ohne Massentierhaltung. Die Globalisierung fördert den Wohlstand, könnte auch diese Probleme dort lindern. Aber all das kennt der moderne Mensch nicht, will lieber bequem Sündenböcke für natürliche Ereignisse haben. Man stirbt nicht mehr, man wird vergiftet.
Ein sorgfältiger Umgang mit Antibiotika ist notwendig, bei Mensch und Tier. Ebenso die Forschung nach immer neuen Methoden und Mitteln. Nicht Angst vor der Unwirksamkeit ist das Rezept – oder der sisyphoshafte Versuch, die Ausbreitung von Keimen auf einen Status Quo einzufrieren, Forschung ist nötig, um bei dem Hase-Igel-Wettlauf immer eine Nase vorne zu sein. Das alles wissen die Züchter, die Tierzüchter, ganz genau und handeln. Nicht auf einem lustigen Bauernhof mit allerlei Vieh und Mist ist es möglich, die Keime zu kontrollieren, das kann man besser in abgeschotteten Anlagen. Das kann man nicht in indischen Bauernhöfen oder in solchen wie bei uns früher, das kann man in Bauernhöfen, wo sogar die Spatzen verhungern, weil alles hygienisch abgeschottet ist. Dort ist der Einsatz von Antibiotika viel weniger erforderlich, weil die Keime gar nicht reinkommen. Neue, große, rationelle Ställe habe weniger Antibiotikaeinsatz als alte Ställe mit entweder hohen Verlustraten durch Krankheiten oder hohem Antibiotikaeinsatz. Das ist übrigens auch in der NRW-Studie zu erkennen, wenn man die Zahlen nimmt wie sie sind und nicht wie sie dem NRW-Minister ins Konzept passen. Wer hier die Anforderungen verschärft wird sich wundern, er bewirkt mehr neue, große Ställe, kein zurück zum Kindheitsbauernhof.
Geflügelfleisch wird eine zentrale Rolle bei der Eiweißversorgung der wachsenden Menschheit spielen, denn es ist mit geringem Futtereinsatz schnell zu erzeugen. Die Tiere mußten mal schnell wachsen, um Feinden zu entfliehen. Von einem Hektar Geflügelfutter bekomme ich mehr Menschen regional und umweltschonend satt, als mit vegetarischen Frische-Spezialitäten rund ums Jahr von den Hektars der Welt. Dass wir aus Armut fleischlos werden, kann ja wohl nicht das Ziel der Veränderung sein: 200 kg Kartoffelverzehr pro Kopf und Jahr, 140 kg Graubrot, Gemüse nur was saisonal bezahlbar ist oder während der Saision eingemacht wurde, Einfach-Margarine für Arme, Butter und das edlere Fleisch wieder nur für Reiche? Zweifellos eine umweltfreundliche, regionale, sehr flächenschonende Ernährung. Dass heute die Welt mehr Menschen als jemals zuvor gut ernährt, das ist doch wohl erhaltenswert, jedenfalls aus sozialen Gesichtspunkten, wenn man sich nicht zu den Reichen zählen darf.
Der Brunnen der konventionellen Landwirtschaft ernährt die Welt, und die, die das kritisieren, die haben dazu am wenigsten beigetragen, ja diese Leistung wurde gegen sie erzielt. Der Beweis, dass sie es besser machen können, wird nicht erbracht, statt dessen werden immer neue Subventionen gefordert, von denen zu zahlen, die sich die Luxuskost nicht leisten können.
Herr Remmels Antibiotika-Argumentation baut darauf, dass (fast) alle Hähnchen Antibiotika bekommen, dass antibiotkafreie Mastdurchgänge in großen Ställen fast nicht möglich sind, dass diese Hühnchen ohne AB tot umfallen müssen. Das widerspricht den Grunddaten seiner Studie, da gibt es sehr wohl 40.000er-Ställe ohne Antibiotika, aber den Aspekt wollte man nun gerade nicht thematisieren. Und, warum werden in Kleinbeständen weniger AB eingesetzt? Kann es sein, dass da stärker gemerzt wird, weil sich der Tierarztbesuch schlicht nicht lohnt oder man die Anerkennung von “Bio” o.a. nicht verlieren will? All das paßt nicht in den Tunnelblick, der sogar 1 Mio. antibiotikafreie Hühnchen übersieht.
Dass nach Wegen gesucht werden muß, die Antibiotikagaben zu reduzieren, ist Konsens, bei Bauern, den Tierärzten, der Mikrobiologie, der Politik, den Züchtern. Dass hier auch täglich Fortschritte gemacht werden, das sollte wohl mit dem Theater verdeckt werden. Bis 2005 (Zeitalter der AB-Masthilfsmittel) hätte die Zahl 96,4% noch im Plausibilitätsbereich liegen können. Aber Herr Remmel ist seiner Gefolgschaft wohl diese Argumentation schuldig, braucht deswegen unbedingt die extrem hohe Zahl von 96,4%: “So gut wie alle Hühnchen bekommen Antibiotika; ohne Antibiotika bricht das System Massentierhaltung zusammen, fallen alle Tiere in Großställen tot um; ohne Antibiotika kann man keine Großställe betreiben; Der richtige Weg sind nur Kleinbetriebe und Kleingruppen, möglichst in Bio.”
Wenn er nun zugeben müßte, das der deutsche Wert mehr bei 76% liegt (Hühnchen, die Antibiotika während der Mast bekommen müssen), wie das die Studie in Niedersachsen, das 8-mal Mastplätze als NRW hat, zeigte, dann bricht seine Argumentation zusammen. In NRW gibt es eine seit Jahren schikanierte, gewürgte Hühnermast, die ist nicht mehr repräsentativ für Deutschland. Wo werden neue, auf den neuesten Stand der Technik stehende Ställe gebaut und wo werden sie am stärksten blockiert? Wo ist der Keimdruck geringer, irgendwo j.w.d. oder in den Hühner-Kernzonen?
Die Lösung sind nicht in Illusionen, im Zurück in die Vergangenheit zu suchen – so wird man nur die Produktion aus dem Land in weniger gut organisierte Länder ekeln. Die Lösung sind Ställe (neu oder renoviert), geplant oder umgebaut unter neuesten Hygienegesichtspunkten, modernste, optimale Klima- und Umweltverhältnisse in den Ställen, ausreichend Platz und bessere Einstreu, motivierte statt demotivierte Mäster, was in der Genetik in Richtung robust, optimale Schonung der Küken, mehr Rechte für Tierärzte (effektive “Bestandsbetreungsverträge” mit Haltergruppen), das könnte weiter zielführend in Richtung weniger Antibiotika sein. Dann muß man natürlich auch wissen, wo die Keime immer wieder herkommen, wie man sie aus den Ställe hält, wie man sie beherrscht, dazu braucht man mehr Forschung. Neues Wissen, gute Leute, das bringt uns weiter, nicht abgehobender Dogmatismus und gefälschte Zahlen.
Der Weg von Herrn Remmel würde zum Niedergang des für Niedersachsen wichtigen Betriebszweiges führen, zu mehr Importen von evtl. gechlorten Hähnchen (“Debatte keimfrei”, sind die Gegner von 2008 evtl. nun Befürworter von unnatürlich keimfrei?, siehe . [www.taz.de] ). Minister Remmel mag seine Linie haben, aber man muß auch zeigen, dass es eine bessere, sinnvollere, realere Linie gibt, dass man gesund und wettbewerbsfähig hier produzieren kann. Nur eines muß klar sein, mehr schärfere Vorschriften führen zu neuen Ställen, zu größeren Ställen, weil bisher nur so strengere Vorschriften wirtschaftlich umsetzt werden konnten. Wer Vorschriften verschärft, bekommt man weder bei Schweinen, beim Feldbau, bei Hühnern, bei der Kuhhaltung, kleinere Betriebe, man bekam immer größere Betriebe. Da beißt sich dann regelmäßig bei wem der Hund in den Schwanz.
Nun zur Aufklärung: Will ich gerne auch Journalisten, damit nicht so viele Einseitigkeiten verbreitet werden, der leider kaum kommunizierte Standpunkt der Landwirtschaft etwas besser dargestellt wird. Vielleicht bekommen manche Journalisten demnächst eine Einladung, wo sie meinen Namen finden. Man muß ja was tun, für die Zukunftr, gegen Einsetigkeiten, wer will: zur Rettung der Menschen.
Mit freundlichen Grüßen: Georg Keckl, Agrarstatistker aus Hannover
Die Aussagen von Remmel und einiger Blogger sind grotesk, wenn man sich die zeitliche Entwicklung zur Ausbreitung der ESBL-Keime anschaut. Man hat mitunter den Eindruck, die Humanmedizin sucht Hände ringend nach Schuldigen, um vom eigenen Fehlverhalten abzulenken. Glaubt man Prof. Lothar Wieler, Direktor am Institut Mikrobiologie und Tierseuchen an der FU Berlin wurden die ersten ESBL-Isolate 1985 in der Humanmedizin entdeckt, 1998 traten erste ESBL-Keime bei Heimtieren auf und im selben Jahr gelang die Isolation bei Nutztieren.
Derzeit wird innerhalb des Forschungsverbundes RESET untersucht, wie häufig die ESBL bei Tieren wie Schweinen oder Geflügel vorkommen, wie die Übertragungswege auf den Menschen sind, und welche Bedeutung dies für die Therapie hat. Bis dahin ist es müßig zu spekulieren.
Das Internetportal Animal-Health-Online hat soeben einen Film zum Thema “Antibiotika-ressistente Bakterien in Krankenhaus- und Siedlungsabfällen” ins Internet gestellt (http://www.animal-health-online.de/gross/2012/02/14/antibiotika-ressistente-bakterien-in-krankenhaus-und-siedlungsabwassern/20254/)
Lesen Sie auch:
Grundwasser und Flüsse durch Humanarzneimittel gefährdet (http://www.animal-health-online.de/gross/2001/06/11/grundwasser-und-fluesse-durch-humanarzneimittel-ge/2404/)
Humanarzneimittel wie Barbiturate verbleiben Jahrzehnte im Grundwasser (http://www.animal-health-online.de/gross/2006/08/15/humanarzneimittel-wie-barbiturate-verbleiben-jahrz/8745/)
Resistente Keime und Rückstände im Wasser (http://www.animal-health-online.de/gross/2009/09/26/resistente-keime-und-rckstnde-im-wasser/14762/)
Schmerzmittel belasten deutsche Gewässer: Jährlich mehrere hundert Tonnen an Arzneimitteln im Abwasser (http://www.animal-health-online.de/gross/2012/02/08/schmerzmittel-belasten-deutsche-gewasser-jahrlich-mehrere-hundert-tonnen-an-arzneimitteln-im-abwasser/20132/)
Handlungsbedarf: Humanarzneimittel gefährden Umwelt und Trinkwasser (http://www.animal-health-online.de/gross/2012/02/13/handlungsbedarf-humanarzneimittel-gefahrden-umwelt-und-trinkwasser/20205/)
Hoch interessant sind auch die Veröffentlichungen der Öffentlichen Krankenkassen, die einen rapiden Anstieg des Antibiotikaeinsatzes (um 25 %!) feststellen – während in der Veterinärmedizin der AB-Einsatz Dank zunehmender Impfstoffe sinkt. Verrückte Welt!
Größer – schneller – billiger:
Unter diesem Motto der Agrarindustrie leiden heute rund 150 Mill. Nutztiere in deutschen Ställen. Ob Schwein, Rind, oder Legehenne, ob Pute, Kaninchen oder Ente – sie werden verstümmelt, in enge Ställe oder Käfige gepfercht und mit Medikamenten vollgepumpt. Auf der Strecke bleiben nicht nur das Wohl der Tiere und ihre artgemäße Haltung, sondern auch Qualität, Geschmack und die gesundheitliche Unbedenklichkeit der Produkte.
Mediziner warnen seit Jahren die Verbraucher vor Medikamentenanreicherungen in Fleisch, Milchprodukten und Eiern. Es gilt als gesichert, daß Antibiotikaanreicherungen im Fleisch, speziell im Schweinefleisch, die Hauptursache für die hochbrisante Antibiotikaresistenz beim Menschen sind. Immer mehr Menschen sprechen selbst auf hohe Antibiotikadosen nicht mehr an.