“Devise: Anpacken, aber nicht zu weit gehen”

Der Entwurf zur Änderung des Arzneimittelgesetzes durch die Bundesministerin für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz wirkt auf den ersten Blick wie ein Schnellschuss auf eine Hähnchenfleischstichprobe des BUND. Der hatte unlängst antibiotika-resistente Keime in jeder zweiten Probe gefunden und dadurch deutschlandweit einen Aufschrei ausgelöst und nach eigenen Angaben 23.000 Teilnehmer zur Großdemo am vergangenen Samstag mobilisiert. Thema war auch der Gesetzentwurf: “Unzureichend, übereilt, undurchdacht”, so der Tenor vieler Demonstranten.

Hähnchenmast in Deutschland

Hähnchenmast in Deutschland

Und wenn man den Entwurf liest, kommt man tatsächlich zu dem Eindruck, dass da einiges noch nicht so ganz durchdacht ist. Da sollen zwar endlich die Daten über den Antibiotika-Einsatz in der Tiermast besser erfasst werden, aber der eigentliche Unsinn, der überhaupt erst zum hohen Einsatz von Antibiotika führt, wird in diesem Gesetzentwurf nicht angepackt. Die Bedingungen für die Nutztierhaltung nämlich.

Nach einer Studie des Verbraucherschutzministeriums Nordrhein-Westfalens bekommen 96 Prozent der Masthähnchen mindesten einmal in ihrem 35 Tage dauernden Leben Antibiotika. “EinTierarzt darf Antibiotika ja nur im Krankheitsfall verschreiben und das muss auch so sein”, redet sich die Ministerin raus und verweist auf das Tierschutzrecht. Dass aufmerksame und geschäftstüchtige Tierärzte bei 39.000 Tieren in einem Stall vermutlich immer ein krankes Huhn finden, spielt in ihren Überlegungen offenbar keine Rolle.

Die Folgen dieser ministerialen Grundeinstellung lassen sich nicht länger verbergen. Der Antibiotika-Einsatz in der Tiermast wird zum Problem für den Menschen. Ist ein Huhn krank, werden alle behandelt. Über das Trinkwasser. Ein einzelnes Tier zu behandeln, ist nicht möglich und auch gar nicht nötig. Das bleibt auch in Zukunft so. Das wird auch die Laboruntersuchung, die die Landwirtschaftsministerin in Zukunft hin und wieder von den Tierärzten einfordern lassen will, nicht ändern. Denn erst bei einem Wechsel eines Wirkstoffes oder bei einer wiederholten Anwendung wird diese aufwändige und für den Tierhalter kostenintensive Analyse zur Pflicht. Das Gesetz greift also immer erst beim zweiten Einsatz von Antibiotika.

Was auf den ersten Blick wie Flüchtigkeitsfehler bei einer Spontan-Reaktion aussieht, ist in Wirklichkeit seit August in Arbeit und detailliert geplant. Es ist ein Spagat zwischen zwei Ressorts, die einfach nicht in ein und dasselbe Ministerium passen: Landwirtschaft und Verbraucherschutz. Damals, als die Staatssekretäre den Auftrag zur Ausarbeitung des Gesetzentwurfes bekamen, wurden alle EU-Regierungen von der europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit gewarnt. Vor ESBL-bildenden Keimen aus der Geflügelmast. ESBL zerstört eine ganze Reihe von Antibiotika und die Keime, die diesen Stoff produzieren, breiten sich immer weiter aus. Das ist genauso bekannt wie beunruhigend. Und es passt vor allem nicht ins Bild der erfolgreichen deutschen Agrarindustrie, die gerade zur weltweiten Nummer eins der Fleischexporteure emporgestiegen ist.

In Bayern, dem Hauptwirkungsland der Bundesministerin, pflegt man traditionell einen sehr engen Schulterschluss zwischen Landwirtschaft und Politik. Für eine Verbraucherschutzministerin kann das schwierig werden, denn von der erwartet man ja, dass sie bei der Lebensmittelproduktion etwas genauer hinschaut. Daher musste der Gesetzentwurf vor allem zwei Voraussetzungen erfüllen.

1. Er soll Tatkraft demonstrieren. “Seht her ich habe das Problem erkannt und packe es an”, soll er nach außen zeigen. Das macht die Verbraucherschutzministerin beliebt beim Volk und sichert Wählerstimmen.
2. Er darf nicht zu weit gehen. “Macht Euch keine Sorgen, es bleibt alles wie gehabt”, das müssen die Wirtschaftsverbände erkennen, damit sie die Landwirtschaftsministerin und deren Partei auch in Zukunft unterstützen.

Und vielleicht wäre der Plan auch aufgegangen, wenn das Ministerium die Keime und den mit ihnen verbundenen Schrecken, den sie beim Volk auslösen, nicht unterschätzt hätte. Ilse Aigner wird sich in den kommenden Debatten um ihren Gesetzentwurf schon bald entscheiden müssen: Ist sie Landwirtschafts- oder Verbraucherschutzministerin? Als ich sie für das ZDFzoom auf der Grünen Woche in Berlin befragt habe, da war sie noch Landwirtschaftsministerin.

- Torsten Mehltretter

5 Kommentare | 25. Januar 2012 | 12:28 Uhr | Twittern | Facebook

5 Kommentare

  1. Seit einigen Jahren ist eine alternative Methode inzwischen weltweit verbreitet, welche dafür sorgt, daß der Antibiotikaeinsatz auf das unbedingt notwendige beschränkt werden kann (bis zu 90% weniger). Stark vereinfacht erklärt werden gesunde (probiotische) Bakterien in der Tiermast zur Stallreinigung und ein ebensolcher “Stabilisator” zur permanenten Anwendung gebracht. Diese absolut umweltfreundliche Methode erhöht die Gesundheit der Tiere und senkt die Ausfallquote erheblich. Resistenzen können nicht entstehen. Es herrscht eine “gesunde” Umgebung.
    Ähnliche Vorgehensweisen reduzieren die MRSA-Belastung in Krankenhäusern und Altenheimen! Universitätsstudien aus Belgien und Italien bestätigen die sensationelle Wirkung.
    Weltweit ist dieses Verfahren erfolgreich im Einsatz über Neuseeland, Argentinien, USA, Tschechien, Kanada, Italien Belgien, Holland usw. usw.
    Nur in Deutschland stehen die Verantwortlichen trotz des Wissens sehr reserviert zu dem Thema.
    Warum? Ignoranz? Desinteresse? Bequemlichkeit? ( das haben wir noch nie so gemacht)
    Traditionelle Verhaltensweisen? (das haben wir schon immer so gemacht) Formalismen?
    Wer weiß!
    Trotzdem hat sich in Deutschland seit in paar Wochen ein Schweinezüchter (er wird den Antibiotikaeinsatz drastisch senken) entschlossen einen Versuch zu starten. Das Ergebnis wird so sein, wie in allen anderen Ländern auch . . . .

    Heinz Köttner | 26. Januar 2012 | 00:21 | Antworten
    • In der Schweinehaltung ist der Antibiotikaverbrauch nicht das Problem, Da man selektiv mit einer Spritze behandeln kann und dies auch tut! Die hohen Medikamentenverbräuche stammen alle aus der Geflügelhaltung. Ich bitte hier ganz deutlich zu unterscheiden!
      Das MRSA zwei verschiedene Stämme hat wissen sie ja sicherlich und zwar den aus der Tierhaltung, der für den Menschen nicht gefährlich ist und den beim Menschen vorkommenden, der sehr gefährlich ist und nichts mit Tierhaltung zu tun hat!
      Zu ihrem Thema möchte ich nochmals sagen das es mich schon wundert, das wenn in den Niederlanden diese Probiotika eingesetzt werden, trotzdem solche Probleme mit Krankheitserregern auftreten.

      Bauer | 26. Januar 2012 | 12:23 | Antworten
  2. Ilse Aigner muss weg und Fleisch sollte man in einer Welt wie unserer nicht mehr essen. Es wird sich sowieso nichts ändern. Es geht immer nur ums Geld und das wird auch nie aufhören.

    Lea Harms | 26. Januar 2012 | 00:32 | Antworten
  3. Die Einsätze von Antibiotika kann man nicht bestreiten. Jedoch ist mir in den Bericht aufgefallen das nur die konventionellen Betriebe untersucht wurden. Meine Frage lautet demnach: Wie sieht es bei Biohähnchen aus, die ja nicht aus der Massentierhaltung stammen sollen. Wie sieht es generell mit dem Tierwohl in Biobetrieben aus? Stellen sie bitte richtig das es auch große Tierbestände in der Biolandwirtschaft gibt! Lassen sie Untersuchungen bitte von unabhängigen Instituten durchführen. Mir fehlt ganz klar die Unabhängige und Unbefangene Berichterstattung und der Bericht schien absichtlich in eine Richtung zu führen und zwar in Richtung Biologische Tierhaltung. Dazu wurden aber keine Untersuchungen angestellt und das halte ich für unsachliche, einseitige Berichterstattung und Lobbyarbeit für den Biosektor! Bitte vergessen sie nicht das der EHEC Erreger auch auf Biosprossen nachgewiesen wurde! Ich würde mich sehr über eine präzisere und unabhängige Berichterstattung zum Wohle des Verbrauchers freuen!

    Bauer | 26. Januar 2012 | 00:51 | Antworten
  4. Ich fand die Sendung nicht neutral. Wenn die Klinikleiterin in Bremen auf die Landwirtschaft verwaist beim Thema MRSA dann will sie doch vor allem Schaden von ihrem Haus abwenden. Der BUND veröffentlicht eine “Studie” nach der anderen, von denen aber keine repräsentativ und wissenschaftlich fundiert ist. Warum wurden keine Sockenproben auf Freiflächen um Biobetriebe, Alterheime oder Krankenhäuser oder um Kirchen gemacht um festzustellen ob man dort auch MRSA-Keime in der Umwelt findet? Auf Herrn Remmel seine Untersuchungen zu verwaisen ist zwar ok, weil die Datenbasis groß ist, allerdings verfolgt auch er spezielle Lobbyinteressen und interpretiert die Daten in seinem Sinn! Für manches was Herr Remmel als Skandal bezeichnet gibt es vernünftige Gründe für anderes nicht und Herr Remmel hat Recht. Differenzierte Analysen und keine reißerischen Angriffe sind notwendig um dem MRSA-Keimen entgegen zu treten. Das Problem erhöhter Medikamentengaben in der Tierhaltung wird man nach meiner Meinung nur über die Wirtschaftlichkeit in den Griff bekommen: Eine Zusatzsteuer auf Antibiotika für Haus- und Nutztiere wäre nach meiner Auffassung sinnvoll. Die Mittel müssen so teuer sein, dass sie nur im Notfall eingesetzt werden und keinen wirtschaftlicher Nutzen über den kurativen Effekt daraus hervorgeht. Mit den Einnahmen sollte dann die neutrale MRSA-Forschung unterstützt werden.

    J68 | 27. Januar 2012 | 09:33 | Antworten

Was sagen Sie dazu?