“Plötzlich stutze ich, spule zurück”

Hansjürg Zumstein

Autor Hansjürg Zumstein

Seit Stunden sitze ich im Schnittraum und schaue mir Rohmaterial an, das meine Kollegen aus den News-Abteilungen beim Kachelmann-Prozess gedreht haben. Plötzlich stutze ich, spule zurück, höre mir das Interview mit Kachelmanns Verteidiger Birkenstock nochmals an. Und nochmals. Zwar strecken ihm alle Journalisten ihre Mikros vor die Nase, doch dieses Quote wurde nirgendwo publiziert. Warum?

Es ist der erste Prozesstag, und die meisten Redaktionen wollen nur eines wissen: „Wie geht es Ihrem Mandanten heute?“ Doch was Birkenstock an diesem Tag erklärt, ist brisant. Er sagt, sein Mandat sei wegen einer Falschmeldung in der Presse vorverurteil worden. Um Birkenstocks Aussage zu verstehen, muss man sich zurückversetzen in den April 2010: Die Ex-Geliebte, die Jörg Kachelmann laut Anklage vergewaltigt haben soll, hatte am 20. April gegenüber der Staatsanwaltschaft ihre Aussage massiv korrigieren müssen. Ein Teil der Vorwürfe gegen Kachelmann brechen in sich zusammen. Die Öffentlichkeit erfährt allerdings nichts davon.

Brisante Informationen gesteckt

Im Gegenteil: Am nächsten Tag erhalten Journalisten aus Ermittlerkreisen eine brisante Information gesteckt: An einem Messer, aufgefunden in der Wohnung der Ex-Geliebten, habe die Spurensicherung DNA-Spuren von Kachelmann gefunden. Am nächsten Tag, also am 22. April, publiziert die Süddeutsche Zeitung den Artikel mit dem Titel „Messer mit Fingerabdrücken“. Zitat aus dem Artikel: „An dem Messer fanden die Ermittler nach eigener Aussage Teile von Fingerabdrücken und DNS von Kachelmann.“ Heute weiß man: Das ist falsch, die Spurensicherung hat nie eindeutig nachweisbaren Spuren von Kachelmann an einem Messer gefunden.

Zurück zum Interview von Birkenstock, das an diesem ersten Prozesstag unterging und das ich jetzt hin- und zurückspule. Birkenstock kritisiert darin die Justiz, weil sie diese nachweislich falsche Meldung der Presse zusteckte. „Aus jedem Tatort weiss man: DNA-Spuren sind der todsichere Beweis. Mein Mandant wurde vorurteilt durch die Staatsanwaltschaft“, kritisierte Birkenstock.

Ist das legitim?

Tatsächlich ging auch ich damals, nach Lektüre dieser Meldung in der Süddeutschen, davon aus: Kachelmann ist schuldig, er hat es getan, er ist überführt. Als Zeitungsleser wurde ich ein Opfer einer Falschmeldung, die Kachelmann-Ermittler geschickt in den Medien platzierten.

Ist das legitim? Ist es erlaubt, dass Ermittler mit Falschinformationen Angeschuldigte quasi in der Öffentlichkeit vorverurteilen? Ich denke, dass dies keinesfalls gestattet ist – wer auch immer der Angeschuldigte ist, was auch immer er angeblich getan haben soll. Ich denke, dass solche Praktiken verwerflich sind und geahndet werden müssen. Und ich denke auch, dass die Aufsichtsbehörde der Staatsanwaltschaft Mannheim gut daran täte, diesen Vorfall zu untersuchen.

Übrigens: Wie ich später herausfinde, liegt der schriftliche Bericht des Spurensachverständigen am Tag, an dem die Süddeutsche ihren Artikel publizierte, noch gar nicht vor. Dieser ist datiert auf den 26. April 2010. Und darin heisst es klar und deutlich, dass keine eindeutig nachweisbaren Kachelmann-Spuren am Messer gefunden worden. Doch das erfährt die Öffentlichkeit erst viele Monate später – am 21. Dezember, als der Sachverständige vor dem Gericht als Zeuge einvernommen wird.

6 Kommentare

  • kirsten krämer
    25.05.2011, 15:09 Uhr.

    Was mich wundert ist, dass das mutmaßliche Opfer so “doof” sein sollte ein Messer ohne DNA in die Beweisführung einzubringen. Ob Unterstellung oder Vergewaltigung eine DNA am Messer die fehlt macht eher Herrn Kachelmann verdächtig . . .

  • Linuxhelfer
    25.05.2011, 15:13 Uhr.

    Sehr geehrter Herr Zumstein,

    für uns Außenstehende Internet-User und Fernsehzuschauer ist es schwierig, den Fall zu beurteilen, da uns wesentliche Informationen aus den Aussagen des mutmaßlichen Opfers fehlen.

    Das was die Öffentlichkeit weiss, sind lediglich die Fakten aus diesen Gutachten, dann die Fakten aus der Untersuchung der – möglichen – Tatwaffe (ich schreibe hier deshalb “mögliche Tatwaffe”, da es auch hier keine eindeutigen und aussagekräftigen Spuren gibt).

    Außerdem kennt die Öffentlichkeit die Plädoyers der Staatsanwalt-
    schaft sowie die der Verteidigung.

    Wenn man nun das alles zusammen nimmt, dann muss man so ehrlich sein und sagen, dass es in diesem Fall – gemäß aller bekannten Fakten – Aussage gegen Aussage steht und sich eigentlich nichts beweisen lässt, weder die Tat noch die eindeutige Undschuld von Herrn Kachelmann.

    Daher wäre es gut, wenn Sie mal etwas mehr Fakten bringen könnten, um diesen Fall eindeutiger einschätzen zu können. Aber so wie ich es sehe, wird es lediglich ein 2. Klasse-Freispruch aus Mangel an Beweisen. Und das führt unweigerlich dazu, dass der Ruf von Herrn Kachelmann ein für alle Male irreparabel beschädigt sein dürfte.

    Sollte Herr Kachelmann allerdings lediglich auf Basis der bisher vorliegenden Indizien und Aussagen verurteilt werden, dann würde ich Herrn Kachelmann in der Tat dringend zu eine Berufung raten. Denn unser Gesetz sieht eindeutig die Regel vor: wenn auch nur der geringste Zweifel besteht, dann muss freigesprochen werden. Und das sollte auch ein Staatsanwalt mit Namen Oltrogge mal nicht vergessen

  • Andreas Gati
    25.05.2011, 19:30 Uhr.

    nicht nur, daß die Falschmeldung aus Ermittlerkreisen bzw. Staatsanwaltschaft kommen mußte. Mindestens genauso skandalös ist, daß die Staatsanwaltschaft die erkannte Falschmeldung nicht sofort korrigierte. Zusammen mit der sehr langen Zurückhaltung der Lügen der Frau wird klar, daß die Staatsanwaltschaft für Kachelmann belastendes in der Öffentlichkeit ‘förderte’ und entlastendes unterdrückte.
    Mit der gesetzlichen Verpflichtung zur Neutralität der Staatsanwaltschaft hat das nichts zu tun und sollte Anlaß für eine Dienstaufsichtsbeschwerde sein. Solche Staatsanwälte schaden dem Rechtssystem und braucht kein Mensch!

  • ripu333
    25.05.2011, 23:30 Uhr.

    Mein Gott.. Was machen diese Menschen (StA. und Richter) aus unserm Rechtsstaat.Warum kann man sie nicht zur Rechenschaft ziehen. Wenigsten vor Gericht sollte es
    korrekt zugehen…Haben sich diese Veantwortlichen mal
    gefragt, welche Trümmer sie damit hinterlassen.Wenn sich
    der kleine Lockenkopf unbedingt profilieren muss,dann
    nicht auf Kosten der Gerechtigkeit …Schande …

  • Linuxhelfer
    26.05.2011, 10:25 Uhr.

    Hallöchen Herr Zumstein,

    ich lese hier immernoch, dass mein Kommentar moderiert würde. Wann ist dass den abgeschlossen?? Denn das ist schon seit gestern Abend auf diesem Stand.

    Aber nun zurück zum Fall Kachelmann. Hier ist es wirklich schwierig, ohne ausreichende Fakten die Sachlage wirklich einschätzen zu können. Daher sehe ich es so, dass es auf eine Patt-Situation – also einem Unentschieden – hinausläuft. Denn: es gibt so viele Fragen zu diesem Fall und so wenige Antworten.

    Welche Fragen es gibt? OK, dann stelle ich Ihnen mal meine Fragen.

    Frage 1: welche anderen Sachbeweise außer diesem Messer gibt es denn?

    Frage 2: wie kann man von diesem Messer als Tatwaffe sprechen, wenn keinerlei DNA-Spuren festgestellt wurden?

    Frage 3: wie kann eine Aussage glaubwürdig sein, wenn diese mehrmals korrigiert und verändert wurde durch die Betroffene selbst?

    Frage 4: welche Widersprüche kamen in den nicht-öffentlichen Verhandlungstagen zur Sprache? Darüber wurde die Öffentlichkeit gar nicht informiert.

    Frage 5: Welche Widersprüche gibt es zwischen der Aussage der Betroffenen und den Glaubwürdigkeits-Gutachten?

    Frage 6: Wie ist die Glaubwürdigkeit des – mutmaßlichen – Opfers einzuschätzen?? Ist sie glaubwürdig oder nicht??

    Sie sehen also, dass es hier an sehr vielen Fakten fehlt, damit sich die Öffentlichkeit ein objektives Bild in dieser Sache machen kann. Ich würde mich freuen, wenn diese Fakten bis zur terminierten Urteilsverkündung nächsten Dienstag nachgereicht würden. Danke schon mal an Sie dafür vorab.

    Gruß
    Linuxhelfer

  • Linuxhelfer
    30.05.2011, 18:34 Uhr.

    guten Abend Herr Zumstein,

    ich habe heute mit Spannung Ihre reportage hier im Internet über den Fall Kachelmann verfolgt und muss Ihnen beipflichten, dass es im Fall Kachelmann in der Tat so ist, dass eine Spaltung in zwei augenscheinliche Lager stattgefunden hat. Die eine Seite mit Burda und Frau Schwarzer die wohl eine Verurteilung von Herrn Kachelmann fordern und die andere Seite der Vertiedigung von Herrn Kachelmann.

    Ich muss Ihnen großes Lob aussprechen, dass Sie die Widersprüche in dieser Sache so deutlich herausgearbeitet haben. Wenn man dann diese ganzen Fakten aus dieser Reportage zusammen nimmt, dann bleibt unter dem Strich immer noch die Schlußposition, dass es immer noch Aussage gegen Aussage steht und sich nichts beweisen lässt, weder die angeklagte Tat noch Herrn Kachelmanns vollständige Unschuld. Denn in Ihrem Film kam auch klar zur Sprache, dass Herr Kachelmann in der Tat kein Vorbild ist, was seine Beziehungsfähigkeit angeht. Er ist verheiratet und betrügt ganz nebenbei noch seine jetzige Ehefrau gleich mit mehreren anderen Frauen.

    Das ist in meinen Augen zwar moralisch nicht sauber, aber justiziabel ist dass nicht. Von daher gehe ich davon aus, dass wir morgen einen klaren Freispruch von Herrn Kachelmann sehen werden.

    Warum? Ganz einfach:

    1. es gibt weiterhin keinerlei eindeutige Sachbeweise

    2. die Nebenklägerin hat sich zu oft in Widersprüche verwickelt und zu oft gelogen. Damit ist ihre Aussage nicht glaubwürdig. Und ich kann mir sehr gut vorstellen, dass bei ihr Rache an Herrn Kachelmann für seine Unaufrichtigkeit ihr gegenüber ein Motiv gewesen sein könnte (ich muss zugeben, dass ich dass von Herrn Kachelmann ehrlich gestanden nicht gedacht hätte, dass da sowas ans Licht kommt. Damit schadet er seinem Ruf nur selber. Darüber sollte er mal nachdenken und ich denke auch, dass er sich als Wettermoderator im Fernsehen damit selbst diskreditiert hat. Seine Karriere als Wettermoderator im Fernsehen dürfte beendet sein).

    3. Ich denke auch, dass es diese sogenannte “schwere Vergewal-tigung in Tateinheit mit Körperverletzung” wie sie hier angeklagt war, nie gegeben hat. Sämtliche offiziellen Gutachten (auch die von der Gerichtsmedizin) sprechen gegen die Nebenklägerin.

    Und wenn ich mir dann dieses statement von Frau Alice Schwarzer anschaue, dass von Rachegefühlen nur so strotzt, dann muss ich sagen, hat diese Frau Schwarzer hier ebenfalls ein 1a-Motiv, Herrn Kachelmann ans Messer zu liefern (ebenfalls das Motiv der Rache als Rächerin der Frauen).

    Von daher sehe ich es nun am Ende dieses Prozesses immer noch so, dass hier Aussage gegen Aussage steht und sich die Staatsan-waltschaft mit ihrer Forderung nach einer Freiheitsstrafe von vier Jahren und drei Monaten hier ein Urteil erkaufen will, nur um hier nicht das Gesicht zu verlieren (Profilierungssucht des Herrn Staatsanwalts Oltrogge). Aber damit begibt sich die Staatsanwaltschaft auf viel zu dünnes Eis und läuft Gefahr einzubrechen!! Die Staatsanwaltschaft wäre hier gut beraten zuzugeben, dass sie gerechterweise verloren hat und sie wäre gut beraten, nicht den schlechten Verlierer zu geben, indem sie in Revision geht im Falle des Freispruchs von Herrn Kachelmann.

    Denn: wenn sie das täte, würde die Staatsanwaltschaft sich selbst und unserem Justizsystem einen Bärendienst erweisen, da sie hier die Unschuldsvermutung bis zum endgültigen Beweis des Gegenteils ad Absurdum führen würde.

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