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Menschenhandel in Europa · ZDFzoom
Seit ich diesen Film gemacht habe…
Natürlich kenne ich Handy-Flatrates und habe von All-inclusive-Urlauben gehört. Seit ich diesen Film gemacht habe, weiß ich auch, was ein Flatratebordell ist – ein Puff, in dem Freier einen pauschalen Eintrittspreis bezahlen und Sex haben können, sooft sie wollen oder können.
Oft sind diese Flatratebordelle vollgestopft mit jungen Frauen aus Rumänien, die alle angeblich von allein auf die Idee gekommen sind, aus einem kleinen rumänischen Dorf aufzubrechen, um in irgendeinem Klub oder anonymen Apartmenthaus zwischen Flensburg und Garmisch- Partenkirchen zu landen. Jedenfalls sagen sie das immer stereotyp, wenn die Polizei nachfragt. Schwer zu glauben, sagen die Polizisten resigniert und sind sicher, dass die Händler, die die Mädchen gebracht, sie auch gebrieft haben, auf Fragen so zu antworten. Einige Polizisten haben Töchter im Alter der jungen Mädchen. Man merkt ihnen an, dass die Gespräche mit diesen halben Kindern sie nicht gleichgültig lassen.
Die Würde des Menschen ist unantastbar, heißt es im Grundgesetz Artikel 1, doch ist es mit Würde vereinbar, wenn ein Freier für einen Pauschalbetrag jedes Mädchen im Puff haben kann? Und die kriegt pro Freier gerade mal zehn Euro? Das Ganze ist kein moralisches Problem: Prostitution ist nicht mehr sittenwidrig, lebt von Angebot und Nachfrage. Doch was ist mit den Frauen, die gezwungen werden, anzuschaffen? Machen sich Freier über so etwas überhaupt Gedanken? Sie sitzen in Bademänteln und Schlappen im Bordell herum; gehen mit Cristina oder Laura aufs Zimmer – Biedermänner, die später den Hut tief ins Gesicht gezogen, den Jackenkragen hochgeschlagen, den Puff verlassen. Ob sie sich Gedanken gemacht haben, woher die Frauen kommen? Haben sie mal nachgefragt, ob sie vielleicht gezwungen werden, anzuschaffen? Die Freier sind bass erstaunt. “Auf so eine Frage wäre ich nie gekommen”, sagen die meisten – bestenfalls. “Das ist mir total egal”, höre ich auch oft und merke, wie in mir Wut hochkriecht.
Die jungen Frauen aus Rumänien haben zu Hause oft Kinder, eine Familie, die von den Überweisungen aus Deutschland abhängt. Schon zwei-, dreihundert Euro sind in Rumänien viel Geld. Und lässt der Zuhälter dem Mädchen wenigstens ein bisschen Geld, hält sie still, packt nicht aus – keine Handhabe für die Polizei. Erst wenn die Menschenhändler zu gierig und zu brutal werden, haben die Polizisten eine Chance, zuzugreifen.
Zur Mittagszeit ist am meisten los im Puff: Sex statt Eintopf in der Kantine und keine Erklärungsnot gegenüber Mutti zu Hause.
Und am Wochenende, wenn Vati zu Hause ist? Bordellbetreiber erzählen beglückt, dass dann ganze Männergruppen aus Schweden, Norwegen, England, Frankreich oder Italien Wochenendtrips in den Puff unternehmen, weil Deutschland ja so wunderbare liberale Gesetze hat, Prostitution erlaubt ist. Deutschland – nicht mehr das Land der Dichter und Denker, sondern ein Riesenpuff? Natürlich hatten die lila Latzhosenfrauen der rot-grünen Koalition, die sich dafür stark gemacht haben, Prostitution als Beruf wie jeden anderen anzuerkennen, nicht die Absicht, Zuhälter und Menschenhändler zu stärken, aber de facto haben sie genau das getan.Sie hatten die selbstbewusste Hure im Blick, die einen Arbeitsvertrag hat und eine Krankenversicherung, und ihren Lohn einklagt. Doch inzwischen kommen neunzig Prozent der Prostituierten aus Osteuropa – manche von ihnen sind sogar Analphabeten. Es klingt zwar gut, wenn Politikerinnen nach Flyern und Aufklärung rufen, aber nach drei Drehwochen in Bordellen finde ich das lächerlich und naiv.
Was ich vor den Dreharbeiten auch nicht wusste: Es gibt keinen “Bockschein” mehr, das bedeutet: Frauen werden nicht mehr regelmäßig untersucht, Freier schon gar nicht. Dass aber manche Frauen aus schierer Not, weil der Zuhälter sie unter Druck setzt, bereit sind, für ein bisschen Aufgeld ohne Kondom arbeiten, ist heller Wahnsinn. In jeder Kinowerbung werden wir zur Verhütung ermahnt. Den Slogan „Gib Aids keine Chance“ kennen unsere Kinder alle. Doch hier kommen verheiratete oder in fester Partnerschaft lebende Männer in den Puff und haben ungeschützten Sex. Was für ein Risiko! Und der Mann vom Gesundheitsamt? “Wir setzen auf Aufklärung und Selbstbestimmung”, sagt er und blickt mich milde lächelnd an. Und als ich ihm erzähle, wie es in den meisten Puffs aussieht, dass Frauen 150 Euro Miete pro Tag zahlen müssen, manche für eine halbe Stunde Sex nur 20 bis 30 Euro bekommen und dann aus schierer Verzweiflung auch ohne Kondom arbeiten, damit wenigstens ein bisschen Geld reinkommt, wird er nachdenklich und fragt, ob er am nächsten Tag zum Dreh mitkommen dürfe. Seine Vorstellung von Aufklärung bekommt sichtlich einen Dämpfer, als er hört, wie viele junge Frauen „blasen, ficken,, Französisch natur 30 Euro“ sagen können, zu mehr aber die Deutschkenntnisse nicht reichen.
Ich habe geschluckt , als ich sie später in Rumänien sah: dünne schmale Mädchen, die jüngste dreizehn Jahre alt, die sich in einem Mädchenhaus zusammendrängen, zurückgekehrt vom Straßenstrich, aus Flatratebordellen, Laufhäusern in Deutschland - verstört, unmenschlich behandelt, wenn sie nicht den Gewinn einbrachten, den sich ihre Ausbeuter erhofften.
Wir regeln in Deutschland alles und jedes: Wärmedämmung, Gurkenkrümmung, Krötenwanderwege. Doch dass mitten in einem angeblich zivilisierten Land junge Frauen und Mädchen wie eine Werkmaschine auf zwei Beinen ihrem Händler Geld einbringen müssen, weil er sie sonst bedroht, schlägt, ihrer Familie etwas antut, empört mich.
Selbstbestimmter Sex – gut und schön, aber wann gehen Politiker energisch gegen Menschenhandel mitten in Europa vor?- Rita Knobel-Ulrich
1 Kommentar | ZDFzoom Redaktion | 30. April 2012 | 07:57 Uhr |
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Altersarmut und das Spiel mit der Angst
Auf meiner Suche nach Interviewpartern – armen Menschen im Rentenalter fielen mir zunächst die Zahlen auf. 400.000 Renter empfangen Grundsicherung – die Sozialhilfe für Senioren. Ein Wort, das diesen Zustand, den viele Menschen als würdelos empfinden, etwas schönen soll. Zwischen 650 und 750 Euro manatlich liegt sie im Durchschnitt.
Ganz schnell wurde mir aber klar: Armut im Alter, das betrifft nicht nur die Menschen, die Grundsicherung empfangen, sondern viele, viele mehr. Denn auch mit 800 oder 900 Euro monatlich ist man arm. Doch diese Menschen fallen total aus der Statistik. Armut im Alter ist heute sehr wohl schon verbreitet – auch wenn solche Zahlen wie die 400.000 Grundsicherungs-Empfänger davon ablenken sollen. Abgesehen davon bin ich überzegt, dass viele ältere Menschen, die ihr Leben lang gearbeitet haben, Kinder groß gezogen haben etc. gar keine Grundsicherung beantragen, weil sie es als viel zu erniedrigend empfinden.
Berührt hat mich während der Recherche und der Dreharbeiten ganz viel. Da war die ältere Dame in Berlin, die, weil sie aus der privaten Krakenversicherung geflogen war, (die sie sich nicht mehr leisten konnte), überhaupt nicht versichert war. Den Grundbetrag für die Krankenversicherung konnte sie nicht aufbringen. Abzüglich Miete etc blieben ihr gut 450 Euro im Monat. Sie hätte sich entscheiden müssen zwischen genügend Lebensmitteln und Krankenversicherung. Das muß man sich mal vorstellen! Dass jemand so durch das soziale Netz fallen kann, empfinde ich als überaus bedrohlich.
Ein absoluter Aha-Moment war für mich ein Drehtag in München, an dem wir beschlossen in der Fußgängerzone zu schauen, ob uns “öffenlich sichtbar” Altersarmut begegnet. Wir waren kam zwei Minuten da, schon sahen wir einen älteren Herren, der in den Mülleimern nach Pfandflaschen suchte und keine Minute später eine ältere Dame, auch auf der Suche nach Pfandflaschen. Seitdem hielt ich meine Augen auf. Auf meinem Heimweg aus der Redaktion stieg ich immer am Münchner Hauptbahnhof in der U-Bahn um. Fast täglich (!) sah ich alte Menschen, oft gutangezogen, die in den Mülleimern nach Verwertbaren suchten. Und das in einer Stadt wie München. Oder gerade in München? Auch hier traf ich eine alte Dame, die trotz 1170 Euro Rente (490 Euro bekommt eine westdeutsche Rentnerin im Durchschnitt) nebenher noch arbeiten muß, weil sie sonst nicht überleben kann. Das war auch der Punkt, an dem ich begriff, dass Armut im Alter sehr konkret wird. Auch für uns.
Dieses Thema bringt einen übrigens sehr schnell in Auseinandersetzung mit sich selbst und der eigenen Situation. Ich glaube, dies ging eigentlich allen Beteiligten im Film so. Ich meine uns, die wir hinter der Kamera arbeiteten. Denn auch wir sind die, die von dieser Armut bedroht sind, sei es als Selbsttändige oder als Menschen die wegen Kindern in Teilzeit arbeiten. Das hat mich zwischenzeitlich manch schlaflose Nacht gekostet. Bis zu dem Tag, an dem ich das Gefühl hatte, dass genauso dieses ganze Spiel mit der Angst funktioniert.
Am ratlosesten und am wütendsten jedoch hat mich die Situation des jungen Mannes gemacht, der in der Nähe von Düsseldorf als Niedriglöhner lebt. Er tut wirklich alles, um irgendwie würdevoll zu leben – arbeitet seit Jahren nachts in einer Teefabrik, verdient trotzdem wenig, und sorgt ganz brav mit einer privaten Altersvorsorge vor – von der dann unglaublich wenig übrigbleibt. Als ich ihm – nach Beurteilung durch einen Verbraucherschützer – mitteilte, dass sein Riester-Vertrag nicht mal 1,5 % Rendite abwirft , war seine Reaktion nicht mal mehr Wut. Er sagte, dass er eher resigniert sei. Das fand ich noch viel schlimmer.Was soll so ein Mensch denn machen? Und beinahe genau so wütend macht mich, dass viele Vertreter von Versicherungen wirklich schamlos erst die Ängste der Menschen schürren, diese dann ausnutzen und am Ende doch nur an den eigenen Profit denken. Das denke ich, konnten wir beweisen. Bemerkenswert auch die Reaktionen eines Teammitgliedes, das nach dem Interview mit einem Vertreter der Versicherungswirtschaft meinte, man denke jetzt, man müsse sofort eine Riester-Rentenversicherung abschließen. Das haben wir bald gelernt: wer sich nicht hundert Prozent auskennt, sitzt auf verlorenen Posten. (Nach dem Interview mit der Versicherungswirtschaft kam das Interview mit dem Verbraucherschützer und der Kollege war wieder “neutralisert”.) Und: Wie Politik und Versicherungswirtschaft tatsächlich miteinander verwoben sind, das hat mich im Zuge der Recherche richtig neugierig gemacht.
-Tanja v.Ungern-Sternberg
13 Kommentare | ZDFzoom Redaktion | 13. April 2012 | 08:30 Uhr |
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“Die Welt ist manchmal leider kompliziert”
“Die EU wird ab 1.1.12 Batteriekäfige endgültig verbieten.” Als dieser Termin näher rückte, fingen mein Kollege Christian Rohde und ich an zu recherchieren. Denn schnell war klar: Der Termin steht zwar auf dem Papier, aber die Realität sind anders aus. Unser Ziel war es, Anfang des Jahres zu zeigen: Die Batteriekäfighaltung ist in der EU noch weit verbreitet.
Was geht das uns in Deutschland an, könnte man fragen? Aber es ist wie immer in der Wirtschaft: Irgendwie hängt alles miteinander zusammen. Eiweß, Eigelb, Eipulver – all diese Eiprodukte landen in Nudeln oder Keksen. Und so finanziert der deutsche Verbraucher auch im Jahr 2012 immer noch die qualvolle Käfighaltung. Denn die Eier aus dem Ausland landen auch in Lebensmitteln, die in Deutschland verkauft werden.
Der Reise nach Rumänien war ein Abenteuer. Ziel war der italienisch-rumänische Konzern Agrimon, der in Ost-Rumänien mehrere Produktionsstandorte hat. Erst hatten wir die Zusage, drehen zu drüfen. Dann wieder eine Absage, Zusage. Eine Stunde vor dem Abflug bekam ich am Flughafen wieder einen Anruf: Diesmal war die Absage definitiv. Aber egal, die Tickets waren gekauft, die Taschen gepackt. Also flogen wir – ein Kameramann und ich – trotzdem los. Manchmal haben Reporter Glück – und so war es auch dieses Mal. Als wir einen Tag nach der Landung morgens im rumänischen Dauerregen losfuhren und wir uns drei Stunden lang durch atemberaubende Aquaplaning-Pfützen gequält hatten, kam der entscheidende Anruf: Der italienische Geschäftsführer trifft uns und zeigt uns die Anlage. So haben wir am östlichen Rand der EU, kurz vor der Ukraine, mehr Transparenz erlebt als in den meisten deutschen Hühnerställen.
Die Recherche zu den Batteriekäfigen war für uns der Ausgangspunkt, eine grundsätzliche Frage zu stellen: Wie leben die Hühner? Wir gut sind die verschiedenen Haltungsformen? Die Recherche zeigte schnell: Die Welt ist manchmal leider kompliziert. Bezogen auf das Federpicken ist ausgerechnet die Käfighaltung eine gute Haltungsform, weil bei wenigen Hühnern in einem Käfig die Wahrscheinlichkeit des Federpickens geringer ist und daher auch nicht die Schnäbel abgeschnitten werden müssen. Genau das passiert aber in den großen Boden- und Freilandhaltungen, in den denen die Legehennen zu Tausenden in einer Herde und unter einem Dach leben. Auch große Biobetriebe haben mit dem Problem zu kämpfen, dass sich Hühner picken und mit ihren natürlich spitzen Schnäbeln schwer verletzen können. Also hat jede Haltungsform ihre Probleme.
So haben wir nicht viele glückliche Hühner gefunden, die sich artgerecht verhalten können, sich nicht gegenseitig verletzen und trotzdem regelmäßig Eier legen. Unsere Suche nach dem glücklichen Huhn hat gezeigt: Industrielle Massetierhaltung hat immer einen Preis, den man nicht an der Supermarktkasse zahlt. Diesen Preis zahlen die Tiere mit ihrem Leben und meistens auch mit ihrem Leiden. Also was können wir alle tun? Wir wollten kein düsteres Ende unseres Film und den Zuschauer mit dieser Frage allein lassen. Daher haben wir mit Starköchin Sarah Wiener versucht eine Lösung zu zeigen, die umsetzbar ist: Bewusster mit Lebensmitteln umgehen. Sarah Wiener hatte vor allem einen Tipp: Einfach mehr selbst kochen. Denn nur so weiß jeder, was in seinem Essen drin ist.
- Jörg Göbel
12 Kommentare | ZDFzoom Redaktion | 04. April 2012 | 14:20 Uhr |
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Das Schicksal der Lohnsklavinnen · ZDFzoom
Konsalya kann operiert werden!
Letzte Woche berichtete ZDFzoom-Autor Michael Höft in der Doku “Die Lohnsklavinnen” von jungen Mädchen, die im südindischen Tirupur – einem der größten Textilstandorte der Welt – ausgebeutet werden.
Das Schicksal von Konsalya hat viele, viele Zuschauer bewegt: Das Mädchen hatte fast vier Jahre in einer Spinnerei gearbeitet. Dann wurde Konsalya krank, eine Herzklappe hatte sich entzündet. Im Interview erzählte Konsalya: Die Spinnerei habe sie rausgeworfen – nach fast vier Jahren und ohne Bezahlung. 2.200 Euro kostet die dringend notwendige Herz-OP – für Konsalya unerschwinglich. Doch ohne sie gaben ihr die Ärzte höchstens noch ein Jahr zu leben.
Jetzt hat Terre des Hommes berichtet, dass ihre Partner in Tirupur am vergangenen Freitag mit dem Mädchen und ihrer Mutter sprechen konnten. Und: Die Kosten der OP werden von einem anonymen Spender übernommen! Wir bedanken uns bei allen, die ihre Hilfe angeboten haben! Natürlich werden wir weiter über die Entwicklung in Tirupur und über Konsalya berichten…
Terre des Hommes engagiert sich bereits seit vielen Jahren für die Opfer des “Sumangali-Systems”, leistet gemeinsam mit Partnerorganisationen Rechtsberatung, organisiert Aufklärungskampagnen über die Machenschaften der Anwerber, finanziert eine Anlaufstelle für Opfer in Tirupur und bietet für tausende Mädchen, die unter dem “Sumangali-Schema” arbeiten, eine Schul- und Berufsbildung an.
2 Kommentare | (ZDF) Nina Behlendorf | 03. April 2012 | 10:53 Uhr |
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Das Schicksal der Lohnsklavinnen · ZDFzoom
Billige Arbeitskräfte
Makroökonomisch scheint alles ganz klar: Die Welt ist in Zeiten der Globalisierung zu einem riesigen Marktplatz zusammengeschmolzen, auf dem ein schier unendlicher Strom von Gütern ausgetauscht wird. Schwellenländer wie Indien profitieren von ihrem unerschöpflichen Angebot an billigen Arbeitskräften und dominieren inzwischen vor allem jene Industrie-Sparten, die arbeitsintensive aber technisch einfache Abläufe verlangen.Die Textilindustrie gehört dabei zu den umsatzträchtigsten. Nach einem dreijährigen, krisenbedingten Einbruch in den Wachstumsraten hat gerade Indien für die Monate April 2010 bis März letzten Jahres ein Umsatzplus von 23 Prozent auf 70 Milliarden US-Dollar verkünden können. Und mit einer staatlich geförderten Maschinenmodernisierungs-Kampagne will das Land jetzt seinen Weltmarktanteil im Textilexport bis 2020 sogar verdoppeln. Deutschland steht im Moment an vierter Stelle der internationalen Abnehmer von indischen Textilien. Nahezu alle großen westlichen Bekleidungslabels lassen hier produzieren, die Ware ist billig und findet sich auch in Deutschland inzwischen fast in jedem Geschäft.
Die Inder arbeiten sehr daran, sich in der Weltspitze der Textilproduzenten zu behaupten, wobei ihnen der Arabische Frühling mit einem Produktions-Einbruch des Konkurrenten Ägypten ebenso in die Hände spielt wie Lohnsteigerungen beim Marktführer China. Die internationalen Händler danken mit Großaufträgen. Und die Kunden in Deutschland bekommen gute Ware zum kleinen Preis.
- Michael Höft
18 Kommentare | ZDFzoom Redaktion | 19. März 2012 | 12:38 Uhr |
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Die Öffentlichkeit getäuscht
Als die japanische Regierung am 11. März 2011 kurz nach 19 Uhr den atomaren Notstand ausrief, hielt die Welt den Atem an. Das große Erdbeben und der darauf folgende Tsunami hatten in Japans Norden am Nachmittag ganze Städte ausgelöscht. Japan am Boden, und jetzt auch noch der befürchtete Supergau in Fukushima, der drohte, eine der bevölkerungsreichsten Regionen der Erde in eine atomare Wüste zu verwandeln – mit unabsehbaren Folgen für Japan und die Weltwirtschaft. Fassungslos blickte die Welt auf die Hightech- und Atomnation Japan, die ganz offensichtlich außerstande war, diese gefährliche Technologie zu beherrschen.
In ZDFzoom gehen wir der Frage nach, wie es zu dieser Katastrophe kommen konnte und wie Japans Atombosse und die Regierung damit umgingen. Unsere Recherchen zeigen: Es gab schon vor der Katastrophe ein Netz aus krimineller Energie, Ignoranz und Vorteilsnahme, das die japanische Gesellschaft durchdrungen hat.
Kei Sugaoka, ein ehemaliger Wartungsingenieur, spricht über die kriminellen Praktiken des Betreiberkonzerns TEPCO. Über Jahre habe dieser immer wieder in Kauf genommen, dass Millionen Menschen radioaktiv verseucht wurden. Japans Krisenpremier Naoto Kan, der das Land durch die schwerste Krise seit dem Zweiten Weltkrieg führen musste, macht im Interview mit uns ein System aus Politik, Atomindustrie, Medien und Wissenschaft für die Katastrophe mitverantwortlich und fordert, dieses System aufzubrechen, damit sich eine solche Katastrophe nicht wiederhole. Ein System, in dem sogar die japanische Mafia mitspielt.
Unsere Recherchen veranschaulichen, wie TEPCO und die Behörden seit Ausbruch der Katastrophe deren wahres Ausmaß verschweigen, die Öffentlichkeit täuschen und auf Kosten der Bevölkerung versuchen, den Schaden für die gesamte Atomindustrie möglichst gering zu halten. Die Situation sei unter Kontrolle, behaupten Japans Offizielle. Aber das ist schlicht eine Lüge.
- Johannes Hano
13 Kommentare | ZDFzoom Redaktion | 01. März 2012 | 14:48 Uhr |
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Allgemein · Zarendämmerung · ZDFzoom
Zarendämmerung
Ein kleiner Vorgeschmack auf die Doku aus dem Morgenmagazin!
2 Kommentare | ZDFzoom Redaktion | 22. Februar 2012 | 14:14 Uhr |
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Allgemein · Zarendämmerung · ZDFzoom
Russland: Strategien der ehemaligen Sowjetunion
“Schto vy sdjes’ snimajete?”, “Was drehen Sie hier?” – so lautet der Satz, den wir während der Dreharbeiten zu dieser Dokumentation am häufigsten hören. Ob in Jekaterinburg am Ural oder noch weiter draußen im Land. Seit Russlands Kinder des Mittelstandes aufbegehren, zittern nicht nur die Herren des Kreml in Moskau, sondern Amtsträger und Funktionäre im ganzen Land. Sobald eine Kamera auftaucht, verfolgt das offizielle Russland Dreharbeiten mit Argwohn und Misstrauen.
“Sie müssen das bitte verstehen – so kurz vor der Präsidentenwahl …” Dieser Satz, fällt immer wieder, wenn Sicherheitsbestimmungen gängeln und der Blick des jeweiligen Beamten um Verständnis heischt, andererseits aber auch versucht einzuschüchtern. Die Vertreter vor Ort stehen unter Druck. Nichts darf jetzt mehr passieren, das die uneingeschränkte Zustimmung und Allmacht des künftigen Präsidenten infrage stellen könnte. Und wenn doch? Dann darf es auf gar keinen Fall in die Öffentlichkeit gelangen.
Oft verwundert so viel Eifer. In Jekaterinburg wollten wir lediglich eine “Pro Putin”-Demonstration drehen. Die Gefahr für putinfeindliche Aktivitäten schien gering.
Ein anderes Beispiel für die Nervosität, die Russlands Mächtige befallen hat, erleben wir in Besgusowo. Ein kleines Dorf, etwa auf halbem Weg zwischen Moskau und St. Petersburg.
Die Geschichte beginnt im Dezember vergangenen Jahres, als in Russland ein neues Parlament gewählt wird. Die Bewohner von Besgusowo weigern sich geschlossen, ihre Stimme abzugeben. Wahlboykott! So etwas hat es in Russland noch nie gegeben. Der Grund : Seit Jahren bitten die Bewohner des 60-Seelen-Ortes darum, an die Gasversorgung angeschlossen zu werden. Eigentlich ein leichtes, denn die Pipeline führt nur etwa 80 Meter an dem Dorf vorbei. Kein fliessendes Wasser, keine Kanalisation, Strom gibt es nur stundenweise. In Besgusowo klagen sie ein, was die Regierung schon so lange versprochen hat.
Wir wollen in dem Ort vorbeischauen und fragen bei der örtlichen Administration an. Einfach losfahren und drehen – nicht in Russland. Die Antwort ist ausweichend : Nein, bitte nicht jetzt. Vielleicht später. Warum ausgerechnet Besgusowo, und dann so kurz vor der Wahl?
Wir fahren dennoch – und treffen im Dorf auf eine Mauer des Schweigens. Keine Klagen mehr, keine Kritik an der Regierung. Nach einiger Zeit gelingt es uns, mit einer der Bewohnerinnen zu sprechen. Nur einen Tag vor unserer Ankunft tauchten plötzlich der örtliche Parlamentarier sowie einige Herren der Verwaltung im Dorf auf und versprachen Gas, Wasser, Strom und Kanalisation. Alles, wenn die Bewohner nur aufhören würden zu klagen und Mütterchen Russland in aller Öffentlichkeit Schaden zuzufügen. Die Mehrheit in Besgusowo glaubte zwar kein Wort, empfand es in dieser Situation aber als klüger, erst einmal abzuwarten. Werden die Regierenden wohl dieses mal Wort halten?
Wir fahren unverrichteter Dinge wieder ab.
Im Vorfeld der Präsidentenwahl setzt der Kreml auf Strategien der ehemaligen Sowjetunion: Versprechen für ein besseres Leben, verbunden mit Einschüchterungen.
Wir im Übrigen entdecken ein anderes Dorf: “Buduscheje” – Zukunft. Diesen Namen hat der Ort unter Sowjetführer Josef Stalin erhalten. Heute ist das Dorf ein Beispiel für Rückständigkeit und Niedergang. Dinge, die so gar nicht zu den Versprechungen von Wladimir Putin passen.
- Roland Strumpf
9 Kommentare | ZDFzoom Redaktion | 22. Februar 2012 | 12:05 Uhr |
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So einfach wie Turnschuhe kaufen
Sollte man das? Drogen vor der Kamera kaufen – oder den Kauf mit versteckter Kamera protokollieren? Ich habe bei dieser Frage lange gezögert. Und ich finde: Ja, in diesem Fall schon.
Crystal ist eine Teufelsdroge, die blitzschnell abhängig macht. Süchtige haben mir erzählt, dass sie von Händlern auf den Vietnamesenmärkten in Tschechien ganz offen auf die Droge angesprochen werden. Manchmal legen die Verkäufer sogar heimlich ein kleines Päckchen ungefragt als “Kostprobe” beim Kauf anderer Waren dazu. Es sei also denkbar einfach, an Crystal ranzukommen, heißt es.
Ich konnte die Schilderungen kaum glauben und entschied mich, für ZDFzoom den Test zu machen. Natürlich klopft das Herz, denn es ist der erste Drogenkauf meines Lebens. Was ist, wenn irgendetwas schief läuft? Das, was mich am Ende am meisten erschreckte, war das Unspektakuläre an dem Drogendeal. Er dauerte keine zehn Minuten. Ich habe die Händler ganz offen nach der Droge gefragt. Kein Misstrauen mir gegenüber, keine Nachfragen, nichts. So einfach, als hätte ich mir ein paar Turnschuhe gekauft.
Das macht den “Erfolg” der Designerdroge aus: Sie ist leicht herzustellen und leicht zu beschaffen. Sie ist relativ preiswert und ein halbes Gramm reicht für einen zwei- bis dreitägigen Rausch.
Es hat mich erschreckt, mit Ärzten über die Folgen des Crystal-Konsums zu sprechen. Die hochgiftige Droge reißt regelrechte Löcher ins Gehirn – wie bei einem Schweizer Käse. Es hat mich berührt, mit Patienten wie Marcus zu sprechen, die schon vor vielen Jahren in den Drogensumpf gerieten und mit all der Kraft, die ihnen noch geblieben ist, einen Weg aus der Hölle suchen. Seit etwa zwei Jahren hat der Crystalschmuggel entlang der Grenze dramatisch zugenommen. In Sachsen und Bayern gibt es kaum noch Clubs und Diskotheken, wo das Zeug nicht angeboten wird. Es hat die Städte erreicht. Und der Vormarsch, warnt die Polizei, ist kaum zu stoppen. Irgendwann wird es nach und nach auch alle anderen Bundesländer betreffen. Keine guten Aussichten.
- Carsten Thurau
3 Kommentare | ZDFzoom Redaktion | 14. Februar 2012 | 16:19 Uhr |
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Jobmotor oder Ausbeutung?
Etwa 900.000 Menschen sind aktuell bei gut 15.000 lizensierten Zeitarbeitsfirmen beschäftigt. Ein großer Teil als ungelernte oder gering qualifizierte Arbeiter. Die Lohnuntergrenze liegt bei knapp 8 Euro – “zum Leben zu viel, zum Sterben zu wenig”, sagt Leiharbeiter Tom in unserer zoom-Doku “Zeitarbeit – Jobmotor oder Ausbeutung?”. Hier die Doku noch einmal in voller Länge:
http://www.zdf.de/ZDFmediathek/beitrag/video/1540078/ZDFzoom-Jobmotor-oder-Ausbeutung%3F#/beitrag/video/1540078/ZDFzoom-Jobmotor-oder-Ausbeutung
4 Kommentare | (ZDF) Nina Behlendorf | 13. Februar 2012 | 15:26 Uhr |
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