“Sprachvielfalt ist für mich selbstverständlich”

Welchen Einfluss haben Twitter und Facebook auf die Sprache?  Wird Kiezdeutsch als ähnlich unsympathisch wahrgenommen, wie zum Beispiel der sächsische Dialekt? Auf diese und weitere Fragen antwortete der Sprachwissenschaftler Anatol Stefanowitsch im Chat nach der Livesendung:

Anatol Stefanowitsch: Hallo Welt, ich stehe jetzt für Eure Fragen zur Verfügung!

Serra: Herr Stefanowitsch haben sie eigentlich schon immer ihre aktuelle Meinung zu Sprache vertreten, oder gehörten sie auch mal zu der konservativeren Seite.

Anatol Stefanowitsch: Nein, ich gehörte noch nie zur konservativen Seite. Ich bin in verschiedenen Ländern aufgewachsen – Deutschland, England – und Sprachvielfalt ist für mich selbstverständlich.

Gast623 (Gast): Kann die deutsche Sprache von Vereinen wie VDS (Anmerkung der Red: Verein Deutsche Sprache) geschützt werden?

Anatol Stefanowitsch: Nein, weil sich die Sprachgemeinschaft keine Vorschriften machen lässt. Vereine wie der VDS gibt es seit Hunderten von Jahren, ohne dass es einen Einfluss auf die Entwicklung der deutschen Sprache gehabt hätte.

Gast623 (Gast): Welchen Einfluss haben Twitter und Facebook auf die Sprache?

Anatol Stefanowitsch: Twitter und Facebook haben ihre eigenen Anforderungen. Die Sprachgemeinschaft passt die Sprache diesen Anforderungen an. Diese Anpassungen gehen aber nicht in den allgemeinen Sprachgebrauch über.

Gast5206 (Gast): Würde man Kiezdeutsch nicht eher als Soziolekt klassifizieren?

Anatol Stefanowitsch: In städtischen Räumen ist diese Unterscheidung schwer zu treffen, weil Dialekte dort meist eine soziale Komponente haben. In ländlichen Räumen gibt es keine so starke soziale sprachliche Schichtung.

Gast140 (Gast): Was bedeutet es eigentlich, eine Sprache schützen zu wollen? Radioquoten einzurichten? Deutsch ins GG aufzunehmen? Oder ist es nicht viel besser Bibliotheksgebühren zumindest für Kinder und Jugendliche komplett abzuschaffen?

Anatol Stefanowitsch: Ja, das wäre besser. Denn Erfahrung mit möglichst vielen verschiedenen Erscheinungsformen von Sprache ist der beste Weg zu einer lebendigen Sprachfertigkeit. Zu Radioquoten: Wenn die dazu führen würden, dass mehr Bands wie “De fofftig Penns” gespielt würden, wäre ich dafür – wenn mehr Schlager und Volksmusik gespielt würden, wäre ich dagegen. Da mein Geschmack keine Grundlage für eine Radioquote sein kann, lassen wir das lieber.

Gast6134 (Gast): Ich fand Ihre Argumentation überzeugend. Gibt es dennoch etwas was Sie an der deutschen Sprache für schützenswert halten (z. B. grammatikalische Struktur) or does anything go?

Anatol Stefanowitsch: “Anything goes” gibt es nicht, sondern eher “alles geht, was sich durchsetzt”. Wenn es etwas gibt, was ich für schützenswert halte, sollte ich es möglichst viel verwenden.

Gast6191 (Gast): Muss man nicht generell unterscheiden zwischen emotionaler Sprache (z. B. dieses Kiezdeutsch oder Dialekte) und sachlich geprägter Sprache – hier meine ich Hochdeutsch?

Anatol Stefanowitsch: Es gibt eine Sprachform, die man als “Bildungssprache” bezeichnen könnte und die, sowohl vom Wortschatz als auch von der Komplexität der grammatischen Strukturen, umfassender ist als Umgangssprache und Dialekte. Diese Bildungssprache hat ihren Platz, genauso wie die Umgangssprache und die Dialekte ihren Platz haben.

Gast224 (Gast): Wäre ihrer Meinung nach Türkischunterricht in Schulen mittlerweile “sinnvoller” als Französisch? Sowohl was die Anwendungsmöglichkeiten als auch die Erweiterung des kulturellen als auch des linguistischen Horizonts (nicht-indoeuropäische Sprache) angeht. (Optionale Bonusfrage: Worüber soll ich meine Linguistik-Masterarbeit schreiben? ;) )

Anatol Stefanowitsch: Ja. Ich würde den Türkischunterricht zwar nicht gegen den Französischunterricht ausspielen, aber eine Sprache mit einer Sprachgemeinschaft von 2,5 Millionen Menschen in Deutschland sollte auf jeden Fall mindestens als Wahlfach angeboten werden. Wegen ihrer Masterarbeit: Schreiben Sie mir doch bitte eine eMail.

Vortarulo: Viele Linguisten sagen, dass Sprachen im Gesamtsystem nicht komplizierter oder einfacher werden, sondern die Komplexität sich nur verlagert. Sprachschützer finden, die Sprache wird einfacher, ausdrucksschwächer. Denken Sie, dass Sprachen (speziell das Deutsche) als Ganzes tatsächlich “einfacher” (weniger komplex) werden können?

Anatol Stefanowitsch: In der Entwicklung einer Sprache gibt es immer Phasen, in denen bestimmte Bereiche einfacher werden. Sie werden aber natürlich auch wieder komplexer, sonst wären alle Sprachen der Welt bereits auf dem einfachsten denkbaren Niveau.

Gast140 (Gast): Können sie sich vorstellen, dass die deutsche Sprache in den nächsten Jahrhunderten in Deutschland durch eine andere Sprache verdrängt wird und wenn ja welche Umstände könnten ihrer Meinung nach zu einer solchen Entwicklung beitragen?

Anatol Stefanowitsch: Ich halte es für unwahrscheinlich, da Sprachen typischerweise durch kriegerische Eroberungen verdrängt werden. Solange das nicht passiert, wird sich das Deutsche zwar verändern, teilweise auch drastisch, es wird aber nicht verschwinden.

Gast3205 (Gast): Kann man sagen, dass Kiezdeutsch ähnlich unsympathisch wahrgenommen wird, wie zum Beispiel der sächsische Dialekt?

Anatol Stefanowitsch: Ich würde vermuten, dass es als noch unsympathischer wahrgenommen wird, weil die Stereotype über die Sprecherinnen und Sprecher des Kiezdeutschen noch negativer sind als die über die des Sächsischen. Wir sollen aber keine Angst vor dem Kiezdeutschen haben. Es ist eine von vielen Erscheinungsformen des Deutschen und sollte als Teil dieser Vielfalt verstanden werden.

Anatol Stefanowitsch: Ich wünsche allen Chatterinnen und Chattern eine gute Nacht, es hat Spaß gemacht!!!

 

9 Kommentare

  • wellnitz
    17.01.2013, 16:55 Uhr.

    Ich denke schon dass man die Sprache eines Landes beeinflussen kann; indem bestimmte Regeln institutionalisiert werden und damit dieses Kulturgut geschützt wird. Nein, in Zeiten der Globalisierung ist dies sogar unbedingt erforderlich!
    Sprache und Identität sind eng miteinander verknüpft. Unendliche Vielfalt,Beliebigkeit,die Auflösung der Grenzen und Orientierungen überfordern. Viele Bürger – und nicht nur Leute mit Migrationshintergrund – kommen nicht mehr mit und fühlen sich gesellschaftlich abgehängt.
    Das wurde mir in der Diskussion zu wenig betrachtet.
    Sprache ist doch ein sehr komplexes Phänomen.
    Wir kommunizieren mit ihr immer auch auf der
    Beziehungsebene. Wenn jemand Kiezdeutsch spricht, wertet er ja auch die deutsche Sprache ab und das wirkt provozierend. Es werden zwar keine Kriege geführt, aber der Machtkampf wird damit schon transportiert.

    Bedauerlich ist für mich, dass ein auf den ersten Blick souverän wirkender Herr Stefanowitsch seine Rolle als Multiplikator so eng fasst, sich dabei von der Differenz konservativ versus modern leiten lässt und die Probleme letzt endlich auch bagatellisiert.

  • Steffen Eitner
    17.01.2013, 20:32 Uhr.

    da haben wohl manche aneinander vorbeigeredet. natürlich muß die sprachenvielfalt geschützt werden. logisch ist die nutzung einer bewährten neutralen sprache. darum sprechen menschen esperanto. diese sprache ist leichter als nationalsprachen (z.b. englisch) erlernbar. manche tun sich schwer, das zu glauben. für europa ist die zweitsprache esperanto wichtig, damit einerseits die identitäten erhalten bleiben und andererseits auch unsere europäische identität besser angenommen wird. europa-demokratie-esperanto setzt sich dafür ein.

  • mister-ede
    18.01.2013, 11:58 Uhr.

    test

    • mister-ede
      18.01.2013, 12:02 Uhr.

      Super ich hatte einen Beitrag, aber das hat Anfang der Woche nicht geklappt:

      The ZDF writes, that the two languages on its website and here in the blog are “Deutsch” and “English”. So you see, that for one content there are many possibilities to express it. The Language is just a form for the content. It is a tool.

      “No” “Nein” or “shaking the head” are three forms for the same content. So I would propose to use the language, which helps you best to communicate.

      Moreover I think a language, which is not able to go with time (Latin p.e.), is a dead one. Only a changing language is a living language.

      Greetings
      Mister Ede

  • Steffen Eitner
    19.01.2013, 19:47 Uhr.

    ich kann mit e-d-e (europa-demokratie-esperanto) mehr anfangen als mit herrn ede! es ist einfach besser, in einem deutschsprachigen forum deutsch zu schreiben. sonst gibt man denen recht, die einen schutz ins grundgesetz haben möchten. ich schreibe doch hier auch nicht in esperanto. dafür gibts eigene foren. oder haben wir statt zdf künftig ein zef? ;-)

    Europa-Demokratie-Esperanto
    Für EUROPA-BÜRGER-MIT-SPRACHE
    Für ein EUROPA, in dem sich BÜRGER MITtels einer SPRACHE unterhalten können
    Für EUROPäische BÜRGER mit echter MITSPRACHE
    Für eine zusätzliche Identität als EUROPABÜRGER, die MIT einer neutralen SPRACHE besser verwirklicht werden kann

  • Ursula
    21.01.2013, 12:16 Uhr.

    Warum wird mein Beitrag nicht veröffentlicht?!

    • zdflogin
      22.01.2013, 10:20 Uhr.

      Hallo Ursula,

      der erste Kommentar muss zunächst genehmigt werdenm, das kann einige Zeit dauern. Danach kannst du – solange du dich an die log in-Netiquette] hältst, ohne Genehmigung kommentieren.

      Beste Grüße aus der log in-Redaktion

      • Ursula
        06.02.2013, 14:32 Uhr.

        gut, dann nehm ich’s zurück ;) LG

  • Ursula
    21.01.2013, 12:18 Uhr.

    Ganz ehrlich: Herr Paulwitz wirkte etwas nervös und kam unsicher rüber. Aber ich hatte während der ganzen Sendung den Eindruck, dass er mit seiner Meinung alleine da stand und er gegen Herrn Stefanowitsch UND gegen das Publikum ankämpfen musste! Teilweise hatte ich auch das Gefühl, er müsste sich sogar gegen die Moderatoren rechtfertigen. Die Ausführungen von Herrn Stefanowitsch waren alles andere als wissenschaftlich – und das als Professor an der Freien Universität Berlin! Ich muss zugeben, es hat mich sehr überrascht (um nicht zu sagen schockiert), dass er als Sprachwissenschaftler einen derart unwissenschaftlichen Diskurs führte, Fachbegriffe teilweise falsch verwendete und beispielsweise die Abgrenzung von Sprache und Varietäten (seien sie nun diatopisch, diaphasisch oder diastratisch) kaum vollzog, sondern alles miteinander vermischte, um seine “Argumentation” durchzudrücken. Ich studiere Romanistik, und ganz ehrlich, solche Dinge lernt man im ersten Semester… Ebenfalls schwach war, dass er als Linguistik-Professor einen Diskurs über die deutsche Sprache führt, und deren Ursprünge nicht einmal kennt bzw. verständlich darstellen kann und dabei ins Straucheln gerät. Außerdem: Er ist ja überaus “gütig”, Rechtschreibfehler in Seminararbeiten nicht zu bewerten. Es ist nur zur Info generell nicht zulässig, wegen Rechtschreibfehlern schlechter zu bewerten, da das Fachliche der Arbeit Ziel der kriterienorientierten Bewertung ist, und nicht die Orthographie. Wieder einmal hat sich gezeigt, dass wohl derjenige Recht bekommt, der sich besser verkaufen kann! Seine Schlussbemerkung darüber, dass die Dialekte nicht bewahrt werden brauchen und es auch nicht schade ist, wenn sie aussterben, ließ mich nur noch den Kopf schütteln und erneut an seiner Glaubwürdigkeit als Sprachwissenschaftler zweifeln. Als Anregung für weitere Sendungen: Bitte sorgen Sie dafür, dass ein gewisser wissenschaftlicher Anspruch gewahrt bleibt (zum Beispiel durch die Anwesenheit weiterer Experten – diesmal aber mit ausreichend Fachwissen, damit diese bei schlichtweg falscher Darstellung der Fakten einschreiten können)! Die Showeinlage der Sänger kam auch eher etwas peinlich rüber und passte nicht zur Sendung. Ich hätte mir bei einer Sendung auf ZDF – noch dazu ZDF Info (!) – mehr erwartet und bin ehrlich enttäuscht!

Kommentare geschlossen

Dieser Beitrag kann nicht länger kommentiert werden.