31. Oktober 2012 · Chatprotokoll
“Die Parteien sind insgesamt mehr Teil des Problems”
Der “Stern”-Autor Walter Wüllenweber stellte sich euren Fragen und gab Antwort darauf, was er vom bedingungslosen Grundeinkommen hält und ob eine Anpassung der Löhne sinnvoll wäre. Hier gibt es das komplette Chatprotokoll zum Nachlesen:
Walter Wüllenweber: Guten Abend liebe Chatter. Ich sitze jetzt voller Erwartung an der Tastatur.
Gast61416 (Gast): Was wäre die perfekte Lösung?
Walter Wüllenweber: Wenn ich die wüßte, wären mir sämtliche Nobelpreise sicher. Im Ernst: Mein Job ist es, erst mal den Ist-Zustand zu erklären. Die Lösung kenne ich auch nicht.
Gast61416 (Gast): Warum leidet die Mittelschicht?
Walter Wüllenweber: Sie muss immer härter arbeiten. Und mit ihrer Arbeit muss sie den Rettungsschirm für das Vermögen der Reichen und das soziale Netz finanzieren.
Gast31482 (Gast): Hallo Herr Wüllenweber, was halten Sie vom bedingungslosen Grundeinkommen?
Walter Wüllenweber: Absolut nichts! Leistung ist einer der Grundpfeiler unserer Gesellschaft. Ohne den stürzt das ganze Gebäude zusammen.
Gast51332 (Gast): Was halten Sie von einer einmaligen Enteignung der 1000 reichsten Deutschen von 50% zur Tilgung der Staatsschulden?
Walter Wüllenweber: Auch nichts.
Alina2012: Frage: Wäre es nicht eventuell sinnvoll, die Löhne anzupassen, da die Lebenshaltungskosten meiner Meinung nach doch schon recht gestiegen sind?
Walter Wüllenweber: In einigen Bereichen wäre es ohne Frage sinnvoll und gerecht, die Löhne anzuheben. Ich bin auch für einen Mindestlohn.
Gast31400 (Gast): Guten Abend Herr Wüllenweber, Sie sagen, dass die Armen und Reichen sich aus der Pflicht für die Gesellschaft stehlen würden. Dabei beachten sie nicht, dass den Armen gar keine andere Möglichkeit bleibt, da nicht genügend Arbeitskraft nachgefragt wird. Dementgegen stehen die Reichen, die sich durch ihre Macht, weiterhin bereichern können und dabei in Relation weniger zahlen müssen, als Menschen aus der Mittelschicht. Bleiben sie bei ihrer Meinung?
Walter Wüllenweber: In der Tat ist die Flucht der Reichen komplett freiwillig, die der Unterschicht nur teilweise. Sie sollten sich aber mal mit Jobvermittlern vom Arbeitsamt unterhalten, oder sich mal einen Vormittag auf einen Arbeitsamtsflur setzen. Womöglich würden Sie dann Ihre Haltung, was die Leistungsbereitschaft der Unterschicht angeht relativieren.
Gast51475 (Gast): Hallo Herr Wüllenweber, was in der Diskussion vorhin leider etwas unterging: Fehlt es in unserem Land nicht an einem guten Anreizsystem zur Aufnahme von einfacher Arbeit aus Hartz IV heraus? Ich sehe da große Chancen in dem “bedingungslosen Grundeinkommen” auf Hartz IV Niveau. So dass sich die Zusätzliche Arbeit (Leistung) schon bei den ersten paar 100 Euro lohnt?
Walter Wüllenweber: Sie haben recht: Wir brauchen ein viel besseres Anreizsystem. Aber Hartz IV ist ja schon ein bedingungsloses Grundeinkommen. Das ist der falsche Anreiz.
Gast41396 (Gast): Als Frage an Herr Wüllenweber: Ist die Ursache des Problems unser Geldsystem?
Walter Wüllenweber: Die Strukturen des Finanzsystems, in dem immer mehr synthetisches Geld nicht verdient, sondern “gemacht” wird, ist in der Tat eines der bedrohlichsten Probleme.
Gast41350 (Gast): Herr Wüllenweber… stinkt nicht dieses System bis zum Himmel?
Walter Wüllenweber: Yep.
Gast41361 (Gast): @Hr. Wüllenweber: Welche Partei stellt aus Ihrer Sicht die größte Basis um den Staat wieder gerechter zu gestalten?
Walter Wüllenweber: Aus meiner Sicht sind die Parteien insgesamt mehr Teil des Problems, nicht der Lösung.
Gast11335 (Gast): Herr Wüllenweber, gibt es einen Soziologen\Philosophen, den sie mir empfehlen können zu Klassenverhältnissen?
Walter Wüllenweber: Gute Frage! 1. Michael Hartman, Elitenforscher, Uni Darmstadt. 2. Sighart Neckel, Soziologe, Uni Ffm. 3. Markus Grabka, DIW.
Gast31433 (Gast): @Walter Wüllenweber… sie waren heute der einzige Lichtblick in dieser Sendung!
Walter Wüllenweber: Danke! Und die “Frage” ist mein Lichtblick im Chat.
Gast11380 (Gast): Wollen sie ihre Einstellung zu den Armen nicht revidieren? Die meisten können doch gar nichts dafür, das sie ausgeklinkt sind…
Walter Wüllenweber: Nun beschäftige ich mich schon seit fast zwei Jahrzehnten mit der Unterschicht. Da ist meine Haltung schon fundiert. Aber wir wünschen uns das immer, dass die Unterschicht genau so wäre wie die Mittelschicht, nur mit weniger Geld. Ist sie aber nicht. Die Unterschicht ist anders. Und wir können als Gesellschaft nur helfen, wenn wir die wahren Probleme angehen, nicht die von uns gewünschten. Tschüss!!
6 Kommentare | 01. November 2012 | 15:09 Uhr |
|








zum bedingungslosen grundeinkommen: das ist nicht unbedingt der richtige weg.ich meine,dass die einführung einer entschädigung für betroffene aus hartz 4 und den folgen daraus geben muß ! rechtsgrundlage ist,dass dem volk es verwehrt wurde, demographie-bedingt freigewordene jobs belegen zu können,weil die beauftragte behörde es versäumt hat,fachkräfte dazu ausbilden zu lassen,innerhalb der eingliederungs-vereinbarung ! den betroffenen steht eine entschädigung im sinne entgangener einkommens-möglichkeit zu . aus diesem grunde bin ich auch im klage – weg , eine solche leistung einzubringen und hartz 4 abzulösen.ich klage somit zur einführung einer leistung für hartz-betroffene und sonstig in niederigen einkommen stehenden menschen , als erweiterung des bvg-rechts ! gefordert wird zur zeit eine leistung in höhe von 750,-euro plus warmmiete mtl. für einen single !
Bitte bedenkt:
eine negative Einkommensteuer
hätte dieselbe Wirkung.
Die prekäre Rentnerschicht war jahrzehntelang Mittelschicht und wurde entsprechend 2-3fach geschröpft, da es ja auch noch die Kriegsschuldenlast samt Wiedergutmachung usw. abzutragen galt.
herr wüllenweber hat behauptet,hartz 4 sei ein bedingungs- loses grundeinkommen.er möge mir peinlichst genau sagen, worin er die bedingungslosigkeit zum hartz 4 erkannt habe! hartz 4 ist an bedingungen geknüpft.das fängt bei der meldepflicht an und hört mit den eingliederungsvertrag noch lange nicht auf. herr wüllenweber möge dazu im sgb 2 lesen.dann sieht er,dass er mit seiner aussage zu hartz 4 völlig falsch liegt. herr wüllenweber sollte mal recherchieren,woran es liegt, dass demographiebedingt freie jobs nicht besetzt werden können und die arbeits-verwaltungen sich weigern, gemäß zu den regeln zur eingliederungsvereinbarung ,kein arbeitsloser dafür adequat ausgebildet wird,um diese jobs zu besetzen!würde ausgebildet und stellen besetzt werden,fließt auch mehr geld in sozial-und rentenkassen,dass auch genug rente gezahlt werden kann.
Dass die Reichen und die Armen das Land aussaugen, kann ich nur zustimmen. Ob die Armen es wollen, ist eine andere Frage.
Warum?
Weil die Reichen noch reicher werden wollen und keine Steuern zahlen wollen, obwohl sie die von der arbeitenden (Mittelschicht) Bevölkerung finanzierte Infrastruktur genauso in Anspruch nehmen.
Weil die Armen es nicht anders können. Sie sind in dem Hartz-4-System gefangen wie eine Mücke im Spinnennetz.
Und wie bleibt der Hartz-4-Empfänger fit und agil für die Arbeitswelt, für die Jobsuche, bereit für die Anforderungen im Arbeitsleben?
Mit Hartz-4 kann man kein Leben geschweige die Freizeit gestalten. Es reicht nicht einmal für einen Familienausflug mit der Straßenbahn, um ans andere Ende der Stadt zu fahren. Wenn dann der Mensch nach jahrelangem Stumpfsinn keinen Sinn mehr in seinem Leben sieht, keine Zukunftsperspektive, nichts, da bleibt ihm nichts anderes übrig als auf dem Sofa vor dem Fernseher zu sitzen und sich mit Medien, Bier und Zigaretten zu betäuben. Es ist sehr leicht, die Leute zu verurteilen, wenn man es selbst nicht erlebt hat.
Für Politiker wie z. B. Guido Westerwelle ist das Hartz-4 eine praktische Lösung. Damit kann man die Leute ruhig halten. Was wäre, wenn die Leute ihre Rechte auf Arbeit und auf ein menschenwürdiges Leben auf einmal in großen Massen und bestenfalls mit Gewalt einfordern würden?!
Noch ein Kommentar.
Als ich auf der Jobsuche war, bin ich auf eine Riesensauerei gestoßen. Die Jobbörse der Arbeitsagentur ist voll von Arbeitsangeboten der Arbeitnehmerüberlassungsfirmen. Sie machen schätzungsweise 90 % der Angebot aus. Das System ist die reine Ausbeutung von Arbeitskräften, eine neue Art von Sklavenhandel. Die Firmen nutzen das System schamlos aus. Sie bekommen billige Arbeitskräfte, ohne irgendeine Verantwortung für sie zu übernehmen. So werden die Menschen ausgebeutet in der modernen und ach so moralisch einwandfreien Gesellschaft. Wenn ich arbeiten gehe, möchte ich das Geld, die für die Arbeit jeweils zusteht, selbst haben und nicht damit irgendwelche andere Leute mitfinanzieren.
Wie gesagt – es ist eine Riesensauerei, wie mit Menschen heutzutage umgegangen wird.
Die Lösung der Sozialen Frage ist heute in rein technischer Hinsicht relativ einfach. Die Schwierigkeit besteht allein in der Überwindung einer künstlichen Programmierung des kollektiv Unbewussten (selektive geistige Blindheit gegenüber makroökonomischen Konstruktionsfehlern), die vor Urzeiten erforderlich war, um den Kulturmenschen im wahrsten Sinn des Wortes “wahnsinnig genug” für die Geldbenutzung zu machen, lange bevor diese seitdem grundlegendste zwischenmenschliche Beziehung wissenschaftlich erforscht war. Anderenfalls hätte das, was wir heute “moderne Zivilisation” nennen, gar nicht erst entstehen können. Denn kein vernünftiger (nicht programmierter) Mensch wäre dazu bereit, in einer a priori fehlerhaften Marktwirtschaft zu arbeiten, wenn er weiß, dass ein nachhaltiges Wirtschaften unmöglich und der nächste Krieg – zwecks umfassender Sachkapitalzerstörung, um den Zinsfuß hochzuhalten – unvermeidlich ist. Doch der Krieg konnte nur solange der Vater aller Dinge sein, wie es noch keine Atomwaffen gab!
Die gegenwärtige “Finanzkrise” ist keine gewöhnliche Konjunkturschwankung, sondern führt entweder zurück in die Steinzeit oder – was wahrscheinlicher ist – zum eigentlichen Beginn der menschlichen Zivilisation. Dazu muss die reale Angst vor der bevorstehenden, größten anzunehmenden Katastrophe der Weltkulturgeschichte (globale Liquiditätsfalle nach J. M. Keynes, klassisch Armageddon) insgesamt größer werden als die seit Urzeiten eingebildete Angst vor dem “Verlust” der Religion:
http://www.swupload.com//data/3-Verwandlungen.pdf