“Wirtschaftssysteme kann man nicht einfach mal ausprobieren!”

Ob ein Austritt Deutschlands aus dem Euro-Raum nicht von Vorteil sei, ob einer Menge Geld immer die gleiche Menge Schulden gegenübersteht, darauf antwortete Wirtschaftsjournalist Frank Stocker im log in-Chat. Hier gibt es eure Fragen und Stockers Antworten zum Nachlesen:

Frank Stocker: So, hallo, ich bin jetzt im Chat.

Nastia: @Herr Stocker: Welche Instrumente sind ihrer Meinung nach WIRKLICH geeignet die Krise zu meistern?

Frank Stocker: Vertrauen schaffen, indem die Politik sich auf Maßnahmen einigt, welche auch immer, und diese dann auch konsequent umsetzt!

Gast146 (Gast): Herr Stocker, glauben Sie nicht auch dass die alten Politiker noch in Ihren alten Denkschemen feststecken? Brauchen wir nicht ein neues Wirtschafssystem?

Frank Stocker: Da wäre ich vorsichtig. Wirtschaftssysteme kann man nicht einfach mal ausprobieren. Es geht immerhin um Menschen. Und wenn es schief geht, leiden die Menschen.

stefan b.: @Herr Stocker: Etwas naiv gedacht aber kalkulieren die Baken mit den höheren Zinsen nicht auch den 100% Verlust ihres Geldes mit ein? Also müssten die Kosten für die Pleite Griechenlands auch die Banken tragen. Unternehmerisches Risiko?

Frank Stocker: Nein, diesen Verlust kalkulieren sie bei Staatsanleihen eben nicht ein. Weil Staatsanleihen von den Regierungen stets per Dekret als “sicher” definiert wurden und die Banken daher keine Sicherheiten hinterlegen mussten.

Alternativdenker: Herr Stocker, finden Sie die soziale Marktwirtschaft und den Kapitalismus in seiner jetzigen Form gut oder gibt es eine alternative dafür?

Frank Stocker: Die jetzige soziale Marktwirtschaft hat uns diesen Wohlstand beschert den wir heute haben. Im Finanzsystem muss vieles dringend repariert werden. Aber das geht innerhalb des Systems

Gast139 (Gast): @ Frank Stocker: Wie vereinbart sich der Fiskalpakt und ESM mit der Verfassung der BRD???

Frank Stocker: Das ist schwer. Aber ein Grundproblem dieser Krise ist, dass die Politik im Vergleich zu den Finanzmärkten viel zu langsam agiert. Es bedarf eines Akteurs der schnell handeln kann, das geht nicht, wenn der ESM bei jeder Entscheidung erst alle Parlamente befragen muss.

Gast452 (Gast): Hallo Herr Stocker, warum werden die Spekulanten als die Schuldigen angeprangert, ohne Spekulanten wären viele Unternehmen ohne Kapital (zum Teil Risikokapital)?

Frank Stocker: Jeder Finanzmarkt braucht Spekulanten. Aber die Spekulation hat heute einen viel zu großen Anteil am Finanzsystem. Sie muss dringend eingedämmt werden. Wobei das Griechenland allerdings nicht geholfen hätte. Da spielte die Spekulation eine untergeordnete Rolle.

Gast61 (Gast): Stimmt es, dass einer Menge Geld immer die gleiche Menge Schulden gegenübersteht? Wenn man also alle Schulden zurückzahlt, gäbe es dann noch Geld?

Frank Stocker: Wenn es um Buchgeld geht, im Prinzip ja. Aber es gibt ja auch noch umlaufendes Geld.

sven20-06: Hallo Herr Stocker, könnte es funktionieren wenn man nur die Zinsen und Zinseszinsen aller europäischen Staatsschulden streicht? Wäre doch für alle einigermaßen fair.

Frank Stocker: Wer verzichtet dann darauf? Es sind die Inhaber dieser Anleihen. Und das sind z.B. unsere Lebensversicherungen. Letzten Endes würden dann also wir alle darauf verzichten

Gast2112 (Gast): @Stocker: Wäre ein Austritt Deutschlands aus dem Euroraum, mit seiner extrem robusten Wirtschaft für die verbleibenden Euroländer nicht von Vorteil, insofern diese dann mit eine leicht abgewerteten Euro ihre Wirtschaft durch stärkere Außenhandelskativitäten weiter stärken könnten; und ist nicht zu erwarten das unsere Wirtschaft die „Delle“; mit leicht steigender Arbeitslosigkeit aber Preisstabilität meistern könnte?

Frank Stocker: Ein Austritt Deutschlands würde riesige Turbulenzen für unser gesamtes deutsches Bankensystem zur Folge und auch für unsere Unternehmen, da heute in Europa alle mit allen eng verwoben sind.

Gast5133 (Gast): Was würde es bringen, wenn man das Börsenrecht komplett neu regeln würde?

Frank Stocker: Die Börsen sind nicht das Problem. Der größte Teil der Spekulationen findet außerhalb der Börsen statt, im direkten Handel zwischen den Banken.

Gast688 (Gast): @Herr Socker: Was ist dran an den Gerüchten, dass Griechenland nur Dank gefälschter Staatsbilanzen in den Euro aufgenommen wurde? Und die "Berater" von GoldmannSachs waren?

Frank Stocker: Das stimmt. Punkt.

Gast2161 (Gast): Herr Stocker, hat die Politik zu Gunsten unseres heutigen übermäßigen Wohlstandes den freien Finanzmärkten zu viel Macht überlassen und tut sich deshalb heute schwer, die Krise wieder in den Griff zu bekommen?

Frank Stocker: Ja, das Finanzsystem ist aus dem Ruder gelaufen und es muss dringend stärker reguliert werden. Der Bezug zur Eurokrise ist aber allenfalls indirekt. Sie würde dadurch nicht gelöst

Gast221 (Gast): Herr Stocker, was halten sie von einer Golddeckung oder ein Freies Marktgeld? Was spricht dagegen das die Menschen ihre eigne Währung wählen und die Stabilste wird sich durch Setzen. Das hat auch in Hamburg bei der Mark Banco super funktioniert die 200 Jahre überlebt hat. Und eine nahezu 100% Silberdeckung hatte.

Frank Stocker: Die Golddeckung hat Vor- und Nachteile. Z.B gab es zu Zeiten der Golddeckung immer wieder entsetzliche Rezessionen, bei denen die Wirtschaft um 20 oder 30 Prozent einbrach. Weil eben nicht durch eine Verschuldung des Staates gegengesteuert werden konnte.

KarlNielz: @Herr Stocker, hypothetisch wäre es Systemisch/Fachlich sinnvoll Europa in Zwei Währungen von import- und andererseits exportorientierten Staaten zu gliedern?

Frank Stocker: Und was ist dann, wenn sich ein Staat von einem import-zu einem exportorientierten Staat entwickelt? Wechselt man dann munter zwischen den Währungen hin und her? Sehr schwierig.

Gast3156 (Gast): Herr Stocker: Es heißt ja immer, dass die US-Notenbank nach Belieben Geld druckt und die EZB dies eben nicht macht. Ist diese Aussage richtig? Wie schaffen es die USA die Inflation dennoch in Grenzen zu halten? Hat dies mit der mangelnden Reichweite der EU Außenpolitik zu tun?

Frank Stocker: Nicht mehr, die EZB druckt inzwischen auch Geld. Die Geldmenge ist aber völlig unwichtig für die Frage ob es Inflation gibt. Entscheidend ist wie viel Geld im Umlauf ist. Das gedruckte Geld wird derzeit v.a. von den Banken gehortet, kommt nicht in Umlauf. Daher keine Inflation.

Gast5120 (Gast): Herr Stocker: Wie fern ist die Möglichkeit eine EU aus den Ursprünglichen 6 Staaten + sekundär Staaten herzustellen?

Frank Stocker: Also, eine Kern-EU? Kann man bei einzelnen Themen machen. Bei den Währungen eher schwierig.

Gast452 (Gast): Wie applaudiert man hier? Danke Herr Stocker!

Frank Stocker: Danke ebenso für die interessanten Fragen.

Frank Stocker: Gute Nacht!

1 Kommentar | 21. Juni 2012 | 16:05 Uhr | Twittern | Facebook

Ein Kommentar

  1. “Es braucht einen akteur der schnell handeln kann”

    AHHHHHH!

    Herr Stocker, vielleicht sollten wir uns überlegen, was der Staat machen soll!

    Er soll Rahmenbedingungen setzen, und nicht selbst als Spekulant fungieren. Sie müssen die Ursachen lösen, nicht bei der Symptomen die Kopfschmerztablette möglichst schnell einwerfen.

    http://www.mister-ede.de/politik/bekampfung-der-eurokrise-teil1/1149

    [Anm.d.Red.: Das ZDF ist für den Inhalt externer Internetseiten nicht verantwortlich].

    mister-ede | 21. Juni 2012 | 17:18 | Antworten

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