Nie wieder Chaos
Die Pläne der Europäischen Union, künftig folgenschwere Bankenpleiten und Turbulenzen an den Finanzmärkten zu vermeiden, sind aller Ehren wert. Doch Sisyphos hatte, verglichen damit, einen recht leichten Job.
Es geht schon los mit dem Zeithorizont. Zwei Jahre “nach Lehman”, der krachenden Pleite der New Yorker Investmentbank, hat sich die EU-Kommission mit einer Sammlung von Regelwerken an die Öffentlichkeit begeben, die ebenso kompliziert wie umstritten ist. In den Tiefen der Brüsseler Büroschluchten hat man also Jahre gebraucht, um überhaupt erst einmal ein Gesamtkunstwerk zu entwerfen.
Hinzu kommen nun im günstigsten Fall noch einmal zwei Jahre, ehe das Ganze in Kraft treten kann, und “günstigster Fall” heißt hier: Alle machen begeistert mit. Das ist also in etwa so wahrscheinlich, wie das vollständige Ausbleiben künftiger Krisen für immer. Schon der bereits gut erkennbare Widerstand Großbritanniens reicht, um die meisten gut gemeinten Regelungen zu torpedieren.
Was will die EU? Sie möchte als erstes einmal den Moloch Finanzmarkt in eine übersichtliche Form bringen: Statt in Hinterzimmern und Computernetzwerken soll der Handel bei Wertpapierkonstruktionen der Banken über eine zentrale Abwicklungsstelle laufen - transparent eben. Die angestammten Börsen dürfte das freuen, ihnen kam nämlich durch den Inter-Bankenhandel viel Geschäft abhanden.
Dann gibt es Vorhaben, sogenannte ungedeckte Leerverkäufe zu regulieren, die Wetten auf künftige Preise von Rohstoffen einzugrenzen und dergleichen mehr. All die undurchsichtigen Produkte findiger Finanzmathematiker in den Banken und Hedgefonds sollen staatlich beherrschbar werden, und dazu wird es dann auch drei neue Behörden geben - in drei Ländern. Das alles ist hochkomplex und dürfte die Fachjuristen und Beraterfirmen europaweit in Begeisterungstaumel versetzen.
Schon auf den ersten Blick offenbart sich leider, dass es reichlich Wunschdenken gibt. Neben der Menschheitserkenntnis, dass Krisen offenbar unvermeidlich zum Leben gehören, torpediert die globale Realität das Vorhaben. In Tokio, Singapur oder Hongkong endet die Macht der Brüsseler Kommission nämlich abrupt. Was dort ausgeheckt wird, kann man auch von Europa aus handeln, und so wird der Frust der Londoner Widerständler verständlich: Sie sehen ihr weltweites Finanzgeschäft gefährdet, ohne dass es deswegen einen einzigen hochriskanten Deal weniger gäbe auf der Welt. Aber kann das ein Argument sein, gar nichts zu tun? Natürlich nicht.
Da zumindest die USA ebenfalls neue Regeln aufgestellt haben, könnten die Europäer zusammen mit Amerika schon einen gewissen Druck ausüben, eine Art Mindeststandard auch weltweit umzusetzen. Da darf dann aber sehr lange wirklich nichts Krisenhaftes dazwischenkommen, während dies verhandelt wird.
Es hilft am Ende natürlich jenen nichts mehr, die indirekt durch die Finanzkrise und direkt durch die Lehman-Bankpleite in Deutschland Geld verloren haben - allein 50.000 Lehman-Geschädigte gibt es. Und, das ist der Treppenwitz: Sie alle wurden gar nicht mal durch hochkomplexe Finanzwetten im Hinterzimmer kalt erwischt, sondern kauften ganz einfach simple, öffentlich gehandelte Schuldverschreibungen (Zertifikate) einer der ältesten und größten Investmentbanken der Welt mit Sitz im zivilisierten New York. Vermittelt durch die freundliche Bank oder Sparkasse an der Ecke. Alle diese Institute sind schon seit Menschengedenken einer umfassenden Staatsaufsicht unterworfen. Geholfen hat das – nichts.
4 Kommentare | 16. September 2010 | 11:59 Uhr |
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Ihr Witz, Herr Ackermann, ist allerdings auch nicht ganz ohne. Die Privatisierung und Umverteilung der Vermögen von unten nach oben ist durchaus bekannt und statistisch belegt. Dennoch/Deshalb ist es ein gelungener Coup und von unüberbietbarem Zynismus, der Bevölkerung nach endlosen Einschnitten, Sparmaßnahmen, “Zuschlägen” etc. immer noch gebetsmühlenhaft zu wiederholen, _sie_ lebe über ihre Verhältnisse. Denn dann ist sie es ja “selbst in Schuld”, wenn sie in die Pleite geht. Die zig-Milliardenbürgschaften gingen an die Banken, und es fällt überhaupt nicht mehr auf, dass die Entsorgung des Atommülls sozialisiert wurde und die Demontage und Sanierung maroder Einrichtungen dieser Art dem Forschungsetat belastet werden. Das fehlt dann wieder den Unis, aber solange man die Defizite durch Belastung der Studenten wieder herausholen kann – kein Problem! Die können ja kellnern, wenn sie büffeln sollten. Hauptsache RWE, Vattenfall und wie sie alle heißen sind fein raus.
Tsssss. wir leben über unsere Verhältnisse. Gerade erst wieder Hartz IV gekürzt…
@ZDF: Verbessert bitte mal das Script für diesese Feld. Überträgt es nach jedem Buchstaben den gesamten Text? Die Tastatur schleift und kann kann nicht tippen. Ist nur hier so…
Nie wieder Chaos?!
Na, wer von Buchhaltung nur die fundamentalsten Kenntnisse besitzt, der weiß, dass irgendwann die Bad-Banks die ihnen hineingeschobenen (Junk)-Wertpapiere wertmäßig berichtigen werden müssen. Nach der Regel von Soll + Haben wird dann der Verlust zu bilanzieren, sprich zu realisieren, sein.
…und da freue ich mich jetzt schon darauf!
Dann werden die Staatsbürgschaften nämlich fällig, meine Herren! Ohje, nix mit Schuldenbremse, nix mit ausgeglichenem Haushalt! Der Staat, sprich der Steuerzahler, wird blechen müssen bis er ‘Lumpen kotzt’.
Rette sich wer kann in Sachwerte und/oder Immobilien.
Es wird noch viel schlimmer, als wir uns das zur Zeit vorstellen können. Von wegen, Finzanzkrise vorbei und der Export boomt nur so. 40 Mrd. neue Bürgschaft für die HRE. Gottseidank gibt’s Sarrazin und Erika Steinbach um uns die Birne zu vernebeln. Na, klickt’s?
Heute wird sehr viel über Finanzen geredet und gestritten. Ich habe dazu eine Frage. Mit
Finanzen ist doch Geld gemeint. Und meine Frage lautet: “Wie entsteht Geld, insbesondere
neues Geld, denn wenn überall die Gewinne steigen, müssen diese doch irgendwo herkommen.
Oder sind Gewinne kein Geld “? Wer erklärt mir das?
Da stellst du eine Frage mit dem man sich eine ganze Spezialisierungsrichtung eines Wirtschaftsstudiums beschäftigen kann. Ich möchte versuchen dir eine erste Erklärung zu geben. Ich hoffe es ist dir eine Hilfe.
Also:
Wirklich neues “Geld” wird von nationalen Zentralbanken geschaffen. Vereinfacht stell dir einfach vor, sie drucken es und verteilen es, je nach eigenem Ermessen, in der Volkswirtschaft. Es gibt mehrere Instrumente mit denen die Zentralbanken dies erreichen (falls du nachlesen möchtest: z.B. “definitive Offenmarktgeschäfte”, “Wertpapiergeschäfte”). Ist dieses Geld nun im Umlauf schöpfen die Banken legal mit diesem geliehenen Geld weiteres Geld.
Bsp.: Bank 1 leiht sich 1000 Euro, muss 10 % zurücklegen, verleiht 900 Euro als Kredit weiter an Bank 2. Diese verleiht nun nach Abzug der 10% Reservepflicht 810 Euro weiter. Aus anfänglich 1000 Euro sind nun 1810 Euro geworden. Es wurden 810 Euro “geschöpft”. Das nennt man den “multiplen Geldschöpfungsprozess” und ist eine ganz normale, seit Jahrhunderten praktizierte Vorgehensweise. So entsteht (im Wesentlichen) neues Geld.
Das bedeutet, dass mit jedem Euro, den du bei einer Bank anlegst, du zu dieser “Schöpfung” beiträgst. Einlagen der Banken werden weiterverliehen und generieren eine erhoffte Rendite (Zinsen), die dir zugute kommt, dafür, dass du dein Geld bereitstellst.
Es handelt sich dabei allerdings zunächst einmal um Buchwerte. Eine Geldanlage baut auf der nächsten auf. Ziehst du dein Geld von einer Bank ab, wird sie dir es auszahlen, ohne dass dabei wirtschaftliche Schwierigkeiten entstehen. Denken sich aber ein Großteil der Anleger wie du, ihr Geld von der selben Bank abzuziehen, kann diese Bank in ernste finanzielle Schwierigkeiten kommen. Das liegt daran, dass die Bank, das von dir geliehene Geld nicht ebenso schnell wie du wieder abziehen kann und meist gebunden ist. Sie zahlt dir also dein Geld von Ihrem eigenen zurückgelegten Geld. Das kann aber im schlimmsten Fall nicht ausreichen, um alle zu bedienen. Dann spricht man von einem “Bank Run”. Über Nacht werden dann Bankhäuser geschlossen und Auszahlungen gestopt, um einen Kollaps zu verhindern.
Nun zu der Unterscheidung Geld /Finanzen:
“Finanzen” stellt den Überbegriff für dein angelegtes (ob bei einer Bank oder indem du dir ein Auto kaufst)und geliehenes Geld dar.
Auch Unternehmen rechnen auf diese Weise. Nur das sie eine “Bilanz” erstellen, in der sie ihr Vermögen (auch “Aktiva” genannt, also Gebäude, Autos, Wertpapiere, Kassenbestände etc.) dem “Kapital” gegenüberstellt(auch “Passiva” genannt, als Überbegriff für die Herkunft des ganzen Geldes, also Kredite und “eigenes Kapital”).
Wenn Gewinne steigen bedeutet das, dass das Unternehmen mit dem ihm zur Verfügung gestelltem Kapital weise gewirtschaftet hat und seinen Eignern und Gläubigern die Vorteilhaftigkeit einer Investition in das Unternehmen beweist. Natürlich kommen Gewinne von irgendwo her. Es kommt aus dem Geschäft das Unternehmen tätigen (Dienstleistungen, Produktion). Gewinne werden an die Eigner zum Teil ausgeschüttet und zum Teil werden damit Geldgeber bezahlt.
Der Rest bleibt im Unternehmen als Reserve (“Kapitalrücklage” und “Gewinnrücklage”). Das ursprünglich einmal geliehene Geld ist aber nicht komplett verfügbar. Es liegt investiert in Maschinen, Gebäuden usw. im Unternehmen.
Leider sehr lang, aber ansonsten kaum gut zu erklären,
Hoffe es hilft