Die Wunden bleiben ein Leben lang
Das Entsetzen war groß, als zu Jahresanfang ein Missbrauchsskandal nach dem anderen öffentlich wurde. Erst im Canisius-Kolleg, dann in der Klosterschule Ettal, später in der reformpädagogischen Einrichtung Odenwaldschule, um nur die prominentesten zu nennen. Die Schilderungen der missbrauchten ehemaligen Schüler und Schülerinnen offenbarten schlimmste Qualen und Demütigungen. Ein einziger Alptraum aus Prügeln und Pädophilie. Was wurde damals alles versprochen: rückhaltlose Aufklärung, entschlossenes Handeln, eine schonungslose Aufarbeitung, um die Täter zur Verantwortung zu ziehen und den Opfern zu helfen.
Und was ist passiert? Sechs Monate, nachdem die vielen Missbrauchsfälle in kirchlichen und weltlichen Institutionen bekannt wurden, fühlen sich viele Betroffene alleingelassen. Zwar werden Berichte, Zwischenberichte und Sachstandsberichte veröffentlicht, bisher jedoch ohne Konsequenzen für die Opfer. Manche sprechen gar vom Missbrauch nach dem Missbrauch und einer Retraumatisierung.
Zu Recht. Denn trotz aller Anstrengungen seitens der heute Verantwortlichen – ob runder Tisch oder Opferhilfe-Konzepte mit Mediation und Therapien – bleibt der Eindruck, dass lieber zur Tagesordnung übergegangen wird. Kein Blick zurück, lieber die Augen stur nach vorne gerichtet – wie sonst sollte die Aussage der aktuellen Schulleiterin zu verstehen sein, „dass die Odenwaldschule jetzt nicht die Missbrauchsschule bleibt, oder die missbrauchte Schule, sondern eine Schule mit einer Zukunft.”
Doch eine Zukunft gibt es nur, wenn die Vergangenheit vollständig aufgearbeitet wird. Und das heißt eben auch, dass alles auf den Tisch kommt, dass alle grausamen Taten veröffentlicht werden, und nicht nur die, die nachgewiesen werden.
Auch die mühsame Diskussion um die Themen „Verjährung” und „Entschädigung” hat für die Opfer etwas Entwürdigendes, werden sie doch dadurch in die Rolle der Bittsteller gedrängt. Entschädigung ist kein Schweigegeld, sondern eine Form von Anerkennung der Schuld. Besonders bitter ist für viele Betroffene, dass die meisten Täter juristisch nicht mehr belangt werden können, da ihre Verbrechen verjährt sind. Wie sagte doch ein ehemaliger Klosterschüler von Ettal, der jahrelang von Patres misshandelt wurde: „Menschen, die mit der Ewigkeit Geschäfte machen wie mit dem ewigen Leben, haben sowieso keinen Anspruch auf Verjährung.”
Zeit wird es, dass auch die Politiker in diesem Punkt endlich klare Signale setzen.
1 Kommentar | 26. Juli 2010 | 14:24 Uhr |
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Ich habe verschiedene Frauen kennengelernt, die als Kind missbraucht wurden. Alle zeigten als Erwachsene für uneingeweihte manchmal befremdliche Verhaltensweisen.
Eines Tages kam meine Tochter von einer Schulfreundin nach Hause und erzählte folgendes:
Die jüngere Schwester ihrer Freundin trat die (als Kind missbrauchte) Mutter in den Hintern und die Freundin sagte, dass brauch sie manchmal. Die Mutter reagierte in keiner Weise. Ich denke es war eine Überreaktion auf das Erlebte. Sie wollte ihre Kinder vor allem schützen.
Die Wunden von Missbrauch gehen tiefer, als es sich die meisten Menschen auch nur andeutungsweise vorstellen können.