Die Außenkanzlerin
So ein Russland-Besuch ist doch eine feine Sache, mag sich Angela Merkel gedacht haben.
3.000 Kilometer östlich von Moskau, bei den deutsch-russischen Regierungskonsultationen in Jekaterinburg, lässt sie das Berliner Koalitions-Gerumpel hinter sich und schlüpft mal wieder in die Rolle, die sie am besten kann: Außenkanzlerin.
Im Ural ging das Kalkül auf: Schöne Bilder unter goldenen Kuppeln mit Dmitrij Medwedjew ließen auch die matt gewordene Kanzlerin mal wieder ein bisschen glänzen. Dabei sind die Regierungskonsultationen an sich ein rein symbolischer Akt und in Wirklichkeit ziemliche Zeitverschwendung.
Das mussten sogar die mitgereisten Minister unter der Hand zugeben. Miteinander zu bereden haben die Ressortleiter beider Länder herzlich wenig: Der russische Energieminister lacht sich heimlich kaputt über die deutsche Laufzeit-Debatte, die Norbert Röttgen am Hals hat. Und Philipp Röslers Kollegin vom Gesundheitsministerium würde sich über dessen Probleme freuen – in Russland gibt es noch nicht einmal eine flächendeckende Krankenversicherung.
Die Konsultationen sind also mehr ein Symbol des Vertrauens als wirkliche Beratungen, doch für die beiden Chefs, Merkel und Medwedjew, nicht zu unterschätzen. Die beiden haben es anscheinend geschafft, etwas wie ein freundschaftliches Verhältnis aufzubauen, die Gesten der Herzlichkeit wirkten nicht übertrieben, sondern echt.
Und angesichts der Wirtschaftsabschlüsse in Jekaterinburg kann die Kanzlerin wirklich mal ein bisschen strahlen: 1.200 Waggons wird Siemens nach Russland verkaufen und Airbus weitere elf A330 Passagiermaschinen. Jeder der beiden Deals ist über zwei Milliarden Euro wert. Das ist zwar nicht wirklich Merkels Verdienst, aber da sie applaudierend im Publikum sitzt, merkt das erst mal keiner.
Jetzt geht’s weiter nach Peking und Xi’an zu den Terrakotta-Kriegern. Und auch da sind schöne Bilder für die Außenkanzlerin garantiert.
4 Kommentare | 17. Juli 2010 | 09:02 Uhr |
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Wenn die Bundeskanzlerin Auslandsreisen unternimmt, ist da zunächst gar nichts zu beanstanden; denn damit entspricht sie ihrer Amtspflicht. Was haben denn die früheren Bundeskanzler gemacht? Haben die sich nie die Blumen außenpolitischer Aktivitäten auf ihre Amtsschreibtische gestellt? Eíne derart tendenziöse Berichterstattung unter dem Dach eines öffentlich-rechtlchen Fernsehens kann nur als Meinungs- und Stimmungsmache gewertet werden und war bisher lediglich in Ausnahmen bei anderen Medien erkennbar. Wo bleibt die objektve Befunderhebung vor der Bewertung von Vorgängen?
Sehr wahr, mit Außenpolitik von den inneren Unzulänglichkeiten ablenken. Es ist mehr als auffällig, dass sie sich gerne ins Ausland absetzt, wenn die Themen hier unliebsam werden und sollte sie mal im Land sein, lässt sie sich schon garnicht auf zielführende aber kontoverse Diskussionen ein, sondern sitzt aus, verharrt und säuselt ggfs. noch Zusammenfassendes zum dann ohnehin bereits vorliegenden Ergebnis – soviel Unfähigkeit ist einfach sagenhaft.
Bei aller Unfähigkeit der deutschen Regierung können wir Bürger zum Glück über die Kompetenz unser aller Auslandskorrespondenten beim ZDF staunen. Die Kanzlerin fliegt natürlich nur nach Moskau um von der schlechten innenpolitischen Lage abzulenken. Dazu war schon jeder Auslandstrip geeignet. und die journalistische Leistung diesen originellen Zusammenhang herzustellen verblüfft immer wieder; auch wenn eine Auslandsreise ab und zu dem Berufsprofil einer Regierungschefin entsprechen könnte. Als Journalistin kann ich dann von Fall zu Fall entscheiden ob diese Auslandsreise als Ablenkungsmanöver dient. Worüber der russische Energieminister heimlich lacht und die russische Gesundheitsministerin sich freuen würde können wir nach eingehender Recherche ebenfalls erfahren. Die entsprechenden zustimmenden Reaktion und Beifallsbekundungen lassen nicht lange auf sich warten. Vielleicht noch mit einer der wunderbaren ZDF Umfragen im Stile von “eher zufrieden” oder “eher unzufrieden” verknüpft (wir deutschen sind natürlich traditionell “eher unzufrieden”). Dann erfahren wir was wäre “wenn Morgen Bundestagswahl wäre”. Ich dachte immer ich erfahre das Ergebnis einer Wahl wenn´s soweit ist….
Natürlich ist jede Regierung primär für sämtliche wirtschaftlichen Misserfolge verantwortlich, wohin gegen der Bürger bezüglich der sich bessernden Wirtschaftslage (gut informiert) diesen Erfolg “eher den Umständen” als der Regierung zuordnet. Dafür hat schon immer die jeweilige Opposition des Landes gesorgt.Egal wer regiert und wer kritisiert: “Kanzlerkloppe” war schon immer beliebt und ein einfachen Mittel um in Talkshows Applaus vom “informierten” Publikum zu erhalten. Um den Vorwurf der “Zeitverschwendung” bestehen zu lassen braucht es aber etwas mehr “echte” Information.
Mit diesem Kommentar machen es sich Frau Gellinek meiner Meinung nach etwas zu einfach.Die Zustimmung scheint Ihr allerdings recht zu gebenen auch wenn ich “eher unzufrieden” anklicken würde.
Hallo Herr Böhme,
Sie sprechen mir aus dem Herzen. Da meine beiden Wahlstimmen nichts zu dieser unsäglichen Konstellation beigetragen haben, steht mir ein wenig Häme zu. Armes Deutschland.