Wie Krake Paul ins Kanzleramt kommt

Nun hat sich die Regierung mit Mühe und Not in die Sommerpause gerettet. Ein paar Entscheidungen auf den letzten Metern - der Gesundheitskompromiss und die durchgedrückte Bundesrats-Entscheidung zum Stipendienprogramm - sollen als Beweis dienen, dass diese Koalition doch noch handlungsfähig ist. Die Tatsache allerdings, dass es dabei vergleichsweise geräuschlos zuging - gemessen an den sprachlichen Verwerfungen der vergangenen Wochen - ist vor allem allseitiger Erschöpfung zu verdanken und weniger wahrer Einsicht. Doch statt der nötigen Ruhe könnten die nächsten Wochen neues Ungemach bringen. Es droht - das Sommerloch.

Klassischerweise bevölkern ausgebüchste Reptilien das Sommerloch: Kaimane und Krokodile, die ländliche Badeseen unsicher machen - damit konnten in der Vergangenheit Print- und elektronische Medien wochenlang die Info-Flaute überbrücken. Derzeit ist es ein orakelnder Oktopus, der die Welt beschäftigt, aber der hat mit dem Final-Sonntag ausgedient. Es sei denn, man ließe ihn auch über andere, z.B. politische Wettbewerbe entscheiden: Hätte man nicht Krake Paul auch schon die Wahl zwischen Gauck und Wulff vorhersagen lassen können? Man hätte den schweißtreibenden Wahltag deutlich verkürzen können.
Aber im Ernst: das Sommerloch ist unkalkulierbar. Es spült Tiere und Themen an die Oberfläche und verleiht ihnen unerwartet Gewicht und Bedeutung. Deshalb ist es vom Wesen her gefährlich. Politisch ist es der Ort für die zweite Reihe, aus der heraus sich eher unbekannte Abgeordnete gerne zu Wort melden und sich über das öffentliche Interesse an der eigenen Person freuen. Und: Das Sommerloch kann in Ermangelung großer Ereignisse schwelende Probleme richtig groß machen. Was vorher ungelöst ist, kann neue Wucht bekommen, ohne dass wirklich etwas passiert ist.

Noch ist das Sommerloch 2010 gar nicht tief, doch die CDU-Ministerpräsidenten arbeiten schon daran, es zu füllen. Gute Ratschläge an die Adresse der Kanzlerin, wie sie ihr Amt zu führen habe, haben Hamburgs Ole von Beust (“auch mal jemanden rausschmeißen”) und Wolfgang Böhmer aus Sachsen-Anhalt (“nicht wie Familienbetrieb”) gegeben. Und der Sachse Stanislaw Tillich äußert darüber hinaus inhaltliche Kritik an dem gefundenen Gesundheitskompromiss. CDU-Vize will er übrigens nicht werden, was die Frage aufwirft, wer denn nun eigentlich die drei vakanten Vize-Posten, die Wulff, Koch und Rüttgers frei machen, besetzen wird. Werden es mit Ursula von der Leyen und Annette Schavan mindestens zwei Frauen sein und nährt das nicht die ewige Vermutung, dass Angela Merkel keine starken Männer neben sich duldet?

All das ist Stoff fürs Sommerloch: der Führungsstil der Kanzlerin, die Frage, ob sie sich einmauert im Kanzleramt, wer neuer CDU-Hoffnungsträger wird und die inhaltliche Infragestellung der wenigen schwarz-gelben Kompromisse. Sparpaket und Gesundheit, beides sind problematische Einigungen gewesen, die ausreichend Angriffsflächen bieten, um sie zu zerreden. Und mit den Themen Atomlaufzeiten und Wehrpflicht stehen weitere große Probleme auf der künftigen Tagesordnung. Manch einer will sich da schon jetzt in Stellung bringen. Grummeln und Nörgeln als Grundton der Sommerzeit, schwelende Unzufriedenheit - Angela Merkel muss das Sommerloch fürchten, das bei dieser Gemengelage jederzeit eine unschöne Überraschung produzieren kann.

Vielleicht sollte sie Krake Paul, den enttäuschte Deutschland-Fans in die Pfanne hauen wollen, mütterlich Asyl im Kanzleramt anbieten - pünktlich zum Tag der offenen Tür im August. Tiere gehen immer und lenken ab.

6 Kommentare | 11. Juli 2010 | 09:21 Uhr | Twittern | Facebook

6 Kommentare

  1. Liebe Fau Schausten, dass Sie ihren ehemaligen Kollegen jetzt einen Kraken nennen ist erschütternd.
    Der Artikel sollte heißen
    “Wie Krake Steffen ins Kanzleramt kommt und sind unsere Medien parteiisch?”
    Und das Thema für’s Sommerloch steht bereit!
    Es grüßt
    Colin Cologne

    Colin | 1. Januar 1970 | 00:00 | Antworten
  2. “… und die inhaltliche Infragestellung der wenigen schwarz-grünen Kompromisse.”
    … da scheint das Sommerloch bei der (von mir hoch geschätzten) Frau Schausten zugeschlagen zu haben – Westerwelle als neue Claudia Roth?
    Herzliche Grüße,
    RH

    RH | 1. Januar 1970 | 00:00 | Antworten
  3. Lieber RH
    danke für den Hinweis. Wir haben den Faux Pas ausgebessert.
    Gruß
    Die heute.de-Redaktion

    Redaktion heute.de | 1. Januar 1970 | 00:00 | Antworten
  4. Keine Sorge, Frau Schausten….
    Der drehbuchfreie Komödienstadl hat schon wieder geöffnet. Gesundheitskompromiss oder gar – reform? Die ersten meckern (zurecht) schon wieder: Diese “Koalition” nährt die Politikverdrossenheit, produziert Intrigen und Heckenschützen am Fliessband und macht die Führungsschwäche der Kanzlerin für die ganze Welt transparent. Hoffe wenigstens dass Sie, liebe Frau Schausten, nicht auch noch die Glaubwürdigkeit verlieren. Ihr von mir bislang hoch geschätzter Kollege Seibert hat sich mit seiner Entscheidung (und insbesondere der Begründung: “Richtige Entscheidungen der Kanzlerin in schwierigen Zeiten”) der totalen Lächerlichkeit preis gemacht. Schade.

    Steffen K. aus KA | 1. Januar 1970 | 00:00 | Antworten
  5. Sehr geehrter Frau Schausten,
    ganz im Gegensatz zu Herrn Böhmer bin ich der Meinung, Frau Merkel sollte wie im Familienbetrieb führen:
    1. In keinem ordentlichen Familienbetrieb wird mehr ausgegeben als man einnimmt. Ein Familienunternehmer, der das tun würde, würde sich zu Recht dem Vorwurf eines katastrophalen Management-Fehlers aussetzen.
    2. In einem Familienbetrieb gibt es noch Personen, die sich für die Organisation verantwortlich fühlen und dafür auch mit ihrem eigenen Geld haften.
    3. In einem Familienbetrieb weiß man noch, dass man nur gemeinsam gewinnt – oder alle zusammen verlieren. Daher vertraut man sich in der Regel auch noch.
    4. Ein Familienunternehmen hat in der Regel keinen Zugang zum großen Rad der Anleihen- und Kapitalmärkte. Dies wirkt sehr disziplinierend in Richtung möglicher finanzieller Abenteuer und der Vermeidung von Schulden…
    Dies sind nur ein paar kleine Vorteile von Familienunternehmen. Vielleicht sollte Frau Merkel einfach einmal einen besuchen – so lange es sie noch gibt…
    Beste Grüße nach Berlin Hellmut Kachel

    Dr. Hellmut Kachle | 1. Januar 1970 | 00:00 | Antworten
  6. Die Fußballweltmeisterschaft war nur ein
    gutes Ablenkungsmanöver für die Politik.
    Würde die jetzige Bundesregierung,so gut
    arbeiten,wie es die “Deutsche National-
    mannschaft in Südafrika getan hat,würde es
    im Gesundheitsbereich viel besser aussehen.
    Was ein Herr Philipp Rösler ,unser Gesund-
    heitsminister auf den Weg gebracht hat,ist
    für die Rentner geradezu erschreckend.Wenn
    die “Deutsche Nationalmannschaft”,bei der
    Fußballweltmeisterschaft in Südafrika,solch
    eine Leistung ,wie Herr Philipp Rösler im
    Gesundheitsbereich abgegeben hätte,wäre sie
    schon,in der Vorrunde ausgeschieden.An der
    Leistung der “Deutschen Nationalmannschaft,
    könnte sich die jetzige Bundesregierung,
    mal ein Beispiel nehmen.

    HOPF | 1. Januar 1970 | 00:00 | Antworten

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