Aufgepasst!
Es ist eine erschreckende Szene in der Anhörung des amerikanischen Senats in Washington. General David Petraeus kippt vornüber und sinkt dann in seinem Stuhl zusammen. Zuwenig Wasser habe er getrunken, meint der Befehlshaber des Central Command, der für die Kriege in Irak und Afghanistan zuständig ist.
Petraeus sollte den Senatoren des US-Kongresses eigentlich Rede und Antwort stehen zur aktuellen Situation in Afghanistan. Und die ist höchst bedenklich. Die lang angekündigte Militäroffensive in der Region Kandahar im Süden des Landes und die massive Luftunterstützung für die Bundeswehr rund um Kundus im Norden sind verschoben. Frühestens im September soll es losgehen. So spät, dass die amerikanischen Soldaten und ihre Verbündeten in die „schlechte” Jahreszeit kommen könnten, wenn die Witterungsbedingungen das Vorhaben erheblich behindern.
Das Problem: Die Taliban bekommen derzeit so viel Zulauf, dass die ISAF-Kräfte keine Vorbereitungszeit für die Offensive finden. Offenbar verfügen sie neuerdings auch über moderne Flugabwehrraketen, mit denen sie die Luftunterstützung für amerikanische Bodentruppen angreifen. Erst am 9. Juni brachten sie einen Chinook-Hubschrauber zum Absturz, vier US-Soldaten starben. Obendrein erweist sich die afghanische Armee als unzuverlässig. Einige Truppenteile haben sich den Einsätzplänen der Alliierten verweigert.
Das sind längst noch nicht alle schlechten Nachrichten aus Afghanistan. Die dortigen Taliban haben sich mit denen im Nachbarland Pakistan verbündet und nun mehrfach Anschläge in Europa und den USA angekündigt. Dass ihr Arm bis nach Amerika reicht, haben sie – wenn auch nicht besonders erfolgreich – durch die geplante Attacke auf den Times Square in New York bewiesen.
Hinzu kommen Hinweise, dass sich der Anführer der Al-Kaida, Osama bin Laden, möglicherweise im Iran versteckt hält und dort vom iranischen Geheimdienst geduldet wird. Diese Hinweise sind zwar mit Vorsicht zu genießen und vielleicht völlig substanzlos, aber der Iran hat angesichts der neuen Sanktionen ein steigendes Interesse, die Situation in Afghanistan deutlich zu verschärfen. Dass die türkische Regierung in jüngster Zeit hohe Sympathien für das Regime in Teheran entwickelt, ist ebenfalls besorgniserregend.
Mit anderen Worten: Die von US-Präsident Barack Obama im Dezember angekündigte neue Strategie der Truppenaufstockung und des massiven Vorgehens in Afghanistan, um die Grundlagen für eine Stabilisierung zu schaffen, steht auf der Kippe. Das gilt auch für das Engagement der Bundeswehr, für deren Soldaten sich die Lage dramatisch verschärft.
Deshalb ist es allerhöchste Zeit, dass die Bundesregierung und ihre europäischen Partner ihre volle Aufmerksamkeit auf Afghanistan richten! Der Schwächeanfall von General Petraeus im Senatsausschuss bekommt da symbolische Bedeutung – als Alarmsignal für ein drohendes Scheitern am Hindukusch.
2 Kommentare | 16. Juni 2010 | 09:17 Uhr |
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@ Michael Schneider: Ich hoffe, dieser Kommentar ist Ironisch gemeint. Wenn nicht: Danke für diesen inhaltlich wertvollen Beitrag. Sicher gehören Sie auch zu den Leuten, die beim nächsten Spiel der Nationmannschaft die bessere Aufstellung wählen würden.
Zu dem Kommentar von Herrn Theveßen: Ein sehr guter und übersichtlicher Beitrag, der die neuen Risiken in dieser Region uns wieder mal vor Augen führt. Ich hoffe, die Politischen Führer finden Lösungen aus dem Dilemma im nahen und mittleren Osten, auch wenn ich wenig Hoffnung hierbei habe.
Sehr geehrter Herr Theveßen,
bitte entschuldigen Sie, dass ich auf diesen Beitrag mit etwas gänzlich anderem antworte.
Sie haben gerade einen Kommentar im Heute-Journal zur Wahl im Saarland und zur anstehenden Wahl in NRW vorgetragen. Dabei haben Sie das geflügelte Wort “an Rhein und Ruhr” in Bezug auf Nordrhein-Westfalen benutzt. Bitte beachten Sie, dass mit Rhein und Ruhr lediglich Rheinland und Ruhrgebiet abgedeckt sind und sicherlich nicht ganz NRW. Da fehlen noch Westfalen, Ostwestfalen, Lipperland, Sauerland etc.
Besser ist die Formulierung “zwischen Rhein und Weser”.
Ich würde mich freuen diese Formulierung in Zukunft im ZDF häufiger zu hören.
vielen Dank und viele Grüße
Henric Uherek