Schluss mit Schätzchen

Was hat Väterchen Staat vor gut drei Jahren noch um Privatanleger gebuhlt: Bundeswertpapiere seien die «entspannendste Geldanlage in Deutschland», warb Schildkröte Günther damals in teuren Radio- und TV-Spots. In Zeiten wankender Banken und hoher Börsenverluste wurden «Bundesschätzchen» prompt zum Verkaufsschlager. Krisengestresste Bürger wollten ihr Geld lieber dem Staat anvertrauen als Banken und Sparkassen. Dafür verzichteten sie zuletzt sogar auf jeglichen Gewinn. Jetzt hat die Bundesregierung einen Rückzieher gemacht. Ab 2013 steigt der Bund aus dem Geschäft mit Privatkunden aus.

Nach mehr als 40 Jahren will sich der Staat kein Geld mehr von seinen Bürgern leihen. Aus Kostengründen, wie das Bundesfinanzministerium erklärt. Weil nicht zuletzt auch die Bankenbranche die Konkurrenz des Bundes missbilligt habe, ist Niels Nauhauser, Finanzexperte der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg, überzeugt.
Für Anleger bedeutet der Kurswechsel: Ersparnisse können künftig nur noch über Banken und Sparkassen platziert werden – in der Hoffnung, dass bei einem Zusammenbruch die Einlagensicherung greift und vor Verlusten schützt. Schluss mit Entspannung: Der von Schildkröte Günther gepriesene Rettungsanker beim 1a-Schuldner, dem Staat, wird zum Jahresende weitgehend eingeholt.

Klassiker auf den letzten Drücker

Aber was hat der Staat eigentlich zu bieten, was Banken nicht können? Investments beim Bund gelten als günstig und sicherer als bei den Geldinstituten. Das Risiko, dass der Bund mal keine Zinsen mehr zahlen kann und ausfällt, wird von Experten als vergleichsweise gering eingeschätzt. Darauf vertrauen auch Hunderttausende Bürger, die dem Staat derzeit rund 8,5 Milliarden Euro gegeben haben – in der Regel ohne Aussicht auf akzeptable Rendite.

Wer sein Geld auf den letzten Drücker noch bei Väterchen Staat parken will, kann das bis Jahresende tun. Eine kostenfreie Depoteröffnung direkt bei der Finanzagentur in Frankfurt am Main sei bis dahin noch möglich, erläutert ihr Sprecher Jörg Müller. Die Finanzagentur verwahrt die beliebten Klassiker kostenfrei. Ab 2013 wird es keine neuen Bundesschatzbriefe oder Finanzierungsschätze mehr geben, Neukunden stehen dann quasi vor verschlossenen Türen. Bestehende Konten laufen jedoch bis zur Fälligkeit der Wertpapiere weiter.

(Mit Material von dapd, von Berrit Gräber)

Michael Scheuch

Michael Scheuch - Seit 1997 Reporter und Redakteur bei WISO. Autor der WISO-Dokumentationen"Die Ebay-Falle"(2008), "Die große Gier - Wie die Banken unsere Zukunft verspielen" (2009) und "Verirrt im Telefondschungel" (2010).

Kommentieren | 02. August 2012 | 11:00 Uhr | Twittern | Facebook

Was sagen Sie dazu?