Obamagic

Einmal Obama gucken, das wollten wir mal eben in Manasses, Virginia. Ist ja nur eine Stunde Fahrt. 21 Uhr abends, letzter Stop vor dem Wahltag. Und dann wurde es so etwas wie eine Pilgerfahrt. In Amerika macht man so etwas mit dem Auto, ein Lindwurm aus Blech quält sich die Route 66 entlang, raus in Centreville und immer so weiter, bis wir fast vier Stunden später, wie alle anderen das Auto stehenlassen und zu Fuß weitergehen.

IMG_2086.JPG

Um uns herum sind Schwarze, Hispanics und Weiße, Alte und Junge, Intellektuelle und Arbeiter, und jede Menge Kinder. Mama und Papa wollen ihnen einmal Obama zeigen. Tausende von Menschen marschieren tapfer am Straßenrand entlang, fröhlich schnatternd, erwartungsfroh.

"Jetzt kannst Du Dir vorstellen, wie das damals bei Kennedy war", meint ein junger Schwarzer zu seiner Freundin. Sie tragen T-Shirts mit dem Konterfei des neuen Kennedy, Buttons, Mützen, Schals. Und wer noch keine hat, kann sie an kleinen Ständen am Wegesrand erwerben. Wir fragen uns, wie das alles sein kann, hier mitten in Virginia, einem Staat, der seit Ewigkeiten keinen demokratischen Präsidentschaftskandidaten unterstützt hat.

IMG_2083.JPGDann der Ort, an dem Obama seinen letzten Auftritt an diesem Tag zelebrieren wird. Eine Gänsehautlocation - ein Footballfeld, eingebettet in hügeliges Gelände. Vorne die Bühne für den Superstar, umbrandet von Gesichtern, Körpern hinauf bis auf die Kuppe und dahinter noch weiter. 80 000 Menschen sind es. Zwei Tage vorher hat es John McCain auf einem Parkplatz in Virginia gerade mal auf 2000 gebracht.

 

IMG_2100.JPGDas Vorprogramm ist laute Musik. Und das Spannendste sind vielleicht die Scharfschützen auf einigen Container-Lastwagen in Bühnenähe, vollmaskiert. Warten müssen wir alle, noch einmal eineinhalb Stunden, der Kandidat verspätet sich - seine Oma ist gestorben, das hat den Zeitplan verzögert, aber Barack Obama kommt trotzdem.

Müde scheint er, und doch elektrisiert er die Massen. "Barack, Barack" rufen sie und "Yes, we can!!!", über dem Hügel das Schild "Vote for change". Und den Wechsel verspricht er ihnen dann noch einmal. Es ist keine große Rede. Was er sagt, kommt an, aber wie er es sagt, das wird diese Wahl vielleicht entscheiden. Barack Obama ist die Projektion von Sehnsüchten in der Bevölkerung - Frieden, Sicherheit, ein wenig mehr haben zum Leben. Damit wären die meisten hier zufrieden.

IMG_2162.JPGObama verspricht keine Wunder - das Loch, das George Bush gegraben habe, sei tief. Seine Schaufel klein. Deshalb wird es dauern, meint er, da wieder rauszukommen. Das klingt ehrlich, so ehrlich, dass offenbar einige amerikanische Journalisten ihre Zurückhaltung vergessen. "We love you, Barack" schallt es von der Pressetribüne. Und der NBC-Korrespondent lässt eine Kollegin ein Foto von ihm vor den Menschenmassen machen. So etwas hat er auch noch nicht gesehen.

IMG_2150.JPGNeben uns weint ein großer, grobschlächtiger Mann. Kinder recken die Hälse. Junge Mädchen schauen andachtsvoll auf ihren Star und machen Fotos mit ihren Handys. Nach etwas mehr als einer halben Stunde ist alles vorbei. Und der Lindwurm setzt sich wieder in Bewegung. Für den Rückweg werden sie wieder Stunden brauchen, aber sie nehmen ein Stück mit von der Obamagic und hoffen, dass diese Magie ihn heute ins Weiße Haus trägt. Und ahnen nur, was wäre, wenn es am Ende doch nicht reichen sollte für Barack Obama. 


// // Kommentare (5)

5 Kommentare

Jetzt wird es also ernst. Was die "Obamagic" wert ist, werden wir in wenigen Stunden wissen. Auch wenn alles für Obama zu sprechen scheint, entschieden ist noch nichts, und ich kann nur hoffen dass die Leute, die sich in Umfragen für Obama ausgesprochen haben dass heute auch an der Wahlurne tun. Ich werde jedenfalls das beste hoffen und denke dass 8 Jahre Bush-Politik genug waren, 4 mehr kann sich weder Amerika noch die Welt leisten. An dieser stelle möchte ich gerne meinen Dank an "ThinkGlobalActLocal" aussprechen. Ihre Kommentare habe ich stets mit grossem Interesse gelesen und war oft beeindruckt von der Sachlichkeit und den Informationen die Sie "rübergebracht" haben. Thank´s herefore! Now, let´s hope the best! mfg/kind regards, Naveen
An alle Autoren diesen Blogs einen herzlichen Dank. Sie haben alles versucht, die Stimmung in den USA so gut wie möglich und mit all ihren Facetten über den großen Teich zu transportieren. Viele Leser kritisierten die Berichterstattung als zu sehr Obama-freundlich. Ich perönlich habe auch mehrmals diesen Eindruck gehabt, nehme Ihnen das aber nicht übel. Man kann sich der Dynamik dieses Mannes schwer entziehen, dies spürt jeder, der sich beispielweise die Nominierungsrede angesehen hat. Wie mehr beeindruckend muss dann das Erlebnis live vor Ort sein. Ebenfalls kam vereinzelt die Kritik, es würden zu wenig Inhalte vermittelt. Diejenigen möchte ich fragen: Welcher Wahlkampf besticht ausschließlich durch Inhalte ?? Die groben Unterschiede beider Kandidaten sind meist früh bekannt und meist genauso schnell erzählt wie vielfacch auch schnell wieder ad acta gelegt. Über die Details wird niemand im Wahlkampf in keinem Land der Erde lang und breit referieren, zu sehr machte er sich angreifbar. Denn eines ist doch gerade in diesem Wahlkampf klar geworden und es gilt für Wähler aller Parteien, aller Länder, aller Staaten: Gewählt mit mit Herz, Bauch und Kopf. Wer bei diesem best-of-three-Spiel Herz und Bauch gewinnt, gewinnt alles. Eine Berichterstattung, die nicht nur Ergebnisse, sondern auch das Lebensgefühl der Beteiligten versucht zu transportieren, ist immer eine Gratwanderung. Dafür haben es alle doch recht ordentlich gemacht. Nochmals meinen Dank für diesen Blog.
Ich bin froh, dass das ZDF die Wahl so ausführlich begleitet und bin hoch erfreut über diesen Blog. Ich glaube, das ZDF ist auf einem guten Weg. Das habe ich auch bei den Jugendmedientagen in Mainz gemerkt. Die Nacht im Netz mit Claus Cleber zeigt, dass das ZDF die Vorzeichen erkennt und sich auf den "neuen Wegen" schon sehr gut auskennt. Mich hat dieser Blog begleitet und auch Sie - TgAl - brachten mit Ihren Kommentaren so einiges auf den Punkt! VG und eine spannende Wahlnacht Sebastian
Den Gedanken von Ihnen -- Lukas -- kann ich mich nur voll und ganz anschließen! Auch ich teile die Auffassung, dass es gut und richtig war/ist, diesen oft charismatisch anmutenden Wahlkampf und die wirkliche Begeisterung von Millionen Menschen nicht nur mit dürren Worten des emotional völlig unbeteiligten Beobachters 'rübergebracht zu haben, sondern den m.E. gelungen Versuch zu unternehmen, ALLE bunten Facetten des Geschehens in die Welt, nach Germany, geschickt zu haben! Dennoch blieben die Berichte und Kommentare des WW-Teams im Rahmen des journalistischen Auftrags fair und "ausgewogen". Dafür auch von mir nochmals "THANK YOU, GUYS & GALS!", sie sind und waren für mich ein wichtiger "Draht" zu meiner zweiten Heimat :-) LG ***TgAl*** PS: Ein herzliches Danke auch an die netten Worte der Anerkennung, an den geschätzten Mitposter Sebastian22. Appreciate it!
@Naveen Thomas Rüb: Habe erst bei zweiten Lesen des heutigen BLOGs Ihre netten Worte entdeckt und möchte mich auch bei Ihnen dafür bedanken :-) I do appreciate it, 'cause I invest quite some time in research and writing. Thanks again and let's keep our fingers crossed that the BETTER TICKET MAY WIN tonight!! CU & best regards ...**TgAl**

Jetzt kommentieren

Das ZDF ist für den Inhalt externer Webseiten nicht verantwortlich

Suche nach Beiträgen

<< November 2008
So Mo Di Mi Do Fr Sa
            1
2 3 4 5 6 7 8
9 10 11 12 13 14 15
16 17 18 19 20 21 22
23 24 25 26 27 28 29
30