Obamagic
Einmal Obama gucken, das wollten wir mal eben in Manasses, Virginia. Ist ja nur eine Stunde Fahrt. 21 Uhr abends, letzter Stop vor dem Wahltag. Und dann wurde es so etwas wie eine Pilgerfahrt. In Amerika macht man so etwas mit dem Auto, ein Lindwurm aus Blech quält sich die Route 66 entlang, raus in Centreville und immer so weiter, bis wir fast vier Stunden später, wie alle anderen das Auto stehenlassen und zu Fuß weitergehen.
Um uns herum sind Schwarze, Hispanics und Weiße, Alte und Junge, Intellektuelle und Arbeiter, und jede Menge Kinder. Mama und Papa wollen ihnen einmal Obama zeigen. Tausende von Menschen marschieren tapfer am Straßenrand entlang, fröhlich schnatternd, erwartungsfroh.
"Jetzt kannst Du Dir vorstellen, wie das damals bei Kennedy war", meint ein junger Schwarzer zu seiner Freundin. Sie tragen T-Shirts mit dem Konterfei des neuen Kennedy, Buttons, Mützen, Schals. Und wer noch keine hat, kann sie an kleinen Ständen am Wegesrand erwerben. Wir fragen uns, wie das alles sein kann, hier mitten in Virginia, einem Staat, der seit Ewigkeiten keinen demokratischen Präsidentschaftskandidaten unterstützt hat.
Dann der Ort, an dem Obama seinen letzten Auftritt an diesem Tag zelebrieren wird. Eine Gänsehautlocation - ein Footballfeld, eingebettet in hügeliges Gelände. Vorne die Bühne für den Superstar, umbrandet von Gesichtern, Körpern hinauf bis auf die Kuppe und dahinter noch weiter. 80 000 Menschen sind es. Zwei Tage vorher hat es John McCain auf einem Parkplatz in Virginia gerade mal auf 2000 gebracht.
Das Vorprogramm ist laute Musik. Und das Spannendste sind vielleicht die Scharfschützen auf einigen Container-Lastwagen in Bühnenähe, vollmaskiert. Warten müssen wir alle, noch einmal eineinhalb Stunden, der Kandidat verspätet sich - seine Oma ist gestorben, das hat den Zeitplan verzögert, aber Barack Obama kommt trotzdem.
Müde scheint er, und doch elektrisiert er die Massen. "Barack, Barack" rufen sie und "Yes, we can!!!", über dem Hügel das Schild "Vote for change". Und den Wechsel verspricht er ihnen dann noch einmal. Es ist keine große Rede. Was er sagt, kommt an, aber wie er es sagt, das wird diese Wahl vielleicht entscheiden. Barack Obama ist die Projektion von Sehnsüchten in der Bevölkerung - Frieden, Sicherheit, ein wenig mehr haben zum Leben. Damit wären die meisten hier zufrieden.
Obama verspricht keine Wunder - das Loch, das George Bush gegraben habe, sei tief. Seine Schaufel klein. Deshalb wird es dauern, meint er, da wieder rauszukommen. Das klingt ehrlich, so ehrlich, dass offenbar einige amerikanische Journalisten ihre Zurückhaltung vergessen. "We love you, Barack" schallt es von der Pressetribüne. Und der NBC-Korrespondent lässt eine Kollegin ein Foto von ihm vor den Menschenmassen machen. So etwas hat er auch noch nicht gesehen.
Neben uns weint ein großer, grobschlächtiger Mann. Kinder recken die Hälse. Junge Mädchen schauen andachtsvoll auf ihren Star und machen Fotos mit ihren Handys. Nach etwas mehr als einer halben Stunde ist alles vorbei. Und der Lindwurm setzt sich wieder in Bewegung. Für den Rückweg werden sie wieder Stunden brauchen, aber sie nehmen ein Stück mit von der Obamagic und hoffen, dass diese Magie ihn heute ins Weiße Haus trägt. Und ahnen nur, was wäre, wenn es am Ende doch nicht reichen sollte für Barack Obama.







5 Kommentare
Jetzt kommentieren