Der richtige Umgang mit Randgruppen – von Murat Topal

Gibt es so etwas wie eine typisch deutsche „Angst“? Und wenn ja, ist es die Angst vor der „Randgruppe“?

Die jüngsten, tragischen Ereignisse in Norwegen lassen mich zweifeln.

Da wird Oslo von einer Bombe zerrissen und Dutzende Wehrlose erschossen. Von einem  Mann aus der Mitte der Gesellschaft: Herr Breivik, ein Mann mit Job, Bildung und blondem Haar. Dabei hatte die Polizei – genau wie bei uns zu Lande – doch so intensiv nach Terror- Verdächtigen Ausschau gehalten, am  Rande der Gesellschaft. Herrn Breivik hatten sie schon früh von der Liste gestrichen. Ratlosigkeit macht sich breit und diese Ratlosigkeit hat kein deutsches Patent.

Der Wahnsinn hat kein Etikett. Ende der Siebziger war jeder Parka tragende Langhaarige mit Bart und Palästinenser-Tuch potenzieller RAF-Sympathisant. Heute heißen Leute mit diesem Look Wolfgang Thierse.

Nach dem 11. September gerieten alle Menschen muslimischen Glaubens weltweit in einen Generalverdacht. Dieser Verdacht besteht bis heute.

Mal angenommen, Herr Breivik wäre Busfahrer gewesen, wäre dann nicht auch die Berliner BVG eine latente Brutstätte des internationalen Terrorismus?

Aber mal Spaß beiseite: Wer maßt sich eigentlich an zu bestimmen, wo die Mitte einer Gesellschaft ist und wo ihr Rand?

Ich hatte in diesem Jahr die Ehre, für die „Berliner Tulpe“, einen Verein für Deutsch-Türkischen Gemeinsinn, die Laudatio für die Preisträger zu halten.

Seit fünf Jahren dokumentiert, unterstützt und vernetzt dieser Verein positive, integrative Projekte und Bemühungen um ein kulturell vielfältiges Zusammenleben in Berlin. Es gibt unzählige und Mut machende Beispiele dafür, dass Menschen mit sogenanntem Migrationshintergrund längst angekommen sind in diesem Land. Sie stehen nicht scheu am Rand, sondern leben in der Mitte dieser Gesellschaft und  gestalten diese nach Kräften mit: als Mütter und Väter, Komiker, Fußballstars oder Busfahrer. Und als Muslime.

Wenn wir also vor etwas tatsächlich „Angst“ haben sollten, dann vor Menschen, die die Diskussion über Randgruppen immer wieder ungefragt in die Öffentlichkeit streuen, darüber Bücher schreiben und in Talk-Shows schwadronieren. Denn sie ernähren sich von einer ganz anderen Angst, sei sie nun „German“ oder international. Es ist die Ur-Angst vor allem, was neu ist und manchmal vielleicht auch fremd. Es ist die Angst vor Veränderung.

Autor: Murat Topal

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Murat Topal: Deutsch-Türke und gebürtiger Berliner, arbeitete zehn Jahre lang als Polizist in Berlin-Kreuzberg, bevor er sich ganz dem Dasein als Comedy-Künstler widmete.
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Ein Kommentar

  • Gonz
    27.08.2011, 11:34 Uhr.

    gerade was im letzten abschnitt erwähnt wird empfinde ich als besonders wichtig.denn genauso ist es auch,zumindest nach meiner meinung,in jeder fabrik arbeiten unterschiedlichsten glaubens,hautfarbe,schuhgröße und haarfarbe zusammen und es geht.die bänder laufen jeden tag 24h.lasst euch von diesen paar idioten nicht den blick trüben.es gibt kein grund angst zu haben,macht euch bewusst dass das blut rot ist,wir sind alle gleich.

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