Wir brauchen mehr Format(e) – von Richard Gutjahr

Wie werden wir in Zukunft Medien nutzen? Welche Bedeutung spielen dabei Soziale Netzwerke? Lange war das Fernsehen eine Einbahnstraße ohne Rückkanal. Doch für das Digitalzeitalter gilt: Mit dem „Zweiten“ kommuniziert man besser.

„Jetzt kommt die Dritte Säule!“ hallte es durch die Flure der Rundfunkhäuser, der Verlage und der Staatskanzleien. Das war in den 90-Jahren, als man noch davon ausging, das Internet sei ein weiteres Abspielmedium, vergleichbar mit dem Hörfunk oder dem Fernsehen. Was für ein Irrtum! Das weltweite Netz ist weit mehr als nur ein Medium, es ist die Infrastruktur des 21. Jahrhunderts. Es transportiert Audio, Video, Bilder, Texte und andere Daten – und das in alle Richtungen. Es verändert Dinge. Es verändert unser Denken, unser Handeln, es ändert die Spielregeln, wie wir miteinander kommunizieren.

Massenmedien als Laune der Geschichte

Bislang sind wir davon ausgegangen, dass Medien in der Regel in eine Richtung funktionieren, und zwar von oben nach unten. So sind wir aufgewachsen, so sind wir sozialisiert worden. Historisch betrachtet ist das aber eine Anomalie. Wenn man sich vor Augen führt, wie kurz die Periode der Massenmedien erst andauert, könnte man zu dem Schluss kommen, dass es sich bei dieser Ära lediglich um eine Episode handelt, eine Laune der Geschichte. Zeitungen und Rundfunk waren Ausdruck einer Zeit, in der kostenintensive Produktionsmittel, Druckerpresse oder Funkmasten maßgeblich Voraussetzung dafür waren, Kommunikation im breiten Stil auszuüben. Sendezeiten und Seitenzahlen waren begrenzt, es handelte sich um ein geschlossenes System von Gatekeepern, das über die Auswahl und Tendenz der Inhalte wachte. Diese Meinungsmacht war so gewaltig, dass sie alle bisher bekannten Formen der Kommunikation überstrahlte. „Zum Regieren brauch ich Bild, BamS und Glotze“, soll Gerhard Schröder einmal gesagt haben. Was im Fernsehen nicht auftauchte, fand quasi nicht statt.

Wandinschrift im Newseum, Washington D.C. Wandinschrift im Newseum, Washington D.C. (Foto: Richard Gutjahr)

Statt Massenmedien die Medien der Massen?

Betrachten wir die Anfangsjahre des Webs genauer, so lassen sich Parallelen zu der Zeit vor den großen Massenmedien erkennen: Online-Foren als Äquivalent zu den Basaren oder auch Marktplätzen, auf denen nicht nur Waren, sondern auch Informationen getauscht wurden. Chatrooms als virtuelle Café- und Gasthäuser, in denen diskutiert und gestritten wurde, Pamphlete und Flugschriften als Vorläufer von Blogs. Vor den Murdochs und Rundfunkstaatsverträgen war Kommunikation unmittelbarer, chaotischer, vor allem aber dezentraler – genau wie das Web. Und: Kommunikation lebte weitestgehend von der Beteiligung der Menschen.

Die Massenmedien hingegen haben Interaktion oft nur vorgetäuscht, das Studio-Publikum zum Klatschvieh degradiert, den Zeitungsleser zum einsamen Leserbriefschreiber (dessen Meinung manchmal abgedruckt wurde, meistens jedoch nicht). Wer schon mal in einer Print-, Radio-, oder TV-Redaktion gearbeitet hat, kann bestätigen: Zuschriften und Anrufe von Lesern/Hörern/Zuschauern sind vor allem eines – lästig. Kritik an unseren wertvollen Sendungen oder Artikeln wird ohnehin nicht gern gesehen. „Wo kämen wir da hin, wenn jetzt schon der Zuschauer bestimmt, worüber wir berichten sollen!“, hatte das mal ein Kameramann unterwegs zu einem Drehtermin auf den Punkt gebracht.

 

„Wenn man die Menschen so an Dreck gewöhnt, dass sie irgendwann Dreck sehen wollen, wenn das moralische Empfinden der Menschen so konsequent und systematisch kaputt gemacht wird, dass sie’s irgendwann völlig normal finden, wenn’s im Fernsehen nur Talk-Trash-TV-Scheiß und Titten zu sehen gibt!“

Moritz Bleibtreu in „Free Rainer – Dein Fernseher lügt“

 

Trauriger Geburtstag

Vergangenes Wochenende hat das Web seinen 20. Geburtstag gefeiert. Aus deutscher Sicht eine traurige Veranstaltung, denn bislang haben unsere großen Medienhäuser zum digitalen Zeitalter wenig beigesteuert. Kommunikationsformen wie Blogs, Facebook und YouTube wurden über Jahre hinweg belächelt, neue Kulturtechniken wie Community-Management, Crowdsourcing, Datenjournalismus in den Redaktionen sträflichst vernachlässigt. Wir Medienmacher rühmen uns gerne für unseren Qualitätsjournalismus. Doch wenn wir ehrlich sind, waren die einzigen, die bislang wirklich für Orientierung im Netz gesorgt haben, Google & Co.

Apps sind die neue Bratpfanne

Fast zwei Jahrzehnte haben wir damit verschenkt, Scheingefechte z. B. über eine Bratpfanne im öffentlich-rechtlichen Online-Shop zu führen. Aktuell schlagen wir uns die Köpfe ein über eine Tagesschau-App ein – willkommen in der Matrix. Mit Verwunderung nimmt die Öffentlichkeit zur Kenntnis, dass sich Springer-Presse und ARD offenbar für eine Schlammschlacht rüsten. Sollte es zutreffen, dass Redaktionen auf beiden Seiten Material sammeln, um den Gegner medienwirksam durch den Kakao zu ziehen, so haben wir Medienleute uns spätestens an diesem Zeitpunkt vom Journalismus verabschiedet, dann geht es nicht länger um das Publikum, sondern nur noch um uns selbst.

Tweet eines Zuschauers, der sich aus unterschiedlichen Quellen über die Lage in Ägypten informiert (31. Januar 2011)

Tweet eines Zuschauers, der sich aus unterschiedlichen Quellen über die Lage in Ägypten informiert (31. Januar 2011)

Die fetten Jahre sind vorbei

Die Menschen registrieren diese Scharmützel, zucken mit den Schultern und wenden sich ab. Denn Antworten auf ihre Fragen haben wir ihnen offensichtlich keine anzubieten. Noch wiegen wir uns in Sicherheit: Anders als in den USA machen die großen Verlage hierzulande noch immer satte Gewinne. Gleichzeitig schauen die Deutschen so viel fern wie nie. Doch die Zahlen sind trügerisch. Rechnet man die (noch) überproportional ausgeprägte Generation 60+ heraus, sieht das Bild gleich ganz anders aus. Bei den unter 30-Jährigen hat das Internet das Fernsehen als Leitmedium hinter sich gelassen. Print spielt für die Jungen schon lange keine Rolle mehr. Und selbst ältere Jahrgänge verbringen immer mehr Zeit im Netz. Jeder dritte Deutsche über 60 ist regelmäßig online.

Neue Player

Man braucht kein Prophet zu sein, um sich auszumalen, was passiert, wenn die demographische und technologische Entwicklung nur ein paar Jahre weiter voranschreitet. Wenn die gesamte Wucht des Webs ungebremst auf den Fernsehbildschirm (und später vielleicht auf „Smart-Screens“) trifft, dann konkurrieren Medienhäuser gegen jedes gottverdammte Katzenvideo, das irgendein Zehnjähriger irgendwo in der Welt irgendwann einmal ins Netz gestellt hat. Dann entscheidet nicht länger der Programmplaner, was gesehen wird, sondern Google, Facebook – der eigene Freundeskreis.

The people formerly known as audience

Die Zahl derjenigen, die im Web eigene Inhalte bereitstellen, ist verschwindend gering, von der Qualität mal gar nicht zu reden. Doch wer daraus ableitet, Fernsehen bleibe für alle Zeiten ein Leanback-Medium, das auch in Zukunft nach klassischem Muster genutzt wird, der macht seine Rechnung ohne den User: In den USA sind bereits 42 Prozent der Zuschauer parallel zum Fernsehen im Netz; und diese „people, formally known as audience“ reden miteinander, tauschen sich aus. Die Autoren der neuesten ARD/ZDF-Onlinestudie stellen fest, dass Live- und On-Demand-TV im Gegensatz zu anderen multimedialen Anwendungen zunehmend auch im mittleren und älteren Alterssegment auf Interesse stoßen. Auch die „Leisure Time“-Studie von MTV kommt zu dem Schluss: Die Zukunft der Medien ist vielschichtig: linear, nonlinear, on demand, TV- und Live-Events zum Mitmachen und Mitdiskutieren.

Soziale Netzwerke als Gradmesser für die eigene Relevanz (Quelle: SocialFlow.com)

Soziale Netzwerke als Gradmesser für die eigene Relevanz (Quelle: SocialFlow.com)

Social TV

Social TV wird eine entscheidende Rolle spielen, wenn es darum geht, wie sich das Fernsehen der Zukunft weiterentwickelt. In meiner eigenen Sendeanstalt (ich bin freier Mitarbeiter beim Bayerischen Rundfunk) hatte man lange vor Communitys gewarnt und auch davor, dass das Internet zur Vereinsamung der Menschen in der „realen Welt“ führen wird. Ich persönlich erlebe das genaue Gegenteil: Live-Ereignisse im Fernsehen werden dort munter diskutiert. Twitter-Follower verabreden sich über das Netz zu „Tatort“-Abenden in Kneipen. TV-Events werden noch größer, aber auch Nischen-Programme erfahren neue Aufmerksamkeit, weil sie über digitale Mundpropaganda zielgenauer ihr Publikum erreichen. Die US-Networks haben das bereits erkannt und bemühen sich darum, diesen sog. „Watercooler“-Effekt für ihre Programme nutzbar zu machen. Auch die internationalen Nachrichten-Sender richten ihr Augenmerk verstärkt auf Verbreitungskanäle wie z.B. Twitter (dazu auch: „Medien, hört die Signale“, Netzökonom Blog)

(ZDFneo TIPP: Richard Gutjahr hat ein Interview mit Birgit van Eimeren geführt, bei dem explizit auf “Social TV” eingegangen wird. Schaut rein: http://youtu.be/SoKqPQGUOLo)

Von Bloggern lernen

Doch mit einer Facebook-Seite oder einem Twitter-Bot zur Verbreitung der eigenen Inhalte ist es nicht getan. Die eigentliche Stärke der Sozialen Netzwerke erschließt sich erst, wenn man ihren Rückkanal anzapft. So ist es beispielsweise möglich, in Sekundenschnelle Informationen von Augenzeugen aus der ganzen Welt zu erhalten (die dann selbstverständlich von uns Journalisten noch einmal überprüft und eingeordnet, „kuratiert“ werden müssen). Manch ein Kollege mag das als Bedrohung empfinden, ich sehe das als Bereicherung. Seitdem ich blogge, beginne ich meine Arbeit aus völlig neuen Blickwinkeln zu betrachten. Oft geben mir meine Leser wertvolles Feedback, liefern mir zusätzliche Anregungen und führen mich in Richtungen, die meine journalistische Arbeit besser machen (siehe dazu mein Blogpost: „Was Journalisten von Bloggern lernen können“).

Welche Kraft alte und neue Medien entfalten können, wenn sie ihre Stärken gemeinsam ausspielen, habe ich Anfang des Jahres auf dem Tahrir-Platz in Kairo erleben können. Facebook für sich allein mag im Vorfeld des Arabischen Frühlings eine wichtige Rolle gespielt haben. Doch erst als die YouTube-Videos von Selbstverbrennung und Folterungen in den klassischen Abendnachrichten liefen, gingen die Massen auf die Straße.

Neustart

Wir Programmmacher sollten mehr experimentieren und endlich Konzepte erarbeiten, die dem Geist dieser Vernetzung gerecht werden. Dazu muss sich aber zuerst unser Denken ändern. Mehr teilen als nur mitzuteilen, Medien nicht ausschließlich als „Sender“ begreifen, sondern als Forum, als Ort des gegenseitigen Austauschs. Die Qualität unserer Arbeit nicht allein an der Güte unserer „Sendungen“ bemessen, sondern auch daran, wie gut es uns gelingt, eine lebendige Community aufzubauen und zu managen. Erst wenn wir auf Attribute wie „alt“, „neu“ oder „sozial“ verzichten können und wir nur noch von „Medien“ sprechen, sind wir in der Zukunft angekommen.

Richard Gutjahr ist freier Journalist beim Bayerischen Rundfunk und lebt in München und Tel Aviv. Er bloggt unter http://gutjahr.biz/blog


Richard Gutjahr

Richard Gutjahr - Richard Gutjahr: Journalist, Nachrichtenmoderator und leidenschaftlicher Blogger. Gutjahr ist auf allen interaktiven Plattformen zu Hause und findet zu jedem Thema den richtigen Ton. Richard Gutjahr wurde 1974 in Bonn geboren.

6 Kommentare | 11. August 2011 | 11:30 Uhr | Twittern | Facebook

6 Kommentare

  1. Sehr ausführlicher Artikel mit einigen Anregungen zum Weiterdenken. Danke.
    Wir sind noch nicht in der Zukunft angekommen, doch sind wir inzwischen so schnell, das wir dem gesellschaftlichen Wandel bei der Arbeit zusehen können. Was für wunderbare Zeiten.
    „Nichts fürchtet der Mensch mehr als die Berührung durch Unbekanntes. […] Es ist die Masse allein, in der der Mensch von seiner Berührungsfurcht erlöst werden kann.“ Elias Canetti, Masse und Macht.
    Da ist viel Positives möglich, auch wenn die Vermassung von Informationsmonopolen zunächst die Qualität enorm zu drücken scheint.

    kopflast | 11. August 2011 | 16:21
  2. TL;DR

    Mariella | 11. August 2011 | 17:01
  3. Schon wieder diese rosarote Brille der Netzenthusiasten. Können wir denn nicht mal langsam zu einer abgeklärteren Bewertung übergehen?
    Ja, ich bekomme auch hin und wieder sehr wertvolle Anregungen von meinen Lesern, sei es per E-Mail, als Kommentar zum Online-Artikel, per Twitter oder sonstwie.
    Aber leider ist das Netz auch voll mit der ewiggleichen Lamentiererei vom Leben enttäuschter mittelalter Männer, die ihren Frust bei Welt.de, SpOn und in welchen Kommentarspalten auch immer auslassen.
    Da hilft es auch, sich klar zumachen, dass diejenigen, die im Netz reagieren nur ein kleiner Ausschnitt von denen sind, die einen Beitrag zur Kenntnis nehmen. Anders ausgedrückt: Auch die Meinungen im Netz werden von bestimmten sozialen Gruppen und von Interessengruppen gekapert. Das ist ihr gutes Recht – aber es relativiert den Eindruck, hier hätten wir es mit einem mediendemokratischen Fortschritt zu tun.

    Klardeutsch | 11. August 2011 | 17:47
  4. Zum Einen:
    Es gibt Quellen und es gibt Kolportage. Das ist nicht neu. Neu ist jedoch, dass es immer weniger Quellen gibt, die Orientierung bieten und immer mehr Kolportage, die verwirrt. User Generated Content (und @gutjahr twitternd aus Ägypten gehört wegen seiner Profession nicht dazu) gibt es kaum (siehe auch aktive Autoren auf wikipedia), sehr wohl aber User Shared Content.
    Zum Anderen:
    Das Sendungsbewußtsein der Organe (oder auch User), das, was wir unter Kommunikation verstehen sollen (Sender – Botschaft – Empfänger) greift heute nicht mehr. Der Markt lässt sich ja weiter beriesseln, doch viele (und das sind Mitbewerber, ja, Konkurrenten der klassischen Medien) haben den Dialog entdeckt. Hören zu, bevor sie antworten. Bedienen die Bedürfnisse des Marktes. Plötzlich wandelt sich die Pushindustrie der Medienverbreiter in die Pullmanufaktur der zuhörenden Medienschaffenden. Kreativ, oder?

    Aber eine Frage müssen wir uns trotzdem stellen: Ist die Weisheit der Massen ein Märchen oder ein Alptraum?

    Johannes Woll | 11. August 2011 | 17:54
  5. @Johannes Wolf. Es gibt keine Weisheit der Massen. Wenn es hochkommt, gibt es ein Wissen der Massen, oder besser gesagt: Ein Wissen vieler. Und das auch nur, wenn alle unabhängig voneinander (das heißt, ohne um die Antwort der anderen zu wissen) eine Schätzung abgeben. Sobald sie sich voneinander beeinflussen lassen, kann auch eine sehr große Mehrheit weit daneben liegen.

    Ich weiß auch nicht, warum ein aus Ägypten twitternder @gutjahr besser sein soll, als irgendein Fernsehjournalist, der völlig unbeleckt von Kenntnissen der arabischen politischen Strukturen irgendwelche menschlichen Geschichten vom Tahrir-Platz erzählt. In der Mehrzahl der Fälle obsiegt auch bei den sozialen Medien Emotion über Analyse. Aber manche finden das ja gut und halten es sogar für die Zukunft des Journalismus.

    Klardeutsch | 11. August 2011 | 19:34
  6. Danke für diesen Beitrag! Ja wir brauchen mehr Einmischung der öffentlich-rechtlichen Medien im Netz,

    @klardeutsch
    Gut so – die Zeiten sind vorbei, wo uns einzig Journalisten die Welt erklären und sie uns Ihre Wirklichkeitskonstruktionen als Wahrheit verkaufen.

    ConstrucTy | 12. August 2011 | 10:58