Worüber sollen wir reden, wenn nicht über das Fernsehen? – von Lukas Heinser

Mitte der 1990er Jahre gingen manche Lehrer an meiner ehemaligen Grundschule dazu über, in ihren Klassen auf die montäglichen Erzählrunden im Stuhlkreis zu verzichten: Die Kinder würden ja meistens doch nur von dem berichten, was sie am Wochenende im Fernsehen gesehen hätten.

Doch so schön und ehrenhaft (und pädagogisch wertvoll) die erhofften Alternativen – Radtouren, Zoobesuche, Bucheckern sammeln mit den Eltern – sein mochten, die Berichte darüber hatten alle nicht die soziale Dimension wie die über amerikanische und japanische Serien, die sonntags morgens im RTL-Kinderprogramm liefen. Entweder, man konnte engagiert mitdiskutieren, oder man gehörte zu den uncoolen Kindern, denen ihre Eltern nicht erlaubten, solche Serien zu sehen. (Ich selbst gehörte natürlich zu den Uncoolen, wobei ich in meinen ersten Grundschuljahren so uncool war, meinen Eltern auch noch zu glauben, dass ich solche Serien nicht gucken wolle.)

Über Jahrzehnte war es völlig üblich, auf dem Schulhof oder im Büro das Fernsehprogramm des Vortags zu besprechen: „Hast Du das gesehen?“ Die Chancen standen hoch, dass es fast jeder gesehen hatte — wir hatten ja nichts: Erstes, Zweites, Drittes und die ersten Gehversuche der Privatsender. „Verstehen Sie Spaß?“, „Wetten dass, …?“, „Geld oder Liebe?“ — die großen Samstagabendshows wurden von Sechstklässlern geschaut, analysiert und so minutiös nacherzählt wie heute noch jede Ausgabe „Anne Will“ von den Medienredakteuren deutscher Onlinemedien. Mehrere Generationen schulten ihre eigenen Fähigkeiten im Memorieren nicht mehr an Schillers „Glocke“, sondern an den Dialogen von Loriot, „Familie Heinz Becker“ und Hape Kerkeling („Sagen Sie jetzt nichts, Hildegard!“, „Bitte werfen Sie eine Münze ein!“).

Das Fernsehen hat seine singuläre popkulturelle Bedeutung verloren oder muss sie sich zumindest mit dem Internet teilen (Musikvideos werden heutzutage fast ausschließlich fürs Netz produziert), aber als Gesprächsthema ist es immer noch wichtig. Nur eben anders: Sendungen wie „Tatort“ und „Schlag den Raab“ werden bei Twitter und Facebook in Echtzeit besprochen. Die Zuschauer versammeln sich zwar nur noch selten gemeinsam vor dem „Lagerfeuer“ Fernsehen (wobei es in Studentenstädten ja als ausgemachter Kult gilt, sich zum gemeinsamen „Tatort“-Schauen in möglichst urigen Kneipen zu treffen), aber über das Netz schauen sie immer noch gemeinsam fern und tauschen sich darüber aus.

Wer beklagt, junge Menschen würden sich heutzutage ja für gar nichts mehr interessieren, hat nie gesehen, mit welcher Hingabe sie in Webforen über Shows wie  „Deutschland sucht den Superstar“ oder „Germany‘s Next Topmodel“ diskutieren. Fernsehserien (zumeist amerikanische) werden zwar überwiegend auf DVD geschaut, aber sie werden im Internet, in Uni-Cafeterias und Fitnessstudio-Umkleidekabinen in einer Intensität besprochen, wie sie „Derrick“ und „Der Alte“ weiland vermutlich nicht einmal in ZDF-Redaktionskonferenzen erlebt haben.

Neben Songs von Justin Bieber und Clips voller niedlicher Katzenbabys sind es auch Ausschnitte aus Fernsehsendungen, die auf Facebook die große Runde machen und bei denen man sich hinterher wieder sicher sein kann, dass sie fast jeder gesehen hat. Allen voran natürlich die amerikanische „Daily Show“ mit Jon Stewart und die unfassbaren Auswüchse der Scripted-Reality-Shows am privaten Nachmittag („Bio ist für mich Abfall“), aber auch die „heute show“, „Switch Reloaded“ oder verunglückte Interviews, die früher in den Nachtnachrichten oder dem Frühstücksfernsehen an den allermeisten Zuschauern vorbeigezogen wären.

„Aber es gibt doch auch noch andere Dinge im Leben!“, rufen da die Empörten aus (also die, die immer wieder betonen, keinen Fernseher zu besitzen oder allenfalls arte und 3sat zu gucken, und die immer noch am Wochenende Bucheckern sammeln gehen). Ja, natürlich: Kürzlich fand ich mich in ein Gespräch verwickelt wieder, das eine halbe Stunde um verschiedene Olivenöle und Speisesalze kreiste. Erstens sehe ich die Schuld an so verstörenden Gesprächsthemen bei den unzähligen Fernsehköchen und zweitens würde ich dann doch gerne wieder über Animationsserien sprechen.

Was sollen wir denn auch sonst machen? (Also, außer dasselbe wie jeden Abend: Wir versuchen, die Weltherrschaft an uns zu reißen!)

Lukas Heinser

Lukas Heinser - Lukas Heinser: Deutscher Blogger und Journalist. Er trat 2010 die Nachfolge von Stefan Niggemeier als Leiter des BILDBlogs an. Geboren wurde Heinser 1983 in Duisburg.

7 Kommentare | 10. August 2011 | 13:20 Uhr | Twittern | Facebook

7 Kommentare

  1. Ich kann mich noch gut an “Wunderbare Jahre” oder “Dawsons Creek” erinnern…Es gibt einfach nichts Schöneres, als mit einer Fernsehserie groß zu werden ;-) Wer hätte mir sonst beigebracht wie man küsst, Liebesbriefe schreibt oder angezogen in den Pool springt?

    marry | 10. August 2011 | 16:47
  2. Da wir lange keine Satellitenschüssel und kein Kabel hatten konnte ich die japanischen oder amerikanischen Serien auch nicht sehen. Meine Kinder dürfen das zu Hause weder RTL, RTL II, Super RTL oder Hyper RTL plus drei gucken. Bei Opa und Oma dürften sie, haben aber gar kein Interesse und gucken dann doch lieber KiKa.

    SvenR | 11. August 2011 | 08:45
    • ZDFneo-Redaktion

      Aber dafür sind doch auch Omas und Opas da :) einige von uns haben die gleiche Erfahrung wie du gemacht.

      ZDFneo-Redaktion | 11. August 2011 | 14:23
  3. Wunderbarer Beitrag, vielen Dank!

    Ein großer Vorteil der TV-Aufbereitung über das Medium Internet ist doch die Komprimierung auf das Spannenste und Wichtigste einer einstündigen Sendung auf ein bis zwei Minuten Youtube-Video. Kritiker könnten natürlich anmerken, dass das Verwässerung sei, für mich ist es aber so als wenn der wochenendliche Zoobesuch nur aus Raubtiergehege besteht (und nicht aus den anderen langweiligen Tieren, dem nervigen Gequengel kleiner Kinder, das Durchdiegängeschieben im Affenhaus und überteuerter Pommes Frites) oder man beim Bucheckernsuchen auch direkt die dicken Brocken findet (und nicht nur leere Hülsen oder vertrocknete Eckern).

    Thomas Koch | 11. August 2011 | 13:39
    • ZDFneo-Redaktion

      Thomas, man hätte es besser nicht sagen können! Das eine ist Teil des anderen … und nimmt sich gegenseitig nichts weg.

      ZDFneo-Redaktion | 11. August 2011 | 14:30
  4. Großartiger Beitrag!

    Zwei Gedankengänge dazu, der zweite gewagt:

    1. Gruppenzwang:
    Als Kind fand man sich schnell am Rande wieder, konnte man Sendungen wie Wetten, dass..?, Tatort oder aktuell House, MD nicht zitieren. Aus anfänglichem Frust zog ich die These: “Ich bin nicht ALLE, will nicht so sein, also sehe ich das Ungewöhnliche und Besondere.” Dazu gehörte viel Mut und Ausdauer. Das Fehlen der Sender und Erlaubnis der Eltern “half”. Schweigen in der Menge sowieso. Irgendwann habe ich doch begonnen, Tatort zu gucken – und nicht bereut. Andere Sendungen dafür schon. Wetten, dass..? ist als “Familiensendung” ok, House MD ganz lustig. Aber rauszufinden, was ALLE so gucken, und zu gucken ist ganz schön anstrengend. Wenn man sich dafür nur interessiert, weil es ALLE interessiert. Aber ohne ALLE gäbe es heute vermutlich nicht das Fernsehen, wie wir es heute kennen. Und ehrlicherweise werden 97% der Zuschauer auch gut bedient.

    2. Fernsehverhalten:
    Meine Sicht zum Thema FERNSEHEN ist: Sendungen sind noch immer Unterhaltung, manchmal Bildung, ganz sicher Ablenkung. Ist das Fernsehen ein Geständnis, dass man mit sich selbst nichts anfangen kann? Komischerweise haben die “Realitäts-”programme den höchsten Zulauf – um die eigene Realität zu kompensieren? Sind wir dann also Feiglinge, unsere eigene Realität zu einer annehm- und erlebbaren Welt hin zu ändern?

    JuLe | 12. August 2011 | 14:40
  5. Der ZDF_Laborant hat für diese Seite Farben genommen, welche die Iris meiner Augen wegätzen.

    *autsch*

    JensE | 13. August 2011 | 09:51