Die 530.231, die Demokratie und die Bild-Zeitung

080429 BZ.jpgNach dem Volksentscheid ist vor dem Volksentscheid. Sicherlich, die Anzahl der Ja-Stimmen hat nicht gereicht! Nicht 50 Prozent der Berliner haben dafür gestimmt, nicht 25 Prozent sondern eben nur 21,7 Prozent. Was BILD aber nicht daran hindert im Namen der Demokratie zu fordern: „530.231 Berliner für Tempelhof – Herr Wowereit, das dürfen Sie nicht ignorieren!” Dazu folgende Anekdote: Eine mir bekannte Kleinfamilie verließ gestern das Stimmlokal und wurde von zwei Damen mit Kamera angesprochen. Sie seien von der Presse und wüssten gerne, ob die Kleinfamilie denn für Tempelhof gestimmt habe. Die Kleinfamilie wollte wissen, was denn „Presse” in diesem Fall bedeute. Die Antwort: „Ähm, Bild.” Die Kleinfamilie: „Wir haben gegen Tempelhof gestimmt.” Die Bild: „Na dann, schönen Tag noch.” Soviel zum Thema Demokratie!

(ZDF) Werner Martin Doye

(ZDF) Werner Martin Doye - Werner Doyé ist die vordere Hälfte des Satire-Teams von Frontal21. Oder die hintere! Das hängt ganz davon ab, wo man selbst so steht. Unabhängig von Richtungsfragen hingegen steht fest, dass Doyé 1971 geboren wurde und dreißig Jahre später bei Frontal21 anfing. Die Zeit dazwischen war angefüllt mit Abenteuern, Intrigen sowie selbstverständlich auch Sex & Crime. Aber das würde hier zu weit führen. Seit dem 27. März 2001 jedenfalls schreibt Doyé für jeden Tag einen kleinen Kommentar zur Weltlage, zur Wetterlage oder zu dieser oder jener Vorlage aus Politik und Gesellschaft. Wie lange das noch so gehen soll? Nun: Irgendwas ist ja immer!

9 Kommentare | 29. April 2008 | 09:59 Uhr | Twittern | Facebook

9 Kommentare

  1. Nun ja, die Forsa-Umfagen.

    Die Methode rag (rent a Güllner) hat bisher recht gut funktioniert. Ob bei Studiengebühren oder bspw. Umfragen zur privaten Pflegeversicherung – der allergrößte Teil der Presse ist immer völlig unkritisch darauf abgefahren und hat es bereitwillig breit getreten.

    Und Tempelhof?

    “Wer nicht dafür stimmt, stimmt dagegen” hieß es doch in der Kampagne und dagegen waren dann also … Moment … 78,3%. Man könnte meinen, es sähe jetzt für Forsa reichlich blöd aus, wenn sie sich vorher 70% dafür-Stimmen erfragt hat und nun durch einen plötzlich und unerwartet stattfindenden Volksentscheid die realen Zahlen auf den Tisch kamen. Dieser Eindruck von Unfähigkeit des Meinungsmacherinstitutes entsteht aber nur im ersten Moment, denn Forsa zeigt ihren Auftraggebern damit lediglich (wiedereinmal), dass sie Umfragen gründlich verdemoskopieren kann, wenn der Preis stimmt.

    AdamAnt | 29. April 2008 | 12:56 | Antworten
  2. Wenn man aber die Teilnehmerzahlen mit denen bei Wahlen vergleicht, schaut es gar nicht mal so schlecht aus:
    [Tschuldigung, aber wir dürfen keine Links in den Kommentaren stehen lassen]
    Und wäre die absolute Hürde bspw. auf 20 % festgelegt worden, dann wäre es beim gleichen Ergebnis ein unbestreitbarer Sieg für die Befürworter gewesen…

    Thomas | 29. April 2008 | 13:56 | Antworten
  3. “…Herr Wowereit, das dürfen Sie nicht ignorieren!” Ach du herrje. Soll er doch sagen: “Ich habe es zur Kenntnis genommen”. Unter anderen Umständen würde ich wohl nie jemandem raten, diesen herablassenden Passus zu wählen. Aber der ist so schön demokratisch-gemein. Gibt nix besseres.

    bomp | 29. April 2008 | 14:41 | Antworten
  4. Endlicher einmal wird deutlich was bei diesen Umfragen für ein Müll publiziert wird. Natürlich kann das niemand nachweisen, aber ich nehme an, dass bei 90% solcher Umfragen für Bild oder N24 beschissen wird.
    Das ist Meinungsmache mit dem allmächtigen Argument, es sei der Wille des Volkes.
    Auch in diesem Blog gab es ja schon ein gutes Beispiel, hier nochmal der LINK.

    Jede zweite Statistik, die ich lese, ist totaler Müll. Das ist dann sowas wie:
    Kinder, von Eltern die genau am gleichen Tag geboren sind, sind überdurchschnittlich gebildet und kommunikativ. – Kein Wunder, wenn ich sie mit brasilianischen Slumkindern vergleiche. (ohne das ich bzgl. brasilianischer Slumkinder eine Wertung vornehmen möchte)

    Anonym | 29. April 2008 | 16:05 | Antworten
  5. Außerdem was heißt schon repräsentative Umfrage?
    Wenn ich mich nicht täusche, werden für das ZDF Politbarometer ca. 1000 Leute befragt, demnach müsste man bei einer regionalen Umfrage in Berlin nur 41 befragen.So groß ist die Bild-Redaktion inkl. Putzfrau bestimmt.

    Anonymous-Zusatz | 29. April 2008 | 16:18 | Antworten
  6. Wo wir beim Thema sind: Die Bildzeitung hat wenige Tage vor der Wahl 2002 (Schröder vs. Stoiber) eine “Bild-Telefonumfrage” veröffentlicht: Drei Viertel der Deutschen waren demnach für Stoiber. Das Ergebnis ist dann ja bekanntlich ein ganz klein wenig anders ausgefallen.

    [zdf] Werner Martin Doye | 29. April 2008 | 16:48 | Antworten
  7. Und was heißt das jetzt? Sind die Umfragen wirklich so ungenau oder wird versucht, durch absichtlich falsche Zahlen eine Art hausgemachter Zeitgeist zu generieren? Vielleicht waren auch einfach zu viele Berliner hinterhältigerweise unehrlich zu BILD.
    Psssssst, SPD-Wähler, wir tun weiterhin so, als würden wir LINKE wählen und am Wahltag schlagen wir zu, O.K.? – Bitte? – Ach, nichts.

    bomp | 29. April 2008 | 18:07 | Antworten
  8. @Anonymous
    Wie man (in dem Fall Forsa) Umfragen manipuliert, können sie z.B. hier nachlesen:
    Links dürfen leider nicht eingesetzt werden. Tschuldigung! Vorschrift!
    Das größte Potential für Manipulationen besteht in der Fragestellung. Einem grundsätzlichen (und nach meiner Meinung notwendigen) Misstrauen gegenüber Meinungsumfragen kann man nur begegnen, indem zumindest die genaue Fragestellung und die Auswahl der Befragten öffentlich zugänglich gemacht wird. Und wenn man die Sache einigermaßen sauber durchzieht, dann liegt man (also etwa Infratest dimap oder die Forschungsgruppe Wahlen wie bspw. bei den letzten Bundestagswahlen) lange nicht sooooo weit daneben wie Forsa mit Tempelhof.

    @ Thomas
    Den Artikel im Stern hatte ich heute früh schon gelesen … ausgedruckt und geshreddert. War’n gutes Gefühl, das.

    Zitat Thomas: “Wenn man aber die Teilnehmerzahlen mit denen bei Wahlen vergleicht …”

    36,1%. Dass Tempelhof Verkehrsflughafen bleibt, scheint die Leute demnach nur etwa halb so viel interessiert zu haben wie die Frage wer ins Berliner Abgeordnetenhaus einzieht (68,1%).

    Zitat Thomas: “Und wäre die absolute Hürde bspw. auf 20 % festgelegt worden …”

    … dann wären auch mit dem jetzigen Ergebnis immer noch 78.3% nicht dafür.

    Was Güllner (der Freund von Agenda-Schröder) und auch der Stern vergisst: die Rot-Rote Koalition hat nicht nur mehr Stimmen bekommen als Tempelhof, sondern erhielt auch mehr als die lt. Quorum erforderlichen 25% der Stimmen aller Wahlberechtigten. Also was jammern die eigentlich? Und wieso regen die sich über „zweierlei Maß“ auf, wenn sie einerseits allen Hessen die Ypsilanti-Frage stellen (und nicht nur den SPD-Wählern bzw. deren Repräsentanten sprich gewählten Vertretern/Abgeordneten oder auch Parteimitgliedern) und sich andererseits mit der Tempelhof Abstimmung regional auf Berlin beschränken. Was sagen denn die Brandenburger dazu?

    Zum Schluss: auch bis zur nächsten Buwa braucht’s für die SPD keinen Güllner um sie regelmäßig runter zu rechnen und auf FDP-Niveau, d.h. 18%, zu drücken – das schaffen die (bspw. mit der Bahnprivatisierung) ganz alleine.

    AdamAnt | 29. April 2008 | 20:27 | Antworten
  9. …und die erste Frage, die einem repräsentativ ausgewählten Menschen gestellt werden müßte, wäre wohl, ob er oder sie auch definitiv plant, sich an der Wahl zu beteiligen. Wenn mir jemand die Bundestagswahl-Frage stellen würde, dann müßte ich zum Beispiel direkt dabei sagen, dass ich nur wählen gehe, wenn ich bis dahin noch weiß, wo ich das Wahlkärtchen hingeschmissen habe. Ich bin sowieso der Meinung, dass für BT-Wahlen Meldepflicht im Wahllokal oder Briefwahlpflicht bestehen sollte. Dann müßte man selbstverständlich ankreuzen können, dass man sich der Stimme enthält, was ja auch eine gewichtige Aussage ist. Aber dann hätte man immerhin den Faktor “ich-hab-keinen-Bock-die-anderen-machen-das-schon” eliminiert. Politisch vielleicht vollkommen inkorrekt und für andere Wahlvorgänge wenig zu gebrauchen. Andernfalls bleibt es, wie’s ist – ich sage in ein Mikrofon, dass ich Partei A wähle, am Wahlsonntag aber gehe ich schön Minigolf spielen oder bleibe im Bett. Oder durchwühle den Papiermüll nach den dämlichen Kärtchen.

    bomp | 30. April 2008 | 13:23 | Antworten

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