Volksentscheid wird durch BILD erst schön


080425bildlogo.jpgDie Bild-Zeitung hatte 2002 mit dem Verkauf eines Volks-PCs derartigen Erfolg, dass sie seither ein “Volks”-Produkt nach dem anderen auf den Markt wirft. Volksfahrräder, Volkshandys, Volksbibeln usw. Kein Wunder also, dass sie jetzt auch in das Geschäft mit dem Volksentscheid über den Flughafen Tempelhof in Berlin eingestiegen ist. “100 Gründe für den Flughafen der Herzen” wurden ganz groß auf der Titelseite angekündigt. Ich kann die hier jetzt nicht alle wiedergeben, aber wenigstens die zehn besten möchte ich nennen:

“3. Tempelhof ist das “Berliner Zimmer” der Hauptstadt.”

Für alle Nicht-Berliner: Ein Berliner Zimmer nennen wir hier in der Hauptstadt die Durchgangszimmer in unseren schönen großen Altbauwohnungen. Selbige zeichnen sich dadurch aus, dass man in ihnen keine Ruhe hat, weil ständig jemand aufs Klo muss. Außerdem sind sie verdammt schwer einzurichten, weil überall Türen sind. Im Grunde also ein nur beschränkt nützlicher Raum, der ob seiner Größe und der vielen Türen die Heizkosten unangemessen in die Höhe treibt.

“24. Gunter Gabriel hat extra einen Flughafensong geschrieben.”

Stimmt! Aber Gunter Gabriel hat auch geschrieben: “Sechs Dinge braucht der Mann! Ein Huhn im Topf, ein Dach überm Kopf. Ne Frau die ihn bei guter Laune hält. Benzin im Tank, Kasten Bier im Schrank und und und – ein bisschen Kleingeld!” Super Kronzeuge.  

“40. ZDF-Mann Peter Hahne: “Berlin ohne Tempelhof ist wie Köln ohne Dom.”

Genau, auf allen Souvenirs aus Köln ist immer der Dom zu sehen und auf allen Souvenirs aus Berlin ist der Flugh… nee, stimmt nicht. Das ist ja das Brandenburg Tor. Tja!

“51. Hier gibt es noch Parkplätze – obwohl man keine braucht.”

Was jetzt mal wirklich gut zu Tempelhof passt. Schließlich gibt es da ja auch einen Flughafen, obwohl man ihn nicht braucht.

“60. Die Kampagne der Tempelhofbefürworter ist viel lässiger als der Krampf ohne Perspektive seiner Gegner.”


080425Tempelhof2.jpgAber hallo! “Zukunft schreibt man mit JA” – der Text auf einem Eurer Plakate – zeichnet sich definitiv durch einen extrem lässigen Umgang mit der Orthografie aus. Schließlich kommt in Zukunft weder ein J noch ein A vor.

“72. Tempelhof ist Flughafen des Volkes und wird auch von Politikern genutzt – Wowereit will ihn abschaffen und hebt hier trotzdem ab.

Dass mit Wowereit wird wohl stimmen, denn ab Tempelhof fliegen ja in erster Linie Politiker und Geschäftsreisende. Inwieweit dies Tempelhof zum “Flughafen des Volkes” macht, prüfe ich noch.

79. Ohne Tempelhof und die Luftbrücke wäre der Kalte Krieg wohl anders ausgegangen.

Aber sicher doch: Ohne den Vorposten der Freiheit, das gute alte West-Berlin, wären die staatssozialistischen Systeme im Osten niemals zusammengebrochen. Wie sangen sie doch schon im Musical “Linie 1″: “Wir Wilmersdorfer Witwen verteidigen Berlin, sonst wär’n wir längst schon russisch, chaotisch und grün.”

83. Tempelhof ist das Brandenburger Tor mit Leben – seine Quadriga mit Flügeln.

Hä….

90. Tempelhof ist das Internet für Menschen, die Globalisierung leben wollen.

HÄÄÄÄÄÄÄHHHHH….

99. Tempelhof lebt nur, wenn Berlin am Sonntag für Vergangenheit und Zukunft stimmt.

Zweifelsfrei richtig, denn im hier und jetzt, also in der Gegenwart, braucht kein Mensch diesen Flughafen.

(ZDF) Werner Martin Doye

(ZDF) Werner Martin Doye - Werner Doyé ist die vordere Hälfte des Satire-Teams von Frontal21. Oder die hintere! Das hängt ganz davon ab, wo man selbst so steht. Unabhängig von Richtungsfragen hingegen steht fest, dass Doyé 1971 geboren wurde und dreißig Jahre später bei Frontal21 anfing. Die Zeit dazwischen war angefüllt mit Abenteuern, Intrigen sowie selbstverständlich auch Sex & Crime. Aber das würde hier zu weit führen. Seit dem 27. März 2001 jedenfalls schreibt Doyé für jeden Tag einen kleinen Kommentar zur Weltlage, zur Wetterlage oder zu dieser oder jener Vorlage aus Politik und Gesellschaft. Wie lange das noch so gehen soll? Nun: Irgendwas ist ja immer!

3 Kommentare | 25. April 2008 | 18:21 Uhr | Twittern | Facebook

3 Kommentare

  1. Wow, 100 Gründe dafür und keinen einzigen dagegen? Da hat der Chef wohl gesagt: Junge, wir wollen einen einseitigen Artikel von dir bis morgen um 10. Gemeint hat er vielleicht ‘ganzseitig’. Man weiß es nicht.

    bomp | 25. April 2008 | 23:30 | Antworten
  2. vgl. bildblog
    danke bild für diese propaganda-kampagne!

    rico | 26. April 2008 | 14:01 | Antworten
  3. Klasse, BILD….
    Dass die Erhaltung eines funktionierenden Flughafens erhebliche Kosten mit sich bringt, interessiert die BILD-Redaktion wohl nicht. Da der Flughafen aber so gut wie gar nicht genutzt wird, kann der sich selbst nicht finanzieren, was wiederum bedeutet, dass der Steuerzahler dafür gerade steht. Sinnlos? Oh ja!________
    Die einzige Möglichkeit, die mir noch einfiele, wäre, ein Museum daraus zu machen. Aber der Flughafen ist schon jetzt ziemlich heruntergekommen und wer will schon einen alten Flughafen besichtigen…____________
    Wenn ihr mich fragt, weg damit!___________
    P.S.: Pink Floyd hat auch ein Lied über die Mauer geschrieben, hätten wir sie nicht erhalten müssen? ….

    noch jemand | 27. April 2008 | 11:03 | Antworten

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