Peinlichkeit

Wer in früheren Zeiten König, Häuptling oder sonst ein Anführer sein wollte, durfte nicht feige sein. Im Kriegsfall musste man den eigenen Mannen voran stürmen und so unter Beweis stellen, dass man des Amtes würdig war. Kein Wunder also, dass auch Hillary Clinton gerne auf ihre Fronterfahrung verweist. So erzählte sie kürzlich die Geschichte eines Besuchs im bosnischen Tuzla im Jahre 1996: “Wir rannten geduckt zu unseren Fahrzeugen, um zu unserem Stützpunkt zu gelangen”, sagte sie. Von Heckenschützen war die Rede, die von den umliegenden Hügeln auf das Flugfeld feuerten. Gute Geschichte! Blöd nur, dass die “Washington Post” sie verifizieren wollte und nichts fand. Gefunden haben dafür Fernsehsender Bilder der damaligen First Lady, die nach Landung lächelnd eine Reihe US-Soldaten abschreitet, Hände schüttelt, Smalltalk hält und sich im Beisein ihrer Tochter Chelsea Gedichte von kleinen Mädchen anhört. Und jetzt raten Sie mal, wie Clinton diese Peinlichkeit entschuldigt! Ach, würden Sie eh nicht drauf kommen: “Ich sage eine Menge Dinge, Millionen Wörter jeden Tag, wenn ich mich also versprochen habe, so war das einfach ein Irrtum.” Versprochen? Was wollte Sie denn eigentlich sagen? Etwas was so ähnlich klingt wie “geduckt zum Wagen rennen” in Wirklichkeit aber heißen soll, dass “das kleine Mädchen aber ein nettes Gedicht vorgetragen” hat? Und als George Bush damals seine Beweise für die Existenz irakischer Massenvernichtungswaffen vorlegte, da hat er sich vermutlich auch nur “versprochen”. Aber wer weiß, vielleicht gibt es in Amerika das Wort Lüge auch gar nicht.

(ZDF) Werner Martin Doye

(ZDF) Werner Martin Doye - Werner Doyé ist die vordere Hälfte des Satire-Teams von Frontal21. Oder die hintere! Das hängt ganz davon ab, wo man selbst so steht. Unabhängig von Richtungsfragen hingegen steht fest, dass Doyé 1971 geboren wurde und dreißig Jahre später bei Frontal21 anfing. Die Zeit dazwischen war angefüllt mit Abenteuern, Intrigen sowie selbstverständlich auch Sex & Crime. Aber das würde hier zu weit führen. Seit dem 27. März 2001 jedenfalls schreibt Doyé für jeden Tag einen kleinen Kommentar zur Weltlage, zur Wetterlage oder zu dieser oder jener Vorlage aus Politik und Gesellschaft. Wie lange das noch so gehen soll? Nun: Irgendwas ist ja immer!

Kommentieren | 29. März 2008 | 16:05 Uhr | Twittern | Facebook

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