Papstgeflüster – Das Vatikan-Blog

Interessantes und Hintergründiges aus dem Vatikan

Reformation 2017 – ein Grund zu Feiern?

Mann der Ökumene: Kardinal Kurt Koch (dpa)

Gibt es 2017 etwas zu feiern oder nicht? Darüber streiten sich seit langer Zeit Katholiken und Protestanten – nicht nur in Deutschland. Der Ökumeneminister des Vatikans, Kardinal Kurt Koch, stellt heute in einem Interview der Rheinischen Post noch einmal klar, dass aus katholischer Sicht das Datum kein Grund zum Feiern sei. Die Reformation habe Positives gebracht; aber sie habe auch zur Kirchenspaltung und zu den anschließenden blutigen Konfessionskriegen im 16. und 17. Jahrhundert geführt. Mit einem Reformations-Gedenken hat Koch hingegen kein Problem. Schon bei früheren Gelegenheiten erinnerte Koch bei seiner kritischen Sicht des „Jubiläums“ an die Worte des protestantischen Ökumenikers Wolfhart Pannenberg. Der hatte die Kirchenspaltung und die daraus entstandenen Konfessionskriege als eine – wenn auch ungewollte – Ursache der neuzeitlichen Säkularisierung und der damit verbundenen Abdrängung von Religion und Kirche in den privaten Bereich gesehen. Die modernen Gesellschaften hätten sich angesichts der blutigen Auseinandersetzungen der Konfessionen eine Grundlage des Zusammenlebens geschaffen, das von diesen Konfliktparteien unberührt war.

Was erwarten die Protestanten von den Katholiken mit Blick auf 2017? Der amtierende Ratsvorsitzende, Präses Nikolaus Schneider, wie viele andere Protestanten auch, erwartet ein Signal, ein Zeichen des Papstes. Die Reformationsbotschafterin und ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Margit Käßmann hingegen wird nicht müde zu betonen, dass sie vom Papst nichts mehr in Bezug auf die Ökumene erwartet. Was soll die katholische Seite mit diesen unterschiedlichen Vorstellungen machen? Immerhin wird seit geraumer Zeit in der katholischen Kirche über eine Art Schuldbekenntnis diskutiert. Aus dem Schülerkreis des Papstes verlautete im Sommer, dass auch Benedikt XVI. sich so etwas vorstellen könne. Allerdings, und darauf legt man in Rom Wert, müsse es sich dabei um ein „beidseitiges“ Vergewissern über Fehler in der Vergangenheit handeln. Denn offensichtlich ist man sich auf katholischer Seite im Klaren darüber, dass man Fehler gemacht hat und im 16. Jahrhundert durchaus Veränderungen notwendig gewesen wären.

Ganz in diesem Sinne erklärte Kardinal Koch in dem bereits erwähnten Interview, dass er seinerzeit auf der Seite der Kirchenreformer gestanden hätte. Allerdings kann sich Koch Veränderungen nur in Einheit mit Kirche und Papst vorstellen. Hier unterscheidet er sich dann vom späteren Verlauf der Reformation. Papst Benedikt XVI. bekräftigte heute übrigens noch einmal, dass „die sichtbare Einheit unter den getauften Christen“ das Ziel aller ökumenischen Bemühungen sei. Er empfing die Mitglieder der Vollversammlung des vatikanischen Einheitsrats. Dabei erklärte er, dass die Glaubenskrise in der Welt eine Herausforderung für alle Christen sei. Trotz der „Unvollständigkeit der kirchlichen Gemeinschaft“, müsse man gemeinsam gegen die wachsende religiöse Gleichgültigkeit kämpfen. Hier ließe sich im Anschluss an Pannenberg sicher fragen, ob nicht gerade die noch bestehende Spaltung Mitursache für die wachsende religiöse Gleichgültigkeit ist. Zwar werden die Auseinandersetzungen heute nicht mehr mit dem Schwert geführt. Doch gibt es nach wie vor Unterschiede und „verbale Grabenkämpfe“ um die Wahrheit, die die Menschen durchaus sensibel wahrnehmen.

Musik erfrischt

Benedikt XVI. wirkte müde, als er gestern Abend in die Sixtinische Kapelle kam. Ein kleiner Kreis von Auserwählten erwartete ihn und seinen Bruder zur vatikanischen Erstaufführung der Messe, die von Georg Ratzinger zum Heiligen Jahr 2000 komponiert worden war. Das Festival der Stiftung Pro Musica et Arte Sacra, das derzeit im Vatikan stattfindet, war der Anlass für diese Sonderveranstaltung.

Die Cappella Musicale Pontificia Sistina unter ihrem Dirigenten Massimo Palombella brachte das Werk zur Aufführung, ergänzt durch ein Credo von Palaestrina und zwei weiteren Kompositionen. Ein Genuss fuer alle Zuhörer, der Musik zu lauschen und die wunderbaren Fresken Michelangelos zu bewundern, die – zumindest die Deckenfresken – gerade erst ihr 500-jähriges Bestehen feiern konnten.

Für den Papst schien die Musik und die Gesellschaft seines Bruders ein Jungbrunnen zu sein; denn als er die Sixtinische Kapelle verließ, schien er deutlich erfrischt.

Ex-Ölmanager wird Anglikanerprimas

Was für eine Karriere: Justin Welby ist erst seit einem Jahr anglikanischer Bischof und jetzt soll er geistliches Oberhaupt der rund 80 Millionen Anglikaner weltweit werden. Am Vormittag wurde in London offiziell bestätigt, dass der 56-Jährige Nachfolger von Rowan Williams als Erzbischof von Canterbury werden soll. Williams (60) gibt sein Amt zum Jahresende auf und kehrt in die Wissenschaft zurück. Welby ist Jurist, Theologe und fünffacher Familienvater. Bevor er 1993 zum Priester geweiht wurde, war er elf Jahre als Finanzmanager in der Ölbranche tätig. Erst seit Oktober 2011 ist er Bischof von Durham im Nordosten Englands.

Seine Managementqualitäten wird der Quereinsteiger in den nächsten Jahren gut brauchen können. Als Ehrenoberhaupt der Anglikaner hat er eigentlich keine Macht; muss aber trotzdem die 80 Millionen Anglikaner zusammenhalten. Und das ist nicht immer einfach. Das musste der scheidende Primas, Rowan Williams, in den letzten Jahren immer wieder schmerzlich erfahren. Am Streit um die Bewertung der Homosexualität und die Frage der Bischofsweihe für Frauen droht die anglikanische Weltgemeinschaft seit Jahren zu zerbrechen. Im Moment herrscht Waffenstillstand zwischen den Streitparteien innerhalb der Kirche.

Diese internen Schwierigkeiten brachten das ökumenische Gespräch nahezu zum Erliegen. Zwar blieb der Kontakt etwa zwischen Rowan Williams und dem Vatikan immer sehr eng – jüngstes Beispiel ist die Teilnahme des Primas am Gottesdienst zum 50. Jahrestag der Eröffnung des II. Vatikanischen Konzils am 11. Oktober 2012 auf dem Petersplatz im Vatikan; doch theologisch kam man in den letzten Jahren nicht viel weiter. Einige konservative Anglikaner sind in den letzten Jahren zur katholischen Kirche übergetreten. Der Vatikan hatte eigens für die eine Struktur geschaffen, die mit dem Kurs einiger Nationalkirchen der Anglikaner – etwa der Öffnung für Frauen im Priesteramt und der positiven Haltung gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften – nicht einverstanden waren. Dieser Schritt führte ebenfalls zu Verstimmungen im Dialog zwischen Canterbury und Rom.  

Ob sich das ökumenische Klima unter Welby ändern wird, ist noch nicht abzusehen. Welby gehört eher dem evangelikalen Flügel an, die traditionell eher konservative Positionen vertreten. So lehnte er etwa wiederholt die Segnung gleichgeschlechtlicher Partnerschaften ab; zugleich zeigte er sich aber in der Vergangenheit bei der Frage der Bischofsweihe für Frauen kompromissbereit. Welby ist ein großer Freund der katholischen Liturgie. Vielleicht findet sich ja darüber eine Brücke für den Dialog.

Ehe für alle?

Streitpunkt Gleichgeschlechtliche Partnerschaften (dpa)

Wer heute Morgen die FAZ aufschlägt, kommt um das Thema nicht herum: „Ehe für Homosexuelle in den USA“ auf Seite 2, „Spanisches Verfassungsgericht entscheidet für Homo-Ehe“ und „Regierung Frankreichs bringt Homo-Ehe auf den Weg“ auf Seite 6. Rund um den Globus erhitzt das Thema einmal mehr die Gemüter. Die katholischen Bischöfe in den betroffenen Ländern und der Vatikan lehnen die Gesetzesinitiativen stets mit mehr oder weniger markigen Worten ab. Sie sehen durch derartige Initiativen die traditionelle Ehe zwischen Mann und Frau gefährdet. Aber ist das so? Dieser Vorwurf setzt ja voraus, dass sich eine Person freiwillig entscheidet, ob sie eine Beziehung mit einem Mann oder mit einer Frau eingeht? Ist das so? Entscheidet man über seine sexuelle Orientierung so, wie über den Kauf eines neuen Autos?

Spanien gehört weltweit zu den ersten Ländern, die gleichgeschlechtliche Partnerschaften legalisierten. Seit dem Inkrafttreten des Gesetzes im Juli 2005 bis 2011 wurden dort laut Statistikamt 20.000 Partnerschaften geschlossen. Das sind zwei Prozent (!) aller Eheschließungen im Land in diesem Zeitraum. Die Verhältnisse sind in den anderen Ländern, in denen gleichgeschlechtliche Partnerschaften möglich sind, ähnlich. Ist es da nicht auch eine Frage der Prioritäten? Sollte sich Kirche nicht darauf konzentrieren, dass die 98 Prozent der Eheschließungen gelingen und eine Perspektive haben, anstatt die zwei Prozent zu verhindern zu suchen? Eines soll hier noch klargestellt sein: Es geht hier um die Frage nach der kirchlichen Position zu gleichgeschlechtlichen Partnerschaften, nicht um die dann weitergehenden Forderungen, was Adoption o.ä. anbetrifft. Das ist dann ein neues Thema. Ein eigenes Thema ist auch die Hetze gegen Homosexuelle auf vermeintlich katholischen Internetseiten wie kreuz.net.

Spannend ist es, die Debatte in der katholischen Moraltheologie zu verfolgen. Dort lässt sich in den letzten Jahren eine Akzentverschiebung von der Sexualethik hin zur Beziehungsethik feststellen. Vor diesem Hintergrund können sich dann auch katholische Moraltheologen vorstellen, dass eine gleichgeschlechtliche Beziehung, die denselben Anforderungen unterliegt wie eine heterosexuelle Beziehung (dauerhaft, treu, freiwillig etc.) eine Qualität hat, die schützenswert ist. Man erinnere sich auch an die Aussage des Berliner Kardinals Rainer Maria Woelki beim Katholikentag im Mai in Mannheim. Damals sagte er, dass es vorstellbar sei, dass „dort, wo Menschen Verantwortung füreinander übernehmen, wo sie in einer dauerhaften homosexuellen Beziehung leben und umgehen, dass das in ähnlicher Weise zu einer heterosexuellen Beziehung anzusehen ist“. Die harten Vorwürfe, die Woelki aus bestimmten Kreise danach erreichten, zeigen deutlich, dass selbst so vorsichtige Annäherungen in katholischen Kreisen immer noch schwierig sind.

Der gemeinsame Glaube verpflichtet

Christen und Muslime glauben an den einen Gott. Eine Feststellung, die sowohl im Koran als auch in der Erklärung  „Nostra Aetate““ des Zweiten Vatikanischen Konzils (das ja in diesem Jahr 50jähriges Jubiläum feiert) ausdrücklich enthalten ist und die im alltäglichen Miteinander der Religionen gerne vergessen wird. Das Zentralkomitee der Deutschen Katholiken hat jetzt in einer Erklärung seines christlich-muslimischen Gesprächskreises daran erinnert und den gemeinsamen gesellschaftspolitischen Auftrag betont, der aus dem Glauben erwächst.

Dem Gesprächskreis gehören 11 Christen und 7 Muslime an. Das zahlenmäßige Ungleichgewicht entspricht der ursprünglichen anwaltschaftlichen Funktion, die Christen für Muslime übernommen hatten. Diese ist heute einer Partnerschaft gewichen, denn die Muslime haben sich inzwischen in der deutschen Gesellschaft etabliert und haben ihre eigenen Institutionen und Organisationen. Es geht daher darum, so die Erklärung, bei aller Unterschiedlichkeit, die gemeinsamen Werte und ethischen Maßstäbe zu betonen und die Zusammenarbeit auszubauen. Handlungsfelder, auf denen eine partnerschaftliche Zusammenarbeit nötig ist, gibt es genug, von Altenarbeit und Notfallseelsorge über Bildung und internationale Entwicklungszusammenarbeit bis hin zu gemeinsamer Stellungnahme zu ethischen Fragestellungen in Gesellschaft und Politik.

Mit einer klaren Absage an jede Art von Fundamentalismus setzen sich die Autoren für eine pluralistische Gesellschaft ein. „Pluralismus ist kein notwendiges Übel, sondern Ausdruck der Menschenwürde, von Gott gewollt und notwendige Folge menschlicher Freiheit“, heißt es wörtlich. Dies gelte innerhalb und außerhalb der Religionen. Mit diesem Plädoyer für einen Pluralismus, der im gemeinsamen Glauben an den einen Gott wurzelt, legt die Erklärung eine Grundlage für einen Dialog, der gemeinsames Handeln und gegenseitige Anerkennung ermöglicht und auch andere Religionen einbezieht. Es wäre zu wünschen, dass viele Christen und Muslime diese Erklärung nicht nur lesen, sondern auch umsetzen.

Im Kampf gegen den Missbrauch

Der Kampf gegen Missbrauch muss weiter gehen

Kampagne gegen Missbrauch

Aus den Schlagzeilen der Weltpresse ist der sexuelle Missbrauch weitgehend verschwunden – doch das Thema muss bleiben und wird auch in der katholischen Kirche weiter behandelt. Zum einen geht es um die lückenlose Aufklärung von Verbrechen in der Vergangenheit, zum anderen um die Prävention künftiger Fälle. Mit Letzterem tut sich die Kirche leichter und wird gegenüber anderen gesellschaftlichen Gruppierungen sogar zum Vorreiter. Auf einer internationalen Konferenz der katholischen Kirche in Freising bei München wurde jetzt ein neues Schulungsprogramm vorgestellt, das vom Kinderschutzzentrum in München entwickelt wurde und ab 2014 von Kirchenmitarbeitern in aller Welt genutzt werden soll.

 Der Missbrauchsskandal hat die katholische Kirche in vielen Ländern erschüttert, die deutsche Kirche hatte er 2010 erreicht. Weltweit haben inzwischen fast 80 Prozent der nationalen Bischofskonferenzen eigene Richtlinien zum Umgang mit diesem Problem erlassen, so der Vizerektor der Päpstlichen Universität Gregoriana in Rom, Jesuitenpater Hans Zollner, bei der Tagung. Er glaubt, dass die Vernetzung der katholischen Kirche dazu führen kann, Fehler zu vermeiden, die in anderen Ländern gemacht wurden und voneinander zu lernen.

Benedikt XVI. hat nie einen Zweifel daran gelassen, dass nur eine Nulltoleranz gegenüber sexuellem Missbrauch die richtige Haltung sein kann. In Deutschland sind inzwischen knapp tausend Opfer entschädigt worden, offene Anträge gibt es nicht mehr. Und auch die Missbrauchsstudie, die die Deutsche Bischofkonferenz beim Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen in Auftrag gegeben hat, läuft weiter, auch gegen den Widerstand einiger Priester, die sich dadurch unter Generalverdacht gestellt sehen. Das Signal, dass radikal aufgeklärt werden soll, ist jedoch für die Öffentlichkeit notwendig, um wieder Vertrauen aufzubauen.

Zuviel Zentralismus?

Blick in die Konzilsaula (dpa)

Gibt es in der katholischen Kirche zuviel Zentralismus? Diese Frage wird immer wieder diskutiert. Der Mainzer Bischof, Kardinal Karl Lehmann, sieht im Zentralismus auf jeden Fall eine der unbearbeiteten Aufgaben des II. Vatikanischen Konzils. Das erklärte er gestern Abend in München im Rahmen einer Jubiläumsveranstaltung zum 50. Jahrestag der Eröffnung des Konzils. Als Beispiel nennt Lehmann etwa den Bereich der Liturgie. Da habe das Konzil durch die Liturgiereform relativ viel Freiheit ermöglicht. Doch heute bestimme etwa Rom über ein neues Gebet- und Gesangbuch für die Kirche in Deutschland. „Wir haben uns auch einfach manches gefallen lassen,“ wird der Kardinal zitiert. In einigen Angelegenheiten „hätte man auf den Tisch hauen müssen“.

Wie viel Freiheit haben die Ortskirchen? Was muss mit Rom abgesprochen werden und wo können etwa Bischöfe autark handeln? Immerhin haben sie „eigene, ordentliche und unmittelbare Gewalt“ des Lehrens und Leitens. Müssen sie da etwa bei der Ernennung von Theologen an den Universitäten unbedingt in Rom Rücksprache halten? Können sie nicht auch alleine über ein neues Gesang- und Gebetbuch entscheiden? Wer entscheidet, wie ein liturgisches Buch – derzeit konkret das Messbuch – richtig ins Deutsche übersetzt wird: Rom oder die entsprechende Fachkommission der Deutschen Bischofskonferenz? Ein weiteres Beispiel ist etwa der lange Streit um den Ausstieg der katholischen Kirche aus der staatlichen Schwangerschaftskonfliktberatung in den 1990er Jahren. Die Liste könnte man weiter fortführen. Das Konzilsjubiläum dürfte auch bei der Frage nach dem Verhältnis von Ortskirche und Universalkirche eine gute Gelegenheit sein, über die richtige Zuordnung nachzudenken – und die Frage, ob es nicht doch zuviel Zentralismus gibt.

Erzbischof Müller vorerst nicht Kardinal

Es ist eine doppelte Überraschung: Benedikt XVI. hat für den 24. November ein Konsistorium einberufen – doch Erzbischof Gerhard-Ludwig Müller, der Chef der Vatikanischen Glaubenskongregation und damit dritte Mann in der katholischen Kirche, ist nicht dabei. Eine ungewöhnliche Entscheidung; galt es doch gleichsam als ungeschriebenes Gesetz, dass Müller, ein enger Vertrauter des Papstes, bei der nächsten Kardinalskreierung mit dabei sein würde. Gut, der ehemalige Regensburger Bischof ist mit seinen 64 Jahren noch jung und kann daher auch noch etwas warten; doch kann ein so wichtiger Posten im Vatikan längere Zeit ohne den Kardinalspurpur bleiben? Haben sich etwa im Vatikan die Kräfte durchgesetzt, denen Müller nicht zuletzt wegen seiner guten Beziehungen zum Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez zu liberal ist, und die eigentlich schon seine Ernennung zum Chef der Glaubenskongregation verhindern wollten?

Sechs neue Kardinäle gibt es Ende November. Dazu gehören die Erzbischöfe von Abuja in Nigeria, John Olorunfemi Onaiyekan, Bogota, Rubén Salazar Gómez, und Manila, Luis Antonio Tagle, sowie der maronitische Patriarch Béchara Boutros Raï (Libanon) und der syro-malankarische Großerzbischof Baselios Cleemis Thottunkal (Indien). Mit dem kleinen Konsistorium schafft der Papst einen kleinen Ausgleich zur letzten Kardinalskreierung im Februar dieses Jahres. Damals kamen 10 der 22 neuen Kardinäle aus der römischen Kurie; viele von ihnen Italiener. Das hatte zu Unmut geführt. Mit dem Konsistorium am 24. November wären genau 120 Kardinäle wahlberechtigt (d.h. unter 80 Jahren) in einem Konklave. Paul VI. hatte festgelegt, dass diese Grenze nicht überschritten werden soll. Allerdings hatte Benedikt XVI. sie bei früheren Konsistorien auch schon überschritten.

Interessant ist der sechste neue Kardinal: Erzbischof James Michael Harvey. Der 63-Jährige US-Amerikaner ist seit 1998 Präfekt des Päpstlichen Hauses; d.h. er koordiniert die Termine des Papstes. Harvey gehört zu den engsten Mitarbeitern des Pontifex und begleitet ihn zu allen öffentlichen Auftritten im Vatikan und Italien. Harvey soll Erzpriester der Basilika Sankt Paul vor den Mauern werden, kündigte der Papst an. D.h. sein Posten als Präfekt des Päpstlichen Hauses muss neu besetzt werden. Diese Aufgabe könnte Georg Gänswein übernehmen, der bisherige Privatsekretär des Papstes. Damit wäre ihm das Bischofsamt sicher. Seit Wochen wird in Rom über eine entsprechende „Beförderung“ Gänsweins spekuliert. Diese Ernennung zum Bischof könnte schon in Kürze  erfolgen. Sie wäre auch ein Vertrauensbeweis Benedikts XVI. gegenüber seinem Privatsekretär, der im Rahmen der Vatileaks-Affäre in den vergangenen Monaten immer wieder auch in der Kritik stand. Eine Bischofsernennung Gänsweins wäre allerdings auch ohne die gleichzeitige Berufung zum Präfekten des Päpstlichen Hauses möglich – analog zum letzten Pontifikat. Da hatte Papst Johannes Paul II. seinen langjährigen Sekretär Stanislaw Dziwisz 1998 unter Beibehaltung seiner bisherigen Aufgabe zum Bischof und  „Beigeordneten Präfekten des Päpstlichen Hauses“ ernannt.

Piusbrüder schließen Williamson aus

Bischof Richard Williamson (dapd)

Jetzt ist es offiziell. Die traditionalistische Piusbruderschaft hat den Holocaustleugner Bischof Richard Williamson ausgeschlossen. Als Begründung heißt es, der Bischof habe „sich seit mehreren Jahren von der Führung und Leitung der Priesterbruderschaft entfernt und sich geweigert, den Respekt und den Gehorsam zu bezeigen, den er seinen rechtmäßigen Oberen schuldet.“ In einer Erklärung heißt es, der Generalobere der Piusbruderschaft, Bischof Bernard Fellay, habe Williamson bereits am 4. Oktober ausgeschlossen, ihm aber eine Frist eingeräumt, sich unterzuordnen. Diese habe Williamson verstreichen lassen und im Gegenzug den Generaloberen zum Rücktritt aufgefordert. Ist das der erste Schritt zur Spaltung der Piusbruderschaft? Denn auch Richard Williamson hat seine Anhänger, vor allem die Hardliner, die jegliche Gespräche mit dem Vatikan ablehnen.

Williamson ist der Grund, dass nach der Aufhebung der Exkommunikation gegen die vier Bischöfe der Piusbruderschaft im Januar 2009 ein Sturm der Entrüstung um die Welt ging. Der britische Bischof hatte mehrfach den Holocaust geleugnet und rückt bis heute nicht von seiner Position ab. Erst vergangene Woche legte er Widerspruch gegen einen Strafbefehl des Amtsgerichts Regensburg wegen Volksverhetzung ein. Eines der Interviews, in denen Williamson den millionenfachen Mord an den Juden leugnete, hatte er Ende 2008 im Priesterseminar der Piusbruderschaft im bayerischen Zaitzkofen gegeben.

Der Vorgang um Bischof Williamson hat nur mittelbar etwas mit den aktuellen Gesprächen zwischen den Traditionalisten und dem Vatikan zu tun. Rom hatte schon lange klar gemacht, dass für den Holocaustleugner kein Platz in der katholischen Kirche ist. Im Frühjahr hatte der Vatikan das Schicksal der drei übrigen Bischöfe der Traditionalisten von den Verhandlungen mit dem Generaloberen der Piusbruderschaft, Bischof Fellay, abgekoppelt. Dieser Schritt wurde von Beobachtern als Zeichen dafür gewertet, dass am Ende der Gespräche nur ein Teil der Traditionalisten zurückkehren könnte.

Doch seit Juni sind die Gespräche ins Stocken geraten. Auch der Ausschluss Williamsons wird daran nichts ändern. Denn es geht um inhaltliche, theologische Fragen im Zusammenhang mit dem II. Vatikanischen Konzil. Der Versuch der Piusbrüder, den Papst und Teile der römischen Kurie gegeneinander auszuspielen ist nicht aufgegangen. In einem eigenen Brief an den Generaloberen hatte Benedikt XVI. im Sommer diesem noch einmal bestätigt, dass er die Anerkennung des Konzils fordert. Eine Antwort der Piusbruderschaft auf dieses päpstliche Schreiben steht bislang aus. Daher will im Vatikan auch derzeit niemand die Türe offiziell zuschlagen; auch wenn die Piusbrüder selbst ja schon von einem Scheitern der Gespräche ausgehen. Ewig wird man das Verfahren nicht in der Schwebe halten können. Die Gläubigen erwarten klare Verhältnisse.

Kein Platz für Frieden!

Es sollte eine Solidaritätsgeste werden; doch angesichts der jüngsten Gewalt in Syrien und im Libanon fällt die für diese Woche geplante Reise einer Vatikan-Delegation in die syrische Hauptstadt Damaskus bis auf Weiteres aus. Zwar dauerten die Vorbereitungen laut Kardinalstaatsekretär Tarcisio Bertone weiter an, doch gebe es derzeit kein Datum für die Reise. Am vergangenen Dienstag hatte Bertone angekündigt, dass auf Wunsch des Papstes eine hochrangige Delegation nach Damaskus reisen werde. Angesichts der Tragödie in dem Nahoststaat und dem Leiden der Bevölkerung wolle die Kirche ein Zeichen der Verbundenheit setzen, so die Begründung. Genauere Informationen gab es nicht. Wen sollte oder soll die Delegation treffen? Hat sie ein politisches Mandat oder handelt es sich um eine reine Solidaritätsreise?

Nach den jüngsten Attentaten vom Wochenende muss der Vatikan die Lage erst neu sondieren. Am Sonntag waren bei einem Anschlag in einem christlichen Viertel der syrischen Hauptstadt Damaskus mindestens 13 Menschen getötet worden. Seit dem Anschlag auf den libanesischen Geheimdienstchef in einem christlichen Viertel von Beirut am Freitag ist die Lage auch im Libanon äußerst angespannt. Droht dort auch ein Bürgerkrieg? Versucht Syrien, das Nachbarland zu destabilisieren?

Benedikt XVI. am 16. September 2012 in Beirut

Es ist erst vier Wochen her, dass Papst Benedikt XVI. dort mit dem Papamobil fuhr, wo jetzt in Beirut Panzer stehen. Was ist geblieben von seiner Friedensbotschaft? Noch klingen seine Worte nach vom Libanon als dem Vorbild für das Zusammenleben von Religionen und Konfessionen, Christen und Muslime. Werden sie jetzt von Gefechtslärm endgültig übertönt? Obwohl auch dem Papst bekannt ist, wie fragil die Machtbalance im Libanon und damit auch der Frieden dort ist, setzt er große Hoffnung in den Zedernstaat. Die nächsten Tage werden zeigen, ob das Modell Libanon auch eine solche politische Krise, wie sie aktuell besteht, überlebt oder doch scheitert angesichts politischer Machtinteressen von außen.

Für die katholische Kirche kommt der Syrienkonflikt, wie schon zuvor die Umwälzungen im Kontext des Arabischen Frühlings, einem Drahtseilakt gleich. In den eigenen Reihen gibt es Unterstützer und Gegner des syrischen Machthabers Assad. So hatte etwa der melkitische Patriarch Gregoire III. Laham in der Vergangenheit mehrfach eine zu einseitige Wahrnehmung Assads als „Bösewicht“ kritisiert. Der Vatikan konzentriert sich bisher stets darauf, eine politische Lösung des Konflikts zu fordern. Deutliche Worte gab es von Benedikt XVI. zu Beginn seiner Libanonreise Mitte September, als er sich für einen sofortigen generellen Stopp von Waffenimporten aussprach. Der Vatikan erscheint aktuell etwas ratlos. Wäre nicht gerade angesichts der neuen Gewaltwelle eine Friedensmission angebracht gewesen?