Papstgeflüster – Das Vatikan-Blog

Interessantes und Hintergründiges aus dem Vatikan

Papst, Konzil und Piusbruderschaft

Benedikt XVI. spricht derzeit oft über das Konzil

Wenn Papst Benedikt XVI. in diesen Tagen vom II. Vatikanischen Konzil spricht, rückt er interessanter Weise selten die großen Konstitutionen etwa über die Liturgie (Sacrosanctum Concilium) oder die Kirche (Lumen Gentium) in den Mittelpunkt. Nein, seine Themen sind die Papiere über Religionsfreiheit, das Verhältnis der Religionen und die Ökumene. Zuletzt geschehen an diesem Wochenende bei der Verleihung des „Ratzinger-Preises 2012“ im Vatikan. Die beiden Preisträger, der französische Philosoph Remi Brague (65) und der US-amerikanische Theologe Brian Daley (72), beschäftigten sich mit „zwei zentralen Aspekten der Kirche in unserer Zeit“, so der Papst: Ökumene und interreligiöser Dialog. Er verwies ausdrücklich auf die beiden entsprechenden Konzilsdokumente „Unitatis Redintegratio“  und „Nostra aetate“ und erklärte, dass er noch ein weiteres Dokument hinzufügen möchte, das sich als „außergewöhnlich wichtig erwiesen habe“: die Erklärung „Dignitatis humanae“ über die Religionsfreiheit.

Ist es Zufall, dass Benedikt XVI. im Vorwort zum Konzilsband seiner Gesammelten Werke, der Ende November erscheint, schreibt: „Die Begegnung mit den großen Themen der Neuzeit fand unerwartet nicht in der großen Pastoralkonstitution statt, sondern in zwei kleineren Dokumenten, deren Wichtigkeit erst nach und nach in der Rezeption des Konzils zum Vorschein gekommen ist.“ Er meint auch hier: „Dignitatis humanae“ und „Nostra aetate“. Die großen Konstitutionen über Kirche, Liturgie und Offenbarung werden nur am Rande erwähnt. Warum betont Benedikt XVI. in den Tagen des Konzilsjubiläums gerade die Themen Religionsfreiheit, Ökumene und interreligiöser Dialog? Und das, wo er doch bisweilen nicht gerade als großer Freund der Ökumene gilt!?

Übrigens sieht er die Konzils-Papiere durchaus auch kritisch. Zu Nostra aetate merkt er in dem bereits erwähnten Vorwort an, dass die Rezeption des „großartigen Textes“ auch Schwächen zum Vorschein gebracht habe: „Er spricht von Religion nur positiv und lässt dabei die kranken und gestörten Formen von Religion beiseite, die geschichtlich und theologisch von großer Tragweite sind: Der christliche Glaube war deshalb von Anfang an nach innen wie nach außen auch religionskritisch.“

Religionsfreiheit, Ökumene und interreligiöser Dialog sind übrigens die Themen, bei denen die traditionalistische Piusbruderschaft – neben der Liturgie – die größten Schwierigkeiten mit dem Konzil hat. Und genau die, stellt Benedikt XVI. jetzt als die „großen Themen“ heraus. Das wird die Piusbrüder nicht freuen. Der deutsche Distriktobere, Franz Schmidberger, hatte ja diese Woche noch einmal erklärt, dass eine Einigung mit Rom derzeit kaum denkbar erscheint. Am Wochenende gab es erneut Spekulationen, die Piusbruderschaft schließe den Holocaustleugner Richard Williamson aus ihren Reihen aus. Eine offizielle Bestätigung gibt es aber bisher nicht. Dass für einen Holocaustleugner kein Platz in der katholischen Kirche ist, hat der Vatikan ja vor langer Zeit klargestellt. Mit der Betonung der genannten Konzilsdokumente, wird einmal mehr deutlich, dass inhaltlich auch für die anderen Piusbrüder kein Platz zu sein scheint. Es sei denn, sie bewegen sich. Doch dafür gibt es nach wie vor keine Anzeichen.

Halbzeit

Blick in die Synodenaula

Ein Spiel dauert 90 Minuten – das ist spätestens seit gestern Abend und dem 4:4 der deutschen Fußballnationalmannschaft im Spiel gegen Schweden jedem klar. Und eine Synode dauert drei Wochen. Bis zur Halbzeit – heute – ist noch nicht allzu viel passiert. Aber vielleicht ist es ja wie im Fußball und die zweite Halbzeit bringt noch spannende entscheidende Momente. Es gab viel Theorie zum Thema Neuevangelisierung, aber nur vereinzelt praktische Vorschläge. Die Rolle der Familie und der Medien im Rahmen der Neuevangelisierung wurde mehrfach angesprochen. Viele Beiträge kreisen um die Themen Pfarrei, geistliche Gemeinschaften und Basisgemeinschaften. Wobei vor allem die Letztgenannten immer wieder als wichtige Größe für eine Neuevangelisierung angeführt werden.

Vor allem Bischöfe aus Lateinamerika, Afrika und Asien berichten über gute Erfahrungen mit diesen kleinen christlichen Gemeinschaften. Der Erzbischof von Davao (Philippinen), Romulo Valles: „Der christliche Glaube wird besser gestützt und genährt, vertieft und geschützt, wenn er von den Einzelnen und Familien in diesen kirchlichen Basisgemeinschaften gelebt und praktiziert wird. In diesen Gemeinschaften werden das Glaubenszeugnis, das Glaubensbekenntnis und die notwendige Glaubenskatechese intensiver erlebt.“ Der Erzbischof von Addis-Abeba, Berhaneyesus Demerew  Souraphiel, weist darauf hin, dass in den Basisgemeinschaften die Laien eine entscheidende Rolle spielen. „Durch die Einrichtung der Laienämter, die in dem begrenzten Bereich der Gemeinde ausgeübt werden müssen, wird die Mission zu einer konkreten Realität.“ Entsprechend sprach sich auch der Osnabrücker Bischof Franz-Josef Bode für mehr Rechte für Laien aus. Er forderte, „die Möglichkeiten zur kirchlichen Beauftragung von Verantwortlichen in Liturgie, Katechese und Diakonie für Männer und Frauen zu erweitern. So bleiben wir Kirche im Volk, Kirche unter den Menschen und in den Häusern und Familien.“ Kommt auch in Europa die Zeit der Basisgemeinschaften?

 

Bischof Franz-Josef Bode bei der Synode

Übrigens kam das Thema „wiederverheiratete Geschiedene“, das in Deutschland gerade intensiv diskutiert wird und bisweilen gerne als typisch deutsches Thema gebrandmarkt wird, bereits mehrfach zur Sprache. Es wurde allerdings nicht von deutschsprachigen Bischöfen eingebracht. Vielmehr nahmen sich etwa der italienische Bischof Bruno Forte und der Erzbischof von Panamá, José Domingo Ulloa Mendieta, des Themas an. Vielleicht sollten die deutschen Bischöfe bei ihrer Suche nach neuen Wegen zum Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen das Gespräch nicht nur mit Rom suchen, sondern auch mit ihren Bischofskollegen in anderen Ländern.

Benedikt XVI. und das Konzil

Die großen Jubiläumsfeiern sind eröffnet. Der Papst feierte in Rom, Bischöfe weltweit in ihren Diözesen. Landauf, landab gibt es in den nächsten Monaten Akademietagungen, Diskussionsveranstaltungen und Gedenkfeiern. Ob sie eine Antwort finden werden auf die Frage, was das Konzil gebracht hat?

„Aggiornamento“ war das große Stichwort. Wie kann die Kirche in der modernen, pluralen Welt ihre Botschaft verkünden? Wie schafft sie den Sprung vom Mittelalter in die Moderne ohne ihre wesentlichen Prinzipien über Bord zu werfen? Diese Frage trieb Papst Johannes XXIII. um, als er Ende Januar 1959 für viele überraschend das Konzil einberief. Über das Ergebnis streiten ein halbes Jahrhundert später Bischöfe, Professoren und Laien rund um den Globus. Das Konzil fand nicht die eine Antwort zur Lösung aller Probleme. In den 16 Dokumenten, die verabschiedet wurden, stecken viele Kompromissformeln. Das bietet weiten Interpretationsspielraum.

Papst Benedikt XVI. rief angesichts des Jubiläums auf, die Originaltexte zu studieren. Diese müssten „von der Masse der Veröffentlichungen befreit werden, die sie häufig verdunkeln statt erhellen“. Die Originale zu lesen schütze „vor den Extremen anachronistischer Nostalgien einerseits und eines Vorauseilens andererseits“. Interessanterweise spricht Benedikt in seiner Predigt am Donnerstag auch von „Neuheit“, die das Konzil brachte; allerdings „Neuheit in Kontinuität“. Im Streit mit der traditionalistischen Piusbruderschaft geht es ja seit Jahren um die Frage, sind manche Beschlüsse des Konzils mit der katholischen Tradition unvereinbar oder nicht. Dazu gehören etwa die Reform der Liturgie, die Anerkennung der Gewissens- und Religionsfreiheit oder aber auch die Öffnung für die Ökumene.

Der junge Theologe Ratzinger und Kardinal Frings - Reformer beim Konzil? (dpa)

Das große Konzilsjubiläum ist eröffnet und damit auch die Zeit intensiver Diskussionen über das Konzil und seine Folgen. Macht die Kirche etwa heute wieder eine Rolle rückwärts hinter die Errungenschaften des Konzils? Welche Rolle spielte der junge Theologe Joseph Ratzinger als Berater des Kölner Kardinals Josef Frings und offizieller Konzilstheologe? Denkt er heute als Papst anders über das Konzil als in den 1960er Jahren? Ist die Kirche überhaupt jemals in der Moderne angekommen? Oder ist das Konzil am Ende gescheitert?

Benedikt XVI. hat angekündigt, in den nächsten Monaten bei den wöchentlichen Generalaudienzen seine Sicht des Konzils darzustellen. Das dürfte spannend werden. Ende November kommt zudem ein neuer Band der Gesammelten Schriften Joseph Ratzingers heraus, in dem auf rund 1.300 Seiten alle Texte Ratzingers zum Konzil zusammengefasst sind – auch seine Vorlagen für die Interventionen von Kardinal Frings beim Konzil. Dann wird sich zeigen, ob das Klischee vom Wandel des jungen Reformers Ratzinger hin zum Papst, der der Kirche eine Rolle rückwärts verordnen will, wirklich taugt.

Ein Meilenstein in der Kirchengeschichte

Bischöfe am 11.10.2012 beim Einzug auf dem Petersplatz

Heute wie vor 50 Jahren: Bischöfe beim Einzug

50 Jahre sind im Gedächtnis der katholischen Kirche so gut wie nichts – angesichts einer zweitausendjährigen Tradition. Und dennoch markiert das Jubiläum, das heute zur Einberufung des Zweiten Vatikanischen Konzils vor 50 Jahren begangen wird, einen wichtigen Abschnitt. Noch leben Männer, die an diesem historischen Ereignis teilgenommen haben, noch können sich Menschen daran erinnern, welch großartigen Aufschwung die katholische Kirche damals erlebt hat. Und andererseits ist die Begeisterung dieser Jahre den Nachgeborenen nur noch schwer zu vermitteln, ist die Sorge groß, dass Vieles in Vergessenheit gerät.

Vieles ist in diesen Tagen zum Konzil gesagt und geschrieben worden, von Papst und Bischöfen, Laien und Verbänden. Allen gemeinsam ist das Ringen um die Situation der Kirche heute. Denn das damals von Johannes XXIII. geforderte Aggiornamento, die „Verheutigung“ der Kirche, bleibt ein dringendes Anliegen. Und während die einen (Piusbrüder) immer noch die Reformen von damals negieren wollen, haben die anderen Angst, dass sie rückgängig gemacht werden. Vieles ist noch gar nicht realisiert, was damals mutig gedacht und angestoßen wurde.

Im Grunde kann es aber nicht darum gehen, das Zweite Vatikanum umzusetzen oder nicht. Wichtiger ist es, die aktuellen Zeichen der Zeit und ihre Anforderungen zu erkennen und nach neuen Wegen zu suchen. Ob es der gegenwärtig tagenden Bischofssynode gelingt, an den Geist des Konzils anzuknüpfen, die Not zu sehen und mutige Schritte zu gehen?

Mehr Bescheidenheit für die Kirche?

Benedikt XVI. beim Eröffnungsgottesdienst der Synode

Ein bunter Blumenstrauß an Themen ist es, der in den ersten Tagen bei einer Bischofssynode zusammengetragen wird. So ist es auch dieses Mal bei der XIII. Ordentlichen Bischofssynode, die seit Montag im Vatikan tagt. Motto: „Die neue Evangelisierung für die Weitergabe des christlichen Glaubens“. Jeder der 262 Synodenväter darf drei Minuten reden; dazu kommen die Experten und Vertreter anderer christlicher Kirchen. Nach drei Tagen zeichnen sich noch kaum inhaltliche Trends ab. Einige Synodenväter schließen sich der Position Papst Benedikts XVI. an, der in einer frei gehaltenen Meditation am ersten Tag feststellte, dass die Lauheit die „größte Gefahr für den Christen“ sei. Viel ist von „Selbstevangelisierung“ der Kirche die Rede, bevor man andere evangelisieren könne.

In den wenigen Statements kam auch schon mehrfach die Forderung, dass die Kirche bescheidener werden müsse, näher bei den Menschen sein müsse. „Man kann den Menschen mit leerem Magen nur dann das Evangelium glaubwürdig verkünden, wenn man selbst einen leeren Magen hat!“ wird ein Bischof aus Guatemala zitiert. Da denkt man natürlich rund um das 50-Jahr-Jubiläum der Eröffnung des Konzils am 11. Oktober 1962 schnell an den „Katakombenpakt“. Kurz vor Abschluss des Konzils trafen sich am 16. November 1965 in einer römischen Katakombe 40 Bischöfe und versprachen, künftig auf Machtinsignien und Prunk zu verzichten, ein einfaches Leben zu führen und einen „Pakt mit den Armen“ zu schließen. Eines der prominentesten Mitglieder war Bischof Dom Helder Camara.

Interessant war heute der Beitrag des Erzbischofs von Brüssel, André Leonard. Er forderte eine bessere Anerkennung der Frauen in der Kirche. Zwei Drittel der Katholiken seien Frauen. Allerdings fühlten sich viele von ihnen diskriminiert. Zwar könne die katholische Kirche aus theologischen Gründen keine Frauen zu Priestern weihen, dennoch müsse ihnen die Kirche mit „starken Gesten“ die Wertschätzung für ihre Arbeit deutlich machen: „Ohne glückliche Frauen, die in ihrem Wesen anerkannt werden und die stolz auf ihre Zugehörigkeit zur Kirche sind, wird es keine Neuevangelisierung geben.“ Von den insgesamt 356 Teilnehmern der Synode sind übrigens nur 28 Frauen (d.h. knapp 8%), rund die Hälfte von ihnen ist Mitglied eines Ordens.



Eine große Ehre

Mit einem feierlichen Hochamt wird heute in Rom die Generalversammlung der Bischofssynode eröffnet. Ein routinemäßiges Treffen, dem dennoch große Bedeutung zukommt – so viele Bischöfe wie selten sind dafür angereist. Doch die eigentliche Sensation des Tages besteht in einem anderen Teil dieses Gottesdienstes: Papst Benedikt XVI. erklärt Hildegard von Bingen und Johannes von Avila zu Kirchenlehrern.

Hildegard von Bingen

Die neue Kirchenlehrerin Hildegard von Bingen

Die deutsche Ordensfrau ist damit nach Katharina von Siena, Teresa von Avila und Therese von Lisieux erst die vierte Frau der Kirchengeschichte, der diese Ehre zuteil wird. Die Zahl der Kirchenlehrer insgesamt steigt mit dem heutigen Tag auf 35.

Damit ein Heiliger zum Kirchenlehrer erklärt werden kann, müssen drei Bedingungen erfüllt sein: herausragende Lehre (eminens doctina), vorzügliche Heiligkeit seines Lebens (insignis vitae sanctitas) und die Erklärung der Kirche (ecclesiae declaratio). Die Schriften der heiligen Hildegard werden damit in ihrer besonderen Bedeutung für das Leben der Kirche gewürdigt.

Ganzheitliche Sicht

Gemeint sind damit allerdings nicht ihre Rezepte für Dinkelplätzchen oder Herzwein, mit denen die Deutsche es geschafft hat, selbst in säkularen Kreisen berühmt zu werden. Sie war viel mehr als ein Kräuterweiblein, mehr als eine Komponistin mittelalterlicher Kompositionen und mehr als eine große Beobachterin der Natur, ihrer Gesetze und Auswirkungen auf den Menschen. Ihre Visionen, die sie schon vom dritten Lebensjahr an hatte, sind eine großartige Schau, die vor allem wegen der ganzheitlichen Sicht des Menschen und seiner Beziehung zu Gott wertvoll sind. Als Geschöpf Gottes steht der Mensch mit der gesamten Schöpfung und Natur in Verbindung, Gott lässt sich in allen Dingen der Natur ergründen.

Vorbild für heute

Hildegard von Bingen war eine fromme Frau, aber auch sehr lebenspraktisch und energisch. Sie war Ratgeberin für Kirchenmänner und Fürsten, sie mischte sich ein und ermahnte den Klerus zu mehr Seelsorge und Barmherzigkeit. Sie scheute sich auch nicht vor dem Konflikt mit der Kirche; wegen ihres Ungehorsams (die Nonnen hatten unerlaubterweise einen exkommunizierten Adeligen auf dem Klostergelände beerdigt) stand das von ihr gegründete Kloster sogar zeitweise unter Interdikt (eine Kirchenstrafe, die u.a. den Ausschluss von der Eucharistiefeier beinhaltet). Interessant in diesem Zusammenhang ist auch, dass das Mainzer Domkapitel, mit dem sich Hildegard mehrfach angelegt hatte, eine frühe Heiligsprechung zu verhindern wusste. Erst in diesem Jahr hat der Papst sie offiziell heiliggesprochen – zur Verwunderung vieler, die sie längst als Heilige verehrten.

Als vorreformatorische Frau kann Hildegard von Bingen auch eine Brücke sein zwischen den Konfessionen. Sie ist auch für moderne Frauen und Männer zum Vorbild geeignet und hat uns heute noch viel zu sagen.

Trotz Urteil viele Fragen offen

Palazzo del Tribunale: Hier fand der Prozess statt.

Ein Jahr und sechs Monate Gefängnis lautet das Urteil gegen den Ex-Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele. Dabei machten die Richter mildernde Umstände geltend, die zur Halbierung des eigentlichen Strafmaßes von drei Jahren führten. Das Urteil war noch keine Stunde alt, erklärte Vatikansprecher Federico Lombardi, dass die Möglichkeit einer Begnadigung durch den Papst „sehr konkret“ sei. Allerdings wollte er nichts über den Zeitpunkt und den Modus sagen. Lombardi machte auch deutlich, dass mit dem Urteil gegen Gabriele wegen „schweren Diebstahls“ der Vatileaks-Skandal nicht abgeschlossen sei.

Das Thema wird die Medien also weiter beschäftigen. Zum einen steht noch der Prozess gegen den Informatiker Claudio Sciarpelletti aus, der wegen Beihilfe zum Diebstahl angeklagt ist. Zum anderen sind am Ende des Prozesses noch viele Fragen offen. Zwar erklärte der vatikanische Staatsanwalt in seinem Abschlussplädoyer, dass Gabriele leicht von außen zu beeinflussen sei, doch betonte er ausdrücklich, dass es keine Beweise für Komplizen gebe. Dies wurde von Vatikansprecher Federico Lombardi noch einmal eigens betont. Prozessbeobachter zeigten sich allerdings wenig überzeugt von der offiziellen Darstellung, dass der Ex-Butler als Einzeltäter agierte und, wie er heute morgen kurz vor Urteilsverkündung noch einmal erklärte, dass er aus „tiefer Liebe für die Kirche und ihr sichtbares Oberhaupt“ gehandelt habe: „Ich fühle mich nicht als Dieb.“ Wer mehrere zehntausend Papiere in 82 Kartons in seiner Wohnung hortet, müsse Mitwisser gehabt haben, lautet die Einschätzung. Immerhin enthält das Enthüllungsbuch „Ihre Heiligkeit“ Dokumente, die nicht bei Gabriele gefunden wurden, obwohl er sonst immer Kopien von dem Material anfertigte, das er weitergab. Ist er also nicht das einzige „Leak“? Auch die Frage, wie es zu der Zusammenarbeit zwischen dem Ex-Kammerdiener und dem Journalisten Gianluigi Nuzzi kam, ist nicht hinreichend beantwortet.

Gianluigi Nuzzi - Wie kam der Kontakt zustande?

Unklarheit herrscht auch bei einem Goldklumpen und einem Scheck, die in Gabrieles Wohnung gefunden worden sein sollen. Vatikanische Gendarmen machten im Zeugenstand unterschiedliche Angaben über den Fundort. Der Richter hielt den Vorgang für nicht relevant. Wollte er den Prozess möglichst schnell und geräuschlos durchziehen? Insgesamt dauerte er nur vier Tage; auch wenn Vatikansprecher Lombardi nach Abschluss noch einmal eigens die Unabhängigkeit des Gerichts betonte, hatten viele Beobachter den Eindruck, das ganze Verfahren ging zu schnell. So blieb auch kaum Zeit für Zeugenbefragungen. Und die meisten Zeugen waren Gendarmen, die über die Hausdurchsuchung bei Gabriele berichteten. Warum wurde außer dem Privatsekretär des Papstes kein weiteres Mitglied der Kurie geladen, obwohl doch der Ex-Butler selbst Namen nannte von Personen, die ihm nahe stehen – darunter die Kardinäle Angelo Comastri und Paolo Sardi?

Vatileaks hat den Vatikan verändert. Intern herrscht bisweilen ein größeres Misstrauen unter den Kurialen; hat der Skandal doch einmal mehr ans Tageslicht gebracht, dass hinter den Kulissen um Macht und Einfluss gerungen wird. Nach außen hin versucht man mehr Transparenz walten zu lassen – zumindest was den Prozess gegen Paolo Gabriele anbetrifft.

Die offenen Fragen könnte der Papst selbst aus der Welt räumen, indem er den Bericht der Kardinalskommission veröffentlicht, die er – neben dem vatikanisch-staatlichen Gericht – mit internen Ermittlungen im Vatileaksskandal beauftragt hatte. Der Bericht liegt seit geraumer Zeit vor. Einzig Benedikt XVI. kennt den Inhalt. Dass er bisher nicht veröffentlicht wurde, wertet Vatikansprecher Lombardi als Zeichen, dass der Papst sich nicht in das juristische Verfahren einmischen wollte. Sollte der Ex-Kammerdiener das Urteil nicht anfechten, wovon nach einer ersten Reaktion seiner Anwältin, die sich zufrieden mit dem Richterspruch zeigte, auszugehen ist, ist der Prozess am Ende – und damit der Weg frei für den Papst, mit der Veröffentlichung des Kommissionsberichts mehr Klarheit zu schaffen.

Kurzer Prozess

Das Enthüllungsbuch "Seine Heiligkeit" führte zur Enttarnung Gabrieles.

Schon nach vier Prozesstagen soll am Samstag das Urteil gegen den ehemaligen Kammerdiener des Papstes, Paolo Gabriele, gesprochen werden. Im Vatileaks-Prozess wurde heute mit der Aussage von vier Gendarmen der Vatikanpolizei die Zeugenbefragung abgeschlossen. Wie schon bei der Zeugenvernehmung gestern, unter anderem des päpstlichen Privatsekretärs Georg Gänswein, kamen auch heute wieder jede Menge Details ans Tageslicht. Doch bleiben noch immer viele Fragen offen – etwa zu den Motiven des Kammerdieners und mögliche Hintermänner. Auch gibt es noch eine ganze Reihe von Widersprüchen, die nicht geklärt sind.

So behauptet der langjährige Butler des Papstes, 2010 mit der Sammlung von Dokumenten begonnen zu haben. Papstsekretär Gänswein erklärte gestern, dass er bei der Durchsicht der Papiersammlung Gabrieles auch Dokumente aus dem Jahr 2006 gesehen habe. In jenem Jahr trat Gabriele seinen Dienst als Kammerdiener des Papstes an. Hat er also von Anfang an Dokumente gesammelt? Warum? Hatte er von Anfang an einen Auftrag? Bei seiner Aussage erklärte Gabriele, der Heilige Geist habe ihn zu seinen Taten inspiriert. Er habe „Bosheit und Korruption“ in der Kirche aufdecken und „die Kirche wieder auf den richtigen Pfad führen“ wollen. Er betonte erneut, dass er als Einzeltäter gehandelt habe. Allerdings hätten sich hohe Würdenträger mit ihren Sorgen an ihn gewendet. In einem anonymen TV-Interview hatte Gabriele Anfang des Jahres noch von 20 Gesinnungsgenossen gesprochen.

Vehement bestritten hat der Kammerdiener, er sei von Dritten zu seinen Taten angestiftet worden zu sein. Damit scheint die Theorie, dass es sich bei der ganzen Vatileaks-Affäre letztendlich um Eifersüchteleien, Neid und Missgunst unter den deutschsprachigen engen Vertrauten des Papstes handle, endgültig vom Tisch. Die langjährige Haushälterin des Papstes, Ingrid Stampa, erklärte denn auch heute gegenüber einer italienischen Tageszeitung zu den Spekulationen über eine angebliche „deutsche Verschwörung“: „Es ist ganz einfach lächerlich. Alles Fantasie und Verleumdung.“ Welt-Online hatte Anfang Juli Frau Stampa, den langjährigen Sekretär von Kardinal Ratzinger, Bischof Josef Clemens, und den ehemaligen Vize-Camerlengo Kardinal Paolo Sardi in Verbindung mit dem Vatileaks-Skandal gebracht.

Mit Spannung wird nun der Urteilsspruch am Samstag erwartet. Gabriele drohen bis zu vier Jahre Haft für schweren Diebstahl. Im Falle einer Verurteilung müsste er die Strafe in einem italienischen Gefängnis absitzen. Es sei denn, der Papst begnadigt ihn; wovon viele Prozessbeobachter ausgehen.

Keine großen Sprünge in der Ökumene

Eine kritische Bilanz des Aufrufs „Ökumene jetzt“ hat der deutsche Kurienkardinal Walter Kasper gezogen. Aber auch die eigenen Anstrengungen in Sachen Ökumene, die er knapp zehn Jahre an der Spitze des Päpstlichen Rats zur Förderung der Einheit der Christen unternommen hat, waren nicht nur von Erfolg gekrönt.

 Vor Journalisten in Frankfurt berichtete Kasper, der seit 2010 im Ruhestand ist, über den Stand der Ökumene. „Die Ökumene wird nicht aufhören, aber die enthusiastische Phase ist zu Ende“, meinte der Kardinal. Ohne Schuldzuweisung an eine Seite glaubt er, dass jetzt eine Phase der Ernüchterung eingetreten sei. Kasper nannte sie eine „Phase des Atemholens“, in der es wirkliche Fortschritte nur in kleinen Gesprächskreisen geben werde.

 „Ökumene-jetzt“ ist verpufft

Grundsätzlich müsse man für jede öffentliche Unterstützung dankbar sein, aber der Impuls von „Ökumene jetzt“ sei zu schwach und leider verpufft. Der Grund dafür sei, dass weder konkrete Schritte benannt würden noch die Frage „Was heißt eigentlich Einheit?“ gelöst wäre. Ohne deren Beantwortung könne es jedoch keinen Fortschritt in der Ökumene geben.

Kardinal Walter Kasper stellt Buch vor

Kardinal Walter Kasper und seine "Wege zur Einheit der Christen"

Walter Kasper hat in seinen gesammelten Werken, die im Herder Verlag erscheinen, einen neuen Band herausgegeben mit dem Titel „Wege zur Einheit der Christen“, der am 11. Oktober erscheinen wird. Er ist ein Mann, der viele Jahre seines Lebens den Gesprächen zwischen den christlichen Glaubensgemeinschaften gewidmet hat – ob Protestanten, Anglikaner oder Orthodoxe. Wenn man ihn fragt, wie es ihm damit geht, dass die Prozesse nach anfänglichen Erfolgen so ins Stocken geraten sind, sagt er: „Natürlich schmerzt das, aber man muss auch realistisch sein und tun, was möglich ist.“ Es ist motivierend zu hören, dass da einer den Mut nicht verloren hat.

Generationswechsel

Generationenwechsel bei den Bischöfen (dpa)

Eine Überraschung zum Wochenbeginn: Die Bischöfe Wanke (Erfurt) und Schraml (Passau) gehen in den Ruhestand. Das gab der Vatikan am Montag bekannt. Die Entscheidung kommt zwar nicht unerwartet; aber der aktuelle Zeitpunkt ist dann doch etwas überraschend.

Der Passauer Bischof Wilhelm Schraml hatte bereits vor zwei Jahren das Pensionsalter (75 Jahre) erreicht. Auf persönlichen Wunsch des Papstes blieb er länger im Amt, was für einen normalen Diözesanbischof ungewöhnlich ist. Aber in Schramls Bistum liegen für die Biografie Benedikts XVI. wichtige Orte – Altötting und Marktl. Bischof Joachim Wanke ist erst 71. Als Grund für seinen vorzeitigen Rücktritt nannte er „seine labile gesundheitliche Situation“. Mit Wanke verliert die Deutsche Bischofskonferenz einen pastoralen Vordenker in Zeiten gesellschaftlichen Wandels. 12 Jahre lang leitete er die Pastoralkommission der Bischofskonferenz und machte sich gerade auch mit Seelsorgeangeboten für Menschen, die der Kirche fernstehen, einen Namen.

Damit sind aktuell vier Bistümer in Deutschland ohne Diözesanbischof. Neben den bereits genannten noch Dresden-Meißen und Regensburg. Dazu kommt, dass die beiden Kardinäle Meisner (78) und Lehmann (76) ebenfalls bereits in der „Verlängerung“ sind. Allerdings ist es bei Kardinälen nicht unüblich, dass diese bis zum 80. Lebensjahr im Amt verbleiben. Gespannt blicken nun alle nach Rom, wen der Vatikan für die Nachfolge der vakanten Bistümer aussuchen wird. Denn auch wenn, wie im Falle Erfurts, am Ende das Domkapitel aus einer Dreierliste auswählen kann, entscheidend ist, wen Rom auf diese Liste setzt. In Regensburg und Passau ernennt der Papst quasi „frei“. Mit Sicherheit wird Benedikt XVI. in seinem Heimatland mehr Einfluss auf die Auswahl der Kandidaten nehmen als sonst in der Weltkirche; auch wird es an Einflüsterern nicht mangeln.

Benedikt XVI. drückt der Kirche in Deutschland seinen Stempel auf. Seit seiner Wahl im April 2005 hat Benedikt XVI. 11 neue Ortsbischöfe ernannt; nun kommen noch 4 weitere dazu. Insgesamt gibt es 27. Von den derzeit amtierenden 39 Weihbischöfen hat er 18 ernannt. Wohin führt der Weg der Kirche im Heimatland des Papstes? Gemeinhin wurde bei den letzten Bischofsernennungen oft das Adjektiv „konservativ“ bemüht. Doch passt das Etikett nicht ganz. Denn die „Jungen“ sind oft schwer in Schubladen einzuordnen. Das zeigt sich etwa beim Berliner Erzbischof Rainer Maria Kardinal Woelki oder dem Essener Bischof Franz-Josef Overbeck. Theologisch durchaus konservativ überraschen sie in den letzten Monaten mit Aussagen etwa zur Frauenförderung in der Kirche im Falle Overbecks und einer Offenheit gegenüber gleichgeschlechtlichen Partnerschaften im Falle Woelkis. Alle – Junge wie Alte – scheinen auch den neuen Kurs beim Thema wiederverheiratete Geschiedene mitzutragen.

Gleich welche neuen Kandidaten der Papst für die freien Bischofssitze aussuchen wird, sie werden sich der Herausforderung stellen müssen, dass die Kirche in Deutschland droht weiter an gesellschaftlicher Relevanz zu verlieren. Allein ein Verharren auf traditionellen Dogmen würde sie in die Isolation führen.