Interreligiöser Dialog als Weg des Friedens

Mit einem eindringlichen Appell zum Dialog hat Papst Franziskus am Ende seiner 38. Auslandsreise die Religionen zu mehr Zusammenarbeit aufgefordert. „Es gibt zu viel Hass und Spaltung, zu viel Mangel an Dialog und Verständnis für den Anderen“, so der Pontifex. „Wir können nicht so weitermachen, gleichzeitig verbunden und getrennt, vernetzt und zerrrissen durch zu viel Ungleichheit.“ Zentrale Punkte für eine friedliche Zukunft der Menschheit sind für ihn: mehr Gerechtigkeit, mehr Macht für Frauen und mehr Bildung für junge Menschen. Der interreligiöse Dialog sei heute nicht mehr eine Möglichkeit, sondern er sei „ein dringender und unersetzlicher Dienst an der Menschheit“. In seiner Rede warb er einmal mehr für Religionsfreiheit und eine „gesunde Verbindung“ zwischen Politik und Religion, die beide Bereiche weder vermischt noch völlig trennt.

Es wirkt wie eine große Vollversammlung der Religionen – der Saal im Palast der Unabhängigkeit in Nur Sultan. (Quelle: VaticanMedia)

Keine Gewalt im Namen der Religion

Papst Franziskus will erreichen, dass Religion ihr negatives Image endlich ablegen kann. „Terrorismus mit pseudoreligiösem Charakter, Extremismus, Radikalismus und Nationalismus unter dem Deckmantel der Heiligkeit führen weiter zu Ängsten und Bedenken gegenüber der Religion.“ Deshalb sei der Dialog wichtig und dass die Religionsführer im Abschlussdokument gemeinsam bekräftigten, „dass Extremismus, Radikalismus, Terrorismus und jede andere Aufstachelung zu Hass, Feindseligkeit, Gewalt und Krieg, unabhängig von ihrer Motivation oder ihrem Ziel, nichts mit einem authentischen religiösen Geist zu tun haben und auf das Schärfste abgelehnt werden müssen: verurteilt ohne ‚wenn‘ und ‚aber‘.“

An einer Stelle geht Franziskus über die Erklärung hinaus, wenn er über das Verhältnis von Staat und Religion, von Politik und Transzendenz, wie er es nennt, spricht. Hier fordert er einerseits eine klare Trennung von politischer und himmlischer Sphäre. Denn wenn Transzendenz sich in Macht verwandle, „würde der Himmel auf die Erde stürzen“. Zugleich dürfe es aber auch nicht zur Trennung kommen, darunter versteht er das Abdrängen des Religiösen ins Private. Er beklagt, dass viele Menschen heute noch wegen ihres Glaubens verfolgt oder diskriminiert werden. Religionsfreiheit dürfe kein abstraktes Konzept bleiben, sondern müsse ein konkretes Recht sein. Schließlich versucht Franziskus eine gemeinsame Basis für alle Religionen vorzulegen, von der aus der ein Dialog gelingen könne. Transzendenz und Geschwisterlichkeit seien die beiden Eckpfeiler. Letztere leitet er davon ab, dass alle Menschen Geschöpfe seien.

Frauenrechte stärken

Aus der Erklärung greift Franziskus drei Punkte heraus, die er noch einmal eigens unterstreicht: der Frieden, die Frauen, die Jugend. „Jeglicher militärische Konflikt oder jeglicher Herd der Spannung und der Konfrontation kann heute nur einen schädlichen ‚Dominoeffekt‘ haben und gefährdet das System der internationalen Beziehungen ernsthaft“. Frieden sei aber nicht, dass kein Krieg sei, sondern Frieden sei ein Werk der Gerechtigkeit. Er macht sich die Forderung der gemeinsamen Erklärung an die Politiker zu eigen, dass sich die Politiker für Frieden einsetzen sollten, nicht für Rüstung. Dann greift er sich die Passage zu den Frauen aus der Erklärung heraus. Die Frau sei Weg zum Frieden, so Franziskus. Deshalb betone die Erklärung die Notwendigkeit, „ihre Würde zu schützen und ihren sozialen Status zu verbessern, da sie ein gleichberechtigtes Mitglied der Familie und der Gesellschaft ist.“ Frauen müssten mehr Aufgaben und größere Verantwortlichkeiten anvertraut werden, forderte Franziskus. „Lasst uns dafür sorgen, dass sie mehr respektiert, anerkannt und einbezogen werden.“

Schließlich greift Franziskus die Forderung nach mehr Bildung für junge Menschen aus der Erklärung auf. Diese stärke die gegenseitige Akzeptanz und das respektvolle Zusammenleben der Religionen und Kulturen. „Geben wir den jungen Menschen Bildungschancen an die Hand, nicht Waffen der Zerstörung!“ Zuvor hatte der Papst bereits gefordert, bei jeder Entscheidung stärker das Wohl der Menschen im Blick zu haben als strategische, militärische oder wirtschaftliche Ziele. „Um zu wirklich großartigen Entscheidungen zu gelangen, sollten wir auf die Kinder, auf die junge Menschen und auf ihre Zukunft, auf die älteren Menschen und ihre Weisheit, auf die ganz normalen Menschen und ihre wirklichen Bedürfnisse schauen.“

Die Ansprache des Papstes spiegelt in großen Teilen die Abschlusserklärung des Treffens wider. Diese wurde „von der großen Mehrheit“ der Delegierten des Kongresses angenommen. Offen bleibt, wer nicht zugestimmt hat. Das ist eine große Schwäche des Dokuments. Es wäre wichtig gewesen, wenn am Ende alle die Erklärung unterzeichnet hätten, um damit eine stärkere Verbindlichkeit zu erreichen. Nach der Verlesung gab es einen kurzen freundlichen Applaus, auch vom Vertreter des russisch-orthodoxen Patriarchats und dem Großscheich der Al-Azhar Al-Tayyeb.

Papst zu synodaler Kirche

Am Morgen hatte Franziskus Vertreter des Klerus, Ordensleute und der pastoralen Mitarbeiter aus Kasachstan getroffen. Dabei mahnte er, dass es nicht darum gehe, „nostalgisch zurückzublicken, an den Dingen der Vergangenheit festzuhalten und uns in Unbeweglichkeit lähmen zu lassen. Das ist die Versuchung der Rückwärtsgewandheit“. Der Glaube werde nicht durch einen einmal festgelegten Kodex weitergegeben, sondern durch das Leben, „nicht durch das Wiederholen der immergleichen Dinge, sondern durch die Weitergabe der Neuheit des Evangeliums“. Er gefordert, dass den Laien mehr Raum gegeben werden müsse. „Eine synodale Kirche ist eine Kirche der Teilhabe und der Mitverantwortung.“

Was bleibt von der 38. Auslandsreise? Ein Papst, der trotz körperlicher Gebrechen versucht, seine Träume unters Volk zu bringen. Die Idee der Geschwisterlichkeit aller Menschen ist eine davon. Davon ausgehend sieht er die Religionen in der Pflicht, sich für Gerechtigkeit und Frieden einzusetzen. Deshalb ist er zu diesem Treffen gereist. Er ist überzeugt, dass die Religionen eine aktivere Rolle in den Konflikten der Gegenwart übernehmen sollten als Brücken zwischen den Parteien. Zudem kämpft er, wie sein Vorgänger, für Religionsfreiheit. Diese Botschaft geht nicht nur an die Politik, sondern auch an die anderen Religionsführer. Die Reise nach Kasachstan ist damit ein praktisches Beispiel für die Botschaft der letzten Enzyklika Fratelli tutti.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

Ein Kommentar

  • Wanda
    19.09.2022, 3:36 Uhr.

    …da die Frau ein gleichberechtigtes Mitglied in der Familie und der Gesellschaft ist… (Originalton Franziskus), fragt man sich schon, wieso es damit in seiner Kirche nicht funktioniert. Warme Worte und nichts dahinter: mahnend auftreten, den eigenen Bereich jedoch ausnehmen. Grosse Forderungen zur Verwirklichung von Demokratie und den Menschenrechten (wie im Beitrag vom 13.09.), die es aber in seiner Kirche mit ihrer Hierarchie überhaupt nicht gibt. Ein Possenspiel…

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