Kirche im freien Fall?

Die Kirchenaustrittszahlen drohen erneut zu steigen. In Köln musste das Amtsgericht zusätzliche Online-Termine anbieten, um den Ansturm bewältigen zu können. Der Streit um die Nicht-Veröffentlichung eines Missbrauchsgutachtens und das Vorgehen von Kardinal Rainer Maria Woelki und seinen Vertrauten bei der Aufarbeitung des Missbrauchsskandals hat das Image der katholischen Kirche in Deutschland weiter nachhaltig beschädigt. Dazu kommen scheinbar endlose Debatten um den Synodalen Weg, jenen Reformprozess mit dem die Kirche Vertrauen zurückgewinnen wollte, das Gemeinsame Abendmahl und die Frage, ob die Kirchen in der Pandemie versagt haben. Das ist der Rahmen für die Frühjahrsvollversammlung der Deutschen Bischofskonferenz, die ab heute stattfindet. Bis Donnerstag tagen die 68 Bischöfe digital.

Die neue Generalsekretärin der Bischofskonferenz – zum Artikel bei ZDFheute geht es hier.

In Köln gibt es einen Run auf die Termine beim Amtsgericht. (Quelle: dpa)

Zum x-ten Mal die „letzte Chance“

Von einer „letzten Chance“, die die Bischöfe nicht verspielen sollten, sprechen einmal mehr engagierte Laien in einem gemeinsamen Appell zum Auftakt der Versammlung. Die Reformbewegung engagierter katholischer Frauen Maria 2.0 manifestierte ihre Forderungen am Wochenende mit einem symbolischen Thesenanschlag an Kirchenportale im ganzen Land. Darin ging es unter anderem um gleiche Würde und gleiche Rechte für alle Menschen beim Zugang zu Ämtern in der Kirche, um einen respektvollen Umgang und Transparenz, um eine Reform der Sexualmoral, eine Aufhebung der Zölibatspflicht und ein nachhaltiges Wirtschaft. So hoffen sie, dass die Kirche wieder Glaubwürdigkeit gewinnen kann, um Gesellschaft mitzugestalten.

Die Bischöfe selbst sind sich uneins, wie mit den Reformforderungen umgegangen werden soll. Ein großer Teil zeigt Verständnis für die Anliegen und sieht selbst Handlungs- und Veränderungsbedarf. Dazu zählen etwa der Vorsitzende der Bischofskonferenz, Georg Bätzing, aber auch sein Vorgänger, der Münchner Kardinal Reinhard Marx, oder etwa die Bischöfe von Osnabrück, Franz-Josef Bode, Essen, Franz-Josef Overbeck, oder Mainz, Peter Kohlgraf. Nur an wenigen Stellen machen sie sich die Reformforderungen nicht zu eigen, etwa beim Thema Frauenpriestertum.

Rom wird instrumentalisiert

Eher die Minderheit ist gegen Reformen. Dazu gehören der Kölner Kardinal Woelki und der Regensburger Bischof Rudolf Voderholzer. Sie spielen gerne über die Bande „Vatikan“ und versuchen so die Gräben zwischen der römischen Zentrale und der Kirche Deutschland zu vertiefen. Der Theologe Hans Urs von Balthasar prägte in den 1970er Jahren den Begriff des „antirömischen Affekts“ der Deutschen gegenüber dem Vatikan. Genauso gibt es umgekehrt einen „antideutschen Affekt“ an der Römischen Kurie. Dieses Grundmisstrauen, das in vielen Amtsstuben des Vatikans gegenüber dem, was sich in der Kirche in Deutschland tut, vorherrscht, machen sich aktuell die Gegner von Veränderungen zu nutzen.

Die Beratungen der katholischen Bischöfe in den nächsten drei Tagen werden nicht einfach. Der Druck ist groß, die Erwartungen immens. Dazu sprechen die Zahlen eine deutliche Sprache. 2019 prognostizierte der Freiburger Finanzwissenschaftler Bernd Raffelhüschen den Kirchen, dass bis 2060 sowohl die Mitgliederzahlen als auch das Kirchensteueraufkommen auf etwa die Hälfte zurückgehen werden. Das war noch vor der Pandemie, die sich ebenfalls auf die kirchlichen Finanzen auswirken wird. Schon heute müssen sich die Kirchen aus wichtigen Bereichen zurückziehen oder kürzer treten, weil die finanziellen Mittel fehlen: Trägerschaften von Schulen werden abgegeben oder die Einrichtungen ganz geschlossen, gleiches gilt für Krankenhäuser und andere Sozialeinrichtungen.

Nur mutige Entscheidungen helfen

Wenn die Bischöfe einen freien Fall der Kirche in die Bedeutungslosigkeit verhindern wollen, müssen sie konsequent handeln. Viel Gutes passiert bei der Aufarbeitung von Missbrauch und Prävention, doch Vorgänge wie in Köln überdecken alles und zerstören weiter Vertrauen und Glaubwürdigkeit. Mit Blick auf die Frauen werden Mentoringprogramme und Frauenförderpläne nicht ausreichen, es braucht theologische Veränderungen und eine Gleichberechtigung beim Weiheamt. Machtverteilung, Partzipiation usw. die Themen liegen auf dem Tisch. Es braucht beherzte und mutige Entscheidungen.

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Jürgen Erbacher

Seit Juli 2018 leite ich die ZDF-Redaktion "Kirche und Leben katholisch", für die ich seit 2005 über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche berichte. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

5 Kommentare

  • Novalis
    23.02.2021, 12:49 Uhr.

    Mei, vielleicht würde dem Reformwillen von Bischof Voderholzer aufhelfen, wenn man sich die Missbrauchsfälle jenseits der Domspatzen anschauen würde. Da wären auch die Medien und die Presse gefragt – alles hat sich ja auf die medienwirksamen Domspatzen konzentriert. Es gibt aber noch eine Fülle von durch Priester missbrauchten Frauen, Männern und Kindern in der Diözese Regensburg, von denen niemand redet. Die Mittelbayerische hat ja reumütig schon eingeräumt, dass man jahrelang die Domspatzen als Aushängschild Regensburgs nicht beflecken wollte. Den Schaden hatten die Opfer. Auch die Staatsanwaltschaften waren viel zu nachsichtig – hat man da eigentlich schon konservative katholische Seilschaften untersucht? Mir ist nichts bekannt!
    Der Zölibat ist jedenfalls ein geladenes und entsichertes Maschinengewehr. Das muss niemanden umbringen. Aber die Gefahr steht allen vor Augen. Verantwortlich den Zölibat leben kann nur eine verschwindende Minderheit der Priester. Ich rechne nicht mit mehr als 5% – die meisten brechen den Zölibat, weil sie ihn nicht halten können, sei es durch Masturbation (das sollten die Erzkonservativen einmal vor der Kommunion bedenken, was da an den Fingern des Pfarrer so alles geklebt hat, ehe eben diesselben Finger den Leib Christ austeilen), sei es, weil sie eine*n Freund*in haben, oder eben auch – siehe Maschinengewehr -, indem sie sich an Schutzbefohlenen vergreifen. Gebt den Zölibat frei – und nicht alles wird besser, nein. Aber vieles ehrlicher und weniger verlogen.

  • ZufälligerGastleser
    23.02.2021, 13:56 Uhr.

    „Vorgänge wie in Köln“ – dazu bemerkte gestern, in der Ausgabe vom 22. Februar, im FAZ-Feuilleton Christian Geyer über die Fixierung der Öffentlichkeit auf Woelki: „Inzwischen vergeht kein Tag an dem ihm nicht jemand eine Abreibung verpasst. Vor dem Kölner Kardinal Woelki …. schickt es sich im Vorbeigehen etwas fallen zu lassen, und sei es nur den Hinweis auf die „Lage in Köln“ (so Bischof Bätzing „als Nachbar“ den Amtsbruder mahnend, nicht aber amtierende Amtsbrüder in Essen und Osnabrück, denen nachgewiesen wurde, dass sie bei Missbrauchsfällen Verantwortung trugen). Warum gibt es keine „Lage in Berlin“, wo der dortige Erzbischof vor drei Wochen sein Gutachten zur Aufarbeitung sexuellen Missbrauchs veröffentlichte …. bei der freilich mehr als vierhundert Seiten personenbezogener Schilderungen unveröffentlicht blieben? usw.“. In diesem Sinne also, Welcome to the club! – Warum nehmen die öffentlich-rechtlichen Medien seit langem, es sei erlaubt am Beispiel fragend darauf hinzuweisen, links oben steht auch hier das ZDF-Logo, durchgehend und nahezu ausschließlich, weniger oder (eher) mehr Partei für die sich als „progressiv“ verstehende Kräfte in der Katholischen Kirche, insbesondere für deren weitestgehende Forderungen nach Frauenpriestertum, Zölibatsaufgabe und Reform der Sexualmoral? Wo bleibt die auch in catholicis zu erwartende und – nicht zuletzt von ebenfalls GEZ-zahlenden Andersdenkenden -einzufordernde binnenplurale Meinungsvielfalt der gebührenfinanzierten Medienmacher, woher nehmen die öffentlich-restlichen Anstalten das kulturkämpferische Mandat zu dieser nahezu durchweg und forciert einseitigen Parteinahme? Wieder ist auch hier pauschalierend anklägerisch von den „Gegnern von Veränderungen“ die Rede, die „instrumentalisieren“, „gerne über Bande spielen“ und ein in gewissen „Amtsstuben des Vatikan“ herrschendes „Grundmisstrauen“ „benutzen“. Wohingegen die Reformkräfte wie immer „engagiert“ sind – eine Vokabel, die ich selten bis nie von Altritualisten oder Lebensschützern wie den Teilnehmern des „Marsches für das Leben“ lese. Nicht nur Argumente, auch Sprache tragen zu einem Meinungsklima bei. Sehr geehrter Herr Erbacher, selbstverständlich stelle ich nicht Blog und Äußerung Ihrer Meinung in Frage, aber diese fügen sich beispielhaft in eine extreme Schlagseite besagter Medien gegen den überlieferten Katholizismus ein. Dieser antirömische, ein historisch gebildetes und abwägendes Verständnis für abendländische Kulturerscheinungen verweigernde Meinungskonformismus, der mit weiter zurückreichenden Unterströmungen in Deutschland nicht ungefährlich zumindest spielt, ist m.E. ein heute in seinen Ausmaßen noch nicht wahrgenommenes Ärgernis, das eine spätere, gerechter abwägende Medienkritik und Kirchengeschichte hoffentlich einmal aufarbeiten wird. „Kirche in freiem Fall“ – sie wurde und wird gestoßen, von innen und von außen, von wem, warum und wozu; darüber ließe sich spekulieren. Daran, daß Biopolitik und Geld eine Rolle spielen, habe ich keinen Zweifel.

    • Novalis
      23.02.2021, 21:40 Uhr.

      Das ist ja eine echt saukomische Trollerei. Glückwunsch, es ist echt gelungen den ganzen rechts-reaktionären Irrsinn in wenigen Zeilen so darzustellen, dass aber wirklich der letzte merkt, dass es mit Piusbrüdern, Ratzinger und Co. eben nicht ganz just ist. Ganz herzlichen Dank!

      • Jürgen Erbacher
        Jürgen Erbacher
        24.02.2021, 8:12 Uhr.

        Jede und jeder hat hier die Möglichkeit, sich zum Artikel zu positionieren. Dazu gehören auch Kritik und die Darstellung einer anderen Sichtweise.

  • Silberdistel
    23.02.2021, 19:57 Uhr.

    So langsam muß man sich Sorgen machen, daß das Christentum insgesamt – zumindest hierzulande, wennauch international zunehmend wiedermal verfolgt – Schaden nimmt. Hat sich die rk-Kirche mit ihren Päpsten doch über Jahrhunderte als deren einzige legitime Vertretung produziert. Und spätestens jetzt in gebetsmühlenhaft wiederholten Skandalen feststellen muß, das man an den eigenen erhobenen moralischen Ansprüchen, gescheitert ist.
    Zu hoffen ist, das die Öffentlichkeit realisiert, daß das Christentum nicht das ist was Glaubensgemeinschaften über Jahrhunderte daraus gemacht haben, nicht zuletzt zum Eigennutz. Sondern heute unser aller Fundament des s.g. „christlichen Abendlandes“ darstellt.

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