Der Papst in Lateinamerika – Tag 4

Mit dem Papst in der Wüste. Das gibt es selten. Mit dem Papst eine fliegende kirchliche Trauung zu erleben, das gab es bisher nur einmal, heute auf dem Weg von Santiago de Chile nach Iquique im Norden des Landes. Am vierten Tag seiner Lateinamerikareise ging Papst Franziskus einmal mehr an die Ränder. Iquique liegt am Rande der Atacama, der trockensten Wüste der Welt. In den Mittelpunkt seiner Predigt stellte Franziskus zwei Themen: Migration und Freude. Viel Freude gab es zuvor auf dem zweistündigen Flug. Der Papst traute spontan zwei Flugbegleiter, die bereits seit acht Jahren zivil verheiratet sind. Am Rande des Gottesdienstes in Iquique äußerte sich der Papst zum umstrittenen Bischof von Orsono, Juan Barros Madrid. Wenn man ihm einen Beleg für die Anschuldigungen vorlege, werde er sich dazu äußern. Es gebe aber keinen einzigen Beweis. „Das ist alles Verleumdung.“ Klare Worte, die in Chile sicherlich auf Kritik stoßen werden. Am Abend traf Franziskus in Lima ein und wurde von den Menschen in Perus Hauptstadt begeistert empfangen.

Die Messe fand direkt am Übergang der Wüste zum Meer statt. Hinter dem Altar sind es nur wenige hundert Meter bis zum Pazifik. (Quelle: Erbacher)

Papst spricht in Wüste von Freude

Ein Lob auf die Volksfrömmigkeit und die Mahnung, sich gegen Ungerechtigkeit, Ausbeutung, prekäre Arbeitsverhältnisse und für Migranten zu engagieren, gab es zum Abschluss des Besuchs von Papst Franziskus. Den Gottesdienst in der Wüste nutzte er, um über die Freude des Evangeliums zu sprechen. Es wirkte schon etwas surreal, dass Franziskus gerade in der Wüste, die für viele für Tod, Verderben und vielleicht auch für das Gebiet des Versuchers steht, über die Freude des Evangeliums sprach, über die Feste und religiöse Tänze der Gläubigen im Norden Chiles. Das war etwas gegen den Strich gebürstet, aber vielleicht doch eine klare Botschaft. Der christliche Glaube bringt in die Wüste, oder besser die Wüsten der Gegenwart, Freude und Leben. Das wäre durchaus franziskanisches Denken.

Dem Papst ging es heute konkret um die Volksfrömmigkeit, weil sie zu einer inneren Haltung führe, „die man sonst kaum in diesem Maß findet: Geduld, das Wissen um die Notwendigkeit, das Kreuz im täglichen Leben zu tragen, Entsagung, Wohlwollen für andere, Respekt“. Das sind die Attribute, die Franziskus „seiner“ Kirche zuschreibt und er findet sie in der von ihm so sehr geschätzten Volksfrömmigkeit. Zum Gottesdienst heute waren dann auch viele Gläubige in traditionellen Gewändern gekommen. In der Liturgie waren immer wieder Elemente der lokalen Volksfrömmigkeit enthalten, ein Stück Inkulturation. Iquique bedeutet in der lokalen Sprache Aymara „Land der Träume“, und so kam Franziskus noch auf die zu sprechen, die von einer besseren Zukunft träumen: die Migranten. Die Region ist ein Einwanderungsgebiet. Christen sollten „keine Angst davor haben, mitanzupacken“, damit Solidarität und Gerechtigkeit allen zugute kämen.

Zum Abschluss des Gottesdienstes richtete Franziskus dann noch einen besonderen Gruß an seine Landsleute. Er bedankte sich, dass viele Argentinier, die seine Heimat seien, zu den drei Gottesdiensten gekommen sind. In den vergangenen Tagen wurde in Argentinien noch einmal heftig darüber diskutiert, warum Franziskus auch nach fünf Jahren im Amt sein Heimatland noch immer nicht besucht hat und auch kein Besuch in Aussicht steht. Unter den einfachen Gläubigen wächst das Unverständnis über die Haltung des Pontifex. Der flog am späten Nachmittag weiter nach Peru, dem zweiten Land, das er während der einwöchigen Lateinamerikareise besucht. Bei der Ankunft in Lima gab es nur eine kurze Begrüßung. Offiziell beginnt das Programm am Freitagmorgen mit einem Abstecher ins Amazonasgebiet. Franziskus wurde in Lima von Hundertausenden begeistert empfangen. Sie säumten die rund 13 Kilometer lange Strecke des Papamobils vom Flughafen zur Apostolischen Nuntiatur.

Die fliegende Trauung und die Reiterin

Und wie kam es zu der Spontantrauung? Die Flugbegleiter Paula Podest (39) und Carlos Ciuffardi (41) sind seit acht Jahren zivil verheiratet, haben zwei Kinder. 2010 wollten sie auch kirchlich heiraten. Doch die Kirche in Santiago de Chile wurde bei einem Erdbeben zerstört. Als der Papst wissen wollte, ob die beiden auch kirchlich verheiratet seien, verneinten sie das. Daraufhin fragte Franziskus: „Wollt Ihr heiraten? Dann machen wir das jetzt.“ Die notwendigen Nachweise für die zivile Trauung waren vorhanden. Ein Kardinal stellte handschriftlich die Urkunde aus und der päpstliche Reisemarschall sowie der Präsident der Fluglinie Latam fungierten als Trauzeugen. Das Ganze war nach wenigen Minuten passiert. Mit einer Bemerkung zu den Eheringen machte Franziskus wohl eine kleine Anspielung auf die Ehe, sie sollten nicht zu eng sein, weil sie sonst schmerzten, aber auch nicht zu locker, weil sie sonst abfallen könnten. Als Carlos vor vielen Jahren als Flugbegleiter bei Latam begann, war Paula seine Chefin. Das hatten sie Franziskus erzählt. „Der Papst hat mich gefragt: Nur unter uns: Ist sie immer noch deine Chefin?“, berichtete Ciuffardi nach der Trauung. „Ich habe ihm geantwortet: Ja, sie ist immer noch meine Chefin.“ Nach Bekanntwerden der Spontantrauung brach unter den Journalisten eine Unruhe aus, als gebe es eine Breaking-News zu verkünden, die die Welt bewegt. Dabei war es einfach nur eine gute Nachricht und ein bewegtes Brautpaar.

Die Hochzeit sollte nicht der einzige „Schockmoment“ für die Journalisten heute bleiben. Als Franziskus am Mittag nach dem Gottesdienst in die Stadt fuhr, näherte sich das Papamobil einer Polizistin der Reiterstaffel. Unmittelbar vor dem Papamobil warf das Pferd die Polizistin ab. Franziskus ließ das Auto anhalten und eilte zu der am Boden liegenden Polizistin. Er blieb bei ihr, bis die Sanitäter eines Krankenwagens bei ihr waren. Nach Angaben des Vatikans war sie bei Bewusstsein und Franziskus sprach mit ihr. Der Papst setzte daraufhin seine Papamobilfahrt fort. Im Zentrum angekommen, traf er sich mit einem Vertreter des lokalen Verbands für Opfer der Militärdiktatur. Héctor Marín Rossel, dessen Bruder Jorge 1973 im Alter von 19 Jahren von Militärs verhaftet und ermordet worden war, übergab Franziskus einen Brief. Darin bittet er um die Unterstützung des Papstes. Dieser möge sich beim Militär und der chilenischen Regierung dafür einsetzen, dass die Verbrechen und das Schicksal von Tausenden Verschwundenen aufgeklärt werden.

Papst verteidigt umstrittenen Bischof

In bestimmten Punkten versteht Franziskus keinen Spaß. Das mussten einige lokale Journalisten lernen, als sie den Papst auf den Bischof von Orsono, Juan Barros Madrid, ansprachen. Der wird beschuldigt, Missbrauchsfälle vertuscht zu haben. Sie sollen vor seiner Zeit als Bischof durch einen Priester passiert sein. Bisher gibt es keine Beweise, dass Barros von den Vorfällen etwas wusste. Darauf weist Franziskus hin und schließt dann mit den Worten: „Alles ist Verleumdung. Ist das klar?“ Ähnlich hatte Franziskus schon einmal gegenüber Gläubigen aus Chile reagiert, die ihn in Rom nach einer Generalaudienz auf das Thema angesprochen hatten. Es hat in der Vergangenheit immer wieder vergleichbare Situationen gegeben, in denen Franziskus sich auf die Unschuldsvermutung bei Anschuldigungen berief etwa als es Vorwürfe des Vertuschens gegen den französischen Kardinal Barbarin gab oder auch bei Kardinal George Pell. Franziskus stellte ihn zwar frei von seinem Amt als Chef des Wirtschaftssekretariats, um sich in Australien den Vorwürfen und Gerichtsverfahren zu stellen, doch er hat ihn – bisher – nicht abgesetzt.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

4 Kommentare

  • Micaela Riepe
    19.01.2018, 12:47 Uhr.

    Franziskus nimmt im Fall Barros einfach nicht zur Kenntnis, dass dies stimmt: „Als Berichte über sexuellen Missbrauch und andere Skandale um Karadima immer wieder auftauchten, gehörte Bischof Barros zu den Priestern, welche die Vorwürfe öffentlich bestritten.“ Nun redet er sich damit heraus, er habe Nichts gewusst. Das ist einfach nur peinlich, auch und gerade für Franziskus.
    Es nervt ihn offensichtlich, das sich Opferwissen in diesem Fall nicht zurückhält und er spinnt seinerseits Verschwörungstheorien darüber, wie und warum sich wer in diesem Fall artikuliert. Sein Schambekenntnis ist angesichts dieses Verhaltens nur peinlich. Recht geschieht´s ihm, dass Viele mit ihrer Kritik nicht lockerlassen.
    Ansonsten wieder herzlichen Dank für die Berichterstattung!

    • bernardo
      21.01.2018, 0:26 Uhr.

      @ Micaela Riepe: Ich weiß zu wenig über den Fall, so dass ich mich mit einem Urteil zurückhalte. Sollte es aber so sein, dass der Papst mit zweierlei Maß misst, wäre der Schaden für die Kirche groß. Die Begeisterung für den Papstbesuch scheint im katholischen Chile aber nicht übermäßig zu sein. Mag sein, dass das an den Pädophiliefällen liegt; mag aber auch sein, dass es an der geistlichen Aushöhlung der Kirche liegt: Ein Priester aus Turin, der öffentlich bekennt, nicht an das Credo zu glauben und der statt dessen ein Filmlied singen lässt; ein Priester aus Genua, der herumpolitisiert und mit Politikern der Linken Bündnisse gegen den „rechts stehenden Feind“ schmiedet. Solche Priester gab es auch unter Paul VI., Johannes Paul I. – er verwahrte sich gegen den Satz „Ubi Lenin, ibi Hierusalem“ -, Johannes Paul II. und Benedikt XVI. Neu ist, dass diese Priester ihre guten Werke mit päpstlichem Augenzwinkern versehen. Eine Kirche aber, die der verlängerte Arm des Partito Democratico oder der Grünen ist, braucht aber niemand.

      Es wäre höchste Zeit, das Herumpolitisieren zu beenden und wieder spiritueller zu werden, aber mit diesem Papst wird das wohl nichts mehr.

  • Ya Lob
    20.01.2018, 20:24 Uhr.

    Zum Kommentar von Micaela Riepe stellt sich mir die Frage, ob Sie Frau Riepe einen BEWEIS haben, dass Juan Barros Madrid von dem Missbrauch durch den damaligen Priester Karadima wusste. Falls nicht, dann sollte mit solchen Anschuldigungen – ganz im Sinne von Papst Franziskus – sehr zurückhaltend argumentiert werden. Ich erinnere daran, dass es solche Vorwürfe mannigfaltig gibt, u. a. auch gegen Kardinal Müller und den Vorgängerpapst. Auch hier fehlen die Beweise. Und solange diese fehlen, sollte man sich – so ist die allgemeine Rechtsauffassung – mit Beschuldigungen zurückhalten. Dies genau macht Papst Franziskus. Das ist nicht verwerflich. Aber es ist ebenfalls zu akzeptieren, dass Journalisten die Aussagen von Barros bezweifeln und dies dem Papst gegenüber zum Ausdruck bringen. Wenn dieser aber so antwortet, wie er es getan hat, dann sollte man dies nicht so darstellen, als würde der Papst TÄTER schützen.

    • Jürgen Erbacher
      Jürgen Erbacher
      20.01.2018, 20:51 Uhr.

      Mittlerweile hat sich der Leiter der Päpstlichen Kinderschutzkommission, Kardinal Sean Patrick O’Malley, zu Wort gemeldet. In einer Erklärung sagte er, es sei „verständlich, dass die Papstworte in Chile für großen Schmerz bei Überlebenden sexuellen Missbrauchs“ gesorgt hätten. Äußerungen, die die Botschaft vermitteln, „wenn du deine Vorwürfe nicht belegen kannst, glaubt man dir nicht“, ließen jene allein, die derartige Gewalt erlitten haben, und stellten Opfer ins Abseits, so O’Malley, der auch Mitglied des Kardinalsrats (K9) ist. Trotz der konkreten Kritik an den Worten des Papstes in Iquique verteidigte O’Malley in seiner Erklärung die Arbeit des Papstes im Kontext der Aufarbeitung von Missbrauch. Der Kardinal erklärte, dass er die Zusammenhänge in Chile nicht genau kenne, er wisse aber, dass Papst Franziskus das gravierende Versagen der Kirche und ihrer Geistlichen ebenso vorbehaltlos anerkenne wie die zerstörerischen Folgen der Verbrechen für die Opfer und ihre Familien.

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