Der Papst in Lateinamerika – Tag 2

„Das Volk Gottes erwartet und braucht keine Superhelden, es hofft auf Hirten und Gottgeweihte, die Mitleid haben, die zu helfen wissen, die sich Zeit nehmen für diejenigen, die gefallen sind.“ Das ist die Botschaft von Papst Franziskus an den Klerus und die Ordensleute in Chile. Seine Rede in der Kathedrale von Santiago de Chile am Nachmittag war programmatisch und grundsätzlich und gilt wohl über Chile hinaus. Er zeichnete ein Bild des Seelsorgers, der die Realität wahrnimmt und sich nicht wehmütig in einem Bild längst vergangener, vermeintlich besserer Zeit einschließt. Scharf wies er anschließend gegenüber den Bischöfen ein Elitedenken von Seiten der Kirche zurück. Gleich zweimal sprach er am ersten Tag in Chile den Missbrauchsskandal an. Zum Auftakt seines Besuchs schloss er sich beim Treffen mit Vertretern aus Politik, Gesellschaft und Diplomatischem Corps der Entschuldigungsbitte der chilenischen Bischöfe an. Er komme „nicht umhin, den Schmerz und die Scham zum Ausdruck zu bringen, die ich angesichts des nicht wieder gutzumachenden Schadens empfinde, der Kindern von Geistlichen der Kirche zugefügt worden ist“. Es sei recht, „um Verzeihung zu bitten und mit allen Kräften die Opfer zu unterstützen“. Den politischen Termin nutzte er auch, um sich für die „autochthonen Völker“ stark zu machen. „Ihre Rechte müssen beachtet und ihre Kultur geschützt werden, damit nicht ein Teil der Identität und des Reichtums dieser Nation verloren geht“, mahnte der Pontifex. Nach innen fand Franziskus einmal mehr eine deutliche Sprache. Seine Worte zum Thema Missbrauch und Indigene dürften vielen sicherlich nicht weit genug gegangen sein. Immerhin traf er sich am Dienstagnachmittag Ortszeit mit einer kleinen Gruppe von Missbrauchsopfern durch Kleriker. Der Vatikan teilte am Abend nur mit, dass das Treffen in der Nuntiatur etwas über eine halbe Stunde gedauert habe. Außer dem Papst und den Opfern sei niemand anwesend gewesen.

Die „Vielfalt der kulturellen Polyphonie“ gilt es zu wahren, mahnte Papst Franziskus vor Vertretern aus Politik und Gesellschaft. (Quelle: Erbacher)

Die Kirche muss sich ändern

Schon der erste Blick auf die Reden des heutigen Tages macht deutlich, wo die Prioritäten des Papstes liegen. Drei Seiten eng bedruckt ist die Rede an den Klerus und die Ordensleute lang, bei den Bischöfen sind es mit großen Lettern gerade einmal eineinhalb Seiten. Nicht, dass darin nicht auch Kritik und klare Botschaften steckten. Aber die Männer und Frauen an der Front, die will Franziskus auf Kurs bringen, auf seinen Kurs. Dazu bedient er sich eines klugen Schachzugs. Er spiegelt das Positive und Negative kirchlichen Handelns an der Person des Apostels Petrus und nimmt damit letztendlich sich selbst und das Amt des obersten Hirten mit hinein in seine Betrachtungen. Auf den ersten Blick wird die Kritik an den bestehenden Verhältnissen etwas abgemildert; andererseits bleibt Franziskus seiner klaren Sprache treu. In der Rede kommt der langjährige Exerzitienmeister Bergoglio zum Vorschein. Sie erinnert an eine Hinführung zur Selbstvergewisserung der geistlichen Berufe.

Die Welt ändert sich, und wir dürfen darüber nicht klagen und denken, die Welt um uns herum passt sich an uns an, sondern wir müssen uns darauf einstellen. So könnte man einen der zentralen Gedanken zusammenfassen.  „Manchmal träumen wir von den ‚Fleischtöpfen Ägyptens‘ und vergessen, dass das gelobte Land vor uns liegt“, erklärt Franziskus. Man könne sich nun einschließen und isolieren und versuchen, die eigenen Ansichten zu verteidigen. Doch diese seien dann am Ende nur noch „nette Monologe“ und „anstatt eine ‚Gute Nachricht‘ zu bezeugen, ist das Einzige, das wir bezeugen, Teilnahmslosigkeit und Enttäuschungen“. Man dürfe nicht vergessen, „dass das Evangelium ein Weg der Umkehr ist, nicht nur für ‚die anderen‘, sondern auch für uns selbst“, rief er den Klerikern und Ordensleuten zu.

Zum Missbrauchsskandal

Als er auf den Missbrauchsskandal zu sprechen kommt, macht er deutlich, dass er genau verfolge, „was ihr tut, um dieses schwere und schmerzhafte Übel zu überwinden“. Er nehme dabei auch wahr, dass viele zu Unrecht verdächtigt würden, „dass ihr manchmal in der U-Bahn oder auf offener Straße beschimpft worden seid“. Doch der einzige Weg, so Franziskus, ist, „die Realität beim Namen zu nennen, um die Kraft der Vergebung zu bitten“. Der Papst signalisiert Verständnis und Nähe für die, die zu Unrecht leiden, macht aber zugleich deutlich, dass der einzige Weg die Wahrheit ist. Steckt darin auch eine leise Kritik, die Aufarbeitung noch offensiver anzugehen? Der Missbrauchsskandal hat das Vertrauen der Chilenen in die katholische Kirche stark erschüttert. Franziskus erwähnte die verbalen Attacken. Dabei bleibt es nicht immer. Heute kamen wir an einer Kirche in der Innenstadt vorbei. Über dem Hauptportal hing ein großes Willkommensplakat für Papst Franziskus, auf die Mauern rechts und links davon waren mit schwarzer Farbe die Worte „Pädophilie“ und „Komplizen“ gesprüht. Das Franziskus nun doch Opfer getroffen hat, ist ein wichtiges Signal. Die Diskussionen um den Bischof von Orsono, Juan Barros Madrid, wird das Thema weiter präsent halten. Barros nahm heute an der Messe sowie am Nachmittag bei den Treffen mit dem Klerus und den Bischöfen teil. Er sei vom Papst ernannt und ordentliches Mitglied der Bischofskonferenz, so die lokalen Organisatoren der Reise. Dem Bischof konnte bisher nicht nachgewiesen werden, dass er Missbrauchsfälle, von denen er vor seiner Zeit als Bischof erfahren haben soll, vertuscht hat. Dem Vatikan wäre es wohl ganz recht, wenn Barros zurücktreten würde. Doch der sieht keinen Grund dafür und der Papst hat offenbar keine Handhabe, ihn abzusetzen. So schwelt dieser Fall so vor sich hin.

Gegen Elitedenken

Petrus habe Barmherzigkeit erfahren und so gehe es jedem Menschen. Und hier kommt ein Gedanke, den Franziskus sicher in seinem Leben bereits vielfach durchdacht hat, weil er an seinen Wahlspruch erinnert, „durch Barmherzigkeit erwählt“. Das einzige, was Petrus und in seiner Nachfolge die Kleriker und Ordensleute im Dienst des Apostelseins stärke sei, „dass wir ‚Erbarmen gefunden‘ haben“. „Wir sind nicht hier, weil wir besser sind als andere, wir sind keine Superhelden, die sich von der Höhe herabbeugen, um den ‚einfachen Sterblichen‘ zu begegnen. Sondern wir sind als Männer und Frauen gesandt, die sich bewusst sind, dass ihnen vergeben worden ist.“ Vorwürfe und Verurteilungen gegenüber Anderen sind Menschen, die diese Haltung verinnerlicht haben, laut Franziskus fremd.

So wie die Seelsorger verwundet sind, sei auch die Kirche verwundet, und das dürfe sie nicht verstecken. „Eine Kirche mit Wunden stellt sich nicht in den Mittelpunkt, glaubt nicht, perfekt zu sein; sie stellt den in den Mittelpunkt, der allein ihre Wunden heilen kann und der da heißt: Jesus Christus“, lautet das Fazit des Papstes. Das kommt schon beinahe einem Paradigmenwechsel gleich, zumindest für diejenigen, die in der Kirche gerne eine „societas perfecta“ sehen, die keine Fehler machen kann und die gleichsam die Versammlung der 100-Prozentigen ist. Die Kirche des Franziskus ist ein Feldlazarett. Das Bild verwendete er heute zwar nicht, doch es schwingt mit. Franziskus ist überzeugt, dass (vielleicht muss man sagen, nur) die verwundete Kirche den Menschen mit ihren Lasten und Wunden des Alltags überzeugend nahe sein kann. Er erinnert daran, „man liebt weder die ideale Situation noch ideale Gemeinschaften, sondern Menschen“. Immer wieder fiel das Wort von einer „prophetischen Kirche“, die nach Franziskus eine evangeliumsgemäße Kirche ist.

Laien sind keine Papageien

Bei den Bischöfen anschließend fand er scharfe Worte. Er warnte davor zu vergessen, „dass wir Teil des heiligen gläubigen Gottesvolkes sind und dass die Kirche keine Elite von Gottgeweihten, Priestern und Bischöfen ist und nie sein wird“. Er sprach vom „fehlenden Bewusstsein, als Diener und nicht als Herren zum Volk Gottes zu gehören“. Das äußere sich „als Klerikalismus, der sich als Karikatur der Berufung, die wir erhalten haben, herausstellt“. Wie schon bei seinem letzten Besuch in Lateinamerika Anfang September 2017 in Kolumbien schärfte er den Bischöfen ein, dass die Laien beteiligt werden müssen. „Die Laien sind weder unsere Hilfsarbeiter noch unsere Angestellten. Sie dürfen nicht bloß als ‚Papageien‘ wiederholen, was wir sagen.“ Franziskus will eine „geschwisterliche Einheit“ zwischen Priestern und Laien. Das müsse so auch in der Priesterausbildung seinen Niederschlag finden. „Also nein zum Klerikalismus und nein zu Idealwelten, die nur in unserem Denken vorkommen, aber mit Niemands Welt zu tun haben“, schloss Franziskus seine kurze Standpauke, denn schließlich müsse alles kirchliche Handeln zu einem „Kanal werden, der mehr der Evangelisierung Chiles als einer kirchlichen Selbstbewahrung dient“.

Es geht um die Menschen. Das machte Franziskus am Morgen bei der Messe in der Hauptstadt Santiago de Chile deutlich. „Es waren nicht Ideen oder Konzepte, die Jesus bewegten, es sind die Gesichter, die Personen; es ist das Leben, das nach dem Leben ruft.“ Der Pontifex predigte gegen eine „lähmende Bewegungslosigkeit“ und warnte davor, „in einem betäubendem Konsumismus einzuschlafen“. Die Haltung der Christen sei eher die, anzupacken. Dabei könnten die Seligpreisungen helfen.

Ethnische und kulturelle Pluralität schützen

Beim Treffen mit den Politikern und Vertretern der Zivilgesellschaft mahnte Franziskus zum Beginn seines offiziellen Besuchsprogramms am Morgen, dass die Demokratie kein Selbstläufer sei. „Jede Generation muss sich die Kämpfe und Errungenschaften der früheren Generationen zu eigen machen und sie zu noch höheren Zielen führen“, erklärte der Papst. Über die formalen Aspekte hinaus müsse die Demokratie „wirklich ein Ort der Begegnung für alle“ sein. Dabei müsse auch die „ethnische, kulturelle und historische Pluralität“ im Land geschützt werden. Kurz sprach er die Öko- und Umweltprobleme an. Dabei rief er, seine Enzyklika „Laudato si“ zitierend, zum „Widerstand gegen den Vormarsch des technokratischen Paradigmas“ auf. Dieses privilegiere „das Eindringen mächtiger wirtschaftlicher Interessen in unsere natürlichen Ökosysteme und folglich in das Gemeinwohl unserer Völker“. Chile müsse „über eine rein konsumistische Lebensauffassung hinausgehen“. Das dürften die politisch Verantwortlichen nicht ganz so gerne gehört haben. Denn in Chile sind die Verbindungen zwischen Wirtschaft und Politik sehr eng. Immer wieder wechseln führende Persönlichkeiten von der einen auf die andere Seite und zurück. Obwohl das Land im kontinentalen Vergleich eine hohe Wirtschaftsleistung aufweist, leben Hundertausende Menschen in Armut. 57 Prozent des Grundes befanden sich 2013 in der Hand von nur 3 Prozent der Bevölkerung; 51 Prozent der Chilenen bewirtschaften nur ein kleines Stück Land. Ausländische Großkonzerne machen sich breit und beuten die Bodenschätze und Ressourcen aus – Folgen einer neoliberalen Wirtschaftspolitik.

Neben all den vielen Worten gab es heute auch noch zwei Termine, die ganz nach dem Geschmack des Papstes waren. Am Nachmittag besuchte er ein Frauengefängnis und am Abend eine Sozialeinrichtung für Obdachlose und Menschen, die Hilfe bedürfen. Den Frauen machte er Mut. „Jede Mühe, die man auf sich nimmt, um für ein besseres Morgen zu kämpfen, auch wenn es oftmals erfolglos erscheint, wird immer Frucht tragen und belohnt werden“, zeigte sich Franziskus überzeugt. Er kritisierte, dass sich die Haft „oft leider auf eine Bestrafung beschränkt, ohne angemessene Mittel anzubieten, um Prozesse in Gang zu setzen“. Wiederholt hatte Franziskus gefordert, dass es umfassende Programme der Wiedereingliederung geben müsse. Und: „Die öffentliche Sicherheit sollte nicht auf Maßnahmen größerer Kontrolle beschränkt werden, sondern sie sollte mit präventiven Vorkehrungen, mit Arbeit, Bildung und mehr Gemeinschaft gestärkt werden.“

Ohne Umkehr keine Zukunft

Es war ein reich gefüllter Tag, mit vielen Worten und beeindruckenden Bildern. Viel Neues gab es nicht vom Papst. Aber es ist interessant zu sehen, wie er seine Themen mit immer wieder neuen Ansätzen seinem Publikum zu vermitteln versucht. Die Rede heute an den Klerus dürfte zu den zentralen des Pontifikats gehören. Hier steckt das ganze Herzblut des Papstes drin, hier geht es an den Kern dessen, was er als Aufgabe für sein Pontifikat sieht in Bezug auf die Kirche. Die Bischofsrede ist dann quasi noch ein kleiner Appendix. Für Franziskus steht und fällt mit einer Reform der Kirche in dem vorgetragenen Sinn die Zukunft der Kirche in Lateinamerika. Er ist überzeugt, wenn sie diesen Turnaround nicht schafft, der für viele eine 180-Grad-Wende bedeutet, dann ist der katholische Kontinent vielleicht verloren. Ohne Umkehr wird es keine Zukunft geben – und dabei geht es eigentlich nicht um eine Reform der Strukturen, sondern der Haltung.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.