Der Papst in Lateinamerika – Tag 1

Viele Spekulationen und wenig Konkretes – so könnte man den ersten Tag der 22. Auslandsreise von Papst Franziskus nach Chile und Peru zusammenfassen. Bei der Ankunft am Abend in Santiago de Chile gab es am Flughafen zwar eine kleine Begrüßungszeremonie, aber keine Reden. Allerdings setzte Franziskus ein kleines, aussagekräftiges Zeichen. Seine erste Station in Chile war das Grab von Enrique Alvear, der im Volk als Armenbischof verehrt wird. Mit dem Besuch, der kurzfristig ins Programm aufgenommen worden war, setzte Franziskus einen interessanten Akzent zum Auftakt seines dreitägigen Aufenthalts in Chile. Ohne große Worte machte er deutlich, wo seine Präferenzen liegen und wie er sich die Kirche vorstellt. Auf dem Weg zur Nuntiatur säumten anschließend Zehntausende Menschen die Straßen, durch die der Papst mit dem Papamobil fuhr.

Präsidentin Michelle Bachelet begrüßte Papst Franziskus am Flughafen persönlich. (Quelle: Erbacher)

Erneut Forderung nach Abschaffung der Atomwaffen

Zuvor hatte er auf dem gut 15-stündigen Flug seine traditionelle Begegnung mit den 70 mitreisenden Journalisten. Seine offizielle Ansprache war wie gewohnt kurz. Er dankte für die Arbeit, erklärte dass er Chile aus seiner Studienzeit kenne und einige Freunde hier habe, Peru hingegen sei ihm weniger vertraut. In den Einzelgesprächen wurde er dann schon etwas konkreter, verteilte das ein oder andere Lob an Kolleginnen und Kollegen, deren Artikel er gelesen oder deren Berichte er gesehen hatte. Dabei zeigte sich Franziskus einmal mehr äußerst besorgt angesichts der vielen Kriege in der Welt und dem aktuellen atomaren Säbelrasseln. „Wir sind am Limit“, erklärte er gegenüber einer Kollegin. Er habe die Sorge, dass durch eine Kleinigkeit ein Atomkrieg ausgelöst werden könne. Daher müssten alle Atomwaffen abgeschafft werden.

Bei den meisten anderen Begegnungen ging es um weniger dramatische Dinge. Franziskus erzählte kleine Anekdoten aus seiner Zeit in Chile oder erkundigte sich nach dem Befinden der werten Kollegen. Anders als zum Auftakt vergangener Reisen wirkte er heute Morgen entspannt und nahm sich viel Zeit, wenn Kollegen mit ihm länger sprechen wollten. Wobei „länger“ in dieser Situation immer relativ ist. Von vielen Journalisten bekam der Papst kleine und größere Geschenke – darunter Bücher sowie Andachtsgegenstände und immer wieder segnete er Bilder von Familienangehörigen und Freunden der Kollegen.

Kurzer Gruß an Argentinien

Enttäuscht dürften die Argentinier sein. Bei Papstreisen ist es üblich, dass der Pontifex an die Präsidenten der Länder, durch deren Luftraum er fliegt, ein kurzes Grußtelegramm schickt. Dieses wird vom Piloten im Cockpit beim Eintritt in den Luftraum des jeweiligen Landes an das Kontrollzentrum geschickt. Vatikansprecher Greg Burke hatte beim Briefing für die Reise vergangene Woche die Hoffnung geweckt, dass im Falle Argentiniens etwas Überraschendes zu erwarten sei. Doch Pustekuchen. Das Telegramm an Präsident Mauricio Macri ist genauso dreieinhalb Zeilen lang wie das an die anderen Länder und damit kürzer als das an den italienischen Präsidenten. Zwar versichert Franziskus „allen Menschen in seinem Heimatland seine Nähe und Segen“, aber sonst gab es keine weiteren persönlichen Worte, auch keinen Trost oder gare eine Erklärung, weil er jetzt sogar über sie hinwegfliegt und immer noch keine Zeit gefunden hat, seine Heimat zu besuchen. Vielleicht ist das Überraschende, dass Franziskus für seine Heimat keine Ausnahme macht.

Spekuliert wurde auf dem langen Flug intensiv darüber, welche Akzente der Papst in den nächsten Tagen setzen wird. Wie gestern schon geschrieben, ist die Reise alles andere als ein Heimspiel für Franziskus auf „seinem Kontinent“. Vor allem in Chile kämpft die Kirche neben den internen Problemen mit einer zunehmenden Säkularisierung. Zwar sind noch immer 74 Prozent der 18 Millionen Chilenen auf dem Papier katholisch. Doch bei jüngsten Umfragen haben weniger als 40 Prozent sich selbst als praktizierende Katholiken bezeichnet. Das Vertrauen in die Institution Kirche hat mit rund 36 Prozent einen Tiefstwert in Südamerika erreicht. In Peru ist die Situation zwar aus Sicht der Kirche noch etwas besser; aber auch dort steckt sie in einer schweren Krise. Franziskus wird in den nächsten Tagen viele Gelegenheiten haben, seine Sicht der Dinge darzulegen. In den knapp sieben Tagen in Chile und Peru sind 21 Reden geplant.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.