Papst in Myanmar – Tag 1

Rom, Sonntagabend 21.45h – ein kalter Nordwind weht über den Flughafen Fiumicino, als Papst Franziskus das Flugzeug besteigt. Zehn Stunden später erwarten ihn 32 Grad und eine Luftfeuchtigkeit von über 80 Prozent bei seiner Ankunft in Rangun, der ehemaligen Hauptstadt. Am Flughafen gab es heute nur einen kleinen Empfang. Erstmals legt Papst Franziskus bei einer Reise eine Pause zur Akklimatisierung ein. Eigentlich waren 24 Stunden vorgesehen. Doch der Erzbischof von Rangun, Kardinal Charles Maung Bo, war vor wenigen Tagen eigens in den Vatikan gereist, um Franziskus zu einer interreligiösen Begegnung zu überreden. Die findet jetzt am Dienstagmorgen statt. Am Montagabend kam schon überraschend der Oberbefehlshaber der Armee, General Min Aung Hlaing, im Erzbischöflichen Palais vorbei. So wurde die Pause für den Papst immer kürzer. Der wirkte am Sonntagabend bei der Begegnung mit den Journalisten entspannt, obwohl ihm eine der schwersten Auslandsreisen seines Pontifikats bevorsteht. Die politische Situation in Myanmar und Bangladesch ist schwierig. Dazu der Konflikt um die Rohingyas, die zu Zehntausenden von Myanmar ins Nachbarland fliehen. Mit Spannung wird erwartet, wie sich Franziskus positionieren wird.

Papst Franziskus ist in Rangun angekommen. (Quelle: Erbacher)

Warum kommt der Papst hierher?

War die schwierige politische Situation der Grund, warum der General schon am Montagabend den Papst treffen wollte, um ihm gleich zu Beginn eine Botschaft mit auf den Weg zu geben? Eigentlich war das Treffen kurzfristig für Donnerstagmorgen ins Programm genommen worden, also kurz vor Ende des Aufenthalts des Papstes in Myanmar. War das dem General zu spät? Oder wollte er demonstrieren, wer hier im Land die Macht hat, und damit protokollarisch als erster den Papst trifft, bevor dann morgen in der Hauptstadt Nay Pyi Taw die Begegnungen mit Präsident Htin Kyaw und der Staatsberaterin und Außenministerin Aung San Suu Kyi anstehen? Offiziell hieß es von Seiten des Vatikans im Anschluss, man habe über die „große Verantwortung der Autoritäten im Land gesprochen in diesem Moment des Übergangs“. Die Begegnung dauerte 15 Minuten. Damit hat der Papst einen sicherlich unliebsamen Pflichttermin gleich zu Beginn abgehakt. Angesichts der Macht, die die Militärs hier im Land de facto haben, ist es allerdings nicht unbedeutend, dass der Papst auch die Armeevertreter trifft. Denn es geht bei seiner Visite, die unter dem Motto „Liebe und Frieden“ steht, letztendlich um die Frage, wie der Übergang zu einer echten Demokratie im Land gelingen kann und welchen Beitrag die kleine Katholikenschar dazu leisten kann.

Die Zahl der Katholiken ist in beiden Ländern gering. In Myanmar sind ein Prozent der 51 Millionen Einwohner katholisch, in Bangladesch sind es gar nur 0,24 Prozent der 159 Millionen Einwohner. Im Vorfeld fragten sich daher viele, warum der Papst ausgerechnet hierhin fährt? Zumal typische Termine, die man bei einer Reise von Franziskus erwarten würde, nicht auf dem Programm stehen. In keinem der beiden Länder besucht er ein Flüchtlingslager. Offiziell werden Sicherheitsgründe sowie die schwierige Logistik als Grund genannt, warum ein solcher Termin nicht auf die Agenda kam. Dass in Bangladesch Franziskus keine Textilfabrik besucht, wo die „moderne Sklaverei“ zu seinen Schwerpunktthemen gehört, verwundert. Eine Begründung gab es dafür nicht. Ist das der Preis dafür, dass Franziskus in zwei Länder fährt, in denen die katholische Kirche eigentlich keine Rolle spielt?

Einheimische Katholiken bitten Papst um Zurückhaltung

Ist es ein Kompromiss, um die katholische Minderheit nicht zu gefährden? „Wir können dem Papst nicht erlauben, Kommentare abzugeben und dann die Kirche in Opposition zum Militär, zur Regierung und zu den Buddhisten zurückzulassen“, hatte Kardinal Bo im Vorfeld in einem Interview erklärt und so auch begründet, warum er Franziskus gebeten hatte, den Begriff Rohingya während der Reise nicht zu verwenden. Ob der Papst sich darauf einlässt, wusste Vatikansprecher Greg Burke vergangene Woche beim Briefing für die Reise nicht. Der Trip erfordert diplomatisches Geschick. Franziskus ist vielleicht nicht immer der größte Diplomat. Aber er hat einen guten Chefdiplomaten in der Person von Kardinalstaatssekretär Pietro Parolin. Der dürfte im Vorfeld genau darauf geachtet haben, dass es zu keinen diplomatischen Eklats kommt. Aber sicher wissen, werden wir es erst am Samstagnachmittag, wenn Franziskus seine Rückreise nach Rom antritt.

Was will der Papst also in Südostasien? Es passt in seine Strategie, bei den Reisen an die Ränder zu gehen. Er will die kleinen katholischen Minderheiten stärken und Pontifex sein, Brückenbauer. In beiden Ländern gibt es große Mehrheitsreligionen, in Myanmar der Buddhismus, in Bangladesch der Islam. Das ist für Minderheitenreligionen nicht einfach. Extremisten verüben Anschläge und drohen das fragile Verhältnis zwischen den Religionen ins Wanken zu bringen. Aber auch die wechselhafte politische Geschichte hat tiefe Wunden hinterlassen. Kardinal Bo erhofft sich Impulse für die Aussöhnung in Myanmar. Franziskus als Mann des Dialogs und der Begegnung kann hier vielleicht wirklich Impulse geben. Er wird auf jeden Fall mit seiner demütigen und zurückhaltenden Art, ein Christentum präsentieren wollen, dass sich von dem der Kolonialzeit radikal unterscheidet: dialogisch, inkulturiert, auf Versöhnung und den Aufbau einer gerechten Gesellschaft ausgerichtet. Der „missionarische Fünfjahresplan“, den die Bischöfe Myanmars ausgearbeitet haben, ist ganz nach seinem Geschmack: Bildung, menschliche Entwicklung, Förderung der Frauen, Schutz der Umwelt und interreligiöse Initiativen für den Frieden.

Der große Wunsch: China

Mit Myanmar und Bangladesch steht Franziskus auch vor den Toren Chinas. Zwei seiner größten Wünsche sind die Verbesserung der Beziehungen zum Reich der Mitte und ein Besuch in Peking. Er klopft quasi erneut an die Tür. Erst vor wenigen Tagen wurde im Vatikan bekannt gegeben, dass man auf kulturellem Gebiet enger zusammenarbeiten möchte. Ab Frühjahr 2018 soll eine vatikanisch-chinesische Doppelausstellung im Vatikan und Peking stattfinden. Das Netz wird immer enger gespannt. Allerdings scheint es in den Beziehungen zu China zuzugehen wie bei der Echternacher Springprozession. Denn kaum war die Kulturzusammenarbeit verkündet, hieß es aus China, die Reisebüros dort seien angehalten worden, keine Besuche mehr im Vatikan zu organisieren, weil es keine diplomatischen Beziehungen gibt. Seit langer Zeit sind etwa bei den Mittwochsaudienzen immer chinesische Gruppen anwesend und schwenken freudig ihre Fahnen. Genau wie bei anderen Touristengruppen gehören der Petersdom und die Vatikanischen Museen zu den Pflichtterminen für chinesische Reisegruppen. Unklar ist, ob die Vorgabe aus China wirklich praktische Konsequenzen für die Reisenden haben wird. Der Vorgang zeigt aber, dass es noch viel Arbeit bedarf, bis die Beziehungen zwischen den beiden Ländern sich normalisiert haben werden. Wenn das überhaupt jemals der Fall sein wird.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

10 Kommentare

  • Alberto Knox
    27.11.2017, 15:22 Uhr.

    ich finde nicht, dass es aufgabe des papstes ist, immer nur zu VIELEN katholik*innen zu fahren/fliegen. es ist gut, dass er an die ränder geht – die katholik*innen in minderheitensituationen werden es ihm danken.

    • SuNuraxi
      27.11.2017, 20:54 Uhr.

      Ich bin eine Katholikin, und mein Mann ist ein Katholik. Keiner von uns ist ein*e katholik*in, und katholik*innen sind wir auch nicht.
      Manchmal ist dieses Gendern wirklich lächerlich, und den Frauen hilft es auch nichts.

      • Wanda
        28.11.2017, 16:12 Uhr.

        wohl wahr…

        • Silvia
          29.11.2017, 10:57 Uhr.

          Früher war das einfacher. Da sprach man z.B. nur von Katholiken und sämtliche Geschlechter – damals nur zwei – fühlten sich ganz selbstverständlich angesprochen.

          Plötzlich war man mit dieser einfachen Sprachregelung nicht mehr einverstanden und sprach von Katholikinnen und Katholiken, dann kam sofort das Problem mit sämtlichen anderen Geschlechtern, das man aber nicht sprachlich sondern nur durch die komische Schreibweise von Herrn Knox lösen kann.

          Ich halte das Ganze für Unsinn.

      • Alberto Knox
        28.11.2017, 16:44 Uhr.

        vielleicht denken sie auch mal an die intersexuellen. denen hilft sprachliche sensibilität mehr als sie sich vorstellen können.

        • Silvia
          29.11.2017, 10:58 Uhr.

          Alberto Knox
          28.11.2017, 16:44 Uhr.

          Und wie wollen Sie Ihre sensible Schreibweise hörbar machen?

        • SuNuraxi
          29.11.2017, 14:31 Uhr.

          @Knox
          Intersexuelle Katholiken sind aber auch keine katholik*innen. Nur, indem man ein Maskulinum nimmt, daran ein Sternderl hängt, und dann daran eine Femininendung, wird das Ganze weder etwas dazwischen noch ein Neutrum.
          Diese ganze Genderei ist das Ergebnis der Sapir-Whorf-Hypothese, die den heutigen Sprachwissenschaftlern schon längst beinahe peinlich ist, die aber von Politikern und Journalisten eifrigst weitergepflegt wird. Diese Hypothese meint, dass die Sprache das Denken beeinflusst. Deshalb gibt es Leute wie Sie, die tatsächlich meinen, man könnte allgemeine Ansichten dadurch ändern, indem man – schön nach dem Rezept, das uns George Orwell in „1984“ vorgegeben hat – die Sprache verändert.
          Das grammatikalische Geschlecht gibt es in den meisten indoeuropäischen Sprachen, in vielen afroasiatischen Sprachen (Semitisch, Berbersprachen), in den Drawida-Sprachen oder in einigen australischen Sprachen. Die meisten der etwa 6000 Sprachen kennen diese Erscheinung nicht.
          Beispiel: Im Türkischen gibt es nicht einmal die Unterscheidung zwischen „er“ und „sie“. Es heißt immer nur „o“. Messerscharfer Schluss eines Anhängers der Sapir-Whorf-Hypothese: Die Türkinnen sind tadellos emanzipiert, und Intersexuelle haben null Probleme, und das schon seit jeher, weil das Türkische „sprachlich sensibler“ ist als das Deutsche.

      • bernardo
        29.11.2017, 9:57 Uhr.

        @ SuNuraxi: Ich bin auch kein* Katholik*. In Frankreich macht der Premier Philippe übrigens Schluss mit diesem Gekrampfe.

        „In Myanmar sind ein Prozent der 51 Millionen Einwohner katholisch, in Bangladesch sind es gar nur 0,24 Prozent der 159 Millionen Einwohner. Im Vorfeld fragten sich daher viele, warum der Papst ausgerechnet hierhin fährt?“ Ist das nicht offensichtlich. Als Moralapostel sich gegenüber der armen Aung San Suu Kyi aufzuspielen. Es wäre schön, würde er mal mehr an die verfolgten Christen und Katholiken und weniger an die Muslime denken.

  • Silberdistel
    27.11.2017, 17:17 Uhr.

    Wie klug doch so mancher christlicher Ratspruch, auch für den Papst: „Siehe, ich sende euch wie Schafe mitten unter die Wölfe; darum seid klug wie die Schlangen und ohne Falsch wie die Tauben!“ (Mt. 10:16).
    Ob Franziskus unter Beweis stellen will, das Er in einer derart angespannten gesellschaftlichen Situation trotzdem gut interreligiös kann? – Visionär wäre es, denn der Menschheit muß wieder einen Sinn für den Zusammenhalt und Miteinander gegeben werden und das geht nur über die Religionen.

  • Jürgen Erbacher
    Jürgen Erbacher
    29.11.2017, 15:00 Uhr.

    Weitere Kommentare zum Thema Sprache werden nicht veröffentlicht. Das hat nichts mit dem Thema „Papstreise“ zu tun.

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