Religionen für den Frieden

5000 Vertreter unterschiedlicher Religionen aus der ganzen Welt haben sich Anfang der Woche in Münster und Osnabrück zu einem internationalen und interreligiösen Friedenstreffen versammelt. Es stand in der Tradition des Friedensgebets von Assisi, zu dem 1986 Papst Johannes Paul II. erstmals Religionsvertreter eingeladen hatte. Seitdem organisiert die römische Basisgemeinschaft Sant’Egidio jedes Jahr in einer anderen europäischen Stadt ein solches Treffen. Dieses Jahr waren es ausnahmsweise zwei Städte: Münster und Osnabrück. „Nie darf man sich an das Übel gewöhnen, nie darf man ihm gegenüber gleichgültig sein“, mahnte Papst Franziskus in seiner Botschaft an die Teilnehmer und betonte: „Die Religionen können nichts anderes als Frieden wollen; sie sind tätig im Gebet, sie sind bereit, sich über die Wunden des Lebens und über die Unterdrückten der Geschichte zu beugen, und sie sind wachsam, der Gleichgültigkeit entgegenzuwirken und Wege der Gemeinschaft zu fördern.“ Zum Abschluss der dreitägigen Veranstaltung unterzeichneten Vertreter der verschiedenen Religionen eine gemeinsame Verpflichtung zum Einsatz für den Frieden. Darin heißt es unter anderem: „Die Begegnung und der Dialog entwaffnen und halten die Gewalttäter auf. Denn wir wissen, dass der Krieg niemals heilig ist und dass jene, die im Namen Gottes töten, weder im Namen einer Religion noch im Namen der Menschen handeln. Voller Überzeugung sagen wir Nein zum Terrorismus.“

Der Abschluss des internationalen Friedenstreffens der Religionen in Osnabrück. (Quelle: Bistum Osnabrück/Hermann Pentermann)

Was bringen solche Treffen?

Es war das 31. Treffen dieser Art. Nun könnte man fragen, welchen Sinn eine solche Veranstaltung macht, angesichts von Gewalt, Terror und Krieg, die in der Welt eher zuzunehmen scheinen als abzunehmen. Zwei Dinge sind bei den Treffen wichtig. Zum einen haben die Bilder Symbolwirkung, die dabei entstehen. Imame, christliche Kirchenführer, Rabbiner und Vertreter anderer Religionen sitzen an einem Tisch und diskutieren miteinander. Sie reichen sich die Hand und tauschen den Friedensgruß aus. Diese Bilder gehen um die Welt und werden in den verschiedenen religiösen Gemeinschaften rezipiert. Sie zeigen: ein friedliches Gespräch in gegenseitigem Respekt ist möglich. Zum anderen gelingt es Sant’Egidio bei diesen Treffen immer wieder, Menschen an einen Tisch zu bringen, die sonst nicht unbedingt miteinander sprechen. Von Anfang an ist etwa der Konflikt im Heiligen Land zwischen Israelis und Palästinensern ein Thema. Auch hier könnte man einwenden, dass der Konflikt dennoch andauert und es wenig Hoffnungszeichen gibt, dass sich bald etwas ändert.

Papst Franziskus, der ja oft vom „Dritten Weltkrieg in Teilen“ spricht, würde sagen, man muss diesen vielen Konflikten eben auch „Friedensinitiativen in kleinen Teilen“ entgegensetzen. Es gilt, was er während seiner Reise in Kolumbien über die Kultur der Begegnung gesagt hat: „Nichts kann diese wiedergutmachende Begegnung ersetzen; kein kollektiver Prozess kann uns von der Herausforderung entbinden, sich zu begegnen, sich auszusprechen und zu verzeihen“, sagte er bei der Abschlussmesse der Reise am Sonntag in Cartagena, und fuhr fort: „Uns ist aufgegeben, ‚von unten her‘ einen kulturellen Wandel zu vollbringen: Auf die Kultur des Todes und der Gewalt antworten wir mit der Kultur des Lebens und der Begegnung.“

Bundesregierung entdeckt Religionen

Auffallend ist, dass auch die deutsche Bundesregierung in den vergangenen Monaten immer stärker die Rolle der Religionen für Konflikte und Konfliktlösung in den Blick nimmt. Vor wenigen Monaten lud Außenminister Sigmar Gabriel Religionsvertreter aus der ganzen Welt nach Berlin in sein Ministerium ein. Jetzt erklärte Gabriel im Vorfeld des Treffens von Münster und Osnabrück, „Religionen bergen enormes Potenzial für gesellschaftliche Friedensarbeit.“ Aus Sicht des Außenministers „bewahren sie ein tiefes Wissen um Schuld, Vergebung und Versöhnung und können für Ausgleich und Gerechtigkeit in Gesellschaften sorgen.“ Dieses friedensstiftende Potenzial, so der Minister weiter, „wollen wir angesichts der vielen Konflikte weltweit in unserer Außenpolitik stärker nutzen als bisher“. Sant’Egidio sei dabei ein wichtiger Partner, um weltweit über die Religion auf Deeskalation und Verständigung hinzuwirken. Diese Initiative der Regierung birngt allerdings für die Religionen auch eine Gefahr. Sie müssen aufpassen, dass sie sich nicht für politische Zwecke missbrauchen lassen und damit ihre Neutralität verlieren, die sie bisweilen besitzen und daher auch in Konflikten politischer Gegner vermitteln können.

Die römische Basisgemeinschaft, die in den 1960er Jahren als Sozialbewegung entstanden ist, hat sich im Laufe der Jahre zu einem wichtigen Akteur auf dem Feld internationaler Friedensvermittlung entwickelt. Der bisher größte Erfolg: 1992 ist die Gemeinschaft beteiligt am Friedensschluss für Mozambik – nach 16 Jahren Bürgerkrieg und mehr als einer Million Toten. Guatemala, Elfenbeinküste, Kosovo – das sind nur einige der Länder, in denen Sant’Egidio zu vermitteln versuchte. Zuletzt wurde ein Waffenstillstand für die Zentralafrikanische Republik unterzeichnet. „Wenn jemand an der Seite der Armen steht, denken wir an Afrika, sieht man sofort, dass einer der zentralen Gründe für die Armut der Krieg ist“, so Andrea Riccardi, der Gründer von Sant’Egidio gegenüber dem ZDF, „also haben wir die Pflicht, für den Frieden zu arbeiten. Und um für den Frieden zu arbeiten, müssen sie den Dialog suchen zwischen den Konfliktparteien.“

Das geschieht auch bei den jährlichen Friedenstreffen. Bundeskanzlerin Angela Merkel forderte zur Eröffnung am Sonntag dazu auf, die Religionen müssten sich gegen Gewalt und Krieg wenden, auch wenn aus religiösen Gründen dazu aufgerufen werde. Weiter betonte Merkel, die Unterschiede zwischen den Kirchen und Religionsgemeinschaften dürften nicht geleugnet werden. Zwar sei interreligiöser Dialog schwierig; die Alternative aber sei, übereinander zu reden statt miteinander. Das jedoch fördere Ressentiments und Unfrieden, so die Kanzlerin. Die CDU-Vorsitzende sagte weiter, sie bewundere die friedensstiftende Kraft von Sant’Egidio. Die Gemeinschaft sei auf Versöhnung und Verständigung ausgerichtet und arbeite in der Gewissheit, dass Veränderung zum Guten langfristig möglich sei.

„Nie wieder Krieg“

Auf dem Programm des Treffens standen rund zwei Dutzend Veranstaltungen zu Flucht, Armut, Gerechtigkeit und Umweltschutz, die größtenteils in Münster stattgefunden hatten. Am Dienstag beteten die verschiedenen Religionen an unterschiedlichen Orten für den Frieden – gleichzeitig, aber nicht gemeinsam. In Osnabrück fand dann am Abend die große Abschlusskundgebung statt. Dabei erinnerte der Erzbischof der armenisch-katholischen Kirche im syrischen Aleppo, Butros Marayati, an die Sehnsucht aller Völker nach Frieden. „Nie wieder Krieg – dieser Schrei ertönt aus meiner Stadt Aleppo und allen Städten, die von Gewalt und Konflikten verwundet sind.“ Krieg lasse sich nicht mit Krieg bekämpfen, sondern nur mit Vergebung, Versöhnung und „dem Willen, ein neues Leben zu beginnen“. In dem gemeinsamen Abschlussappell heißt es: „Der Globalisierung ist es gelungen, Wirtschaft und Handel zu einigen, doch nicht die Herzen: Im Respekt vor der Verschiedenheit muss durch einen dauerhaften Dialog eine spirituelle Einigung verwirklicht und aufgebaut werden, und dabei darf niemand ausgegrenzt werden. Diese „spirituelle Einigung“ kann der Welt viel geben. Es ist die Seele, die fehlt und die den so sehr ersehnten Frieden bringen kann.“

Die Welt braucht solche Treffen und braucht jede Initiative, die den Dialog und die Begegnung zwischen Menschen unterschiedlicher Kultur und Religion fördert. Die Frankfurter Islamwissenschaftlerin Armina Omerika erklärte gegenüber dem ZDF: „Theologien werden alleine die Welt nicht retten können, und auch der Interreligiöse Dialog alleine ist natürlich keine ausschließliche Lösungsstrategie.“ Nichtsdestotrotz gebe es zum Dialog keine Alternative und zwar aus ganz praktischen Gründen: „Menschen aus verschiedenen Regionen der Welt kommen immer schneller, immer häufiger auf immer kleineren Räumen zusammen. Wenn man nicht miteinander redet und diesen Austausch nicht sucht, dann wird das nicht funktionieren.“

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

5 Kommentare

  • alberto knox
    15.09.2017, 10:10 Uhr.

    danke für den bericht. san egidio ist wirklich in seinem wirken verdienstlich – wenn ich mich nicht irre, räumt diese gemeinschaft auch santa maria in trastevere am weihnachtsabend aus, um dort weihnachten mit obdachlosen und einem schönen festessen feiern zu können. auch das ist ein wunderbares zeichen!

    • Jürgen Erbacher
      Jürgen Erbacher
      15.09.2017, 10:43 Uhr.

      Diese Weihnachtsessen mit Obdachlosen machen alle Sant’Egidio-Gruppen weltweit. Auch in Deutschland finden diese regelmäßig statt – z.B. am Hauptsitz in Würzburg.

      • alberto knox
        15.09.2017, 22:47 Uhr.

        umso besser. ich hatte diese gruppe immer nur am rand wahrgenommen, aber ich durch ihren beitrag den eindruck, dass die wirklich verdienstvolles machen!

  • Silberdistel
    15.09.2017, 20:35 Uhr.

    In der Tat müssten solche Friedenstreffen sehr viel häufiger stattfinden, auch hochrangig besetzt. – Gewalt gibt es ja schließlich auch jeden Tag und ebenfalls unter hochrangiger Anteilnahme.

    • alberto knox
      16.09.2017, 11:18 Uhr.

      in der tat, wer oft mit den anderen redet, steht schlicht nicht gefahr, mit dem messer auf ihn loszugehen.

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