Papst Franziskus in Kolumbien – Tag 1

„Diese Reise ist etwas speziell“, mit diesen Worten hat Papst Franziskus am Morgen kurz nach dem Start in Rom die 70 mitreisenden Journalisten begrüßt. Er wolle mit seinem Besuch „Kolumbien helfen, dass es auf dem Weg des Friedens vorangehen kann“. Und weil der Weg nach Bogota über Venezuela führt, forderte der Pontifex zum Gebet für das krisengeschüttelte Land auf, damit es „eine gute Stabilität“ finde und ein „Dialog mit allen“ möglich werde. Weitere Reden gab es am ersten Tag der Reise nicht. Die Ankunft in Bogota fand mit einer kurzen Begrüßungszeremonie ohne Ansprachen statt. Für Franziskus waren die ersten Stunden in Kolumbien dennoch anstrengend. Nach dem mehr als 12-stündigen Flug hatte er eine 15 Kilometer lange Strecke bis zur Päpstlichen Nuntiatur zu bewältigen – im offenen Papamobil. Die Straßen säumten hunderttausende Menschen. Wegen des Hurrikans Irma konnte der Papstflieger nicht die geplante direkte Route über Porto Rico und die Antillen nehmen, sondern musste das Unwettergebiet südlich umfliegen.

Zur Begrüßung gab es auch Folklore. Franziskus wurde von Präsident Santos und dessen Gattin begrüßt. (Quelle: Erbacher)

Friedensvertrag ist umstritten

Die Erwartungen an den Papstbesuch sind hoch. Nach über fünf Jahrzehnten bewaffnetem Kampf hoffen viele Kolumbianer auf eine friedliche Zukunft. Im Juni 2016 Jahres schloss die Regierung unter Präsident Juan Manuel Santos Calderón ein Friedensabkommen mit der größten Guerilla-Gruppe, der FARC. Vier Jahre dauerten die Verhandlungen in der kubanischen Hauptstadt Havanna. Bei einer Volksabstimmung im Oktober 2016 bekam das Abkommen allerdings keine Mehrheit. Es wurde nachverhandelt, und schließlich billigte das kolumbianische Parlament Ende 2016 das Abkommen. Einige Punkte des Abkommens wurden bereits erfolgreich umgesetzt, wie etwa die Entwaffnung der FARC. Die UNO bestätigte Ende Juni, dass alle Waffen abgegeben wurden. Anfang des Jahres waren die Guerilleros dazu in 26 Entwaffnungszonen umgesiedelt. Seit Februar dieses Jahres verhandelt die Regierung mit der zweitgrößten Rebellengruppe ELN. Kurz vor dem Papstbesuch wurde eine Waffenruhe vereinbart. Sie dürfte eine der ersten Früchte der Visite von Franziskus in Kolumbien sein.

Kurz vor seiner Ankunft bekam Franziskus aber auch Post vom ehemaligen kolumbianischen Präsidenten Alvaro Uribe Velez. Er ist der prominenteste Kritiker des Versöhnungskurses der aktuellen Regierung und fordert ein hartes Vorgehen gegenüber den Guerillas. Aus Sicht Uribes und seiner Mitstreiter kommt die Regierung den Guerilleros zu weit entgegen, etwa was die Straffreiheit für begangene Verbrechen betrifft. Hinter der Kritik dürfte allerdings auch die Angst der alten Eliten, Warlords und Großgrundbesitzer stecken, dass es jetzt ernst werden könnte mit den politischen Forderungen der FARC, wie etwa einer gerechteren Landverteilung. Die Guerilleros wollen künftig ihre Ziele auf politischem Weg verfolgen. Dazu wurde vor wenigen Tagen, wie im Friedensabkommen vorgesehen, eine Partei gegründet.

Wie kann Versöhnung gelingen?

Neben den Verhandlungen, in denen es um die Fragen von Gewalt, Entwaffnung, Entschädigung und andere politische wie materielle Dinge geht, ist die große Frage, wie die Wunden heilen können, die in den mehr als 50 Jahren Konflikt entstanden sind. Mehr als 220.000 Tote sind zu beklagen, 60.000 Menschen werden vermisst, sieben Millionen Menschen sind vor der Gewalt geflohen, also jeder siebte der 49 Millionen Einwohner. Erwachsene und Kinder wurden entführt, misshandelt, ermordet oder zwangsrekrutiert. Linke Guerillagruppen, rechte Paramilitärs, die Drogenkartelle und auch das Militär verübten über Jahrzehnte grausame Verbrechen. Hass, Misstrauen und Verzweiflung prägen das gesellschaftliche Klima. Die Rebellen sollen in die Gesellschaft integriert werden, aber wie? Wie kann Versöhnung gelingen?

Hier erhoffen sich viele Kolumbianer Impulse von Papst Franziskus. Die katholische Kirche genießt in großen Teilen der Bevölkerung ein hohes Vertrauen. Dazu kommt, dass sie die einzige Institution in Kolumbien ist, die im ganzen Land präsent und organisiert ist. Vertreter der Kirche sind in die Friedensverhandlungen eingebunden. So half die Nationale Versöhnungskommission der kolumbianischen Bischofskonferenz dabei, Opfer des Konflikts zu den Verhandlungen zwischen FARC und Regierung nach Havanna zu bringen. Nach Ansicht von Beobachtern hat das entscheidend zum Gelingen der Friedensgespräche beigetragen. Im Land selbst gibt es unzählige Projekte für Opfer und Betroffene des Konflikts. Unterstützt, finanziell und ideell, wird die Kirche dabei maßgeblich durch die katholische Kirche in Deutschland und deren Hilfswerke wie Adveniat und Misereor. Aber auch die deutsche Bundesregierung ist sehr engagiert. Als es zu Beginn des Jahres darum ging, in den Entwaffnungszonen eine Kommunikations-Infrastruktur herzustellen, wurde diese Aufgabe binnen weniger Tage vom THW geleistet.

Papst auf Friedensmission

Die Kirche genießt großes Vertrauen. Allerdings gibt es auch Stimmen, die von Papst Franziskus kritische Worte zur Rolle der Kirche in der Vergangenheit erwarten. Denn statt zur Deeskalation beizutragen, haben Mitglieder der Kirche mit Hasspredigten den Konflikt noch verschärft. Die engen Bande zwischen Teilen des Klerus und den Großgrundbesitzern schürten Misstrauen unter der Landbevölkerung und den einfachen Bauern. Durch die positive Rolle im Friedensprozess konnte die Kirche wieder viel Boden gut machen. Aber es bleiben auch hier die Wunden der Vergangenheit.

Der Friedensprozess in Kolumbien ist ein zartes Pflänzchen. Es ist noch viel Überzeugungsarbeit notwendig. Der Papstbesuch soll helfen, dass das Engagement nicht nachlässt, und er bietet die Gelegenheit, einige kritische Punkte zu benennen, an denen es bei der Umsetzung des Friedensvertrags hakt. Dazu gehört das große Problem, dass nach dem Rückzug und der Entwaffnung der FARC nun andere illegale und kriminelle Gruppen die Kontrolle über die ehemaligen FRAC-Gebiete übernommen haben, weil der Staat nicht in der Lage ist, sein Gewaltmonopol auszuüben. Immer wieder werden Menschenrechtsaktivisten bedroht und ermordet. Auch kommt die Rückführung der Binnenflüchtlinge in ihre ursprüngliche Heimat nur schleppend voran.

Papst Franziskus hatte versprochen, dass er nach Kolumbien kommen werde, wenn der Friedensvertrag mit der FARC abgeschlossen sei. Nun scheint das südamerikanische Land das einzige zu sein, in dem nicht aufgerüstet, sondern abgerüstet wird, die Waffen abgegeben und verschrottet werden. Das ist ganz im Sinne des Pontifex. Daher stellt er sich offenbar gerne in den Dienst der guten Sache und will mithelfen, dass der Prozess wirklich ein Erfolg wird. Er trifft in Kolumbien dabei allerdings auch auf Skeptiker in den eigenen Reihen. Die Bischofskonferenz ist gespalten in ihrer Haltung zum Friedensprozess, ein Spiegelbild der kirchlichen Verhältnisse im Land. Franziskus wird also auch in den eigenen Reihen Überzeugungsarbeit leisten müssen, damit seine Friedensmission gelingen kann.

P.S. Mehr zu den Erwartungen an den Papst auch bei heute.de.

Autorenbild

Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

Ein Kommentar

  • alberto knox
    07.09.2017, 4:27 Uhr.

    „Der Papstbesuch soll helfen, dass das Engagement nicht nachlässt“. wir wollen dafür beten! ich hoffe, dieses land ist auf einem guten weg. nach 50 jahren bürgerkrieg ist klar, dass ein schlechter friede besser ist als jeder krieg. und ich meine, dort ist nicht nur ein schlechter, sondern ein guter friede möglich.

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