Fünf neue Kardinäle

Es ist dem Papst einmal mehr eine Überraschung gelungen. Mit der Ankündigung, Ende Juni fünf neue Kardinäle ins Kardinalskollegium aufzunehmen, hatte niemand gerechnet. Bei der Auswahl blieb Franziskus seinem Prinzip treu: Er geht an die Ränder mit je einem Kardinal aus Mali, Laos, Schweden und El Salvador. Lediglich den Erzbischof von Barcelona, Juan José Omella, kann man zu den „Must“ zählen. Mit Anders Arborelius, dem Bischof von Stockholm, wird sogar der erste Schwede überhaupt Kardinal, mit Gregorio Rosa Chávez aus San Salvador sogar ein Weihbischof. Neben der Prämisse, an die Ränder gehen zu wollen, zählt also stark die Person bei der Auswahl neuer Kardinäle. Mit dem Konsistorium am 28. Juni werden das Kardinalskollegium insgesamt, vor allem aber der Kreis der Papstwähler, internationaler und die Dominanz der Europäer nimmt weiter ab. Nach bisherigem Stand kommen dann von den 121 Papstwählern nur noch 53 vom Alten Kontinent. Bei der Wahl von Papst Franziskus im März 2013 waren es noch 60 von damals 115 anwesenden Wählern.

Und plötzlich stand der Papst im Wohnzimmer – Franziskus hatte am Freitag spontan einen Teil der traditionellen Wohnungssegnungen in der Hafenstadt Ostia bei Rom übernommen. (Quelle: ap)

Person geht vor Tradition

Berlin geht wieder leer aus. Das gilt auch für viele italienische Metropolen, die nun schon seit langer Zeit auf den Kardinalspurpur warten wie etwa Turin oder Venedig. Auch die Kurie ging leer aus. Dafür wird der Erzbischof von Bamako, Jean Zerbo, Kardinal. Der Vatikan liefert in der Kurzbiografie auch eine erste Begründung. Der Erzbischof in Malis Hauptstadt engagiere sich besonders im Kampf gegen Ausgrenzung und für Versöhnung und Solidarität in seinem Heimatland, das seit vielen Jahren von Unruhen, Stammeskämpfen und Terrorismus erschüttert wird. Auch wenn nur knapp zwei Prozent der Bevölkerung Malis Katholiken sind, stärkt Franziskus mit dem Kardinalspurpur dem Erzbischof den Rücken.

Das gilt auch für die wohl interessanteste Ernennung von Weihbischof Gregorio Rosa Chávez. Er arbeitete eng mit dem 1980 ermordeten Erzbischof Oscar Romero zusammen und gehört zu den treibenden Kräften für eine Heiligsprechung des ehemaligen Erzbischofs von El Salvador. Trotz seines Postens als Weihbischof und Chef der Caritas für Lateinamerika und der Karibik arbeitet er als einfacher Pfarrer in der salvadorianischen Hauptstadt. Er gilt als geduldiger Vermittler in Konflikten. Dass Franziskus den 74-Jährigen zum Kardinal macht und nicht den amtierenden Erzbischof von El Salvador, dürfte auch ein Zeichen der Wertschätzung gegenüber Oscar Romero sein, den der Papst als großes Vorbild sieht. Wie Romero ist auch Rosa Chávez von der Befreiungstheologie inspiriert.

Stärkung von Minderheiten

Eine kleine Minderheit stärkt Franziskus auch mit dem neuen Kardinal für Laos, Louis-Marie Ling Mangkhanekhoun. Er ist aktuell Apostolischer Vikar von Paksé. Das ist die drittgrößte Stadt des südostasiatischen Staates und liegt im Süden des Landes. Nur 1,5 Prozent der Bevölkerung ist katholisch. Für Franziskus könnte der neue Purpurträger vielleicht ein guter Berater mit Blick auf die beiden Nachbarstaaten Vietnam und China sein. Denn mit beiden laufen seit Jahren schwierige Verhandlungen, die den lokalen Kirchen ein Leben in Freiheit ermöglichen sollen.

Frei, aber doch in einer Minderheit, leben die Katholiken in Schweden. Anders Arborelius ist mit 67 Jahren der jüngste der neuen Kardinäle. Seine „Auszeichnung“ gilt sicherlich nicht nur den rund 116.000 Katholiken Schwedens, sondern der kleinen katholischen Minderheit ganz Skandinaviens. Als 20-Jähriger trat Arborelius vom Luthertum zur katholischen Kirche über. Er gilt als ökumenisch offen und hat sich in den vergangenen Jahren auch immer wieder in die Flüchtlingsdebatte in Schweden eingemischt. Ein Thema, das ihn auch selbst ganz konkret betrifft, besteht die katholische Kirche in vielen Ländern Skandinaviens doch zu einem großen Teil aus Gastarbeitern und Flüchtlingen.

Neue Arithmetik

Der einzige Kandidat aus einem „katholischen Stammland“ ist der Erzbischof von Barcelona, Juan José Omella. Der 71-Jährige war für ein Jahr als Missionar in Zaire gewesen, sowie mehr als 20 Jahre Priester in Gemeinden, bevor er 1996 seine „Bischofskarriere“ zunächst als Weihbischof in Saragossa begann. Papst Franziskus hatte ihn bereits im November 2014 zum Mitglied in der einflussreichen vatikanischen Bischofskongregation ernannt. Ein Jahr später machte er ihn zum Erzbischof von Barcelona. Damals gab es auch Unmut, weil man seine Ernennung der Freundschaft zu zwei engen Vertrauten von Papst Franziskus zuschrieb: die Kardinäle Oscar Rodríguez Maradiaga und Santos Abril y Castelló.

Mit den neuen Kardinälen verschieben sich die Verhältnisse innerhalb des Kardinalskollegiums weiter. Doch macht es Sinn, so viele Kardinäle aus Minderheitensituationen zu benennen? Diese Frage wurde bereits beim letzten Konsistorium gestellt, als Franziskus neue Kardinäle für Mauritius, Papua Neu-Guinea und Bangladesch ernannte. Müsste er nicht eher nach Katholikenzahl vorgehen und die großen katholischen Nationen stärken? Nun sind die traditionell „starken“ katholischen Länder wie Mexiko, Brasilien, Italien oder Spanien noch immer stark im Kardinalskollegium vertreten. Zum anderen ist die Minderheitensituation nun auch die Realität vieler Katholiken rund um den Globus. Wenn die katholische Kirche in Asien und Afrika wachsen will, dann müssen die Erfahrungen der Länder dort auch in die Diskussionen auf Weltkirche eingebracht werden.

Kardinalskollegium nur Papstwahlverein?

Unzweifelhaft gab es in der Vergangenheit eine Schieflage bei der Verteilung der Kardinalsposten weltweit. Franziskus versucht dem entgegenzusteuern. Wichtiger als die Frage nach der geografischen Verteilung dürfte aber die nach den Orten sein, an denen die Kardinäle ihre Expertise einbringen können. Das letzte Mal wirklich inhaltlich diskutiert hat Franziskus mit den Kardinälen im Februar 2015, als Kardinal Walter Kasper seine Rede zu Ehe und Familie gehalten hat. Seitdem gab es keinen Beratungstag mehr für das Kardinalskollegium. Sicher, es nahmen viele Kardinäle an den beiden Bischofssynoden im Herbst 2014 und 2015 teil. Aber da sind sie letztendlich in ihrer Eigenschaft als Bischof und nicht als Kardinal. Nun könnte man sagen, dass die Kardinäle über ihre Mitgliedschaft in den Dikasterien der Römischen Kurie ihre Beratertätigkeit für den Papst ausüben. Ja und Nein, muss man da sagen. In der Tat nehmen die Kardinäle an den Sitzungen ihrer Dikasterien teil. Aber wenn der Papst wiederum nicht wirklich auf die Kurie zählt, läuft auch diese Beratung ins Leere.

Sind die Kardinäle letztendlich doch nur noch ein Papstwahlverein? Zweifellos ist der Kardinalspurpur für viele Bischöfe vor Ort eine große Hilfe – etwa aktuell für den Erzbischof von Bamako in Mali oder beim letzten Konsistorium für den Nuntius in Syrien. Unzählige andere Beispiele ließen sich finden. Doch wie ernst nimmt Franziskus die Kardinäle als Berater? Mag sein, dass er als Kardinal die Diskussionen bei den Konsistorien nicht als sehr gewinnbringend erfahren hat. Dann wäre es an der Zeit, neue Formen einer effektiven Diskussion zu (er)finden. Es ist nicht bekannt, dass daran gearbeitet wird. Doch vielleicht überrascht Franziskus ja auch einmal an einer solchen „strukturellen Stelle“.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

4 Kommentare

  • prospero
    22.05.2017, 17:18 Uhr.

    Zu der Frage über die Definition als „Papstwahlverein“: Eines steht mit Sicherheit fest – Franziskus scheint eine grundsätzliche Neuordnung der „Personalfragen“ des Kardinalskollegiums gelungen zu sein. Im Rahmen dieser Aktivitäten steht für ihn wohl ebenfalls die Frage seiner Nachfolge zur Diskussion. Man sollte darüberhinaus auch bedenken, dass nach dem kommenden Konsistorium nun Kardinäle aus insgesamt 64 Nationen an einer Papstwahl teilnahmeberechtigt sind. Wenn man sich vor Augen führt, dass beim letzen Konklave im März 2013 die Wähler aus 48 Ländern stammte, dann sind Tendenzen eines Wandels nicht zu übersehen.
    Die überraschend angekündigten Kardinalsernennungen sind möglicherweise unter dem Aspekt zu sehen, dass sich Franziskus an Johannes XXIII. orientiert, der in seiner relativ kurzen Amtszeit insgesamt fünf Mal das Kollegium zu Ernennungen zusammenrief.
    Was nun die immer deutlichere Tendenz zur Berufung von Kardinälen anbelangt, díe aus „Minderheitensituationen“ stammen, so bezieht sich Franziskus dabei ganz eindeutig auf den Gemeinschaftsaspekt der Kirche. In diesem Sinne ist für ihn nun die Quantitätsfrage von absolut nachrangiger Bedeutung. Solches verdeutlicht sich etwa in der Berufung des ersten Kardinals aus Laos, bei dem die Frage nach kirchlichen Statistiken wohl keine Rolle gespielt haben dürfte… Man kann annehmen, je länger Franziskus sein Amt ausübt, um so größer wird vermutlich der Anteil der Kardinäle sein, die den sogenannten „Peripherien“ zuzuordnen sind. Und ich kann mir eigentlich nicht vorstellen, dass bei einer kommenden Papstwahl diese Männer sich nur als „Mehrheitsbeschaffer“ für einen Kandidaten einspannen lassen.

  • Heilbründl
    22.05.2017, 18:46 Uhr.

    Ich finde es super, dass es immer mehr Kardinäle aus vielen unterschiedlichen Ländern gibt, Katholisch sein bedeutet doch, glaube ich, allumfassend.
    Als ich Kind war, herrschte ja die Meinung vor, ein Papst muss Italiener sein – ein wenig anmaßend war das doch!

  • Suarez
    23.05.2017, 10:22 Uhr.

    „Müsste er nicht eher nach Katholikenzahl vorgehen und die großen katholischen Nationen stärken? Nun sind die traditionell „starken“ katholischen Länder wie Mexiko, Brasilien, Italien oder Spanien noch immer stark im Kardinalskollegium vertreten.“

    Statistiken sind nichtssagend. So ist der Kirchenbesuch in Deutschland (10 % von 23 Mio. pro Sonntag) erheblich besser als in Italien (in Rom sogar nur 2 %). Entscheidend ist vielmehr die moralische und intellektuelle Eignung – sowie der feste Glaube. Da freut es mich umso mehr, dass Papst Franziskus jemanden wie Bischof Arborelius quasi rehabilitiert und damit auch klipp und klar sagt, dass der Vatikan im Vorfeld sehr genau informiert war von der antisemitischen Gesinnung von Williamson und Co. Ich habe B16 nie abgenommen, ahnungslos zu sein. Dass die Piusbrüder „eindeutig ein weltanschauliches Amalgam von faschistischen, ehemals nationalsozialistischen Aussagen“ (ich zitiere E. Schockenhoff) vertreten, hat auch Ratzinger gewusst. Seit er Präfekt der Glaubenskongregation war, wurde er von diesen Leuten beschimpft und besudelt. Und er will nicht gemerkt haben, wie braun die sind. […]*

    *Der Beitrag wurde wegen des Verstoßes gegen die Netiquette editiert.

  • Wanda
    25.05.2017, 17:36 Uhr.

    Nicht zu verkennen:
    – der Vatikan befindet sich in Italien und es ist dann in der Amtskirche eben auch fast wie beim italienischen Militär: mehr Generäle als Soldaten und mehr Admirale als Schiffe…
    Aber was solls: wenn der oberste Klerus mit Franziskus an der Spitze der Meinung ist: die Kirchensteuerzahler stehen geschlossen hinter uns…

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