Papstappell für „Kultur des Friedens“

Zum Abschluss seiner Kaukasusreise hat Papst Franziskus eindringlich zu friedlicher Konfliktlösung sowie zum Dialog zwischen Kulturen und Religionen aufgerufen. Zudem forderte er eine „wirkliche und echte Freiheit“ für Religionen. „Es ist nicht der Moment gewaltsamer und schroffer Lösungen, sondern die drängende Stunde, geduldige Prozesse der Versöhnung einzuleiten“, mahnte das katholische Kirchenoberhaupt zum Abschluss seiner Reise bei einem interreligiösen Treffen in Baku in einer programmatischen Rede. Beim Treffen mit Vertretern aus Politik und Gesellschaft hatte er zuvor deutlich gemacht, warum er Aserbaidschan besuchte. Er sieht, ähnlich schon wie im Falle Albaniens, das Land als ein positives Beispiel für ein gelingendes Miteinander verschiedener Religionen. Es würden die Vorteile des Multikulturalismus sowie die „notwendige Komplementarität der Kulturen“ anerkannt. Dies zeige, „dass es möglich ist, die eigenen Vorstellungen und die eigene Lebensanschauung zu bezeugen, ohne die Rechte derer zu verletzten, die andere Auffassungen und Ansichten vertreten“.

Papst: Vom Glauben zum Frieden

Gleich nach der Landung in Baku feierte Papst Franziskus am Morgen einen Gottesdienst mit den Katholiken des Landes. Die stellen mit 570 von 9,6 Millionen Einwohnern eine verschwindend kleine Minderheit dar. „Glauben heißt dienen“, könnte man seine Botschaft kurz zusammenfassen. Dabei warnte er vor einer falschen Vorstellung von Gottes Handeln in der Welt. „Unsere Wünsche, welche die Welt und die Mitmenschen augenblicklich und fortwährend verändern wollen, unterstützt er nicht“, so Franziskus. Vielmehr verändere Gott die Welt „durch die Verwandlung unserer Herzen“. Wer den Glauben mit dem Dienst verbinde, dessen Herz bleibe offen und jung „und weitet sich durch gute Taten“. Der Dienst müsse ein Lebensstil sein, geprägt von „Offenheit und Verfügbarkeit, konkreter Nächstenliebe, nachdrücklichem Einsatz für das Gemeinwohl“. Der Papst warnte vor einem Herrschaftsdenken, durch das der Dienst zu einem Mittel werde und nicht mehr Ziel des Handelns sei.

Beim Treffen mit Vertretern aus Politik, Gesellschaft und Diplomatischem Korps machte Franziskus die Intoleranz als Nährboden für viele Konflikte aus. Daher forderte er einmal mehr eine „Kultur des Friedens“. „Diese Kultur nährt sich von einer ständigen Bereitschaft zum Dialog und von dem Bewusstsein, dass es keine Alternative gibt zur geduldigen und beharrlichen Suche nach Lösungen, die von allen mitgetragen werden, und dies durch faire und kontinuierliche Verhandlungen.“ Auch wenn Franziskus den Streit Aserbaidschans mit Armenien um die Region Berg-Karabach nicht eigens erwähnt, dürfte die Forderung, „Streitfragen und Unstimmigkeiten durch Dialog und Verhandlungen“ beizulegen, auf diesen Konflikt gemünzt sein. Dabei warnte Franziskus: „Jede ethnische oder ideologische Zugehörigkeit muss wie jeder echte religiöse Weg Haltungen und Auffassungen ausschließen, welche die eigenen Überzeugungen, die eigene Identität oder den Namen Gottes instrumentalisieren, um Bestrebungen, andere zu überwältigen und zu beherrschen, zu rechtfertigen.“ Die Hingabe an echte religiöse Werte sei „gänzlich unvereinbar mit dem Versuch, den anderen die eigenen Ansichten gewaltsam aufzuzwingen“.

Zum Verhältnis von Gesellschaft und Religion

Damit war die Spur gelegt für die interreligiöse Begegnung. Erstmals fand ein solches Treffen in Anwesenheit von Papst Franziskus in einer Moschee statt. Franziskus zeigte sich realistisch: „Die Brüderlichkeit und das Miteinander, das wir mehren möchten, werden bei denen, die Trennungen hervorheben, Spannungen neu entfachen und aus Gegensätzen und Streitigkeiten Gewinn ziehen wollen, keinen Beifall finden“, stellte er nüchtern fest und fügte hinzu: „Von denen, die das Gemeinwohl anstreben, werden sie jedoch inständig erfleht und erwartet“. Ziel müsse sein, nicht die eigenen Interessen im Blick zu haben, sondern das Gemeinwohl. Dabei sei es wichtig, „ohne Schwärmerei und ohne Formen von Interventionismus zu handeln, ohne schädliche Einmischungen und Zwangsmaßnahmen zu vollziehen, sondern stattdessen immer die geschichtlichen Entwicklungen, die Kulturen und die religiösen Traditionen zu respektieren“. Die Rolle der Religionen sei es dabei, eine Kultur der Begegnung und des Friedens aufzubauen, „die aus Geduld, Verständnis und bescheidenen konkreten Schritten besteht“.

Deutliche Worte fand Franziskus zum Thema Religionsfreiheit. Eine „ehrbare Verbindung“ zwischen Gesellschaft und Religion könne fruchtbar sein, so der Papst. Dabei müsse es sich um eine „respektvolle Allianz“ handeln. Er forderte, „der Religion eine wirkliche und echte Freiheit zu garantieren“. Dies bedeute, dass man den Menschen nicht einen Glauben aufoktroyieren und in seiner Entscheidungsfreiheit berauben dürfe. Zugleich warnte er aber auch davor, „weltliche Interessen“ sowie „Macht- und Geldgier“ mit Religion zu vermischen. Gott und damit Religion könne „keine Form von Fundamentalismus, Imperialismus oder Kolonialismus rechtfertigen“.  Franziskus verurteilte Gewalt im Namen Gottes erneut scharf. „Sein heiliger Name werde angebetet, nicht geschändet und verschachert von Hass und menschlichen Gegensätzen“, rief der Papst den anderen Religionsführern zu. In der „Nacht der Konflikte“, die die Welt aktuell durchmache, „Morgenröte des Friedens“ sein sowie „unermüdlich tönender Widerhall des Dialogs und Wege der Begegnung und der Versöhnung“. Dann sieht Franziskus auch eine Chance der Konfliktlösung an Stellen, „wo die offiziellen Vermittlungsversuche keinen Erfolg erzielen scheinen“.

Von der Religionsfreiheit zum Frieden

Zeit geht vor Raum, lautet eines der vier der Grundprinzipien von Papst Franziskus, die er in seinem Apostolischen Schreiben Evangelii gaudium als Maximen seines Handelns ausgegeben hat. Das gilt für innerkirchliche Fragen, wie man am synodalen Prozess zu Ehe und Familie sehen konnte. Das gilt für ihn aber auch in säkularen Prozessen. Die Ansprache zum Abschluss der Kaukasusreise zählt zu den programmatischen Reden, wenn es um das Verhältnis der Konfessionen und Religionen sowie der Frage nach Konfliklösung geht. Dialog und Begegnung sind für Franziskus die einzig mögliche Lösung für Konflikte. Das hat er auf der aktuellen Reise einmal mehr deutlich gemacht. Aserbaidschan ist für Franziskus ein Beispiel, „wie nicht der Gegensatz, sondern die Zusammenarbeit hilft, bessere und friedliche Gesellschaften aufzubauen“. Das muss allerdings in Freiheit geschehen, und es setzt Religionsfreiheit voraus. Die Botschaft von Franziskus ist klar: Wer Frieden will, muss die Religionsfreiheit achten. Und das in einem Land, an das im Süden Iran grenzt, im Norden Russland. Die Türkei ist nicht weit und die arabische Halbinsel ebenso.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

6 Kommentare

  • Wrightflyer
    03.10.2016, 11:54 Uhr.

    „Er sieht, ähnlich schon wie im Falle Albaniens, das Land als ein positives Beispiel für ein gelingendes Miteinander verschiedener Religionen.“
    Naja, aber zuletzt hatte wieder der Konflikt um Nagorny Karabach Schlagzeilen gemacht, wobei nicht so ganz klar ist, wer diesmal angefangen hat.

    Prinzipiell bin ich schon sehr froh um Franziskus‘ Versöhnungsbemühungen mit dem Islam.
    Sicher, wir Christen und die Muslime könnten uns noch lange gegenseitig vorwerfen, die schlimmsten Barbaren zu sein. Aber die gemeinsamen Feinde, die Waffenhändler und Kriegstreiber, machen dabei Party und lassen die Schampuskorken knallen.
    Das heißt natürlich nicht daß man blind alles am Islam gutheißt. Aber man muss sich bemühen zu verstehen und zu differenzieren. Die Wahabiten sind NICHT der ganze Islam! Und Zulauf zu radikalen Strömungen kommt gerade auch aus einem Gefühl der Hilflosigkeit und Ohnmacht angesichts von Militärinterventionen mit sehr vielen unschuldigen Opfern!

    • Wanda
      05.10.2016, 3:06 Uhr.

      – was wollen Sie eigentlich ? Die Realität ist, dass die bösen Waffenhändler „nur“ einen sich ihnen bietenden Markt und seine Bedürfnisse mit den entsprechenden Abnehmern bedienen. Ohne Käufer, kein Lieferant. So einfach ist das im Grunde.
      – Vielleicht sind dann doch Letztere, d.h. die nach Waffen gierenden Abnehmer (ob nun Christen, Moslems oder sonst was) die wirklich Bösen ?

  • neuhamsterdam
    03.10.2016, 23:14 Uhr.

    „Franziskus verurteilte Gewalt im Namen Gottes erneut scharf.“
    Freiheit herrscht nicht, wurde schon von jemand geäußert. Religionsfreiheit und Menschenrechte können auch herrschen, denkt man an den Augustus, der sich als Friedenskaiser gesehen hat und als das gesehen werden wollte und gesehen werden mußte, wollte man in Frieden leben, das war auch das römische Friedensbild; wenn Roms Soldaten erfolgreich waren, war Frieden. Die Religion war dabei nur eine kulturelle Bereicherung, solange nur die Oberhoheit des Kaisers akzeptiert wurde.

    • Wanda
      05.10.2016, 3:21 Uhr.

      Augustus und Menschenrechte ? […]* Alles was sich ihm in den Weg stellte, wurde gegen Gesetz und ohne Skrupel aus dem Wege geräumt. Sogar die Republik wurde ganz im Sinne der Absicht seines Ziehvaters Cäsar (durchaus geschickt) „abgeschafft“. Von seinen Eroberungskriegen ganz zu schweigen.
      Natürlich war das damals nicht ungewöhnlich, nur sollten Sie das Wort Menschenrechte in Zusammenhang mit Augustus nicht verwenden. Und sobald eine Religion ihn als oberste Instanz in Frage stellte (siehe Judäa), war’s mit der Religionsfreiheit vorbei…
      Für das privilegierte Rom und seine Bürger gab allerdings in der Tat eine Ära des Friedens…

      *Der Beitrag wurde wegen des Verstoßes gegen die Netiquette editiert.

    • bernardo
      08.10.2016, 20:31 Uhr.

      Dieser „Friedenskaiser“ hat Kriege geführt wie kaum ein anderer nach ihm. Der Friede war auf den inneren Frieden beschränkt, und auch der wurde erst nach dem blutigsten Bürgerkrieg erreicht, in dem Augustus sich als junger Terrorist hervorgetan hatte. Er soll auf dem Totenbett um Applaus gebeten haben, wie ein Schauspieler, der eine Rolle gespielt hatte. Und das hatte der „pater patriae“ wohl auch.

      • Alberto Knox
        09.10.2016, 21:50 Uhr.

        eine äußerst differenzierte haltung zu einem militärdiktator, dem europa dennoch einiges zu verdanken hat. von einem mäzenatentum, von dem die schulbildung bis heute lebt, ganz zu schweigen.

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