Arbeit, Arbeit und nochmals Arbeit für den Papst

Das Jahr 2015 war das Jahr der Reisen für Papst Franziskus: vier Kontinente, elf Länder. 2016 könnte das Jahr der „Hausarbeiten“ werden. Die inneritalienischen Reisen wurden für 2016 vor wenigen Tagen abgesagt. Aus dem Umfeld des Kirchenoberhaupts ist zu hören, dass sich die Akten auf seinem Schreibtisch türmen und er auch Audienzen im Vatikan streicht. Franziskus ist bald drei Jahre im Amt. Auf dem Rückweg von Bangui nach Rom sagte er gleich zweimal, dass ihn die Reisen anstrengten. Vatileaks 2 und vor allem die Bischofssynode in Rom haben Franziskus gezeigt, der Widerstand gegen seine Vorhaben ist groß. Jetzt muss er Hausaufgaben machen, sein Haus bestellen, so dass die Veränderungen nachhaltig implementiert werden können.

Das bedeutet nicht, dass er schon ans Ende seines Pontifikats denkt. Aber ihm dürfte bewusst geworden sein, dass das große Projekt „Reform der Kurie und Neuausrichtung der katholischen Kirche“ seine ganze Kraft in den Zentrale erfordert. Da kommt das Heilige Jahr ganz gelegen; denn mit der Begründung, das Jubiläumsjahr binde seine Kräfte in Rom, lässt sich so mancher Termin gesichtswahrend absagen oder verschieben. Das musste als einer der ersten der Erzbischof von Mailand, Kardinal Angelo Scola erfahren. Hatte er noch vor wenigen Wochen mit der freudigen Nachricht aufwarten können, Franziskus werde Mitte Mai die Metropole in der Lombardei besuchen. So ist das Unternehmen vorerst auf Eis gelegt. Bei Beobachtern löst diese Absage Schmunzeln aus; hatte Franziskus Scola doch schon einmal sitzen lassen, als er Ende 2014 eine geplante Audienz des Kardinals mit Vertretern der Expo2015 im Vatikan kurzfristig platzen ließ. Damals war die Begründung „päpstliches Unwohlsein“.

Neue Kongregationen vor Start

Für Franziskus sind die „Hausaufgaben“, die er zu machen hat, sicherlich kein Vergnügen. Will er doch als Papst Seelsorger sein und nicht Verwalter. Doch statt sich mit Gläubigen zu treffen, die allerdings ehrlicherweise zu Beginn des Heiligen Jahres derzeit eher spärlich nach Rom kommen, musste er gerade wieder drei Tage mit seinem Kardinalsrat K9 Akten studieren und sich stundenlange Vorträge und Diskussionen über Finanzen und Strukturen anhören. Dafür wurde er im März 2013 gewählt. Er hatte sich allerdings das Vorhaben wohl leichter vorgestellt. Nur langsam kommen die Reformen voran; aber es bewegt sich etwas. Die Fusion mehrerer Päpstlicher Räte und anderer vatikanischer Institutionen scheint auf der Zielgeraden. Das ist dem Kommuniqué zu entnehmen, das Vatikansprecher Federico Lombardi nach dem jüngsten Treffen veröffentlicht hat. Die Fusion der Päpstlichen Räte für Laien, Familie und der Päpstlichen Akademie für das Leben hatte Franziskus ja bereits während der Familiensynode im Oktober bekannt gegeben. Daneben wird es zur Zusammenlegung der Päpstlichen Räte für Justitia et Pax, Cor Unum, Migranten und Krankendienst kommen.

Die neuen Dikasterien sind so weit, dass Franziskus nun die „letzten Entscheidungen“ zu treffen habe. Sprich es geht jetzt auch um Personalien. Wer wird künftig die neuen Kongregationen leiten? Bei der Caritaskongregation läuft alles auf den bisherigen Sozialminister Kardinal Peter Turkson hinaus; auch wenn dem Moderator der K9 und Erzbischof von Tegucigalpa in Honduras, Kardinal Oscar Rodriguéz Maradiaga, immer wieder Ambitionen auf diesen Posten im Vatikan nachgesagt werden. Dem langjährigen Präsidenten von Caritas internationalis Rodriguéz Maradiaga hat die Arbeit im politischen Bereich immer viel Spaß gemacht. Schwieriger wird es bei der Kongregation für Laien, Familie und Leben. Hier konkurrieren die beiden Präsidenten Erzbischof Vincenzo Paglia vom Familienrat und Stanislaw Rylko vom Laienrat um den Chefposten. In der Vergangenheit wurde meist Rylko als neuer Präfekt gehandelt. Doch auch Paglia hat mit der Gemeinschaft Sant’Egidio mächtige Fürsprecher mit einem direkten Draht zum Papst. Es war allerdings auffallend, dass der Familienminister im synodalen Prozess zu Ehe und Familie in den vergangenen beiden Jahren eher eine Nebenrolle spielte. Der Name Paglia fällt auch immer wieder im Zusammenhang mit finanziellen Unregelmäßigkeiten im Bistum Terni, das er vor seinem Job im Vatikan leitete. In diesem Herbst wurden die Ermittlungen gegen den 70-jährigen Erzbischof eingestellt, was Paglia über den großen Medienverteiler seines Dikasteriums allen Journalisten mitteilen ließ.

Das leidige Thema Finanzen

Die Finanzen waren auch einmal mehr großes Thema bei der K9-Sitzung. Die war überschattet vom Vatileaks-2-Skandal. Papst Franziskus hatte bereits vor 10 Tagen an der Sitzung des Wirtschaftsrats, der unter Leitung von Kardinal Reinhard Marx das höchste Finanzaufsichtsgremium in der katholischen Kirche ist, teilgenommen und dem Gremium seine vollste Unterstützung zugesichert und sein Vertrauen ausgesprochen. Marx berichtete in der K9-Sitzung über die aktuelle Arbeit und darüber, wie es zur Entscheidung kam, PricewaterhouseCooper mit der Aufgabe der externen Bilanzprüfung zu beauftragen. Kardinal George Pell informierte darüber, dass es eine neue Arbeitsgruppe gibt, die sich über die „Zukunft“ der Finanzen des Heiligen Stuhls und des Vatikanstaats Gedanken machen soll. Darin sind die wichtigsten Finanzplayer der beiden Entitäten vertreten. Das Büro Pell scheint nach zwei Jahren Arbeit erkannt zu haben, dass er nur mit den bisherigen Playern zusammen Reformen durchführen kann und nicht gegen sie oder über sie hinweg. So sind das Staatssekretariat, das Governatorat, als Vatikanstaatsverwaltung, die Apostolische Güterverwaltung (APSA), die Missionskongregation Propaganda Fide, das neue Sekretariat für Kommunikation sowie die Vatikanbank IOR vertreten.

Es gab übrigens noch eine neue Kommission. Der Vatikan gab gestern bekannt, dass Franziskus eine „Päpstliche Kommission für die Aktivitäten von öffentlichen juristischen Personen der Kirche im Gesundheitsbereich“ geschaffen hat. Die Kommission wird aus einem Präsident und sechs Experten aus den Bereichen Gesundheitsdienst, Immobilienverwaltung und Finanzverwaltung bestehen. Hintergrund dieses neuen Gremiums sind wiederholte finanzielle und administrative Unregelmäßigkeiten in der Verwaltung italienischer kirchlicher Krankenhäuser. Franziskus zieht auch hier die Zügel an. Entscheidend wird sein, wie die Kommission personell besetzt sein wird. An diesem Punkt zeigt sich übrigens ein großes Problem der aktuellen Umbruchprozesse. Während einerseits die K9 das Thema Dezentralisierung diskutiert hat und für das nächste Treffen im Februar als Hauptthema festgesetzt hat, versucht Franziskus durch eine gewisse Zentralisierung Fehler unterer Ebenen abzustellen. Dezentralisierung funktioniert nur dann, wenn die unteren Ebenen in der Lage sind, die Arbeit auch gut zu machen.

Datum für Mexikoreise steht

Das Treffen der vergangenen Woche war die 12. Sitzung der K9. Für 2016 plant sie wieder fünf Sitzungen: 8.-9. Februar, 11.-13. April, 6.-8. Juni, 12.-14.September und 12.-14. Dezember. Die nächste Sitzung findet also unmittelbar vor der nächsten Auslandsreise von Papst Franziskus statt. Bei einem Gottesdienst zu Ehren der Muttergottes von Guadelupe im Petersdom gab er gestern Abend den Termin für seine Mexikoreise bekannt. Vom 12. bis 18. Februar will er das mittelamerikanische Land besuchen. Dabei setzt er einmal mehr Zeichen: Er besucht die Unruheregion Chiapas und feiert in San Cristóbal de Las Casas einen Gottesdienst mit Indigenen. Er beendet seine Visite mit einem demonstrativen Abstecher an die Grenze zwischen Mexiko und den USA in Ciudad Juárez. Dort besucht er ein Gefängnis, trifft Arbeiter und feiert einen großen Gottesdienst.

Unterdessen gibt es erste Spekulationen, welches Thema die nächste Ordentliche Bischofssynode haben könnte, die, wenn alles im normalen Rhythmus bleibt, im Herbst 2018 stattfinden müsste. Als Vorschläge liegen die Themen Synodalität, Jugend und Priester auf dem Tisch. Schon sehen die Kritiker des Papstes, wie der italienische Vatikanist Sandro Magister, das Ende des Pflichtzölibats am Horizont aufziehen. Doch so schnell wird das nicht kommen; dazu in den nächsten Tagen hier mehr im Blog. Das nachsynodale Schreiben zur Familiensynode dürfte noch vor Ostern kommen, so hört man zumindest aus dem Umfeld des Papstes. Mit dem Zusatz: „Wenn nicht noch jemand querschießt!“

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.

15 Kommentare

  • Silvia
    13.12.2015, 17:45 Uhr.

    Ich habe sowieso nie verstanden, warum Päpste so viel reisen „müssen“. Das geht auf JPII zurück und bisher haben sich seine beiden Nachfolger offenbar nicht getraut, das Reiseprogramm zu reduzieren.

    Weitaus wichtiger für das Durchsetzen von Reformen, die das jetzige Pontifikat überdauern, sind wirklich die „Hausaufgaben“.

    Und dazu kommt noch der Dauerbrenner Finanzen, der wohl nie ein Ende findet und den Papst daheim genug beschäftigt.

    Übrigens kurz eine persönliche Bemerkung:

    Ich werde ab dem 17.12. zu einer Operation im Krankenhaus sein und dort auch über Weihnachten bleiben müssen, hier im Blog also eine Weile nicht anwesend sein. Ich besitze kein internetfähiges Handy und denke auch, dass mir eine Pause vom Internet gut tun wird.

    • Alberto Knox
      14.12.2015, 22:05 Uhr.

      liebe silvia,

      ich wünsche ihnen auf diesem wege eine baldige genesung und vor allem gesegnete weihnachten und einen guten rutsch. ein paar tage ohne www haben sicher niemandem geschadet!

    • Ursula
      14.12.2015, 22:06 Uhr.

      liebe Sylvia, Gottes Segen für Ihren Krankenhausaufenthalt. Ich lese immer mit Interesse und oft Zustimmung Ihre Beiträge und werde sie in der nächsten Zeit vermissen. Vielleicht ein Buchtipp fürs Krankenhaus, falls Sie kräftig genug sein werden.
      Andreas Englisch Der Kämpfer im Vatikan, Papst Franziskus und sein mutiger Weg, Bertelsmann
      Mir erklärt das Buch einiges, warum Papst Franziskus vieles nicht anpackt und auf der anderen Seite aber auch auf verschiedenen Feldern einschneidende Veränderungen vorgenommen hat, die das Selbstverständnis des Klerus betreffen, besonders der Kurie.Bleiben Sie behütet.

    • Wanda
      14.12.2015, 22:10 Uhr.

      Silvia 17:45
      – es gibt sicher passendere Orte, um Weihnachten zu verbringen. Wenn´s allerdings um die Gesundheit geht, kann man es sich meist nicht aussuchen. Hauptsache, Sie werden wieder gesund. Nur nicht unterkriegen lassen…

    • Wrightflyer
      15.12.2015, 23:40 Uhr.

      Von mir auch alles Gute für Ihren Krankenhausaufenthalt und gute Besserung!
      [ …] *
      *editiert

    • bernardo
      21.12.2015, 14:03 Uhr.

      Alles Gute und schnelle Genesung.

      Und ein gesegnetes Weihnachtsfest, liebe Silvia.

  • silberdistel
    14.12.2015, 1:02 Uhr.

    Der römische Augiasstall bedarf eben Sisyphusarbeiter. Wo bleiben nur die Helfer aus den Reihen der „Würdenträger“? Eine Kirche ist schließlich keine onemanshow.
    Macht der Papst, der sich die arme Kirche zum Ziel gesetzt hat, nun in Mexico Ernst und gibt wenigstens einen Teil des ehemals entwendeten Gold- und Silberschatzes, dem sog. „Blutgold“, den indigenen Völkern zurück? Er soll nach dem der USA immerhin der zweitgrößte sein. Es wäre ein Zeichen der Glaubwürdigkeit dieses so ambitionierten Pontifikats.

  • Alberto Knox
    14.12.2015, 22:11 Uhr.

    synodalität, jugend und priester sind alles drei würdige themen für eine schonungslose bestandsaufnahme. der schon weltweite priestermangel wäre wohl ein ausgesprochen wichtiges thema – schließlich ist die sonntägliche eucharistiefeier der christInnen eines der höchsten und wichtigsten rechte, die es gibt. in südamerika schaut es diesbezüglich zappenduster aus. und an diese zustände werden wir uns in europa bald gewöhnen müssen (denn der import von polen und indern, salopp gesagt, ist eine temporäre zwischenlösung). in 20 jahren wird – wenn nicht ein wunder passiert – eine spirituelle verwüstung stattfinden, die ihresgleichen sucht in der geschichte europas. dass kann und darf die kirche nicht zulassen.

    • Wrightflyer
      18.12.2015, 0:06 Uhr.

      Genaugenommen hängen die Themen Jugend und Priester miteinander zusammen. Und die Themen Synodalität und Priester. Hier hat man also eine Dreicksbeziehung.
      Diese Themen lassen sich aber schlecht alle 3 auf einer Synode abhaken.
      So gesehen wäre es vielleicht wirklich an der Zeit für ein neues Konzil.

      A propos Jugend… aber das erzähle ich nächstes Jahr.

  • Micaela Riepe
    15.12.2015, 12:32 Uhr.

    Wer gestern spätabends beim ARD den Film „Geheimsache Pontifex“ verpasst hat,
    hier der Link:

    http://www.ardmediathek.de/tv/Reportage-Dokumentation/Dokumentarfilm-im-Ersten-Geheimauftrag-/Das-Erste/Video?documentId=32250936&bcastId=799280

    Sehenswert, auch gerade unter dem Aspekt, welche Bedingungen Franziskus vorgefunden hat!

    • Silvia
      15.12.2015, 18:40 Uhr.

      Ein sehr interessanter Dokumentarfilm, ich habe ihn eben gerade angeschaut.

  • Silvia
    15.12.2015, 17:09 Uhr.

    Vielen Dank Allen, die mir alles Gute zur bevorstehenden Operation gewünscht haben!

    @Ursula, das Buch von Andreas Englisch werde ich mir im Neuen Jahr gönnen, danke für die Empfehlung.

    Von der Krankenhausaufenthalt habe ich leichte, überwiegend heitere, Lektüre vorgesehen. Ein Papstbuch ist da auch dabei: Hosianna, ein Papstkrimi.

    Irgendwie kriminell geht es ja auch im realen Umfeld des Papstes gerne mal zu.

  • Student
    15.12.2015, 22:32 Uhr.

    Meiner Meinung nach sollte sich die nächste Synode um die Jugend kümmern…
    Diese Generation braucht den Beistand der Kirche und die Bischöfe sollten sich dem Thema annehmen.
    Vor allem eine spirituelle und moralische Verwahrlosung ist bei vielen Jugendlichen zu beobachten.
    Auch ein gefährlicher Egoismus macht sich breit unter jungen Menschen. Das ist für keine Gesellschaft gesund…
    Und wenn die Jugend zum Glauben an Gott geführt wird, dann entschließen sich vielleicht auch junge Menschen zum geweihten Leben.
    Liebe zu Gott braucht die Welt!
    Gesegnete Adventszeit!

    • Wrightflyer
      17.12.2015, 23:57 Uhr.

      Ich stimme Ihnen vollständig zu! Sie haben, glaube ich, den Nagel auf den Kopf getroffen.

  • heilbründl
    16.12.2015, 0:32 Uhr.

    Sehr geehrter Herr Erbacher, hatte gestern endlich zeit die Katakomben – Doku anzusehen. War sehr interessant, besonders Bischof Kräutler hat mich beeindruckt. Danke für die Mühe!
    […]

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