Rückblick: Widerstand gegen den Papst?

14.9.2015: Die Wochenzeitung „Die Zeit“ hat Mitte September die Papstfreunde aufgeschreckt. Es kursiere an der Kurie ein Dossier, das die „Sünden“ des Papstes zusammenfasse. Es formiere sich Widerstand gegen Franziskus.  Ja, es gibt eine Stellungnahme zu den Neuregelungen der Ehenichtigkeitsverfahren vom vergangenen Dienstag, die dem Autor auch vorliegt. Nein, sie taugt nicht für einen organisierten Widerstand. Das Papier reiht sich ein in eine Vielzahl von Stellungnahmen und Aktenvermerken, die es an der Kurie zu Entscheidungen des Papstes gibt. Es wurde von einem einzelnen Autor als Auftragswerk erstellt. Hinter dem Text steht also keine Gruppe, die damit an der Kurie Politik machen möchte. Das erledigen jetzt die Medien, die daraus eine Verschwörung machen.

Es gibt Kritik an der Kurie

Es ist kein Geheimnis, dass es kritische Stimmen zu Franziskus in der Kurie gibt, auch offenen oder versteckten Widerstand. Mit der vorliegenden Reform der Ehenichtigkeitsverfahren hat Franziskus bei vielen Kurialen Kopfschütteln ausgelöst, aber nicht nur bei diesen. Die kritischen Reaktionen kommen aus aller Welt. Angesichts eines nur wenige Seiten umfassenden Papiers bei der von „Der Zeit“ zitierten Stellungnahme von einem Dossier zu sprechen, scheint doch etwas übertrieben.

Das Papier zeigt im ersten Teil auf, wie Franziskus einmal mehr bei der Umsetzung der Eherechtsreform eigenwillige Wege gegangen ist. Das wurde hier im Blog bereits in der vergangenen Woche angemerkt. So wurde etwa der Päpstliche Justizrat nicht offiziell mit der Sache befasst. Sein Präsident, der der Reformkommission angehörte, wurde, wie alle Mitglieder der Kommission, zum Schweigen verpflichtet und konnte so die Expertise seiner Behörde nicht in den Reformprozess einbringen. Gleiches gilt für den Vertreter der Apostolischen Signatur in der Reformgruppe. Dieses Vorgehen ist für Franziskus nichts Neues. Einerseits setzt er auf eine breite Konsultation; andererseits entstehen Entscheidungen in kleinsten, undurchschaubaren Zirkeln. Das war bei der Errichtung der neuen Finanzarchitektur nicht viel anders. Sicherlich ist ein Grund dafür das Misstrauen des argentinischen Pontifex gegenüber der Römischen Kurie. Dann hätte er das Vorhaben wenigstens in seinem Kardinalsrat, der berühmten K9, beraten können. Doch das ist nicht geschehen.

Papier zeigt Probleme auf

Der zweite Teil der Stellungnahme setzt sich mit einzelnen Neuregelungen kritisch auseinander. Letztendlich werden hier die Punkte benannt, die auch Kirchenrechtler in Deutschland in den letzten Tagen als problematisch angemerkt haben. Das Papier wurde vom Verfasser auf Anfrage erstellt, um die Vorgänge vom letzten Dienstag einordnen zu können. Es wurde auf Nachfrage an zwei Personen in der Kurie weitergegeben. Dabei ging es den Interessenten um eine Einschätzung der Reform. Es orientiert sich dabei strikt an der Reform der Ehenichtigkeitsverfahren. Auf andere Vorgänge an der Kurie geht es nicht ein. Zur Verschwörung taugt es also nicht. Allerdings wird es natürlich gerne von den Kreisen gelesen, die den amtierenden Pontifex kritisch sehen. Sie werden das Papier aufnehmen in ihr Sündenregister, dass sie seit vielen Monaten führen.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.