Der Balkan und ein Papst-Jubiläum

Seit Wochen dreht sich die Diskussion um Flüchtlinge vom Balkan. Heute trifft sich in Wien die Westbalkan-Konferenz. Es geht unter anderem um die Frage, welche Länder „sichere Herkunftsstaaten“ sind. Der Balkan war bis vor der großen Flüchtlings-Diskussion eine vergessene Region. Umso größer war die Verwunderung, als Papst Franziskus im September 2014 Albanien und im vergangenen Juni Sarajevo besuchte. Im Vatikan schien man sich bewusst, dass die Region zwar am Rande Europas liegen mag; aber doch ins Zentrum des Interesses gehört. Armut, tiefe Risse in den Gesellschaften nach den ethnischen Konflikten nach dem Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren, Korruption und mafiöse Strukturen prägen die Region. Deshalb braucht es Anstrengungen, die Situation dort zu stabilisieren.

Papst wollte Aufmerksamkeit wecken

Die Papstreisen hatten ein doppeltes Ziel. Es ging darum, das Interesse der Weltgemeinschaft auf eine vergessene Region zu richten. Franziskus wollte aber auch die Menschen dort ermutigen, sich aufzuraffen und an einer besseren Zukunft mitzuarbeiten: Frieden. Dialog und vor allem Versöhnung war seine Botschaft in Sarajewo im Juni. Denn es sind vor allem auch die immer noch vorhandenen ethnischen Spannungen, die viele Menschen auf dem Balkan zur Migration bewegen. Beim Treffen mit den politisch Verantwortlichen und Diplomaten stellte er fest: „Um sich erfolgreich der Barbarei derer entgegenzustellen, die jeden Unterschied zum Anlass und Vorwand für immer grausamere Gewalt nehmen möchten, ist es nötig, dass wir alle die Grundwerte des gemeinsamen Menschseins anerkennen. Im Namen dieser Werte kann und muss man zusammenarbeiten, aufbauen und miteinander reden, vergeben und wachsen und so es den verschiedenen Stimmen möglich machen, einen edlen harmonischen Gesang zu bilden anstatt fanatischen Hassgeschreis.“

Im Mittelpunkt der Predigt beim Gottesdienst im Olympiastadion von Sarajevo stand das Thema Frieden: „Der Friede ist Werk der Gerechtigkeit. Auch hier gilt: Es ist nicht eine vorgetragene, theoretisch durchgespielte, geplante Gerechtigkeit, sondern eine praktizierte und gelebte Gerechtigkeit. Und das Neue Testament lehrt uns, dass die vollkommene Erfüllung der Gerechtigkeit darin besteht, ‚den Nächsten zu lieben wie sich selbst‘ (vgl. Mt 22,39; Röm 13,9). Wenn wir mit der Gnade Gottes dieses Gebot befolgen, wie ändern sich dann die Dinge! Weil wir uns ändern! Diese Person, dieses Volk, das ich als Feind ansehe, hat in Wirklichkeit das gleiche Gesicht wie ich, das gleiche Herz wie ich, die gleiche Seele wie ich. Wir haben den gleichen Vater im Himmel. Daher bedeutet die wahre Gerechtigkeit, dieser Person, diesem Volk das zu tun, von dem ich möchte, dass es mir und meinem Volk getan werde (vgl.  Mt 7,12).“ Franziskus Botschaft an diesem Tag: nicht nur von Frieden und Gerechtigkeit reden, sondern handeln!

Gegen Korruption

In Albanien im September 2014 sprach Franziskus beim Treffen mit den Politikern ein heikles Thema an: Wohlstand und Wachstum müssen allen zugutekommen: „In einer Welt, die zur wirtschaftlichen und kulturellen Globalisierung neigt, müssen alle Anstrengungen unternommen werden, damit das Wachstum und die Entwicklung allen zur Verfügung gestellt werden und nicht nur einem Teil der Bevölkerung.“ Oft herrscht in diesen Ländern eine Situation, dass einige wenige, bisweilen korrupte Reiche und Politiker vom Wachstum profitieren, ein großer Teil der Bevölkerung aber nicht. In Albanien, wie später auch in Sarajevo, nahm er das sensible Miteinander der Religionen in den Blick. Neben der gemeinsamen Sorge für das Gemeinwohl nahm er eine zweite Haltung in den Blick: „Die […] besteht darin, in jedem Mann und jeder Frau – auch in denen, die nicht der eigenen religiösen Tradition angehören – nicht Rivalen und noch weniger Feinde zu sehen, sondern Brüder und Schwestern. Wer sich seiner eigenen Überzeugungen sicher ist, hat es nicht nötig, sich durchzusetzen und Druck auf den anderen auszuüben: Er weiß, dass die Wahrheit ihre eigene Strahlkraft besitzt. Im Grunde sind wir alle Pilger auf dieser Erde, und auf dieser unserer Reise leben wir in unserer Sehnsucht nach Wahrheit und Ewigkeit nicht als autonome Wesen, die sich selbst genügen – weder als Einzelne noch als nationale, kulturelle oder religiöse Gruppen –, sondern hängen voneinander ab, sind gegenseitig der Sorge der anderen anvertraut. Jeder religiösen Tradition muss es von innen her gelingen, dem Dasein des Anderen Achtung zu zollen.“

Franziskus hat die katholische Kirche auf dem Balkan darauf verpflichtet, in diesem Sinne daran mitzuarbeiten, dass die Menschen dort keinen Grund mehr haben, ihre Heimat zu verlassen. Alleine wird der Balkan es nicht schaffen!

100. Generalaudienz

Gestern hielt Franziskus die 100. Generalaudienz seiner Amtszeit. Papst Paul VI. hatte die Tradition der wöchentlichen Begegnung mit den Pilgern in den 1960er Jahren begründet und seine Nachfolger haben sie fortgesetzt. Franziskus hat der Veranstaltung seinen ganz eigenen Stempel aufgebrückt. Anders als Johannes Paul II. und Benedikt XVI. spricht er nur Italienisch. Die Zusammenfassung seiner Katechese in Englisch, Französisch, Spanisch, Deutsch, Portugiesisch, Arabisch und Polnisch lässt er von Mitarbeitern des Vatikanischen Staatssekretariats verlesen. Das war bei seinen Vorgängern, mit Ausnahme des Arabischen, anders. Länger als bei seinen Vorgängern fallen die Begegnungen mit den Pilgern aus.

Franziskus genießt das wöchentliche Bad in der Menge und nimmt sich viel Zeit für die Runden mit dem Papamobil auf dem Platz. Lange nimmt sich Franziskus Zeit für die Begegnung mit Kranken und Menschen mit Behinderung sowie die sogenannte „Prima Fila“. Nach Angaben der Präfektur des Päpstlichen Hauses haben bisher rund 3,3 Millionen Menschen an diesen Audienzen teilgenommen. Nimmt man die Privataudienzen, liturgischen Feiern und das sonntägliche Mittagsgebet hinzu, sind es nach Vatikanangaben 15 Millionen Teilnehmer seit der Wahl Jorge Mario Bergoglios zum Papst im März 2013. Allerdings sind die Teilnehmerzahlen bei den Mittwochsaudienzen im 3. Amtsjahr nciht mehr so groß wie zu Beginn.

Hinweise auf Synode?

Interessant ist übrigens seine aktuelle Katechesereihe zu „Ehe und Familie“. Hier versucht er ein positives Bild von Familie zu zeichnen, ohne die Probleme auszuklammern. Während es dem Papst vor allem darum geht, die Familien zu bestärken, legen Beobachter jedes Wort auf die Goldwaage und klopfen die Ansprachen auf mögliche Bezüge zur bevorstehenden Familiensynode ab. Doch Franziskus bleibt auch bei diesen Katechesen wage. Etwa als er vor drei Wochen davon sprach, dass Menschen, deren Ehe gescheitert ist und die eine neue Beziehung eingehen, nicht exkommuniziert seien. Das ist nicht neu; auch wenn in vielen Gemeinden vor Ort die Betroffenen oft andere Erfahrungen machen. Beobachter sahen ein vorsichtiges Signal des Papstes in Richtung der Wiederzulassung von wiederverheirateten Geschiedenen zur Kommunion. Doch davon hatte Franziskus nicht gesprochen. Allerdings hat er einen ganz interessanten Kniff gemacht. Er legte den Fokus auf die Kinder.

Die neuen Verbindungen sollen mit den Augen der Kinder betrachtet werden, so Franziskus. „Dann erkennen wir noch mehr die dringende Notwendigkeit, in unseren Gemeinden eine echte Annahme der Personen zu entwickeln, die in solchen Situationen leben.“ Die Kinder litten am meisten unter der Situation, so Franziskus. „Wie können wir im Übrigen diesen Eltern raten, alles zu tun, um die Kinder zum christlichen Leben zu erziehen und ihnen Vorbild eines überzeugten und praktizierten Glaubens zu sein, wenn wir sie vom Leben der Gemeinde fernhalten, so als wären sie exkommuniziert? Man muss dafür sorgen, dass ihnen keine weiteren Lasten aufgebürdet werden über jene hinaus, die die Kinder in diesen Situationen bereits zu tragen haben!“

Diese Worte erinnerten mich an den Bericht eines Kardinals aus einem Gespräch mit Papst Franziskus. Es ging um die Vorbereitung auf die Erstkommunion. Hier gebe es oft die Schwierigkeit, so der Kardinal zum Papst, dass den Kindern vom liebenden Gott berichtet wird, der etwa auch in der Beichte verzeiht, und der zum Mahl einlädt; man dann den Kindern aber sagen müsse, dass die eigenen Eltern nicht eingeladen seien und sie durch ihre neue Verbindung, die die Kinder oft als bereichernd erfahren, etwas getan haben, das Gott nicht verzeiht. Darauf der Papst empört: „Das geht nicht!“

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.