Koch neuer Erzbischof in Berlin

Jetzt ist es offiziell. Heiner Koch, bisher Bischof von Dresden-Meißen, ist neuer Erzbischof von Berlin. Der Vatikan gab heute die Ernennung durch Papst Franziskus offiziell bekannt. Neben Freude über die Ernennung gab es auch kritische Stimmen. Vor allem die Bischöfe aus den Diözesen im Osten Deutschlands äußerten Vorbehalte gegen die Ernennungspraxis des Vatikans, nicht gegen die Person Koch. Im Vatikan hat heute unterdessen das 10. Treffen des Kardinalsrats K9 begonnen. Über die Tagesordnung der dreitägigen Beratungen gibt es bisher keine Informationen. Wenig bekannt wurde auch über den Inhalt des 90-Minuten-Gesprächs von Papst Franziskus mit der argentinischen Präsidentin Cristina Fernández de Kirchner gestern am späten Nachmittag.

Jubel und Kritik

Berlin jubelt, und in den anderen Bistümern im Osten Deutschlands herrscht unter manchen Katholiken, zumindest unter den Bischöfen so etwas wie Katerstimmung. Einmal mehr wurde ein Bischof nach nur kurzer Amtszeit in einem Bistum versetzt. Der Vorgänger Kochs in Berlin, Kardinal Rainer Maria Woelki, zog nach nur drei Jahren im Amt des Berliner Erzbischofs Anfang September 2014 weiter nach Köln. Der jetzige Augsburger Bischof Konrad Zdarsa war 2007 zum Bischof von Görlitz ernannt und ebenfalls nach drei Jahre nach Augsburg versetzt worden. Der Magdeburger Bischof Gehard Feige stellte dazu heute fest, es entstehe „der Eindruck, ostdeutsche Bistümer seien inzwischen so etwas wie ein ‚Verschiebebahnhof‘ oder wie ‚Praktikumsstellen‘ zur Qualifizierung für ‚höhere Ämter‘. Die Ernennung Kochs bezeichnete er als „fragwürdig“. Er nehme „Unverständnis und Enttäuschung auch bei anderen wahr“.

Nach Ansicht des Magdeburger Bischofs trage die Versetzungspraxis angesichts der ohnehin schwierigen Situation der Katholiken in den neuen Bundesländern zur „weiteren Destabilisierung kirchlicher Verhältnisse“ bei. Im Falle Dresden-Meißens werde durch die Vakanz der begonnene Reformprozess „abgebremst oder gar zurückgeworfen“. Zudem stehe der Katholikentag 2016 in Leipzig in der Vorbereitung jetzt ohne einen „bischöflichen Hausherrn“ da. Auch der Görlitzer Bischof Wolfgang Ipolt und der Erfurter Oberhirte Ulrich Neymeyr ließen in ihren Gratulationserklärungen Kritik erkennen. Ipolt betonte: „Es wäre mein Wunsch, dass Versetzungen von Bischöfen nach sehr kurzer Zeit nicht die Regel in unserer Kirche werden – denn auch hier in der Diaspora im Osten Deutschlands braucht es in Zukunft tatkräftige Hirten für das Volk Gottes“. Neymeyer wünscht, dass die Stelle in Dresden „nicht nur mit Blick auf den Leipziger Katholikentag 2016 bald besetzt wird und es dem neuen Bischof möglich ist, länger als nur wenige Jahre dort zu dienen“.

Bischof Koch erklärte, der Vatikan habe ihm zugesichert, dass die Stelle in Dresden schnell wieder besetzt werde. Das Domkapitel an der Elbe will noch in diesem Juni dem Nuntius in Berlin seine Dreierliste mit den möglichen Kandidaten zukommen lassen. Allerdings ist bei deutschen Bischofsernennungen eine Verfahrenszeit von weit über einem halben Jahr die Normalität. Zur Kritik seiner ostdeutschen Amtskollegen erklärte Koch: „Schnelle Wechsel finde ich auch fragwürdig, aber ich bleibe im Osten und werde als Berliner Metropolit dazu beitragen, dass die ostdeutschen Anliegen eine gewichtige Stimme in der Deutschen Bischofskonferenz erhalten.“

Große Herausforderungen

Sein neues Amt in Berlin wird Koch erst im September antreten. Ein genauer Termin steht noch nicht fest. Der 60-Jährige erklärte, dass er sich auf die neue Aufgabe freue. „In Berlin gibt es viel zu gestalten, vieles ist noch unklar, Strukturen, Architektur.“ Damit hatte er auch gleich zwei schwierige Punkte benannt, die ihn in seinem neuen Bistum erwarten: die Strukturreform und die Renovierung der Hedwigs-Kathedrale. Bei beiden Punkten hatte sich sein Vorgänger Woelki am Ende etwas festgebissen. Hier bedarf es viel Fingerspitzengefühls, aber dann auch klarer Entscheidungen. Bei beiden Themen ist zu spüren, dass auch 25 Jahre nach der deutschen Einheit die Katholiken im Erzbistum Berlin die Teilung noch nicht ganz überwunden haben. Zu unterschiedlich hatten sich Spiritualität und Kirche-Sein im Ost- und Westteil des heutigen Erzbistums entwickelt. Hier muss Koch zum Brückenbauer werden, um die unterschiedlichen Mentalitäten weiter zusammenzuführen. Das ist keine leichte Aufgabe, wie sein Vorgänger erfahren musste. Vielleicht hilft Koch die Schule, durch die er in den vergangenen zwei Jahren im Bistum Dresden-Meißen gegangen ist. In Berlin wurde die Ernennung in Politik und Kirche heute positiv aufgenommen.

K9 tagt und tagt und tagt

Die neun Kardinäle beraten bis Mittwoch mit Papst Franziskus. Auf der Agenda steht das Dauerthema Kurienreform. Der Kardinalsrat will dem Vernehmen nach eine kleine Arbeitsgruppe einsetzen, die ein Komplettpaket für die Kurienreform erarbeiten soll. Wer in der Gruppe sein wird, und ob die Öffentlichkeit das überhaupt jemals erfahren wird, ist ungewiss. In Rom gibt es skeptische Stimmen, ob in diesem Pontifikat eine große Kurienreform gelingen wird. Andererseits ist zu hören, dass bis Jahresende nun doch eine neue Konstitution erarbeitet werden soll. Nachdem beim Konsistorium der Kardinäle im Februar die Schaffung von zwei neuen Kongregationen diskutiert wurde, eine für Laien und Familie und eine für Caritas, Gerechtigkeit und Frieden, in denen mehrere Päpstliche Räte aufgehen sollten, war noch vor der Sommerpause mit dem Vollzug der Fusion gerechnet worden. Mittlerweile ist das aber mehr als fraglich. Die internen Querelen bei der Errichtung der neuen Finanzarchitektur haben gezeigt, dass Schnellschüsse künftig vermieden werden müssen. Vielleicht gelingt ja beim 10. Treffen der Durchbruch und der Knoten platzt.

90 Minuten Gespräch und kein Inhalt

Geplatzt scheint der Knoten auch zwischen Papst Franziskus und der Präsidentin seines Heimatlandes Argentinien, Cristina Fernández de Kirchner. Bereits zum fünften Mal seit der Wahl Bergoglios zum Papst haben die beiden sich gestern getroffen. Bis März 2013 war das Verhältnis des ehemaligen Erzbischofs von Buenos Aires zu Kirchner eher angespannt. Die Politikerin, wie auch ihr verstorbener Mann, der ebenfalls Präsident war, sahen in Bergoglio einen der Anführer der Opposition im Land; hatte er doch immer wieder soziale Missstände und Korruption angeprangert. Über 90 Minuten dauerte nach Vatikanangaben das Gespräch gestern. Interessanterweise veröffentlichte der Vatikan eine lange Presserklärung zu dem Treffen. Allerdings stand darin kein Wort über die Inhalte des Gesprächs. Vielmehr wurde lang und breit erklärt, welche Geschenke die beiden austauschten. Entweder hatten sich die beiden nicht viel zu sagen und tauschten sich nur über Belanglosigkeiten aus; oder der Vatikan verzichtete bewusst auf jegliche inhaltliche Aussage, um nicht in den Wahlkampf für die bevorstehende Präsidentenwahl im Oktober hineingezogen zu werden. Kirchner hält sich derzeit wegen einer Tagung der Welternährungsorganisation FAO in Rom auf.

P.S. Und hier noch etwas für die Freunde von Verschwörungstheorien und Geheimdienstlichem: Ist es Zufall, dass in der vergangenen Woche der Anwalt Edward Snowdens mitteilte, dass Kirchner im April heimlich den ehemaligen US-Geheimdienstmitarbeiter in Moskau getroffen habe? Am Mittwoch kommt Russlands Präsident Putin in den Vatikan; und grundsätzlich unterhalten der Vatikan und die USA gerade sehr gute Beziehungen zueinander. Seit knapp zwei Jahren sitzt Snowden in Russland fest. Hilft der Papst auch hier bei der Lösungssuche?

P.P.S. Auf Wunsch von Papst Franziskus wird in der Nähe des Vatikans eine Unterkunft für Obdachlose eingerichtet. In einem Jesuitenhaus unweit des Petersplatzes werden Schlafstätten für rund 30 Personen eingerichtet. Vergangene Woche hatte der päpstliche Almosenmeister für Obdachlose zwei Busse gechartert für eine Pilgerfahrt zum Grabtuch nach Turin.

Ein kleines Missgeschick gab es kurz vor dem Gottesdienst am Sonntag in Sarajevo. Da wurde die Ferula des Papstes beschädigt. Da Zeremonienmeister Guido Marini nicht so schnell Ersatz beschaffen konnte, wurde der Bischofsstab des Papstes kurzerhand mit Klebeband notdürftig wieder zusammengeflickt. (reuters)

Ein kleines Missgeschick gab es kurz vor dem Gottesdienst am Sonntag in Sarajevo. Da wurde die Ferula des Papstes beschädigt. Da Zeremonienmeister Guido Marini nicht so schnell Ersatz beschaffen konnte, wurde der Bischofsstab des Papstes kurzerhand mit Klebeband notdürftig wieder zusammengeflickt. (reuters)

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.