Warmlaufen für die Synode

Mitte April war Einsendeschluss beim Synodensekretariat in Rom. Es ist auffallend, dass rund um diesen Termin eine ganze Reihe von Interviews zum Thema Ehe und Familie erschienen sind. Kardinal Gerhard Ludwig Müller, der Präfekt der vatikanischen Glaubenskongregation legte gar einen ganzen Interviewmarathon hin. Aber auch Kardinal Brandmüller und Kardinal Burke meldeten sich zu Wort. Als wollten sie einen deutlichen Gegenakzent zu dem Setzen, was – zumindest im deutschsprachigen Raum – die zweite Runde des vatikanischen Fragebogens ergeben hat und Papst Franziskus in seiner Bulle zur Ankündigung des Heiligen Jahrs der Barmherzigkeit schreibt. Denn es wurde einmal mehr deutlich: Die Katholiken wünschen sich einen Paradigmenwechsel in der Pastoral, Änderungen im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und Homosexuellen, ohne zugleich das hohe Ideal der Ehe zu relativieren.

Ändert der Papst seine Meinung?

Während die Gläubigen rund um den Globus hoffen, macht sich an einigen Stellen schon Resignation breit. Die Synode sei bereits gelaufen, der Papst mit seinem Anliegen gescheitert, und aus Frust habe er das Barmherzigkeitsjahr ausgerufen. So kann man es in diesen Tagen rund um den Vatikan, aber auch in Deutschland bisweilen hören. Einige Beobachter wollen gar einen Meinungsumschwung bei Papst Franziskus ausgemacht haben. „Die Tagespost“ hatte schon Ende März „römische Signale“ ausgemacht, „dass der Wind sich dreht“. Als Beispiel führt der Autor das Interview mit dem mexikanischen Sender Televisa an, das Wrightflyer hier seit Wochen übersetzt.

Entgegen den Ausführungen in der Tagespost muss man allerdings sagen, dass Franziskus in dem Interview keine neuen Töne anschlägt in Bezug auf die Synode und auch nichts sagt, was er nicht schon einmal gesagt hätte. Ein Phänomen, das bei seinen häufigen Interviews, Predigten und Ansprachen ja nicht neu ist. In diesem Sinn waren ja auch die Aussagen von Franziskus in der Bulle nicht neu, aber deutlich. Wenn also Sandro Magister, einer der besten italienischen Vatikanisti und zugleich einer der profiliertesten Franziskus-Kritiker, zum wiederholten Mal in seinem Blog einen Theologen zu Wort kommen lässt mit der Forderung, Franziskus solle nicht nur zuhören, sondern endlich Klartext reden und auch anordnen, dann ist das nicht ganz nachzuvollziehen.

Synode schon gescheitert?

Franziskus hat mehrfach deutlich gemacht, in welche Richtung er gehen möchte. Mit dem Jahr der Barmherzigkeit hat er zuletzt deutlich gemacht, dass die „Barmherzigkeit“ (s)ein zentrales Thema für die Kirche ist. Alle Versuche, die es auch unter Kardinälen und Bischöfen während der letzten Synode gab, das Thema kleinzureden oder gar als Nebensächlichkeit abzutun, sind gescheitert. Nun wird sich die ganze Kirche über ein Jahr lang mit der Frage beschäftigen müssen: Was bedeutet „Deus misericordia est“ oder um es mit den Worten der Bulle auszudrücken: Was bedeutet „Misericordiae vultus“. Franziskus hat zum Ende der vergangenen Synode auch klar gemacht, dass er am Ende entscheiden wird. Diese Betonung des Papstprimats in einer über lange Zeit nicht dagewesenen Deutlichkeit hat sowohl Reformer als auch die Hardliner erschreckt.

Die Synode ist aktuell noch nicht gescheitert. Wie sie ausgehen wird, vermag aktuell aber auch noch niemand prophezeien. Aber es ist allen klar, auch dem Papst und seinen Vertrauten, es steht viel, um nicht zu sagen alles auf dem Spiel. Deshalb ist man im Synodensekretariat darauf bedacht, die Ordentliche Synode im Oktober gut vorzubereiten. So hat Kardinal Lorenzo Baldisseri Experten berufen, die sich besonders mit den Themen der drei Abschnitte beschäftigen, die bei der Relatio Synodi keine 2/3-Mehrheit gefunden hatte – also die Themen wiederverheiratete Geschiedene, Homosexualität und geistliche Kommunion. Hier sollen Texte vorgelegt werden, die mehrheitsfähig sind, sich zugleich aber nicht in einer Wiederholung dessen erschöpfen, was die Kirche schon immer dazu gesagt hat.

Mit entscheidend wird sein, wie die Synode personell zusammengesetzt ist. Noch sind nicht alle Delegierten der Bischofskonferenzen bekannt. An den Namen wird man dann durchaus schon eine Tendenz ablesen können. Aktuell ist es noch zu früh. Zumal dann auch noch die Synodenväter dazu kommen, die der Papst frei ernennt. Hier könnte Franziskus natürlich einfach nur solche Bischöfe und Kardinäle benennen, die auf seiner Linie liegen. Doch Beobachter und auch Vertraute des Pontifex sind sich einig, dass dies nicht der Stil Bergoglios ist. Er will einen möglichst breiten Konsens im Episkopat. Dafür wird er noch einige Überzeugungsarbeit leisten müssen. Die Bulle war ein weiteres Element dabei. Das katholische Weltfamilientreffen Ende September in der US-amerikanischen Metropole Philadelphia wird ihm wenige Tage vor der Synode eine weitere Möglichkeit bieten. Und natürlich das Instrumentum Laboris, das Arbeitspapier für die Synode, das das Synodensekretariat nun unter Berücksichtigung der Antworten der Bischofskonferenzen erarbeiten wird. Die Veröffentlichung des Papiers wird für Juni erwartet. Es ist davon auszugehen, dass Kardinal Baldisseri das Dokument in enger Abstimmung mit dem Pontifex erstellen wird.

Katholiken erwarten Veränderungen

Vorurteilsfrei und nicht moralisierend – so wünschen sich die meisten Katholiken, die auf den zweiten Fragebogen geantwortet haben, die Haltung ihrer Kirche in Bezug auf Ehe und Familie. So schreibt es die Deutsche Bischofskonferenz in der Zusammenfassung, die nach Rom geschickt wurde. Es ist vom Wegcharakter des Christseins und damit auch des Zusammenlebens die Rede, den die Kirche anerkennen müsse. Das Spannungsverhältnis von  verbindlicher kirchlicher Lehre und dem Respekt vor dem Gewissen des Einzelnen wird ebenso thematisiert wie die klare Forderung nach Veränderungen im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen und gleichgeschlechtlichen Partnerschaften.

P.S. Zu Beginn ist vom Interviewmarathon von Kardinal Müller die Rede. Vor allem sein Interview mit der französischen katholischen Tageszeitung La Croix hat im Vatikan für Rumoren gesorgt. Die Aussage Müllers, es sei Aufgabe der Glaubenskongregation, das Pontifikat „theologisch zu strukturieren“ sorgte für Kopfschütteln. Der Chef der Glaubenskongregation hatte festgestellt, dass die Wahl eines Theologen zum Papst, wie es bei Benedikt XVI. der Fall gewesen sei, die Ausnahme sei. Aber Johannes XXIII. sei kein (Fach-)Theologe gewesen und Franziskus sei ebenfalls eher pastoral. Daher sei es eben die Aufgabe der Glaubenskongregation ein Pontifikat „theologisch zu strukturieren“. Interessant ist, dass Müller ausgerechnet Johannes XXIII. als Beispiel für einen nicht Theologenpapst nennt, eines der großen Vorbilder von Franziskus. Er hätte nämlich eine große Zahl anderer Päpste nennen können. Denn, so stellt man im Vatikan irritiert fest, es ist eher die Ausnahme, dass ein ausgesprochener Theologie, wie Joseph Ratzinger es war, zum Nachfolger Petri gewählt wird.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.