Papst ruft Heiliges Jahr der Barmherzigkeit aus

Überraschung zum zweiten Jahrestag der Wahl von Papst Franziskus. Papst Franziskus hat ein „Außerordentliches Jubiläum“ angekündigt – ein „Heiliges Jahr der Barmherzigkeit“. Es beginnt am 8. Dezember mit der Öffnung der Heiligen Pforte des Petersdoms und endet am 20. November 2016, dem Christkönigsfest. Das Heilige Jahr wird unter dem Motto „Seid barmherzig wie der Vater“ (Lk 6,36) stehen. Franziskus verleiht damit dem Hauptthema seines Pontifikats noch einmal eine besondere Bedeutung. Wie das Jahr konkret gestaltet sein wird, ist noch nicht bekannt. In einem TV-Interview zum Jahrestag der Wahl erklärte Franziskus heute, dass er mit einem kurzen Pontifikat rechne und sprach von vier oder fünf Jahren. Einen Rücktritt schloss er nicht aus, lehnte aber ein festes Pensionsalter für Päpste ab.

Barmherzigkeit zentrales Thema des Pontifikats

Das Thema Barmherzigkeit bestimmte von Anfang an das Pontifikat von Papst Franziskus. Bereits beim ersten Angelus verwies er auf das Thema. „Es hat mir so gut getan von der Barmherzigkeit zu hören, […]. Es ist das Beste, was wir hören können: es ändert die Welt. Ein wenig Barmherzigkeit macht die Welt weniger kalt und viel gerechter. Wir haben es notwendig, diese Barmherzigkeit Gottes gut zu verstehen, dieses barmherzigen Vaters, der so viel Geduld hat.“ Franziskus war in den Tagen vor der Wahl durch ein Buch noch einmal auf das Stichwort Barmherzigkeit aufmerksam geworden, das Kardinal Walter Kasper ihm beim Einzug in Santa Marta geschenkt hatte: „Barmherzigkeit: Grundbegriff des Evangeliums – Schlüssel christlichen Lebens“.

Für Franziskus ist es allerdings kein unbekannter Begriff, denn sein Wappenspruch als Bischof und jetzt als Papst greift das Thema auf. „Miserando atque eligendo“ könnte man übersetzen „Mit Augen der Barmherzigkeit“. Das ist ein Zitat aus einer Predigt des heiligen Beda Venerabilis, der die im Evangelium überlieferte Episode der Berufung des heiligen Matthäus folgendermaßen kommentiert: “Vidit ergo lesus publicanum et quia miserando atque eligendo vidit, ait illi Sequere me” (Jesus also sah den Zöllner, und da er ihn aus Barmherzigkeit gewählt ansah, sagte er zu ihm: Folge mir).

Was heißt Barmherzigkeit konkret?

Das Thema des „Außerordentlichen Jubiläums“ ist klar. Die Frage ist aber, was kann ein solches Jahr bewirken? Was bedeutet die Barmherzigkeit konkret? Wie geht die Kirche mit denen um, die nicht 100 Prozent dem traditionellen katholischen Ideal entsprechen. Und hier gehen die Interpretationen weit auseinander, was Franziskus sich unter einer „barmherzigen Kirche“ vorstellt. Aber das Heilige Jahr bietet ja fast zwölf Monate Zeit, um das herauszukommen. Natürlich denkt man schnell an das Thema wiederverheiratete Geschiedene. Dazu hatte sich Papst Franziskus auch in dem großen Interview des mexikanischen Fernsehens Televisa geäußert.

Allerdings bleibt er meines Erachtens auch dort wage, indem er sagt, dass das Problem nicht einfach damit gelöst ist, den Geschiedenen die Kommunion zu geben. „Damit löst man nichts!“ Das erinnert mich an die Aussage von Benedikt XVI. zum Thema AIDS als er sagte, dass man mit Kondomen allein das Problem nicht in den Griff bekommt. Das Franziskus-Interview ist allerdings so umfangreich, dass ich erst in den nächsten Tagen ausführlich darüber schreiben kann. Zumal der Tag heute mit dem Thema Heiliges Jahr besetzt ist.

Spannend ist, wie das Heilige Jahr organisiert sein wird. Beim letzten Heiligen Jahr 2000 gab es verschiedene Heilig-Jahr-Feiern für bestimmte Personen- und Berufsgruppen über das Jahr verteilt. Insgesamt kamen rund 25 Millionen Pilger nach Rom. Organisiert wird das Heilige Jahr auf Wunsch des Papstes vom Päpstlichen Rat für die Neuevangelisierung, also der Rat, in dem seit wenigen Tagen der ehemalige Bischof von Limburg, Franz-Peter Tebartz-van Elst, mitarbeitet. Offiziell wird Papst Franziskus das Heilige Jahr am Barmherzigkeitssonntag (12.4.) ausrufen, also dem Sonntag nach Ostern. Dann wird er vor der Heiligen Pforte des Petersdom feierlich eine Bulle verlesen.

P.S. Infos zur Ankündigung des Heiligen Jahres gibt es auch in meinem Artikel bei heute.de. Dort geht es vor allem um die symbolische Bedeutung des Eröffnungsdatums des Heiligen Jahres: der 50. Jahrestag des Endes des II. Vatikanischen Konzils.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.