Woche der Reform 2 und ein historischer Amtsverzicht

Der Kardinalsrat K9 hat erneut ausführlich über die neue Finanzarchitektur gesprochen. Das erklärte heute Mittag Vatikansprecher Federico Lombardi beim täglichen Pressebriefing. Details nannte er nicht. Am Mittwochnachmittag soll demnach Kardinal Sean Patrick O’Malley über die erste Vollversammlung der vatikanischen Kinderschutzkommission berichten. Dabei dürfte auch noch einmal das Papstwort zum „Klaps für Kinder“ ein Thema sein. Franziskus ging heute bei der Generalaudienz nicht noch einmal auf das Thema ein. Er sprach im Rahmen seiner Katechesereihe über die Familie heute zwar über Kinder, hielt sich aber mit Erziehungstipps zurück. Vielmehr hob er die Bedeutung von Kindern für eine Gesellschaft hervor.

Das leidige Thema Finanzen

Tritt der Kardinalsrat K9 auf der Stelle? Wenn man die Tagesordnung der bisher acht Sitzungen betrachtet, könnte man den Eindruck bekommen. Erneut berieten die neun Kardinäle gestern Nachmittag über das im vergangenen März gegründete Wirtschaftssekretariat sowie den Wirtschaftsrat. Auch heute Vormittag ging es noch einmal um die Finanzen. Das neue Sekretariat unter Leitung von Kardinal George Pell und der Wirtschaftsrat unter Leitung von Kardinal Reinhard Marx arbeiten seit einem Jahr ohne Statuten und Regolamento. Das führt zu Unmut in der Kurie und zu Verwunderung von Beobachtern. Denn Kardinal Pell versucht wichtige Kompetenzen in Finanzfragen an sich zu ziehen ohne dabei auf ein entsprechendes, vom Papst approbiertes, Regelwerk verweisen zu können.

Zwar legte Pell im Dezember einen ersten Entwurf vor, doch bei der Kontrolle durch die zuständigen Stellen zeigte sich so viel Bedarf an Nacharbeit und Klärung, dass die Statuten noch immer nicht endgültig verabschiedet sind. Dies hängt auch mit den zum Teil sehr komplizierten Gegebenheiten in den einzelnen vatikanischen Institutionen zusammen. So gibt es an vielen Stellen, etwa bei der Kongregation für die Evangelisierung der Völker oder der Ostkirchenkongregation, zweckgebundene Mittel, beispielsweise durch Stiftungen, die nicht einfach in den großen neuen Topf einer vatikanischen Vermögensverwaltung einfließen können. Schon allein die zeitaufwändige Umsetzung der neuen Finanzarchitektur zeigt, wie schwierig und langwierig die Veränderungsprozesse sind, die Papst Franziskus angestoßen hat.

Fortsetzung des Vorkonklaves

Das gilt auch für das Gesamtprojekt „Kurienreform“. Hier wird sich ab morgen bei der Diskussion der Kardinäle zeigen, ob die Vorüberlegungen der K9 die Zustimmung einer Mehrheit der Kardinäle finden werden. Die nächsten beiden Tage werden deshalb sehr spannend, weil die Beratungen gleichsam eine Fortsetzung des Vorkonklaves vom März 2013 sind. Damals war eines der großen Themen die Römische Kurie – intern sowie das Verhältnis der Kurie zu den Ortskirchen.  Jetzt sind zwei Jahre vergangen, und es wird Bilanz gezogen werden. Auf dem außerordentlichen Konsistorium könnten die Weichen gestellt werden, wie es weitergeht in der Kurienreform; aber vielleicht auch im Pontifikat. Denn die Tagesordnung ist, wie schon geschrieben, dünn und lässt damit viel Zeit für Aussprache und Diskussion. Zwar werden neben dem K9-Sekretär Bischof Semeraro und dem K9-Koordinator Kardinal Oscar Rodriguez Maradiaga auch noch Kardinal Pell über die Finanzen und Kardinal O‘Malley über die die Arbeit der Kinderschutzkommission berichten. Doch dann sind die anderen Kardinäle an der Reihe.

Und das könnte spannend werden. So schlägt die K9 etwa vor, dass man zur Tradition vor dem II. Vatikanischen Konzil zurückkehren könnte, als die Sekretäre, also die dem Rang nach zweithöchsten Vertreter eines Dikasteriums keine Bischöfe waren. Dies würde bedeuten, dass solche Posten auch Laien offenstehen könnten. Das wird Diskussionsstoff bieten. Auch wenn es um die Frage geht, wer sind eigentlich die Berater des Papstes. Ist das die Kurie? Oder sind das eher das Kardinalskollegium und die Bischofssynode? Was bedeutet es, wenn man Kompetenzen von der römischen Zentrale auf die Ebene der Bischofskonferenzen verlagert, wenn zugleich Theologen betonen, dass es zwischen dem Papst und dem einzelnen Bischof keine Zwischeninstanz geben kann?

Historischer Amtsverzicht

Beinahe schon in Vergessenheit geraten ist eine historische Entscheidung, die genau heute vor zwei Jahren bekanntgegeben wurde: der Amtsverzicht von Papst Benedikt XVI. Am Rosenmontag, 11. Februar 2013 um kurz vor 12 Uhr Mittag erklärte Joseph Ratzinger, dass er zum 28. Februar vom Amt des Papstes zurücktreten werde. Dieser historische Schritt machte den Weg frei für das, was wir heute hier erleben und diskutieren. Ich habe es schon mehrfach geschrieben, für ein abschließendes historisches Urteil über das Pontifikat Benedikts XVI. sowie sein Lebenswerk ist es zu früh. Eines ist aber sicher: Benedikt XVI. hat mit diesem Schritt überrascht – und zwar die sogenannten Progressiven, weil sie ihm einen solchen Schritt nicht zugetraut hätten, und die sogenannten Konservativen, weil sie einen solchen Schritt für unmöglich gehalten haben und ihn zum Teil bis heute nicht verstehen. Sicher ist auch, der Amtsverzicht hat die katholische Kirche verändert bzw. hat eine Entwicklung angestoßen, die die Kirche verändert. Dieser Prozess ist noch nicht zu Ende und das Ende ist offen. Spannende Zeiten!

P.S. Kardinal Gianfranco Ravasi hat in einem Interview mit der portugiesischen Agentur Ecclesia seine Vorstellungen zur Kurienreform dargelegt. Er könnte sich die Fusion seines Kulturrats mit der Bildungskongregation vorstellen. Unter dem Dach des neuen Dikasteriums könnten dann noch weitere Institutionen zusammengefasst werden wie die Apostolische Bibliothek, das Geheimarchiv, die Vatikanischen Museen, die Vatikanische Sternwarte sowie die Päpstliche Akademie der Wissenschaften und die Akademie der Sozialwissenschaften. Man darf davon ausgehen, dass Ravasi am Montagmittag diese Idee der K9 vorgestellt hat. Und sicherlich kann sich der 72-jährige Ravasi wiederum vorstellen, das neue Kultur- und Bildungsdikasterium zu übernehmen. Denn der bisherige Chef der Bildungskongregation, Kardinal Zenon Grocholewski, wurde im vergangenen Oktober 75 und hat damit das Pensionsalter erreicht.

Allerdings wird auch immer wieder darüber spekuliert, ob Kardinal Gerhard Ludwig Müller von der Glaubenskongregation in die Bildungskongregation wechseln könnte, um den Weg für den Papstvertrauten und bisherigen Chef der Katholischen Universität von Buenos Aires, Erzbischof Víctor Manuel Fernández, als Präfekt der Glaubenskongregation frei zu machen. Aber über Personalien reden wir erst nach dem Konsistorium. Denn auch andere Dikasterienchefs könnten demnächst in Rente gehen wie der Chef der Selig- und Heiligsprechungskongregation, Kardinal Angelo Amato.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.