Franziskus in Sri Lanka – Tag 2

Der zweite Tag des Besuchs von Papst Franziskus stand im Zeichen der Gottesdienste: am Morgen eine Messe mit über 500.000 Menschen direkt am Ufer des Indischen Ozeans, am Nachmittag ein Gebet im Marienheiligtum Madhu im Tamilengebiet im Norden Sri Lankas. Und obwohl es der Tag der Liturgien war, war Franziskus nicht weniger politisch als am Tag zuvor. „Religionsfreiheit ist ein fundamentales Menschenrecht“, rief er den in großer Zahl zum Gottesdienst am Strand erschienenen Politikern und Ministern des Landes zu. Am Nachmittag nutzte er den Besuch in Madhu, um für Aussöhnung und Frieden im Land zu beten. Am Abend besuchte Franziskus spontan einen buddhistischen Tempel. Der Justizminister kündigte unterdessen laut lokalen Medienberichten an, dass er 1.000 Gefangene vorzeitig aus der Haft entlassen wolle. In den Genuss der Amnestie aus Anlass des Papstbesuchs kämen vor allem Kleinkriminelle.

Gottesdienst am Strand

Schon gestern Abend hatten sich Hunderttausende am Strand nahe des Geschäftsviertels von Colombo versammelt. Sie beteten und sangen die ganze Nacht. Bei tropischen Temperaturen von 25 Grad musste keiner frieren. Die Veranstalter hatten für ausreichend Wasser und Verkaufsstände für Verpflegung gesorgt. Lage und Stimmung, die Palmen und das Meer, erinnerten an den Weltjugendtag an der Copacabana in Rio de Janeiro im Juli 2013. Wie schon gestern wurde Papst Franziskus am Morgen mit großem Jubel empfangen, als er mit dem Papamobil durch die Menge fuhr.

Es scheint, dass der Papst mit seinen Worten den Nerv der Menschen trifft. Der blutige Bürgerkrieg, der von 1983 bis 2009 im Land wütete, die Korruption in Politik und Wirtschaft, die Diskriminierung von Ethnien und Religionen haben in den Menschen eine große Sehnsucht wachsen lassen nach Aussöhnung, Frieden, mehr Gerechtigkeit und einem Miteinander der verschiedenen Gruppen. Da kommt die Botschaft des Papstes an, der gleiche Rechte für alle fordert, der die Beteiligung aller an den gesellschaftspolitischen Prozessen sowie das „Streben nach Wahrheit“ anmahnt, „nicht um des Aufreißens alter Wunden willen, sondern vielmehr als ein notwendiges Mittel zur Förderung von Gerechtigkeit, Heilung und Einheit“.

Diskriminierung von Minderheiten

So sprach er heute Morgen den Christen aus der Seele, als er beim Gottesdienst zur Heiligsprechung des ersten Sri Lankers, Joseph Vaz, mehr Religionsfreiheit einforderte. Die Christen gelten in Sri Lanka, wie übrigens auch der Islam, in weiten Kreisen noch immer als „fremde Religionen“. Beim Bau von Gebäuden legen ihnen offizielle Stellen bis heute Steine in den Weg, erklärt mir Pater Paul Rohan. Bis in jüngste Zeit habe es zudem Übergriffe extremistischer Buddhisten auf Kirchen gegeben. Nur internationaler Druck habe 2011 ein Gesetz verhindert, mit dem das Parlament Konversionen unter Strafe stellen wollte, so Rohan. Vor diesem Hintergrund bekommt auch das Geschenk des Papstes an die katholischen Bischöfe eine ganz andere Bedeutung, von dem gestern bereits hier im Blog die Rede war und um das die Bischöfe den Papst gebeten hatten.

Es wäre nicht Franziskus, wenn er nicht bei aller Rede von Dialog, Frieden und Versöhnung nicht den Blick auf die Rolle jedes Einzelnen legen würde. Beim Besuch im Marienwallfahrtsort Madhu im Norden des Landes sagte er am Nachmittag: „Nur wenn wir im Licht des Kreuzes zur Einsicht gelangen, zu welchem Übel wir fähig sind und an welchem wir sogar teilgenommen haben, können wir echte Reue und aufrichtige Buße erfahren. Nur dann können wir die Gnade erhalten, wirklich reumütig aufeinander zuzugehen und so echte Verzeihung anzubieten und zu suchen.“ Das Heiligtum ist ein Ort, an den sowohl Singhalesen als auch Tamilen kommen, in erster Linie Katholiken; aber auch Angehörige anderer Religionen.

Dies war auch während des Bürgerkriegs so. Das Gebiet rund um Madhu war eine weitgehend entmilitarisierte Zone. Beim Heiligtum befand sich ein Flüchtlingslager. Die Menschen suchten den Schutz der Madonna. Als es dann doch Kämpfe in der Region gab, entfernte der Ortsbischof 2007 die Marienstatue, damit die Menschen von dort weggingen. Erst 2010 konnte der Wallfahrtsbetrieb wieder aufgenommen werden. Franziskus stattete ihm einen Kurzbesuch ab. Für den eineinhalbstündigen Aufenthalt war er eigens aus Colombo mit dem Hubschrauber gekommen. Der Besuch war aufwändig, aber wichtig. Reisen in den Norden sind nach wie vor heikel und werden von offiziellen Stellen stets kritisch beäugt. Doch Madhu war im Bürgerkrieg ein Zufluchtsort für die Menschen; er stand damals und steht bis heute für einen Ort der Begegnung von Tamilen und Singhalesen. Insofern kommt ihm auch eine Rolle im Versöhnungsprozess zu. Deshalb war es Papst Franziskus wichtig, dorthin zu fahren.

Papst besucht buddhistischen Tempel

Nach der Rückkehr aus Madhu nach Colombo gab es am Abend noch einige spontane Termine. Zunächst empfing der Papst in der Nuntiatur den ehemaligen Präsidenten von Sri Lanka, Mahinda Rajapaksa, der vergangene Woche abgewählt worden war. Rajapaksa hatte Franziskus nach Sri Lanka eingeladen. Nachdem der Reisetermin feststand, hatte er die Neuwahlen für das Präsidentenamt nach vorne verschoben, unmittelbar vor den Papstbesuch. Das hatte im Vorfeld zu heftiger Kritik geführt und dem Vorwurf, Rajapaksa missbrauche den Papst, um für sich Wahlwerbung zu machen. Er verlor die Wahl. Der französische Botschafter in Sri Lanka, Jean Paul Monchau, erklärte heute Morgen gegenüber Journalisten, dass die Nähe der Wahlen zum Papstbesuch aus seiner Sicht eher dazu beigetragen habe, dass diese friedlich verlaufen seien, als dass es ein Nachteil gewesen sei.

Nach dem Treffen mit Rajapaksa wollte Franziskus im Erzbischöflichen Palais das Treffen mit den Bischöfen Sri Lankas nachholen; doch die waren noch nicht so schnell aus Madhu in die Hauptstadt zurückgekehrt. Also entschloss sich der Papst spontan, das Angebot eines buddhistischen Mönchs anzunehmen, der ihn gestern am Flughafen zu einem Besuch in seinen Tempel eingeladen hatte. Die Begegnung im Tempel der Mahabodhy-Bewegung sei nach Angaben von Vatikansprecher Federico Lombardi von großer Freundlichkeit geprägt gewesen. Es habe keinen Moment der Stille oder ähnliches gegeben. Vielmehr habe der Mönch, Banagala Upatissa, dem Papst die Geschichte des Tempels und der dort bestatteten Persönlichkeiten erklärt. Franziskus kehrte danach ins Erzbischöfliche Palais zurück, um die katholischen Bischöfe zu treffen, die mittlerweile eingetroffen waren.

P.S. Es war übrigens der zweite Besuch eines Papstes in einem buddhistischen Tempel. Den ersten machte Papst Johannes Paul II. 1984 in Bangkok.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.