Synode: Papst greift ein

Papst Franziskus hat zur Halbzeit der Synode den Kreis der Autoren des Abschlussdokuments erweitert. Er berief sechs weitere Mitglieder der Synode, die zusammen mit dem Generalrelator, Kardinal Peter Erdö, dem Generalsekretär der Synode, Kardinal Lorenzo Baldisseri, und dem Sondersekretär, Bischof Bruno Forte, am finalen Text arbeiten sollen. Der Vorgang ist beispiellos. Mit dieser Personalentscheidung ist auch eine Richtungsentscheidung verbunden. Kardinal Erdö und Bischof Forte arbeiteten am Samstag zusammen mit den Experten am Zwischenbericht, während die anderen Synodenteilnehmer einen freien Tag hatten. Die Beratungen gehen erst am Montagmorgen weiter mit dem Zwischenbericht von Kardinal Erdö. Bei diesem soll es sich dem Vernehmen nach bereits um einen Entwurf des Schlussdokuments handeln, dass dann in den Sprachzirkeln diskutiert werden soll.

Papstvertraute redigieren Schlussdokument mit

Es war eine kleine unscheinbare Mail von Vatikansprecher Federico Lombardi am Freitagabend kurz vor 20 Uhr. Der Papst habe beschlossen, zur Erarbeitung des Schlussberichts dem Generalrelator, Generalsekretär und dem Sondersekretär folgende Synodenväter zur Seite zu stellen: die Kardinäle Gianfranco Ravasi (Vatikanischer Kulturminister) und Donald W. Wuerl (Erzbischof von Washington), die Erzbischöfe Victor Fernández (Rektor der Katholischen Universität Buenos Aires) und Carlo Aguiar Retes (Präsident des lateinamerikanischen Bischofsrats CELAM), Bischof Peter Kang U-Il (Bischof von Cheju/Südkorea) und der Jesuitengeneral Adolfo Nicolás Pachón. Fernández ist ein enger Papstvertrauter und hat das Abschlussdokument der CELAM-Konferenz von Aparecida 2007 mit Kardinal Bergoglio zusammen ausgearbeitet. Aguiar Retes ist als CELAM-Chef ganz von diesem Dokument und dem Denken Aparecidas geprägt. Der Vorsitzende der südkoreanischen Bischofskonferenz Kang U-Il soll mit seinem Vortrag beeindruckt haben, der ganz auf der Linie von Kardinal Kasper gelegen haben soll bzw. darüber hinausgegangen sein soll. Der Jesuitengeneral gehört seit Beginn des Pontifikats zu den engen Beratern des Papstes. Wenn man dazu noch sieht, dass der Sondersekretär Forte ebenfalls eher auf der Linie derer ist, die sich eine Veränderung etwa im Umgang mit wiederverheirateten Geschiedenen vorstellen können, steht Kardinal Erdö, der eher dem konservativen Spektrum des Kardinalskollegiums zuzurechnen ist, nahezu alleine da. Kardinal Ravasi ist schwer einzuschätzen. Er ist in der Vergangenheit durchaus mit, wenn auch versteckter, Kritik an Papst Franziskus aufgefallen, dürfte aber mit seiner Veranstaltungsreihe „Vorhof der Völker“, die explizit den Dialog und intellektuellen Diskurs mit Nichtglaubenden sucht, auf der Linie von Papst Franziskus liegen.

Es ist sicherlich klug, das Redaktionsteam für das Schlussdokument zu erweitern. Denn schließlich soll das Papier ja quasi als Lineamenta für die Synode im nächsten Jahr dienen. Das ist neu. Bisher wurden am Ende der Beratungen Vorschläge, sogenannte Propositiones, erarbeitet, die dem Papst als Vorlage für sein „nachsynodales Schreiben“ zur Synode dienten. Evangelii Gaudium ist letzten Endes das nachsynodale Schreiben zur letzten Ordentlichen Bischofssynode im Herbst 2012 zum Thema Neuevangelisierung. Allerdings hat Franziskus sich die Freiheit herausgenommen, die Propositiones in seinem Sinne zu interpretieren. Während etwa das Stichwort Neuevangelisierung die 58 Propositiones prägt und dauernd vorkommt, findet sich in Evangelii Gaudium dieser Begriff kaum. Die Zeit ist dieses Mal bei der Außerordentlichen Synode kurz. Anders als bei der Ordentlichen Synode stehen nur zwei statt drei Wochen zur Verfügung. Daher macht es Sinn, Verstärkung zu holen. Zumal das aktuelle Papier die Grundlage bietet für die Diskussionen des kommenden Jahrs in den Ortskirchen und der Folgesynode im Herbst 2015. Das Papier wird also entscheidende Weichen stellen. Durch die Auswahl der zusätzlichen Redakteure setzt Papst Franziskus ein ganz klares Zeichen, in welche Richtung er das Papier haben will. Er scheint also nichts anbrennen lassen zu wollen.

Marx: Freiheit ist positiv

Allerdings wies heute beim Briefing der Erzbischof von Dublin, Diarmuid Martin, darauf hin, dass immer auch eine Minderheitenposition deutlich zum Ausdruck kommen müsse. Wobei es ja bisher im strengen Sinn bei der aktuellen Synode noch keine Fraktionsbildungen gab. Martin ist einer von vier Synodenvätern, die bereits 1980 die erste Familiensynode miterlebt haben. Der Ire wies darauf hin, dass sowohl Papst Johannes Paul II. als auch Franziskus ihre jeweils erste Synode dem Thema Familie gewidmet hätten. Den Grund sieht Martin darin, dass beide vor ihrer Wahl zum Papst Diözesanbischöfe gewesen seien und daher die besondere Bedeutung der Familien für Kirche und Gesellschaft, aber auch die Herausforderungen, vor denen sie stünden, kannten. Generalrelator der ersten Familiensynode 1980 war übrigens der damalige Erzbischof von München, Kardinal Joseph Ratzinger.

Zwei Beobachtungen noch. Zum einen haben eine ganze Reihe von Synodenvätern aus Osteuropa die Entwicklungen hin zu einer freien Gesellschaft sehr kritisch beurteilt. Sie erweckten den Anschein, als wollten sie die Gläubigen sehr stark kontrollieren. Sie forderten damit den Münchner Kardinal Reinhard Marx dazu heraus, sich in einem klaren Statement für eine positive Sicht einer freien Gesellschaft stark zu machen. In den vergangenen Wochen hatte Marx wiederholt betont, dass er es positiv findet, dass die Menschen, zumindest in Europa und Nordamerika, heute in einer freien Gesellschaft lebten. Soviel Freiheit wie heute sei noch nie gewesen, so Marx am Montag vor Journalisten. „Und das ist gut so!“ Dies habe zwar auch zur Folge, dass sich Menschen etwa gegen die Kirche entschieden und austreten. Aber jeder sei ja frei, auch wieder einzutreten. Am Rande der Herbstvollversammlung der Bischofskonferenz in Fulda hatte Marx, angesprochen auf die hohen Kirchenaustrittszahlen, bereits erklärt, dass ihn das natürlich schmerze. Doch sei das auch eine Folge der freien Gesellschaft und die wolle er nicht missen.

Zum zweiten noch kurz eine Anmerkung zu den Sprachzirkeln. Zwar werden die Mitglieder nach Vatikanangaben durch ein kompliziertes Losverfahren den einzelnen Gruppen zugeordnet. Doch ist es schon auffallend, dass etwa in „Anglicus A“, der von Kardinal Raymond Leo Burke geleitet wird, auch der Präfekt der Glaubenskongregation, Kardinal Gerhard Ludwig Müller, Mitglied ist. Während etwa in „Gallicus B“, der von Kardinal Christoph Schönborn geleitet wird, die Kardinäle Godfried Danneels und Reinhard Marx sind, alle drei Vertreter der Kasperlinie.

Wer bestimmt Diskussion?

Ich hatte ja gestern über die Verteilung der Wortbeiträge geschrieben. Um das noch etwas besser einordnen zu können, hier noch ein paar Zahlen. Diese basieren auf den Informationsblättern, die wir vom vatikanischen Presseamt bekommen haben, und nach denen es insgesamt 241 Wortbeiträge waren. Davon entfielen auf Lateinamerika 38, Nordamerika 7, Asien 34, Afrika 38, Europa 78 und die Kurie 42. Zur besseren Einordnung die Teilnehmerzahlen: Kuriale, inklusive der Emeriti, sind es 31, aus Europa 54, Lateinamerika 30, Nordamerika 4, Afrika 40, Asien 29 und Ozeanien 3. Das heißt, obwohl Europa und die Kurie mit 85 Synodalen nur etwa ein Drittel der Teilnehmer stellen, entfallen beinahe die Hälfte der Wortmeldungen auf sie. Da bei der Außerordentlichen Synode jede Bischofskonferenz unabhängig von der Katholikenzahl nur mit dem Vorsitzenden vertreten ist, ist Nordamerika mit nur zwei Bischofskonferenzen in den USA und Kanada schwach vertreten.

Wer waren die prägenden Figuren der ersten Woche? Das ist für einen Außenstehenden, der nicht in der Synodenaula sitzt, schwer zu beurteilen. Da kann ich mich nur auf die Einschätzung der offiziellen Pressebeobachter stützen sowie die Gespräche mit einzelnen Synodenteilnehmern am Rande der Veranstaltung. Sicher gehören dazu aber einige Deutschsprachige wie die Kardinäle Schönborn, Marx und Müller, die sich neben ihrem offiziellen Statement noch zwei Mal in der freien Diskussion zu Wort gemeldet haben sowie Kardinal Kasper. Sie waren dem Vernehmen nach auch in den Pausen Referenzpunkte für Gespräche. Die genannten Kardinäle sind gut vernetzt und polyglott. Daneben soll aber auch der Pariser Kardinal André Vingt-Trois, der zugleich einer der Co-Präsidenten der Synode ist, durch seine Moderation aber auch seine beiden Statements in der freien Diskussion beeindruckt haben. Der Vorsitzende der kanadischen Bischofskonferenz, Erzbischof Paul-André Durocher, hat Teilnehmer und Beobachter durch seinen Beitrag und seine Art beeindruckt. Durocher war ja einmal auch beim Briefing der Journalisten und überzeugte dort durch Klarheit, reflektierte Antworten und eine große Offenheit für die konkreten Lebenssituationen der Menschen. Er war es, der die Umkehrung der Herangehensweise von Deduktion auf Induktion positiv würdigte. Dabei versuchte Durocher vermittelnd, nicht polarisierend zu wirken. Er war es auch, der betonte, dass man keinen Gegensatz zwischen Barmherzigkeit und Gerechtigkeit konstruieren könne und dürfe. Später in der Woche wurde übrigens auch unterstrichen, dass man keinen Gegensatz zwischen Barmherzigkeit und Wahrheit sehen könne.

Aktiv beteiligt mit je zwei Wortmeldungen nach ihrem Vortrag waren zudem die Kardinäle Marc Ouellet (Chef der Bischofskongregation), Bruno Forte (Sondersekretär der Synode und Bischof von Chieti-Vasto), Kardinal Francesco Coccomalmerio (Päpstlicher Justizrat), Kardinal Odilo Scherer (Sao Paolo), Kardinal Joao Braz de Aviz (Ordenskongregation), Vincent Nichols (London), André Leonard (Brüssel), Zbignev Stankevics (Lettland), Sviatoslav Shevchuk (Ukraine) sowie Oscar Rodriguez Maradiaga (Honduras). Interessanter Weise haben sich Kardinäle, die sich im Vorfeld der Synode mit Statements und Buchpublikationen stark vor allem in die Diskussion zum Thema wiederverheiratete Geschiedene eingebracht hatten, in der freien Diskussion nicht mehr zu Wort gemeldet. Dazu gehören die Kardinäle George Pell (Wirtschaftssekretariat) und Raymond Burke (Apostolische Signatur).

P.S. Interessant ist übrigens die geografische Verteilung unter den Kurialen, d.h. amtierende Kurienchefs und Emeriti, in der Synode: Europa 24, Lateinamerika, Nordamerika und Afrika je 2 und Ozeanien 1. Hier sieht man, dass die oberste Führungsebene des Heiligen Stuhls noch immer fest in europäischer Hand ist. Das sieht zwar etwas besser aus, wenn man die zweite und dritte Hierarchiestufe noch dazu nimmt, als die Sekretäre und Untersekretäre. Entscheidend ist aber, wie es an den jeweiligen Spitzen aussieht.

P.P.S. Papst Franziskus wird am nächsten Samstag im Vatikan den Premierminister Vietnams, Nguyen Tan Dung, treffen. Der Heilige Stuhl und Vietnam bemühen sich seit geraumer Zeit um eine Annäherung und die Wiederaufnahme diplomatischer Beziehungen. Die regierung in Hanoi hatte diese 1975 abgebrochen. Seit 1990 gibt es regelmäßig offizielle Kontakte, um auf Arbeitsebene Fragen zum kirchlichen Leben und Bischofsernennungen zu klären. Zuletzt hatte sich die Gruppe Mitte September getroffen. Danach hatte der Vatikan von Fortschritten in den Beziehungen gesprochen.

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Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.