Tag der Zeichen in Südkorea

Am dritten Tag der Reise von Papst Franziskus nach Südkorea standen eher die Zeichen im Mittelpunkt als die Worte. Bewegend war am Nachmittag die Begegnung mit Menschen mit Behinderung auf dem „Berg der Nächstenliebe“ in Kkottongnae. Wichtig für die Katholiken in Südkorea war die Seligsprechung von 124 Märtyrern durch Papst Franziskus am Vormittag. Das Zeugnis und die Arbeit der ersten Katholiken im Land, die vor allem Laien waren, ist zentral für das Selbstverständnis der Kirche. Auffallend ist, dass die einheimischen Kirchenvertreter sehr selbstkritische Töne in Bezug auf die eigene Kirche und Gesellschaft anschlagen. Erneut setzte Franziskus ein Zeichen der Solidarität mit den Angehörigen der Opfer des Sewol-Fährunglücks.

Seligsprechung – ein bewegender Moment

Für viele Katholiken Südkoreas war es wohl der emotionale Höhepunkt, die Seligsprechung von Paul Yun Ji-Chung und seiner 123 Gefährten auf dem zentralen Platz am Gwangwamun-Tor in Seoul. Dort ließen viele Katholiken der ersten Generation ab Ende des 18. Jahrhunderts als Märtyrer ihr Leben. Nachdem Papst Franziskus die Formel zur Seligsprechung gesprochen hatte, gab es lang anhaltenden Applaus. Viele Menschen auf dem Platz waren sichtlich bewegt. Nach Angaben der Polizei kamen rund 800.000 Menschen zu dem Gottesdienst. Franziskus forderte sie auf, sich ein Beispiel an den Märtyrern zu nehmen. Sie sollten angesichts der aktuellen Herausforderungen durch die Welt keine Kompromisse mit dem Glauben schließen, die „radikalen Forderungen des Evangeliums“ nicht abschwächen und sich nicht dem Zeitgeist anpassen. „Ihr Beispiel hat uns viel zu sagen, die wir in Gesellschaften leben, wo neben unermesslichem Reichtum schreckliche Armut lautlos zunimmt; wo der Schrei der Armen selten Gehör findet und wo Christus uns immer noch ruft und uns bittet, ihn zu lieben und ihm zu dienen, indem wir uns um unsere notleidenden Brüder und Schwestern kümmern.“ Das Erbe der Märtyrer könne dazu beitragen, für eine gerechtere, freiere und versöhntere Gesellschaft zu arbeiten. Franziskus nutzte die Gelegenheit, um an die „unzähligen namenlosen Märtyrer“ zu erinnern, die im 20. Jahrhundert weltweit wegen ihres Bekenntnisses zum christlichen Glauben „schwere Verfolgungen erlitten“ haben oder getötet wurden.

Viel Zeit für Menschen mit Behinderung

Am Nachmittag standen auf dem „Berg der Nächstenliebe“ in Kkottongnae etwa 120 Kilometer südlich von Seoul mehrere Begegnungen auf dem Programm. Zunächst traf Papst Franziskus im „Haus der Hoffnung“ rund 200 Menschen mit Behinderung, darunter 50 Kinder. Hier war keine Rede vorgesehen. Mehr als Worte zählte das Zeichen, das Interesse und die Nähe zu den Menschen, die ausgegrenzt werden. Entsprechend nutzte der zuständige Ortsbischof, Gabriel Chang Bong-hun, die Gelegenheit, eines der Hauptanliegen der Einrichtung in Erinnerung zu rufen. Neben der konkreten Hilfe für die Menschen gehe es darum, die Vorurteile in der Gesellschaft gegenüber Menschen mit Behinderung abzubauen sowie die Aufmerksamkeit und das Verständnis für sie zu fördern.

Franziskus nahm sich viel Zeit für die Begegnung im „Haus der Hoffnung“. Er begrüßte jeden einzeln, umarmte viele von ihnen. Ein kleiner Junge lutschte an seinem Finger. Eine Gruppe von Kindern mit Behinderung hatte zwei Tänze vorbereitet und ein junges Mädchen überreichte dem Papst eine Blumengirlande, die er sich umhängte. Eine knappe halbe Stunde überzog Franziskus im „Haus der Hoffnung“; damit dauerte die Begegnung doppelt so lang wie geplant. Dafür strich er gleich im Anschluss das geplante Vesper-Gebet mit den Ordensleuten und verkürzte es auf ein Ave Maria.

Deutliche Worte bei Treffen mit Ordensleuten

Bei dem Treffen mit den 5.000 Ordensleuten, die meisten von ihnen Frauen, waren die Begrüßungsansprachen der beiden Oberen der Frauen- und Männerorden in Korea ungewöhnlich selbstkritisch. Pater Hwang Seok-mo legte eine Art öffentliches Eingeständnis ab, dass sich die Gemeinschaften oft mehr vom Konsum als vom Maß und vom Teilen leiten ließen. Sie stünden in der Gefahr, sich stärker vom Säkularismus prägen zu lassen, als die Zeichen der Zeit im Licht einer Erneuerung zu lesen. „Wir verlieren das Licht und den Geschmack“, sagte der Ordensmann in Anspielung auf die biblischen Worte, Christen sollten „Licht der Welt“ und „Salz der Erde sein“.

Die Präsidentin der Frauenorden, Schwester Scholastica Lee Kwang-ok, erklärte, Koreas Gesellschaft leide in Zeiten der Globalisierung an einer Vorherrschaft des Kapitalismus und der politischen Macht. Auch die Kirche habe eine Erneuerung nötig, da sie von der verschärften Säkularisierung durch den Neoliberalismus „kontaminiert scheint“. Die Orden versuchten an den Orten präsent zu sein, die „von den Tränen der leidenden Menschen getränkt sind“. Diesen Gedanken griff Papst Franziskus auf und forderte die Ordensleute auf, zu „Experten der göttlichen Barmherzigkeit“ zu werden. Sehr realistisch blickte er auf das Ordensleben, das nicht frei von Konflikten und Problemen sei, die man nach Ansicht des Papstes aber nicht verdecken dürfe. Er ermahnte sie, den Ordensgelübden treu in Gehorsam, Keuschheit und Armut zu leben. „Die Heuchelei jener gottgeweihten Männer und Frauen, welche die Gelübde der Armut versprechen, dann aber wie der Reiche leben, verwundet die Seelen der Gläubigen und schadet der Kirche.“ Franziskus dankte den Ordensleuten für ihre Arbeit.

Das gilt auch für die Laien, deren rund 200 Vertreter er im Anschluss traf. Der Papst dankte für „das blühende Laienapostolat“ und das Engagement in der Kirche, vor allem aber in der Gesellschaft. Franziskus erinnerte an die ersten Katholiken im Land. Sie hätten ihre Solidarität mit den anderen gelebt unabhängig von deren Kultur und sozialem Status. Hier sprach der Papst eine Sache an, die den Katholiken in Korea besonderes Ansehen gebracht hat bis heute, dass sie von der Gleichheit aller ausgehen, keine Standesunterschiede kennen. Franziskus bedankte sich ausdrücklich bei den Frauen für ihren Beitrag am Leben und der Sendung der Kirche. Zudem forderte er die Katholiken auf, die Familien zu unterstützen und zu fördern. Das Gleiche wünschte er sich für die „Förderung der Menschen“, damit sie in Würde leben können. Was er darunter versteht, erläuterte er am Beispiel der Arbeit. Jeder müsse von dem Verdienst für seine Arbeit, ein menschwürdiges Leben für sich und seine Familie garantieren können.

Sewol-Fährunglück auch heute Thema

Am Morgen hatte Franziskus übrigens einmal mehr Angehörige der Opfer des Sewol-Fährunglücks getroffen. Bei der Fahrt mit dem Papamobil vor dem Gottesdienst stieg er an der Stelle aus, wo die Angehörigen und Opfer mit Bannern standen mit der Forderung „Wir fordern Wahrheit“. Er sprach kurz mit einem Mann, der seit mehr als 20 Tagen im Hungerstreik ist. Damit will dieser die Politik zum Handeln bewegen in der Angelegenheit. Auch heute trug Papst Franziskus ein Solidaritätspin für die Sewol-Opfer an seinem weißen Talar, den ihm gestern jemand beim Jugendtreffen in Solmoe ansteckte.

Bei fast allen Gesprächen mit Jungen und Alten hier in diesen Tagen ist zu spüren, dass das Sewol-Unglück die Menschen beschäftigt. Die Tatsache, dass so etwas in ihrem hochtechnologisierten Land passieren kann, macht sie fassungslos. Sie haben den Eindruck, dass das Unglück nicht richtig aufgearbeitet wird. Es gibt ein gewisses Misstrauen gegenüber den politisch Verantwortlichen. Die Gesellschaft scheint verunsichert und in sich zerrissen. Das zeigen auch die Reden der einheimischen Kirchenvertreter bei den Begrüßungen des Papstes. Egoismus und ein aggressiver Kapitalismus sind Worte, die dabei sehr häufig fallen.

P.S. Nach der Landung in Kkottongnoe hat ein Chor von 25 Obdachlosen den Papst erwartet und ihm ein Ständchen gesungen. Das „Haus der Hoffnung“, wo die Begegnung mit den Menschen mit Behinderung stattfand, hat Papst Franziskus, wie es für alle üblich ist als Zeichen der Achtung gegenüber den Bewohnern, ohne Schuhe betreten. Die hat er sich übrigens selbst aus und an gezogen. Später machte er Station in einem Garten mit weißen Kreuzen, in dem an abgetriebene Kinder erinnert wird. Dort verharrte er still im Gebet.

P.P.S. Die Abkürzung der Veranstaltung mit den Ordensleuten begründete Papst Franziskus übrigens damit, dass der Hubschrauber nicht zu spät starten könne, mit dem er von Seoul nach Kkottongnae gekommen war. Nicht dass der gegen einen Berg fliegt, scherzte Franziskus. Dem Papst scheint die schwülwarme Witterung in Südkorea nichts auszumachen. Gestern Abend besuchte er spontan noch kurz seine Jesuitenmitbrüder an der vom Orden geführten Sogang-Universität in Seoul. Und auch heute war er immer wieder zu Scherzen aufgelegt. Zwar musste auch Franziskus kräftig Schweiß wischen, doch er war bester Laune. Vatikansprecher Federico Lombardi erklärte am Abend, dass er mit Franziskus darüber gesprochen habe. Der sei überzeugt, dass ihm Gott die notwendige Kraft zur Ausübung seiner Aufgabe gebe. Deshalb könne er das Mamutprogramm mit den vielen Ortswechseln und Begegnungen bisher auch so gut meistern.

Autorenbild

Jürgen Erbacher

Seit 2005 berichte ich für die ZDF-Redaktion „Kirche und Leben katholisch“ über die Themen Papst, Vatikan, Theologie und katholische Kirche. Dafür pendle ich regelmäßig zwischen Mainz und Rom - meiner zweiten Heimat. Dort habe ich vor meiner ZDF-Zeit mehrere Jahre gelebt und für Radio Vatikan gearbeitet. Studiert habe ich Politikwissenschaft und Katholische Theologie in Freiburg i.Br. und Rom.